28. März 2011 von Helen Brügger

Konvergenz mit Tamedia?

In einem offenen Brief an Superdirektor Gilles Marchand und Programmdirektor Gilles Pache kritisieren die Angestellten von Radio Télévision Suisse (RTS) den Entscheid, die Konzeption und Produktion einer Kultursendung nach aussen, an eine private Firma, zu vergeben.

Die Direktion von RTS hat nämlich das bevorstehende Ende der weitherum beachteten Kultursendung «Tard pour Bar» zum Anlass für ein Outsourcing genommen. Und damit den Zorn der Radio- und Fernsehmitarbeitenden ausgelöst. «RTS beschäftigt die grösste und kompetenteste Kulturredaktion der Westschweiz», heisst es im Protestschreiben an die Direktion. Die Mitarbeitenden verstehen deshalb nicht, weshalb die wichtigste Kultursendung des Fernsehens von Aussenstehenden produziert werden soll, anstatt dass die Kompetenzen der JournalistInnen im eigenen Haus genutzt werden.
Nach der Zusammenlegung von Radio und Fernsehen beschäftigt die Kulturredaktion von RTS nämlich die stattliche Zahl von siebzig KulturjournalistInnen. Diese sehen im direktorialen Entscheid ein Misstrauensvotum, als ob sie nicht in der Lage wären, eine neue Kultursendung zu entwickeln. Sie seien weder angefragt worden, eigene Ideen und Konzepte zu entwickeln, noch habe die Direktion ihre Meinung eingeholt, schrei­ben sie empört. Man sei nicht aus Prinzip gegen jede Vergabe nach aus­sen, aber erwarte wenigstens, dass vor einer Entscheidung interne Vorschläge geprüft würden. Ein Treffen mit den Verantwortlichen ist offensichtlich ohne Einigung zu Ende gegangen, und auch die Tatsache, dass es sich um eine Koproduktion handeln soll, glättet die Wellen nicht.
Das wenig respektvolle Vorgehen der Direktion ist nicht der einzige Grund für das Malaise bei RTS. Bei dem Unternehmen, das mit dem Outsourcing-Auftrag beglückt worden ist, handelt es sich um die Firma Point Prod, die 1996 als kleines Start-up von ehemaligen Fernsehangestellten gegründet worden ist. Unterdessen ist allerdings Edipresse bei Point Prod eingestiegen und hält dort einen namhaften Aktienanteil von 30 Prozent. Und weil ihrerseits Tamedia bei Edipresse eingestiegen ist, hält Tamedia im Moment 15,1 Prozent von Point Prod; nach Abschluss der Übernahme von Edipresse durch Tamedia wird der Zürcher Verlag mit einem verdoppelten Aktienpaket ein gewichtiges Wort zu sagen haben.
Der offene Brief an RTS-Direktor Gilles Marchand sei mehr als ein momentaner Protest, kommentiert ein Insider. Der Brief drücke Zweifel am Modell der Konvergenz aus, mehr noch, er sei eine Infragestellung der ganzen Unternehmenspolitik.

Keine Kommentare zugelassen.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr