21. März 2011 von Bettina Büsser

«Swiss Papers» von Wikileaks

Stell dir vor, die NZZ erhält rund 5800 «Swiss Papers» aus dem Wikileaks-Fundus – und wird nicht von allen Seiten bestürmt, wann sie die daraus gewonnenen Informationen veröffentlichen werde. Genau dies ist geschehen. «Es entsteht der Eindruck, der Hype um Wikileaks sei ein bisschen verflogen», sagt dazu NZZ-Nachrichtenchef Luzi Bernet, der die Dokumente mit einem Team von fünf bis sieben JournalistInnen ausgewertet hat: «Ausserdem sind die Dokumente zwar interessant und relevant, ergeben aber keine unglaublichen News. Wir haben etwas mehr erwartet.»

Die NZZ hat sich Zeit gelassen und dann die ersten Resultate der Auswertung in einer konzertierten Aktion auf zwei Seiten ins Blatt gebracht. Dass es dabei keine brisanten Enthüllungen gab – vieles war aus anderen Publikationen, etwa dem «Spiegel», bereits bekannt – zeigen die Reaktionen der übrigen Medien: quasi null. Offensichtlich ist Wikileaks nicht mehr ein so starkes Reizwort, dass alle darauf anspringen. Auf der NZZ geht indessen die Arbeit an den Dokumenten weiter; ob Weiteres publiziert wird, hängt laut Bernet von den Ergebnissen ab: «Es ist natürlich schon möglich, dass sich in diesem riesigen Datenberg irgendwo noch die eine oder andere Trouvaille finden lässt.»
Anders in der Westschweiz. Hier publiziert «Le Temps», die die Verhandlungen mit Wikileaks geführt hat, seit Mitte Februar eine ganze Serie von Artikeln, die sich auf Wiki­leaks-Material stützen. Gerade im Bereich der Wirtschaft gebe es «echte Neuheiten» zu erfahren, sagt «Le Temps»-Redaktor Sylvain Besson. So ist den «Swiss Papers» etwa zu entnehmen, wie der in Zug domizilierte Rohstoffriese Glencore in Kolumbien gegen Gewerkschaften und Streikende vorgegangen ist. Oder welche Rolle die Tochter des usbekischen Präsidenten Karimov in Genf für die Geschäfte ihres Landes spielt. Oder weshalb Nestlé in China gerne Leute mit einer Mitgliedskarte der Kommunistischen Partei anstellt. Für Besson ist «das Phänomenale» bei den Wikileaks-­Dokumenten die «ungeheure Fülle des Materials».  Die Zeitung will die Gesamtheit der Dokumente auf ihre Website setzen, sobald die journalistische Arbeit abgeschlossen ist. Dies dürfte noch bis Ende März dauern.

Mitarbeit: Helen Brügger.

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