11. November 2010 von Klartext

«Wir können nicht warten, bis alles platt ist»

Kurt Imhof zeichnet ein dramatisches Bild der Schweizer Medienlandschaft. Doch steht es tatsächlich so schlecht, wie der Zürcher Soziologieprofessor im Jahrbuch «Qualität der Medien» festhält? Und welches sind seine Rezepte für eine Hebung der Qualität?
Gespräch: Bettina Büsser und Nick Lüthi; Bilder: Christine Bärlocher

KLARTEXT: Als Mitherausgeber des Jahrbuchs «Qualität der Medien» haben Sie die Schweizer Medien hart kritisiert. Wo können Sie loben?
Kurt Imhof: Die Schweiz zehrt noch von ihrer früheren ausserordentlichen journalistischen Weltläufigkeit. Die aussenpolitische Berichterstattung in den Schweizer Zeitungen ist nach wie vor besser als in den umliegenden Ländern. Mittlerweile haben wir es jedoch bei den meisten Abonnementszeitungen und bei den Gratisangeboten auf Papier und im Netz mit einer Regionalisierung und Lokalisierung zu tun. Ich finde es schon bemerkenswert, dass ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung die Weltläufigkeit der Schweizer Öffentlichkeit abnimmt.

KT: Das Publikum in der Schweiz sei vergleichsweise gut informiert, sagen Sie. Handelt es sich bei der Qualitätskritik um ein Luxusproblem?
Imhof: Keineswegs. In der Schweiz ist die Erosion von Qualität rascher vonstattengegangen als in den umliegenden Ländern. Entsprechend rasch hat sich die politische Kultur an die neuen Umstände anpassen müssen. Diese Veränderung ist entscheidend: Wie können wir ein konkordanzpolitisches und direktdemokratisches System aufrechterhalten, wenn der episodische, personalisierende und konfliktstilisierende Journalismus zunimmt und sich das politische Personal darauf einstellt? Es besteht die Gefahr, wichtige Errungenschaften wie die Konkordanzdemokratie durch diesen Medienstrukturwandel zu verlieren.

KT: Aber da stellt sich die Huhn-Ei-Frage: Was war zuerst? Die ruppigere politische Kommunikation oder der Strukturwandel der Medien?
Imhof: Der Strukturwandel der Medien begann, bevor der politische Populismus in der Schweiz seine grossen Erfolge feierte. Die Schweiz ist eigentlich traditionell charismafeindlich. Man kann ja sagen, dass die SVP unschweizerisch politisiert. Das hat direkt mit diesem Strukturwandel zu tun. Wir können den Aufstieg der SVP der Öffentlichkeit ohne diesen Strukturwandel nicht erklären. Sie bedient die neuen Nachrichtenwerte viel besser als die Volksparteien.

KT: Das Jahrbuch «Qualität der Medien» soll, schrei­ben Sie, «das Qualitätsbewusstsein aufseiten der Medienmacher und des Publikums» erhöhen und zeigen, dass «guter Journalismus kostet». Das Publikum solle merken, dass es für schlechten Informationsjournalismus finanziell, kulturell und politisch bezahle. Kann das ein Buch erreichen?
Imhof: Nein, das kann es nicht. Das Jahrbuch ist nur ein kleines Rädchen. Solange das Geld reicht, also zivilgesellschaftliche Mittel für die Qualitätsforschung zur Verfügung stehen, soll dieser Massstab wirken. Den Medien steht es frei, Trash zu produzieren oder aber Journalismus mit Qualitätsanspruch. Aber es soll eine Unterscheidung gemacht werden.

KT: Sie schlagen vier Hauptmassnahmen zur Hebung der Medienqualität vor: Unterricht in
Medienkompetenz, Ende der Gratiskultur in Print und Online, Qualitätsoffensive im Online-Journalismus und Förderung von Informationsmedien mit öffentlichen Geldern. Wie packen Sie das an?
Imhof: Wie es weitergeht, hängt nicht von der Wissenschaft ab. Was wir noch versuchen können, ist, die Medienkompetenz an den Schulen zu stärken. Wir werden, wenn wir die Mittel dafür finden, mit Pädagogikwissenschaftlern zusammenarbeiten, um Resultate des Jahrbuchs für Berufsschulen und Gymnasien aufzubereiten. Darüber hinaus ist es eine politische Angelegenheit. Sie kann nur weitergetragen werden, wenn die Bürgerinnen und Bürger und die Parteien – unbesehen ihrer politischen Ausrichtung – finden: Qualitätsjournalismus ist eine Voraussetzung für die Demokratie.

