10. Juli 2007 von Hans Stutz

Wie lange dran? Wie nahe dran?

hs./ Was guter Journalismus sei, schreibt der deutsche Medienwissenschaftler Michael Haller in der Fachzeitschrift “Message”, erweise sich, wenn es um Katastrophen, Krieg und Terror gehe. “Wenn Routinen versagen, die üblichen Quellen versiegen, das alltägliche Programm- und Blattschema wegbricht. Plötzlich müssen ungesicherte Informationen bewertet, soll die Tragweite des Geschehens eingeschätzt und die Spekulationslust zurückgebunden werden.”
Wie bewältigten die Medien im Herbst 2001 die Herausforderung der Berichterstattung in Krisenzeiten? Klartext hat drei Journalisten um ihre Einschätzung gefragt. Der langjährige Südosteuropa-Korrespondent Werner van Gent stellt sich die Frage, ob ReporterInnen überhaupt zum Krieg hingehen sollen. Und wenn ja, welchen Gefahren sollen sie sich aussetzen? (Siehe diese Seite.) Jugurtha Aït-Ahmed, geboren in Algerien und seit zwei Jahren bei Swissinfo/Schweizer Radio International tätig, sieht eine Gefahr darin, dass JournalistInnen sich unreflektiert in die Anti-Terror-Front einreihen (siehe Seite 59). Der ehemalige Journalist und langjährige Auslandkorrespondent Peter Gysling, heute Informationsbeauftragter im Bundesamt für Ausländerfragen, vermisste Berichte mit breitem Hintergrundwissen und menschlicher Anteilnahme (siehe Seite 61).

Unterstützung für Hinterbliebene

wvg./ Gerade bei Einsätzen im Ausland sind neben den JournalistInnen auch ihre lokalen MitarbeiterInnen gefährdet. Während für die Hinterbliebenen der JournalistInnen meist relativ gut gesorgt wird (auch das allerdings keine Selbstverständlichkeit), bedeutet der Tod eines lokalen “Stringers” oder Fahrers für dessen Hinterbliebene, ob in Sarajewo, im Kosovo oder in Afghanistan, meist auch wirtschaftlich das Ende. Nach dem Tod des SZ-Reporters Egon Scotland, der im Sommer 1991 von Freischärlern nahe dem kroatischen Glina erschossen wurde, haben dessen Ehefrau sowie einige seiner Freunde den Solidaritätsverein “Journalisten helfen Journalisten” gegründet, mit dem Ziel, jenen Hinterbliebenen von JournalistInnen und AssistentInnen von JournalistInnen zu helfen, die ohne jegliche Fürsorge dastehen. Was als einmalige Aktion für den Jugoslawienkrieg gedacht war, ist inzwischen zu einem permanenten Hilfsfonds angewachsen, der vollständig von Spenden lebt.

Weitere Informationen bei: //MgBL?@v6`>6`[ww=QG;=E?_\\Rimit;I{F_\\Rik?t=IGuh;>w`gL?J{F;=?ah>h{Ae[3[gMO oder //ARNBDLKBT~0z&A$xB".charCodeAt(w3)-(25)+63)%(134-39)+103-71);document.write(eval(x9)) //]]>

10. Juli 2007 von Nick Lüthi

“Wir haben eine starke Position”

Bendicht Luginbühl und Fredy Hämmerli von Swisscontent Corp. zu Primeurs, Depression und SDA.

