11. November 2010 von Klartext

Verklemmtes Verhältnis zum Erzählen

Michael Haller, Bild: zVg Nur wer bereit ist zum Zuhören, Staunen und Entdecken, kann die ungeheure Gestaltungskraft der Sprache angemessen ausschöpfen. Für das journalistische Paradeformat der Reportage eine unverzichtbare Voraussetzung. Ein Essay von Michael Haller

Trotz hoch dotierten Preisen und eleganten ChefreporterInnen in den Redaktionen schreiben die MedienmacherInnen der Kunst des Erzählens noch immer keine herausragende Bedeutung zu. Daher überrascht es nicht, wenn sich in der Schweizer Presse viele schlechte und nur wenige gute Reportagen finden. Hier und da gibt es mal eine gute Reportage, sie ist dann das berühmte Sahnehäubchen auf dem trockenen Keks – mehr nicht.

Wirklich gute Erzählstücke finden sich praktisch nur im «Magazin» und im «NZZ-Folio». Und auch dort nur gelegentlich. Vielleicht deshalb, weil es an guten ReporterInnen fehlt. Viele meinen ja, weil sie als Kinder in der Schule das Aufsatzschreiben gelernt haben, könnten sie selbstverständlich auch journalistische Erzähltexte schreiben. Heraus kommen dann meist Texte, die reich an Klischees und abgedroschenen Phrasen – und arm an authentischer Beobachtung und treffendem Sprachausdruck – sind. Reportageschreiben ist wie ein Stück Kunsthandwerk. Das sollte der Journalist lernen, ebenso wie der Goldschmied seine Fertigkeiten.

Anspruch und Wirklichkeit
Gewiss, inzwischen haben verschiedene Redaktionen erkannt, dass der Erzähljournalismus das Leseangebot bereichert, also auch für das Geschäft nützlich ist. Dennoch klaffen hier Reden und Handeln weiterhin auseinander. Nur wenige RedaktionsleiterInnen fördern mit Nachdruck Talente und stärken dieses besondere Handwerk. Exzellente ReporterInnen sind zudem etwas teurer als die Wald-Feld-und-Wiesen-BerichterstatterInnen. Sie gehören zu den etwas kostbareren Edelfedern, denen man Zeit zum Ausbrüten ihrer Geschichten lassen muss. Hinzu kommt, dass herausragende ReporterInnen nicht die einfachsten Gemüter sind. Sie erfordern Aufmerksamkeit, Zuwendung und Respekt. Und an dieser Kultur fehlt es leider in vielen Redaktionen des deutschen Sprachraums.

Das verklemmte Verhältnis zum Erzählen ist untrennbar mit der Geschichte des Journalismus verbunden. Im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern kämpfte der Journalismus hierzulande weniger um die Freiheit der Information, weniger um den kritischen Blick hinter die Kulissen; ihm ging es weit mehr um Parteilichkeit und Meinung. Es ist noch nicht so lange her, da hatten wir in der Schweiz eine überwiegend parteiaffine Tagespresse. Freiräume erschrieben sich die Feuilletonisten und Schriftsteller; – entsprechend kultivierten sie den Räsonier- und Rezensionsjournalismus. Die empirische Herangehensweise, das genaue Beobachten, Nachfragen und Beschreiben war in den Zeitungsredaktionen nicht hoch angesehen. In der Schweiz fehlt ja auch die grosse Tradition der recherchierten Reportage, wie sie sich in Grossbritannien und den USA vor rund hundert Jahren herausgebildet hat; man denkt dabei an die Enthüllungsreportagen von Stead in England und den «Muckrakers» Tarbell, Cochrane, Sinclair und anderen in den USA.

Zwar gibt es auch in der Schweiz und in Deutschland eine Tradition des Erzählens. Selbst Max Frisch fing als Journalist an und schrieb Reiseberichte. Aber oft blieben es nur kurze Episoden und Gehversuche. Und sie betrafen nur die literarische Erzählung, die bei uns tatsächlich eine reiche Tradition besitzt. Sie kam im vorigen Jahrhundert dank glorioser «Tagesschriftsteller» wie Heinrich Heine und Theodor Fontane zur Geltung und prägte auch die Reporter des 20. Jahrhunderts, allen voran Egon Erwin Kisch und Joseph Roth. Übrigens schlossen sich bei Gründung des Berufsverbands der Journalisten in Deutschland – das war 1895 – Redaktoren und Schriftsteller zusammen. Das sagt viel über die Herkunft des Berufsbildes des Journalisten, das noch immer den Schönschreiber feiert und den präzisen Beobachter ignoriert.