KT: Die Medien haben auf das Jahrbuch reagiert, etwa Urs Paul Engeler in der «Weltwoche», der von einem «linken Hofer-Club» schreibt. Karl Lüönd findet, er könne mit der Gleichung «gratis gleich schlecht» nichts anfangen. Und Peter Rothenbühler sagte kürzlich, «Zürcher Soziologen» hätten festgestellt, dass die Medien schlechter geworden seien, und: «Das stimmt alles nicht.»
Imhof: Ich würde die Beurteilung differenzierter sehen. Es gab ja sehr sorgfältige Reaktionen beim öffentlichen Fernsehen und Radio, in der Qualitätspresse sowie in der französischen und italienischen Schweiz, die anders aussahen als diejenigen, die Sie erwähnt haben. Interessante Reaktionen gab es aus den Mischhäusern, also denjenigen, die sowohl Bezahl- als auch Gratismedien anbieten und bei denen man sieht: Das Denken ist nicht mehr frei – und möchte frei sein.

KT: Was meinen Sie damit?
Imhof: Beispielsweise Res Strehle, Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers». Er schrieb: Es ist richtig, die Qualität hat abgenommen, aber man muss sich keine Sorgen machen. Das ist eine recht abenteuerliche Argumentationsfigur.

KT: Gratismedien sähen Sie gerne abgeschafft. Es würde aber dem herrschenden kapitalistischen Prinzip widersprechen, Tamedia einfach zu verbieten, «20 Minuten» gratis herauszubringen.
Imhof: Die Freiheit des Marktes ist in vielen Bereichen mit guten Gründen beschränkt. Ohne dies mit der Selbstkannibalisierung des Informationsjournalismus durch die Gratisangebote vergleichen zu wollen: Es widerspricht dem von Ihnen genannten «kapitalistischen Prinzip» auch, dass wir keine Sklavenmärkte haben …

KT: … weil es die Errungenschaft der Menschenrechte gibt.
Imhof: Eben. Zu den Menschen- und Bürgerrechten gehört auch ein Recht auf Bildung und damit auch ein Informationsjournalismus, der diesen Namen verdient. Wenn wir diesen verlieren, weil er nicht mehr finanziert werden kann, dann sollten wir in einer demokratischen Gesellschaft etwas dagegen tun. Man muss die Konzentration im Medienwesen im Auge haben und man könnte über Anreizstrukturen agieren, indem eben Konzerne, die Bezahl- und Gratismedien anbieten und damit eine Selbstkannibalisierung des Informationsjournalismus betreiben, nicht gefördert werden. Durch die Flutung mit Gratisnews lässt sich vor allem im Netz kein Journalismus mit ausreichenden Ressourcen betreiben.

KT: Aber alles drängt ins Netz. Mit der Konvergenz wird es schliesslich nur noch diese eine elektronische Plattform geben.
Imhof: Ohne Zweifel. Wir werden zwar weiterhin Radio, Fernsehen und Zeitungen haben, aber die Mutter aller Plattformen des Informationsjournalismus werden die Online-Ausgaben sein. Gerade dort haben wir aber heute keine oder eine sehr geringe Qualität. Wenn wir dort nach klassischen Qualitätsmassstäben messen, sind die simpelsten Anforderungen des professionellen Journalismus nicht erfüllt. Allein schon die Quellentransparenz ist nicht mehr gegeben, wenn Artikel nicht mehr gezeichnet sind.

KT: Zur Besserung schlagen Sie eine Ausweitung des Gebührenmodells auf Online-Medien vor. Nicht nur Radio und Fernsehen sollen von den gesetzlich verordneten Abgaben profitieren.
Imhof: Der Konvergenzprozess wird dazu führen, dass man das herkömmliche Gebührenmodell infrage stellen muss. In der Schweiz erhalten ja auch Privatradio und -TV Gebührengelder, wenn sie bestimmte formale Qualitätskriterien einhalten. Wenn wir diese Modelle weiterdenken, kommen wir auf ein Stiftungsmodell, bei dem staatliche und zivilgesellschaftliche Gelder gesammelt werden, um den Informationsjournalismus egal auf welcher Plattform zu fördern.