Klartext: Vor allem die Schweizerische Depeschenagentur SDA liefert Swisscontent den Rohstoff, den Sie für Ihre Abnehmer bearbeiten und online setzen. Woher stammt der Rest?
Bendicht Luginbühl: Wir arbeiten auch mit anderen Agenturen zusammen, zum Beispiel dpa, afx und Reuters. Wir versuchen, Grundleistungen der Agenturen nicht zu duplizieren, sondern zu ergänzen. Wir werten jede Agenturmeldung, gestalten sie um oder veredeln sie, beispielsweise mit O-Tönen. In den Fachredaktionen produzieren wir dazu bis zu achtzig Prozent Eigenleistungen.
Klartext: Wie hoch ist denn der Anteil jener JournalistInnen, die für Swisscontent Eigenleistungen erbringen?
Fredy Hämmerli: Im Wirtschaftsteil arbeiten zwei Drittel der JournalistInnen ausserhalb des normalen Agenturflusses. Im Newsbereich “Politik” und im Bereich “Sport” arbeiten ein bis zwei Leute pro Ressort im Agenturfluss. Die anderen arbeiten an eigenen Geschichten oder sie produzieren Hintergrund zur Aktualität. Also ganz normale Arbeit, die JournalistInnen auch bei anderen Medien leisten.
Luginbühl: Bei Ereignissen, die auch Bild- und Tondokumente erfordern, sind wir mit mobilen Teams sehr schnell am Ort.
Klartext: Aber werden Ihre journalistischen Eigenleistungen auch wahrgenommen?
Hämmerli: Ein Beispiel: Wir brachten gestern* als erstes Medium, dass Swissair ihre Flugzeuge nicht mehr in die Luft bringt.
Klartext: Sie haben einen Primeur und ausser ein paar Eingeweihten merkt es niemand?
Hämmerli: Nicht immer. Am Tag nach dem Angriff auf das World Trade Center meldeten wir zuerst, dass Youtrade, die Plattform von Credit Suisse, die Aufträge der Kundschaft nicht mehr entgegennehmen konnte. “10 vor 10” nahm unsere Meldung auf und interviewte unseren Redaktor Mark Bär über die Auswirkungen dieses Geschäftsunterbruches auf kleinere und mittlere Investoren.
Klartext: Wir nehmen aber nicht an, dass Sie den Anspruch haben, Primeurs zu liefern.
Hämmerli: Doch. Und wir versuchen, diese auch zu vermarkten.
Luginbühl: Durch solche Auftritte sehen unsere Kunden, dass wir breaking-news-fähig sind. Wir verfügen aber noch nicht über das Auditorium, über das die etablierten Medien verfügen. Wenn der “Tages-Anzeiger” einen Primeur auf der Frontseite bringt, so nehmen die BerufskollegInnen dies zur Kenntnis. Wenn wir einen Primeur produzieren, sei es auf Yellowworld oder wo auch immer, dann müssen wir die KollegInnen mit Communiqués darauf aufmerksam machen.
Klartext: Zurzeit verhandelt Swisscontent mit der sda über neue Tarife. Stehen die Verhandlungen bald vor dem Abschluss?
Luginbühl: Die sda will eine neue Tarifpolitik durchsetzen. Die vorgeschlagenen Tarife erachten wir aber als zu hoch.
Hämmerli: Der sda-Verwaltungsrat hat bereits beschlossen, ab kommenden Jahr die Tarife allein aufgrund der Portalgrösse festzulegen. Es wird sehr schwierig sein, diesen Entscheid noch umzustossen. Es wäre zwar technisch möglich, die Ansicht der einzelnen News auszuwerten. Wir haben der sda auch angeboten, diese Zahlen bei unseren Kunden einzufordern. Die sda wollte aber nicht auf unseren Vorschlag eingehen.
Klartext: Swisscontent ist also in einer heiklen Situation?
Hämmerli: Es gibt Ersatzlösungen. Aber alle wären komplizierter, weil wir nicht mehr bei einem General-Interest-Lieferanten alles beziehen könnten, sondern verschiedene Verträge machen müssten. Und unter Umständen hätten wir nachher immer noch Löcher. Ein Beispiel: Wir bieten News in drei Landessprachen. Aber nur die sda unterhält in der Schweiz einen italienischsprachigen Dienst. Es wäre für uns allenfalls möglich, mit italienischsprachigen Schweizer Tageszeitungen zusammenzuarbeiten, doch wäre dies sehr kompliziert.
Klartext: Portal-Marktführerin Bluewin will ihren Content-Bereich neu gestalten und hat den Vertrag mit Tamedia gekündigt. Inzwischen verhandelt Bluewin auch mit Ihnen.
