21. Dezember 2010 von Bettina Büsser

“Ich will unsere Leser nicht erziehen”

Hansi Voigt, Chefredaktor 20min.ch, Bild: Dominic Büttner/pixsil

Früher predigte er von der “Cash”-Kanzel. Heute, als “20 Minuten”-Online-Chefredaktor, sieht Hansi Voigt seine LeserInnen als KomplizInnen, die Qualität erwarten, auch wenn sie sich in Online-Diskussionen manchmal “wild und unerzogen” benehmen.

KLARTEXT: Die Online-Ausgaben der Medien hätten keine oder eine sehr geringe Qualität und erfüllten zum Teil die simpelsten Anforderungen des professionellen Journalismus nicht, sagte Kurt Imhof, Mitautor des Jahrbuchs “Qualität der Medien”. Was meinen Sie dazu?
Hansi Voigt: Kurt Imhof hat mir in einem E-Mail bestätigt, dass er quasi nie auf “20 Minuten” Online sei und eigentlich gar nicht weiss, was wir so machen. Wir bemühen uns durchaus, die journalistischen Grundkriterien zu erfüllen. Ich begrüsse eigentlich die Qualitätsdiskussion, muss aber sagen, dass die Imhof-Studie erhebliche Mängel hat.
KT: Welche?
Voigt: Es handelt sich um eine Momentaufnahme. Spricht man über die Qualität der Online-Medien, muss man auch die Entwicklung berücksichtigen. Vor drei, vier Jahren arbeiteten auf der “20 Minuten”-Online-Redaktion sieben Personen; heute sind es 44 Vollzeitstellen, sieben Personen sind für den IT-Bereich zuständig, der Rest arbeitet redaktionell. Online-Journalismus wird nicht schlechter, er wird besser.

KT: Was unterscheidet Online- von Print-Journalismus?
Voigt: Fast alles ist anders und vieles ist gleich. Online-Journalismus ist eine grosse Herausforderung. Grundsätzlich muss ich sagen, dass die Anforderungen an die Online-Journalisten enorm hoch sind. Man arbeitet oft ohne Netz und muss genau wissen, was man tun und was man lassen muss.
KT: Online kann man Fehler ja gleich korrigieren.
Voigt: Wir haben täglich 200’000 Leser. Fehler werden sofort bemerkt und gegen uns verwendet. Das können wir uns nicht erlauben. Deshalb stecken wir Ressourcen in die Qualitätssicherung.
KT: Die Imhof-Studie stellt einen qualitativen Unterschied zwischen Printmedien und ihren Online-Auftritten fest. Wie ist das bei “20 Minuten”?
Voigt: Ich glaube nicht, dass der Online-Auftritt von “20 Minuten” qualitativ schlechter ist als der Print-Auftritt. Wir bringen Hintergrundinformation, zitieren und recherchieren genauso sauber. Unsere Arbeit hat in professionellen Kreisen inzwischen ein sehr gutes Image. Ich masse mir kein Urteil an, ob bei anderen Produkten die Online-Abteilungen schlechter arbeiten als die Print-Abteilungen. Ganz sicher aber haben Print-Abteilungen nach wie vor wesentlich mehr Ressourcen zur Verfügung als Online-Abteilungen.

KT: Sie hätten gerne mehr Ressourcen?
Voigt: Selbstverständlich – und wir werden sie auch haben. In den nächsten zwei Jahren wird die Redaktion weiter ausgebaut, das wurde soeben beschlossen. Wir wollen mehr Hintergründe, mehr “magazinige” Geschichten und weiterhin ein unterhaltsames Angebot liefern. Ausserdem wollen wir die Qualitätskontrolle beziehungsweise die Web-gerechte Produktion ausbauen.
KT: Mehr Stellen bedeuten also mehr Qualität.
Voigt: Online kann im Newsbereich seine Vorteile am offensichtlichsten ausspielen, darum hat man anfänglich vor allem News gebracht. Weil man dabei mit Agenturen arbeiten kann, braucht man dafür weniger Ressourcen. Hat man mehr Ressourcen, investiert man in die Qualität, denn die Leser erwarten Qualität von uns. Mittlerweile investieren wir sehr viel in Eigenleistungen und Hintergrund, bieten Dossiers und Grafiken an. Sie werden hervorragend genutzt.
KT: Ähnlich stark wie die tagesaktuellen News?
Voigt: Das ist schwer zu sagen. Denn die Nutzung der News wird an dem Tag, an dem wir sie aufschalten, gemessen. Wir sehen sofort, was wie angeklickt wird. Eher hintergründige Geschichten werden mittelfristig etwa auch durch Suchmaschinen gefunden und generieren so auf lange Sicht wesentlich mehr Traffic als eine Geschichte im Stil von “Superstar hat sich gestern blamiert”.

