15. November 2010 von Ursula Dubois

BaZ: Chronik eines absehbaren Niedergangs

Die BaZ ist im Eimer – nicht erst mit Somm und Blocher.

Bescheiden und ohne Visionen ist er angetreten und nach 13 Jahren erfolglos abgetreten – die Geschichte von BaZ-Verleger Matthias Hagemann und dem Ende der einst grossen Basler Zeitung Medien.

Im Dezember 1996 wird Matthias Hagemann zum Verwaltungsratspräsidenten der Basler Zeitung Medien gewählt. Im gleichen Zug übernimmt die Mediengruppe am Rheinknie die Mehrheit an der Jean Frey AG und der Curti Medien Holding AG.

Der 34-Jährige soll das gut eine halbe Milliarde schwere Familienunternehmen in der dritten Generation endgültig als gesamtschweizerischen Player etablieren und für das 21. Jahrhundert fit machen. Der promovierte Jurist kennt das Verlagsgeschäft zwar aus der Perspektive des Protokollführers des Verwaltungsrats und hat nach dem Studium ein Jahr im TA-Media-Verlag und bei der «San Diego Union Tribune» Zeitungsluft geschnuppert, doch als inspirierter Jungverleger hat er sich bis anhin nicht hervorgetan. Im Gegenteil: Visio­nen hege er keine, hat er vor seiner Wahl dem Nachrichtenmagazin «Facts» im Gespräch anvertraut, er wolle, wie sein Vater, einfach «bescheiden» seinen Job machen.

Dass die Lage auf dem Medienmarkt und die Situation der Jean-Frey-Titel («Weltwoche», «Sport», «Bilanz» und «Beoachter») Ende der 1990er-Jahre geradezu nach verlegerischen Visionen lechzen, beunruhigt Matthias Hagemann nicht. Im Sommer 1998 gibt er KLARTEXT ein langes Interview zu seinen Zielen. Zu dem Zeitpunkt schreiben die «Weltwoche» und der «Sport» Verluste. Der «Beobachter» ist längst nicht mehr die Milchkuh des Medienhauses. «Bilanz» war ohnehin nie das ganz grosse Geschäft. Und die «Basler Zeitung» steht auf dem Anzeigenmarkt unter Druck.

Viel Papier um nichts
Doch auch nach hartnäckigem Nachfragen ist von Hagemann über seine Strategie für Jean-Frey-Titel nichts Eindeutiges zu erfahren: weder zu möglichen Kooperationen, noch zur inhaltlichen Ausrichtung, noch zu Crossmedia-Ansätzen. Als Antwort auf recherchierte Fakten und Hintergrundinformationen holt Hagemann bloss einen Stapel Bundesordner hervor: Sie enthielten, so erklärt er, sommerlich braungebrannt, ganz cooler Verleger, die gesamten Strategien, die seine Führungscrews für die einzelnen Titel erarbeitet hätten.

Wie sich im Verlauf der kommenden Jahre herausstellen wird: viel Papier um nichts. 2002 verkauft Hagemann die Jean-Frey-Beteiligungen an die Swissfirst Bank AG. Diese will die Titel im Rahmen einer Private-Equity-Transaktion bei einer Gruppe von privaten und institutionellen Schweizer Investoren platzieren. Grund für den Verkauf: Die Basler Mediengruppe verliert an allen Standorten – in Basel, Zürich und Winterthur – enorm viel Geld.

Auf der Seite der Pharma
Einzig zum Thema «Basler Zeitung» lässt Hagemann 1998 im KLARTEXT-Gespräch wissen: Wenn es der Wirtschaft in Basel gut gehe, gehe es auch seiner Zeitung gut. Deshalb stehe das Blatt auf der Seite der Pharmaindustrie, wenn es um Dinge wie die gerade aktuelle Genschutz-Initiative gehe.

Dass die Debatte in dem Fall nur in beschränktem Ausmass kontrovers geführt werde – ein einziger Beitrag einer Gentechnologie-Kritikerin gegen zahlreiche Beiträge von Befürwortern –, sei kein Hinweis auf «schlechten Journalismus», sondern Zeichen simpler wirtschaftlicher Pragmatik. Das sieht seine Redaktion beim Erscheinen des Interviews anders und hält mit interner Kritik an ihrem Verleger nicht zurück.

Dass Matthias Hagemann mit Drucksituationen nur schlecht umgehen kann, wird unmittelbar deutlich. Der Verlagsboss, der die Gesprächsabschrift vor der Veröffentlichung mit einem Dank an die Journalistinnen autorisiert hatte, schreibt KLARTEXT nach erfolgter Veröffentlichung des Interviews einen Schmähbrief, den er in der «Basler Zeitung» ans Schwarze Brett schlägt. Wir hätten ihn über den Tisch gezogen, lässt er uns wissen. Medienschaffende wie wir würde er nie in seiner Zeitung anstellen wollen.