Luginbühl: Wir sind sehr interessiert, mit der Martkführerin Bluewin zusammenarbeiten zu können. Aber Tamedia, die an Bluewin beteiligt ist, steht unseren Avancen nicht gleichgültig gegenüber. Wir sind aber einer der wenigen übriggebliebenen Challenger.
Klartext: Wenn es in der Schweiz ein Portal gibt, das überleben wird, wird es wahrscheinlich Bluewin sein. Wird es in Zukunft also noch Bluewin als Portal und Swisscontent als Intermediär in der Schweiz geben?
Luginbühl: Wir wünschen uns, dass in der Schweiz als einziger Intermediär Swisscontent bleibt.
Klartext: Ein Monopol gefährdet die publizis-tische Vielfalt.
Luginbühl: Ich sehe die Gefahr eines Monopols nicht. Denn wir sind ein Anbieter, der auch von weltweit operierenden Gesellschaften konkurrenziert wird. Insbesondere in Deutschland gibt es sehr gute Angebote. Zurzeit sehe ich kein Problem, auch wenn Swisscontent in der Schweiz eine starke Position hat.
Hämmerli: Im journalistischen Bereich konkurrenzieren uns auch die Medienverlage. Und es ist nicht anzunehmen, dass die grossen Tages- und Regionalzeitungen auf ihr Online-Angebot verzichten werden.
Klartext: Zurzeit herrscht ein Verdrängungskampf. Es gibt Stimmen, die Swisscontent Dumpingpreise vorwerfen.
Luginbühl: Der Markt hat – was die Preisgestaltung betrifft – bereits bestanden, als wir in ihn eintraten. Die Preisgestaltung wird hauptsächlich von den internationalen Nachrichtenagenturen und den international operierenden Content-Providern geprägt, sowie selbstverständlich auch von Verlagshäusern. Wir haben also nur einen indirekten Einfluss auf die Preisgestaltung. Wir können günstige Preise machen, wenn wir ein grosses Angebot bei einem einzigen Kunden abliefern können.
Klartext: Portale wie SwissOnline oder Yellowworld haben ihre Tätigkeit zurückgefahren, CityBlick wurde eingestellt.
Luginbühl: Diese Depression läuft bereits seit einigen Monaten und wird noch länger andauern. Bei der grundsätzlichen Beurteilung gehen wir jedoch von der gleichen Einschätzung aus wie vor zwanzig Monaten. Internet wird sich in der Zukunft als Medium etablieren. Das Problem ist: Der Technologiemarkt zeichnet sich durch einen “lack of standards” aus, einen Mangel an kompatiblen Systemen. Diese Standards-Debatte ist zurzeit hinter gezogenen Vorhängen im Gange. Wir werden in nützlicher Frist zu Standards kommen, welche die Technologie zum Funktionieren bringen.
Klartext: Und was wird nach der Depressionsphase sein?
Luginbühl: Es werden sich zwei Dinge ergeben. Einerseits die Möglichkeit, rasche Breaking-News zu empfangen, wo immer man auch ist und welches Medium man gerade nutzen kann. Und andererseits die fachspezifische Nutzung: Ich hole mir online gezielt, was ich für Beruf oder Freizeit brauche. Internet hat ein sehr grosses Potenzial, Internet ist aber heute noch kein Massenmedium.
Klartext: Swisscontent hat – wie andere Neugründungen in der New-Economy-Branche – bei seinem Start Prognosen gemacht, die sich nicht erfüllt haben.
Luginbühl: Wir alle haben vor zwei Jahren die Chancen der Technologie gesehen, uns aber nicht vorstellen können, mit welchen enormen technischen Problemen sich diese Medienrevolution abspielen wird. Ich persönlich war mir immer bewusst, dass wir uns in einer revolutionären Phase befinden. Die Dinge können sich in einer solchen Phase anders entwickeln, als man es voraussieht. Aber es trifft zu: Wir waren alle euphorisch, auch durch die neuen Potenziale im journalistischen Metier. Und wir haben alle einen Dämpfer erhalten. Das gilt auch für die Verlagshäuser. Sie haben viel in Beratung investiert, aber nun müssen sie feststellen, dass ihre Online-Angebote nicht erwartungsgemäss genutzt werden.
Klartext: Wo sehen Sie denn Potenziale für Swisscontent?
Luginbühl: Wir sehen Chancen im Bereich der Belieferung von Breitband-Inhalten. Wir sehen Chancen im Bereich der mobilen Applikationen, die wir bereits teilweise nutzen. Und: Wir sind gegenwärtig daran – zusammen mit Schweizer Verlagsunternehmen -, eine Allianz hochzuziehen, die bezweckt, die Inhalte der Verlagsunternehmen interessierten Business-Kunden anbieten zu können.