KT: Verführt die sichtbare Klickrate nicht dazu, mit geschärften Titeln mehr Klicks zu generieren?
Voigt: Wir wollen mehr Leser und nicht einfach mehr Klicks. Deshalb versprechen wir in unseren Titeln nicht mehr, als der Text halten kann. Als ich meine Stelle antrat, haben wir als Erstes aufgehört, irgendwelche Fragezeichen-Titel zu setzen, bei denen dann im Text etwas ganz anderes steht. Der Leser ist mein Komplize, und der wird nicht verarscht.

KT: Wie viele Leser hat “20 Minuten” Online?
Voigt: Die Wemf misst die Unique Clients pro Monat, diejenigen, die einmal im Monat auf einer Website sind. Für uns im Newsgeschäft sind die Unique Clients pro Tag die wichtigere Währung. Die weist die Wemf nicht aus. Wir haben mittlerweile 400’000 Unique Clients, also Rechnerzugriffe, pro Tag auf 20minuten.ch, das sind weit über 200’000 User. Übrigens machen wir inzwischen 16 Prozent unseres Traffics mit mobilen Lesern.
KT: Wie lange bleiben die Leser?
Voigt: Die Verweildauer liegt pro Visit bei ungefähr sieben, siebeneinhalb Minuten. Als Ex-Raucher nenne ich unsere Arbeit deshalb – der Ausdruck klingt fürchterlich – Zigarettenpausen-Journalismus. Unsere Leser arbeiten im Büro und gehen in der Pause nicht rauchen, sondern machen einen kurzen Ausflug zu uns. Das tun sie zwei- bis dreimal täglich. In dieser Zeit wollen sie sich informieren, aber auch unterhalten werden und Gesprächsstoff sammeln.

KT: Gemäss Imhof-Studie läuft die Konditionierung des jungen Publikums stark über den Online-Journalismus. Es wird befürchtet, dass die jungen Leute zu wenig wissen, um sich gesellschaftlich, politisch zu bewegen.
Voigt: Für mich ist die Studie von Imhof in diesem Punkt keine Medienqualitätsdiskussion, sondern eine Elitendiskussion. Fakt ist: Es lesen heute mehr Leute Zeitung als früher – ausser wenn man, wie Imhof das tut, “20 Minuten” einfach nicht mitzählt.
KT: Was leistet “20 Minuten” Online gesellschaftspolitisch?
Voigt: Unsere Leser interessieren sich durchaus für gesellschaftlich relevante, aktuelle Themen wie etwa die Ausschaffungsinitiative. Wir bringen bei solchen Themen Artikel, Pro und Kontra, und vermitteln die Inhalte zum Beispiel auch in einem Quiz, in dem etwa gefragt wird, ob die Ausländerkriminalität in den letzten zehn Jahren gestiegen sei und die Antwort – “Nein” – alle überrascht.

KT: Gibt es Themen, bei denen Sie sagen: Das ist vielleicht nicht das, was unsere Leser suchen, aber ich finde, sie sollten es wissen?
Voigt: Ich will die Leser nicht erziehen, sondern informieren und anregen – durchaus auch zum Nachdenken. Oft muss bei sperrigen Themen der richtige Ansatz gefunden werden und auch die Position des redaktionellen Verkünders überprüft werden. Mit erzieherischem Ansatz kommt man da nicht weit. Das war übrigens früher auch schon so, aber heute belegen das dann in der Tat spätestens die Klick-Zahlen. Früher, als ich bei “Cash” donnernde Editorials geschrieben habe, kam es mir vor, als ob ich hoch oben auf der Kanzel stehe, unten sind die Leser, und wenn sie fertig gelesen haben, sagen sie “Amen”. Heute ist meine Kanzel noch knapp zehn Zentimeter hoch, die Leute sagen nicht “Amen”, sondern kommunizieren untereinander und mit mir, und das ist sackspannend. Die Demokratisierung der Medien hat erst begonnen. Die Feststellung der Imhof-Studie, neue Medien würden die Demokratie gefährden, ist der grösste Blödsinn.