KT: Damit setzt man sich dem gleichen Vorwurf aus wie beim aktuellen Modell bei Radio und Fernsehen: Die Politik verteilt Geld und will dafür mitbestimmen.
Imhof: Klar, die Debatte wird sich in diese Richtung entwickeln. Aber man kann das ja auch staatsfern aufstellen. Deshalb betone ich ja, dass es ein Stiftungsmodell sein sollte und zivilgesellschaftliche Gelder mit eingespeist werden müssen. Firmen, Organisationen, Institutionen jeglichen Typs sollten sich überlegen, dass sie in gut informierten demokratischen Gesellschaften am besten Geschäfte betreiben können.

KT: Von welchen Befunden des Jahrbuchs waren Sie selbst am meisten überrascht?
Imhof: Stärker enttäuscht, als ich das angenommen hatte, war ich vom Online-Journalismus. Das hat mir auch Sorgen bereitet, weil ja die Konditionierung des Publikums, insbesondere des jungen Publikums, stark über Online-Journalismus abläuft. Hier findet eine systematische Wahrnehmungsverzerrung statt. Sie haben das Gefühl, sie würden «Tages-Anzeiger» lesen, aber es ist nicht mehr «Tages-Anzeiger» drin.

KT: In Online-Medien finde eine überdurchschnittliche Problematisierung des Fremden statt, sagen Sie. Ist das in anderen Medien nicht auch so?
Imhof: Ja, in den Gratismedien ist die Identitätspolitik generell wichtiger, online ist sie aber besonders dominant, weil der Klickratenjournalismus einen sich selbst nährenden Kreislauf bildet, bei dem Beiträge nachgeschoben werden, wenn viele Zugriffe und Postings erfolgen. Das führt automatisch dazu, dass diejenigen Politikthemen, die am meisten emotionale Potenz haben, online stärker rauskommen als im Print. Darüber hinaus werden mit dem Schwund von journalistischen Ressourcen ausgerechnet die ressourcenschwachen Online-Medien des aktualitätsgetriebenen 24-Stunden-7-Tage-Journalismus zu Agendasettern für andere Medien. Alle Journalisten gucken auf diese Angebote, und das schlägt dann durch auf Print, Radio und TV.

KT: Sie haben im Jahrbuch auch festgestellt, dass die Wirtschaftsberichterstattung vernachlässigt wird. Was bedeutet das?
Imhof: Wenn die Wirtschaftsberichterstattung ihre seismografische Funktion verliert und selbst Bestandteil der Wirtschaft wird, wenn sie sich hin zum Dienstleistungsjournalismus verändert und sich dem Rhythmus der Performance von Vierteljahresabschlüssen anpasst, dann haben wir keine Distanz mehr zwischen Berichterstattung und Objekt. Das kann niemanden begeistern.

KT: War das jemals anders oder besser?
Imhof: In den 1960er-Jahren lag der Fokus der Berichterstattung stärker auf volkswirtschaftlichen Zusammenhängen und auf Branchen. Ab den 1990er-Jahren entwickelte sich ein Wirtschaftsjournalismus, der auf Unternehmen, ihre Abschlüsse und auf diejenigen Manager fokussiert, die charismatisches Potenzial haben.

KT: Personalisierung finden Sie nicht gut, gleichzeitig beklagen Sie den Rückgang der journalistischen Darstellungsform des Porträts, das ja per se personalisiert. Ein Widerspruch?
Imhof: Man kann auf verschiedene Arten personalisieren: rollenfern, wenn man Kachelmann nicht mehr als Wetterfrosch betrachtet, sondern als Lover. Dieser Typus der Personalisierung hat zugenommen, gleichzeitig hat auch eine Personalisierung zugenommen, die das Spitzenpersonal in Politik und Ökonomie ohne ihre strukturellen Kontexte als all- oder ohnmächtig beschreibt. Das alte Brecht-Gedicht bringt das immer noch am besten auf den Punkt: Napoleon hat Ägypten erobert; hatte er nicht wenigstens einen Koch dabei? Wir sind in einer Gesellschaft angelangt, die das Gefühl hat, mit dem Austausch des Spitzenpersonals liessen sich alle Änderungen bewerkstelligen: Wenn alle Abzocker weg sind, ist alles wieder gut. Diese Wahrnehmungsverzerrung führt zu Ignoranz gegenüber Strukturen, die das Handeln der Menschen mitbestimmen.