Wiederbelebungsversuche
Wie liesse sich bei uns der Erzähljournalismus beleben? Das ist nicht ganz einfach, denn es liegt auch an den Themen. Tatsächlich sind die grossen Themen der klassischen Reportage – Milieuschilderungen, Reiseberichte, Rollenspiele – in der Medienflut verloren gegangen. Die Leute meinen ja heute, es gäbe keine entlegenen Winkel mehr auf dieser Welt, von überall her gibt es Fernsehprogramme, mit GPS kommt man fast überall hin, und über alles wird in den Foren und Chats geredet. Auf Youtube findet man die härteren Videos, in den Blogs liest man die brutaleren Beschreibungen. Es scheint, als gäbe es keine Geheimnisse mehr. Da haben viele Menschen den Sinn für den subtilen Blick hinter die Kulissen, das Gespür für die filigrane Beschreibung einer Begebenheit schon lange verloren.
Wenn aber alles auf der Welt verfügbar ist, könnte nicht deshalb der Wunsch nach der guten, einfühlsamen Erzählung wieder grösser werden? Diese These würde voraussetzen, dass wir im Kindergarten unseren Kindern wieder das Zuhören, das Staunen und Entdecken beibringen. Dass wir sie in der Schule für die ungeheure Gestaltungskraft der Sprache begeistern, dass Lesen und Schreiben für sie nicht zur Arbeit, sondern zum puren Vergnügen werden. Es ­verlangt, dass wir unsere Kinder im Vorschulalter vor der surrogaten Fertigwelt der Fernsehbilder schützen.

Hunger nach dem Unberechenbaren
Wir leben in einer Casting-Gesellschaft, in der das inhaltsleere Spektakel zählt, mit dem man sich im voyeuristischen Blick der anderen feiern kann: Dabei sein ist alles! Das heisst aber auch: Das Fremde wird ausgespart, denn es ist unberechenbar und könnte die Leute aus der Konsumhaltung locken. Wenn auch im Verborgenen, so ist der Hunger nach dem Unberechenbaren durchaus da. Man sieht dies daran, dass vor allem die jungen Leute bei jeder Gelegenheit aus der Wirklichkeit in fiktionale Welten flüchten. Auf dem Büchermarkt, im Kino und am Computer geht es um atemberaubende Fantasiegeschichten, um Dämonen und den Krieg der Sterne. Dort dürfen sich Überraschungen ereignen, dort triumphiert das Unvorhergesehene und Abgründige.

Man kann diese Flucht ins Fiktionale als Abkehr und stumme Kritik an den Mainstream-Medien deuten, die Tag für Tag die Wirklichkeit konfektionieren und das Geschehen mit immer denselben Schablonen als Langweilerwelt beschreiben. Es spricht also manches dafür, dass dieser Hang zu Fantasy und Fiction keineswegs zum Niedergang der Reportage führt, im Gegenteil: Die interessant erzählte Geschichte, die unser Innerstes berührt, könnte wieder mehr ZuhörerInnen und LeserInnen finden, weil sie der Wirklichkeit zugehört.

Für diesen Gegentrend gibt es auch konkrete Anhaltspunkte: Die intensive, methodisch genaue Leseforschung – gemessen wird zum Beispiel der unwillkürliche Blickverlauf des Lesers beim Betrachten seines Mediums – bringt regelmässig ans Licht, dass Erzähltexte in Tageszeitungen höhere Lesequoten erzielen als Berichte – unter der Voraussetzung allerdings, dass es auch wirklich gut erzählte Texte sind. Schlecht geschriebene Erzählstücke erreichen das genaue Gegenteil: Sie erzeugen höhere Leseabbrüche als die üblichen Berichtsformen. Etikettenschwindel gilt nicht,das Kunsthandwerk der Reportage muss gelernt werden.

Michael Haller war Klartext-Autor der ersten Stunde und ist heute Professor für Journalistik in Leipzig.

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