KT: Beim Lesen der Talkbacks hat man oft den Eindruck, “20 Minuten” Online habe ein SVP-Publikum. So fand zum Thema “Basler Zeitung” eine Mehrheit, es seien sowieso alle Medien links.
Voigt: Manche Gruppierungen sind aktiver; die SVP hat aktivere Schreiber, auch im Print. Unsere Foren sind überwacht, aber wir können und wollen nicht nach Gruppierungen gewichten. Wir bemühen uns um einen moderaten Ton, rassistische oder beleidigende Inhalte werden gestrichen.
KT: Wie sieht der Durchschnittsleser von “20 Minuten” Online aus?
Voigt: Unser User ist im Schnitt zwischen 14 und 39 Jahre alt, hat eine höhere Schulbildung und steht politisch in der Mitte bis knapp rechts. Es sind aber inzwischen monatlich 2,2 Millionen Leser, und die bilden letztlich ein Abbild der Schweiz. Man kann unser Publikum nicht in eine rechte Ecke stellen. Die rechte Ecke der Leserschaft ist aber bestimmt lauter.
KT: Das Bundesgericht hat entschieden, dass das Schweizer Fernsehen die IP-Adresse eines Talkback-Schreibers nicht herausgeben muss, der unter einem Pseudonym ehrverletzende Äusserungen auf der SF-Website verfasst hatte, weil zumindest ein Teil des Kommentars informativ sei und deshalb der Quellenschutz gelte.
Voigt: Das ist ein gutes Urteil. Die Diskussion in den Talkbacks ist vielleicht zum Teil wild und unerzogen, aber ich finde es auch aus Demokratiegründen wichtig, dass sie stattfindet. Es liegt in der Verantwortung der Redaktion, dafür zu sorgen, dass die juristischen Formen und Bedingungen eingehalten werden.

KT: Bei Print werden nur mit Namen gezeichnete Leserbriefe publiziert. Online kann ich unter einem Pseudonym Schrott verbreiten, solange es nicht gegen das Gesetz verstösst.
Voigt: Das ist eine Zwischenphase. Früher brachen in unseren Foren meistens nach ersten sachlichen Kommentaren zum Thema wilde Diskussionen zu anderen Themen aus. Wir haben daraus gelernt: Es gibt nur Kommentare zum Thema, wer untereinander diskutiert, wird gestrichen. In einem nächsten Schritt werden die Leute mit ihrem Namen zu ihren Aussagen stehen müssen. Wir können das nicht Knall auf Fall einführen, sonst diskutiert niemand mehr mit. Aber wir können diejenigen belohnen, die ihren Namen angeben, indem wir ihnen mehr Präsenz, eine höhere Position geben.

KT: Nach Tamedia-Definition ist “20 Minuten” Online ein Infotainment-Portal. Wie sehen Sie das?
Voigt: Diese Definition ist mir neu. Aber ich kann mit dem Begriff “Infotainment” gut leben. Wir bewegen uns zwischen Informationsbedürfnis und dem Bedürfnis nach Zeitvertreib. Die Geschichten werden gewichtet. Damit eine Geschichte zuoberst auf der Seite erscheint, braucht es drei Zutaten: Aktualität, Relevanz und Eigenleistung. Wenn das alles auf unterhaltende Art und Weise präsentiert wird, umso besser. Im oberen Teil haben wir sieben, acht Info-Geschichten. Wer sie nicht lesen will, kann sich weiter unten auch Lady Gaga oder wem auch immer widmen.

KT: Was ist Ihr Job als Chefredaktor?
Voigt: Meine Rolle als Chefredaktor hat sich sehr stark gewandelt. Ich leite nach wie vor die Morgensitzung, bestimme in etwa den Kurs. Für das Tagesgeschäft jedoch sind die Blattmacher und vor allem mein Stellvertreter Franz Ermel zuständig. Ich verbringe inzwischen grosse Teile meiner Tage mit Fragen wie: Wie entwickeln sich die Online-Medien weiter? Wo gibt es Kooperationsmöglichkeiten? Und, zusammen mit Verlagsleiter Marc Lottenbach: Was sind die künftigen Geschäftsmodelle?