In den kommenden Jahren setzt Hagemann viel daran zu beweisen, dass er sehr wohl etwas von Qualitätsjournalismus verstehe. 1999 ist er Mitbegründer des Vereins «Qualität im Journalismus». Die kritische Auseinandersetzung mit der Basler Pharmaindustrie bleibt in der «Basler Zeitung» aber all die Jahre ein Tabu.

Die Nerven verloren
Die Unfähigkeit, mit Kritik und Druck umzugehen, hat Hagemann in den Jahren seiner VR-Präsidentschaft viel Geld gekostet. 2002 verhandelt er mit Ringier wochenlang den Verkauf der Jean-Frey-Gruppe. Als Ringier, die von der Basler Mediengruppe eine Zusage zur «Verhandlungsexklusivität» erhalten hatte, im Rahmen der vereinbarten «internen Sorgfaltsprüfung» nähere Auskünfte über mögliche Deckungslücken der Pensionkasse verlangt, verliert Hagemann die Nerven und verhandelt hinter dem Rücken des Geschäftspartners Michael Ringier mit der Swissfirst Bank, die Ringier schliesslich die Jean-Frey-Titel für 70 Millionen Franken wegschnappt.

Dass Ringier für die Abrundung seiner Aktivitäten in der Schweiz beträchtlich mehr aufgeworfen hätte, ist ein offenes Geheimnis. Swissfirst platziert «Bilanz» und «Beobachter» schliesslich beim Springer Verlag und die «Weltwoche» geht an den rechtskonservativen Tessiner Financier Tito Tettamanti. Dieser reicht die Wochenzeitung 2006 an den Journalisten Roger Köppel, der sie zu einem rechten Kampfblatt umbaut.

Hagemanns hilfloser Slogan zum Abschied
Eingefädelt wird der Jean-Frey-Deal u. a. von Martin Wagner. Der Anwalt Wagner wird 2010 auch den Rest des defizitären Basler Medienunternehmens, insbesondere die «Basler Zeitung», zum Leidwesen der NZZ, für 179 Millionen Franken an Tito Tettamanti verschachern, wobei er sich selbst einen Viertel des Kapitals zuhält. Auch hier hätte Matthias Hagemann bei einem Abschluss mit der NZZ zweifellos mehr herausholen können – vorausgesetzt, er hätte die ungleich härteren Verhandlungen mit den Zürchern bis zum Schluss durchgestanden.

Das Motto, mit dem Hagemann die Wahl seiner Käufer rechtfertigt, «die ‹Basler Zeitung› den Baslern», ist kaum mehr als ein Feigenblatt. Wo die Basler Mediengruppe in den kommenden Jahren landen wird, darüber kann nur spekuliert werden.

Wie die «Basler Zeitung» aussehen wird, ist aber schon heute klar. «Wirtschaftsfreundlich und staatskritisch» sieht sie Wagner. Der neue Chefredaktor Markus Somm soll das Blatt auf einen rechtsbürgerlichen Kurs trimmen. Wie man das macht, hat der rechte Konvertit von seinem vorigen Chef, Roger Köppel, bei der «Weltwoche» zur Genüge gelernt.

Ob das die «Basler Zeitung» auf die Länge sichern wird, ist zumindest fraglich. Zwar schreibt die Zeitung nach dem Verlust von 12,2 Millionen Franken im Geschäftsjahr 2008/2009 im Jahr 2009/2010 wieder schwarze Zahlen. Die LeserInnenzahlen sinken aber weiter. Unter dem Motto «Wenn es der Basler Wirtschaft gut geht, geht es auch der ‹Basler Zeitung› gut» hat die «Basler Zeitung» in den vergangenen sechs Jahren über einen Fünftel ihrer LeserInnen verloren.

  1. C. Salzmann sagt:

    Was in diesem Artikel nicht angesprochen wird, dass Blocher neu ein umfassendes Beratungsmandat bei der BAZ (oder BLAZ?) hat. Die BAZ verzeichnet bereits über 600 Kündigungen. Das ist ein überdeutliches Zeichen, dass sie mit dem Vorgehen nicht einverstanden sind. Transparenz über die Besitzverhältnisse muss sein, doch ist es nicht legitim, dass sich jeder Mensch mit den nötigen finanziellen Ressourcen eine Zeitung kaufen kann? Wer diesen Traum schon immer hatte, dem wäre in Basel ein guter Zeitpunkt geboten, eine neue Zeitung zu gründen, um Alternativen anzubieten.

  2. C. Salzmann sagt:

    Ausserdem spannend ist die Petition: http://www.rettet-basel.ch

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