KT: Diese simplifizierte Sichtweise hat auch etwas mit schwindenden redaktionellen Ressourcen zu tun.
Imhof: Qualitätsansprüche lassen sich mit Ressourcenausdünnung zugunsten der Rendite nicht aufrechterhalten. Seit den 1990er-Jahren haben die gros­sen Verlagshäuser den Anspruch, Renditen wie in der Finanzwirtschaft zu erwirtschaften. Das funktionierte – ausser in Einzelfällen – die ganze Moderne hindurch nicht und wird ausserhalb dieses Zeitfensters auch nicht mehr funktionieren.

KT: Wie soll sich daran etwas ändern?
Imhof: Indem das Aktionariat wechselt. In den 1990er-Jahren floss Geld aus beliebigen Quellen in das Verlagsgeschäft ein. Dieses Geld wird wieder abfliessen, weil es nicht mehr diese Renditen zu holen gibt. So wird ein anderes Aktionariat entstehen. Der Markt hat durchaus selbstregulierende Effekte.

KT: Das stellen Sie sich aber sehr einfach vor.
Imhof: Überhaupt nicht. Es stellt sich die Frage, ob wir die Kurve kriegen. Wenn wir es bei diesen Renditezielen den Marktkräften überlassen, dann wird der Informationsjournalismus noch weiter heruntergefahren.

KT: Der Konzentrationsprozess in den Schweizer Medien hält weiter an. Wie lange noch?
Imhof: Solange Investoren daran glauben, dass man über das Verlagsgeschäft derartige Renditen erwirtschaften kann. Ich meine aber, dass diese Erwartung langsam schwindet. Aber sich nur auf die Marktkräfte zu verlassen, halte ich für fatal. Wir können nicht abwarten, bis alles platt ist.

KT: Martin Wagner und Tito Tettamanti haben nicht abgewartet. Sie leisten sich die «Basler Zeitung» – wohl ohne allzu grosse Renditeerwartungen.
Imhof: Was wir hier sehen, ist die Möglichkeit des Rückfalls in die Gesinnungspresse vor dem Hintergrund der Krise der Printmedien. Im Tessin gibt die Lega dei Ticinesi eine Sonntagszeitung heraus und verfügt damit über beträchtlichen Einfluss mit hoher Resonanz. Wir haben das Phänomen «Weltwoche» und nun auch der «Basler Zeitung», wo die Krise der Presse mit politischen Absichten genutzt wird. Ich sehe darin ein regressives Modell. Weil es keine kritischen Gegengewichte durch eine anders orientierte Gesinnungspresse mehr gibt, erhalten solche Medien überdurchschnittliche Resonanz. Was wir ja nicht mehr haben, ist der politisch-publizistische Konflikt zwischen Gesinnungsmedien.

KT: Sie stehen häufig im Rampenlicht der Öffentlichkeit und äussern sich zu vielen Themen. Tun Sie das eigentlich mit einem gewissen Genuss?
Imhof: Nein. Ich geniesse zwar gute Auseinandersetzungen, aber dazu brauche ich die Medien nicht, auch wenn ich aus Interviewfragen schon einiges lernen konnte. Ich schätze einfach mein Fach, die Öffentlichkeitssoziologie, und dabei ist Medienpräsenz unvermeidbar. Ich lerne auch in Blog-Debatten, etwa bei carta.info oder medienspiegel.ch. Aber die Medienpräsenz in der öffentlichen Kommunikation vor allem auf der Ebene des Episodischen – das versuche ich zu vermeiden. Und ich trete auch nicht gern in Talkshows oder der «Arena» auf. Da muss ich mich jedes Mal hinzwingen.

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Nick Lüthi am 14. September in Zürich.

Ein Professor für den Stammtisch

Wer, wie wir, ein Gespräch mit Kurt Imhof auf Papier wiedergibt, unterschlägt zwangsläufig eine eindrückliche akustische Kulisse. Kommt der Soziologe erst einmal richtig in Fahrt, lacht es immer wieder glucksend aus ihm heraus, ein kerniges, grundzufriedenes Lachen, und man spürt: Der Mann ist in seinem Element. Wenn er sich dazu noch eine Zigarette nach der andern ansteckt und den Oberkörper über die Tischplatte lehnt, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, wähnt man sich eher am Stammtisch als einem Professor gegenüber. Der lockere, bisweilen gar ins Saloppe neigende Rahmen steht in scharfem Kontrast zu Imhofs Antworten. Die sind druckreif bis auf den letzten Nebensatz, gespickt mit akademischem Jargon und oft mit einem Angebot zur Debatte. Imhof ist ein Spieler, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt, aber auch zuhören kann und die Argumente des Gegenübers auf- und ernst nimmt.

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