KT: “20 Minuten” Online bietet neu mit Sunrise Handy-Abos an – und wurde dafür kritisiert.
Voigt: Tamedia ist ja auch im Besitz von Druckereien und betreibt eine Logistikabteilung. Wo ist der Unterschied? Redaktionell werden wir das genau gleich behandeln. Einen Test wie “Welcher Telefon-Anbieter hat das beste Angebot?” werden wir nicht mehr bringen, dieser redaktionelle Verzicht liegt auf der Hand. Aber sonst ist die Abhängigkeit nicht grösser, ob ich nun Sunrise als Mobil-Partner oder als Hauptinserentin habe. Von der Finanzierung her ist unser Hauptgeschäft nach wie vor die normale Displaywerbung. Davon leben wir inzwischen mehr als gut. “20 Minuten” Online liefert ordentliche Gewinne ab. Wie viel das ist, legen wir natürlich nicht offen.

KT: Tamedia gehören auch andere Plattformen wie search.ch und Newsnetz. Wie gehen Sie mit der Konkurrenz im Haus um?
Voigt: Ich glaube, im Haus Tamedia gibt es einen gewissen Mut, sich zu kannibalisieren, und dafür wird die Gruppe belohnt. Das sage ich nicht zynisch, sondern mit Anerkennung. Im Bereich Online hat man sich gesagt: Die Reise geht los, man weiss vielleicht noch nicht, wo sie langgeht, also stellt man gleich ein paar Postkutschen an den Start. Wir führen einen gesunden Konkurrenzkampf.
KT: Wo stehen Sie in der Online-Bezahldiskussion?
Voigt: Man wird im Online-Bereich für individuelle Serviceangebote und spezielle Zugänge bezahlen müssen, und man wird das auch tun. Wer nicht die Masse an Lesern anzieht, die genügend Aufmerksamkeit für Displaywerbung herstellen, muss sich Nischen im Bezahlbereich suchen. Doch das Wichtigste ist festzustellen: Wer ist bereit zu bezahlen und wer nicht? Es gibt sehr viele Leute, die eine Tageszeitung abonniert haben, aber sie erhalten online genau dasselbe wie diejenigen, die nichts bezahlen. Das geht auf lange Sicht nicht.
KT: Wäre auch ein Bezahlabo für Online-Auftritte ohne Werbung möglich?
Voigt: Wir haben uns das schon überlegt. Die Werbung ist noch zu oft so plump gemacht, dass sie bei der Lektüre massiv stört. Das ist mit ein Grund, weshalb wir nach alternativen Ertragsformen suche.
KT: “20 Minuten” Online bietet neu den kostenpflichtigen Musicstreaming-Dienst Soundshack an. Welche Bezahlangebote gibt es noch?
Voigt: Wir haben als Erste kostenpflichtige Inhalte eingeführt, TV-Screen, Fernsehen auf dem Telefon. Unser Nachrichtenangebot wird sicher gratis bleiben. Doch “20 Minuten” ist inzwischen mit Abstand die stärkste Marke im Medienbereich. Wenn wir aus dieser Marke Angebote kreieren können, werden wir das tun. Wir werden aber sehr bewusst mit diesen Möglichkeiten umgehen, sie dürfen uns journalistisch nicht übermässig strapazieren.

Das Gespräch fand am 18. November in Zürich statt. Es wurde kurz vor KLARTEXT-Drucklegung ergänzt.

Bereits als Student multimedial

Hansi Voigt, 47, ist seit 2007 Chefredaktor von “20 Minuten” Online; er kam im Januar 2006 als Redaktionsleiter und stellvertretender Chefredaktor zur Online-Plattform. Vorher hatte Voigt als Textchef beim “Beobachter” gearbeitet. Für den “Beobachter”-Artikel “Was ist Armut?” zum Thema Sozialhilfe erhielt er gemeinsam mit Ursula Gabathuler 2006 den Zürcher Journalistenpreis. Ebenfalls 2006 absolvierte er ein Nachdiplomstudium in Wirtschaftskommunikation und Leadership an der Zürcher Hochschule Winterthur. In den Jahren davor war Voigt stellvertretender und interimistischer “Cash”-Chefredaktor und stellvertretender Chefredaktor bei der Wirtschaftszeitung “Internet-Standard”. Bereits als Student hatte Voigt multimedial gearbeitet: für den “Lenzburger Bezirksanzeiger”, beim DRS-Regionaljournal AG/SO und bei SF DRS. Anschliessend war er in Grossbritannien Gründer und Eigentümer eines Plattenlabels und wurde schliesslich “Basler Zeitung”-Volontär.

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