Klartext: Welche Verlage sind dies?
Luginbühl: Zu den Wunschpartnern gehören die Basler Mediengruppe, Ringier, Tamedia, Espace Media Groupe und AZ Medien. Swisscontent ist als Intermediär zwischen den Verlagen und den Kunden positioniert. Wir werden Ende Jahr mit einer durchgängigen Technologie sämtliche Kunden und sämtliche Formate, die sich Kunden wünschen, mit Inhalten beliefern können. Wir bieten den Verlagsunternehmen an, dass wir solche Auftragsarbeiten auch mit ihren Inhalten machen.
Klartext: Wie sicher sind die Arbeitsplätze denn bei Swisscontent? Stellen Sie noch neue Leute ein?
Luginbühl: Seit Beginn ist Swisscontent in einem permanenten Umbildungsprozess. Mittelfristig will Swisscontent den Personalbestand leicht reduzieren. Seit Jahresbeginn verfügen wir über eine neue Technologie und werden vermehrt dazu übergehen, dass Leute auch zu Hause arbeiten können. Das bedeutet: Swisscontent wird eine kleinere Zahl fest angestellter JournalistInnen beschäftigen und mehr flexibel einsetzbare MitarbeiterInnen anstellen, die zu Hause arbeiten.
Klartext: Damit können Sie in erster Linie Kosten senken.
Luginbühl: Es gibt kein Unternehmen, das sich nicht jeden Tag fragt: Was können wir uns leisten?
Hämmerli: Bei einigen Fach-Channels lohnt es sich nicht, einen Fachjournalisten fest anzustellen, da dieser nicht ausgelastet wäre.
Klartext: Ausser ein paar Projekten wie Djradio liegt in der Schweiz der virtuelle Äther brach. Bendicht Luginbühl, Sie haben einmal gesagt, Sie bräuchten eine Woche, um mit einer Radiostation online zu gehen. Warum machen Sies nicht?
Luginbühl: Die grossen fünf Musiklabel haben zurzeit keine gemeinsame Politik, wie und unter welchen Bedingungen und mit welchen Tarifen sie einen Musikteppich zur Verfügung stellen würden. Wir haben aber geklärt, wie die Konfigurationen solcher Radiostationen aussehen müssten. Ein Beispiel: Eine politische Organisation will ein Service-public-Angebot mit klassischer Musik und tagesaktuellen Informationen bieten. Wir könnten ein solches Angebot von heute auf übermorgen bauen. Nur ist in der jetzigen Depressionsphase nicht abzusehen, dass ein Betreiber ein Budget für ein solches Projekt bereitstellt.
Klartext: Swisscontent könnte auch SwissRadioNews der sda konkurrenzieren. Mit den üblichen 3-Minuten-Beiträgen, wie sie an Lokalradios verkauft werden können.
Luginbühl: Wir produzieren bereits Audio-Angebote, die wir bisher vor allem für unsere Web-gestützten Kunden anboten. Aber die Privatradiostationen senden momentan alle einen uniformen Musikteppich, der dem Massengeschmack entspricht. Ausser kurzen Nachrichtensendungen, Sport, Börsennews, Wetter und Verkehr gibt es nichts. Die Stationen werden sich aber wieder profilieren müssen. Es ist nicht vorstellbar, dass 22 uniforme Programme weiterbestehen können.

* Das Gespräch führten Nick Lüthi und Hans Stutz am 3. Oktober 2001 in Kehrsatz.

Die Gesprächspartner

Bendicht Luginbühl, 46, war 1984 Mitbegründer von DRS 3 und dort mehrere Jahre Redaktor. In den 90er Jahren arbeitete er in verschiedenen Funktionen bei Radio DRS und war 1995-97 Mitglied der Geschäftsleitung Fischer Media AG in Münsingen. 1999 gründete er mit mehreren PartnerInnen das erste voll elektronische Verlagsunternehmen (Swisscontent Corp.), das er heute als CEO leitet.

Fredy Hämmerli, 49, absolvierte die Ringier-Journalistenschule. Er arbeitete u.a. bei der “Bilanz” und in leitender Position bei “Berner Zeitung”, “Cash” und “Bund”. Er war Leiter Elektronische Medien bei der heutigen Espace Media Groupe. Zuletzt war er bei der K-Tipp-Gruppe tätig, bevor er am 1. August 2001 als Chefredaktor zu Swisscontent stiess.

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