22. Februar 2011 von Daniel Goldstein

Was erzählen wir heute?

«Ich glaube, der Sinn der Literatur liegt nicht darin, dass Inhalte vermittelt werden, sondern darin, dass das Erzählen aufrechterhalten wird.» Ob die Literaturwelt diese Einschätzung Peter Bichsels teilt oder nicht: Heute verhalten sich viele Medienschaffende so, als gälte der Satz auch für den Journalismus. Noch kaum eine Journalistengeneration ists her, da wars gerade umgekehrt: Inhalte zu vermitteln, war das A und O, erzählen war geradezu verpönt.

In Redaktionen gab es epische (aus­gerechnet!) Diskussionen darüber, ob es statthaft sei, in der Zeitung «Geschichten zu erzählen». Jene, die es taten oder auch nur tun wollten, bekamen etwa zu hören: «Wir sind doch keine Märchentanten und Geschichtenonkel!» Doch der narrative Diskurs, um es hochgestochen zu sagen, fand seinen Weg in die Zeitungsspalten, nicht zuletzt deshalb, weil er sich oft hervorragend dazu eignet, Inhalte zu vermitteln. Und genau darum geht es letztlich auch jenen Kolleginnen und Kollegen, die das Geschichtenerzählen in der Presse virtuos beherrschen.

In den letzten Jahren aber hat sich das Erzählen selbstständig gemacht, ist unter dem modischen Namen Story­telling seinerseits zum A und O des journalistischen Schreibens erklärt worden. Verpönt ist nun, nach der Relevanz zu fragen: Hauptsache, die Geschichte ist gut. Die Reportage, die journalistische Königsdisziplin, braucht nicht mehr zu berichten, «wie es eigentlich ist» (als zeithistorisches Pendant zur Geschichtsschreibung, wie sie Leopold von Ranke forderte). Vielmehr darf, ja soll die Reportage ihre eigene Geschichte sein: Wenn jemand erzählt, was er oder sie beim Recherchieren erlebte, gilt das als fesselnd und transparent.

So beginnt denn ein Bericht über Klippenspringen mit der Fahrt durch einen Tunnel an den Ort des Geschehens, oder ein Buch über Tiefseeforschung beschreibt die Verdunkelung eines Raums, bevor dort Unterwasserbilder gezeigt werden. In der Tat: Da besteht Verdunkelungsgefahr.

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