10. Juli 2007 von Nick Lüthi

Gut im Rennen

Umstrukturieren, Massschneidern, Neulancieren: Mit diesem Rezept will das elektronische Verlagshaus Swisscontent Corp. die Internetzukunft meistern. Probleme gibt es allerdings mit der grössten Kundin, der schweizerischen Post. Von Nick Lüthi.

Mit dem Platzen der New-Economy-Seifenblase ist Ernüchterung eingetreten – auch bei den Portalen, den Toren zum weltweiten Datennetz. “Die einstige Vorstellung, minutenschnelle News aus aller Welt würden den gewünschten Beachtungsgrad und Surfverkehr bringen, hat sich nicht im gewünschten Mass bewahrheitet. Damit stimmen natürlich auch Kosten und Ertrag nicht, denn die Produktion der Nachrichten ist bekanntlich arbeits- und kostenintensiv.” Oliver Flüeler vom Mediendienst der Post weiss, wovon er spricht. Auch der gelbe Riese wollte sich mit seinem Portal Yellowworld einen Teil vom Kuchen abschneiden – mit mässigem Erfolg, wie sich herausstellte. Im Februar 2001 vermochte Yellowworld gemäss einer MMXI-Erhebung gerade einmal 30’000 BesucherInnen anzuziehen, was einem Marktanteil von 1,5 Prozent entsprach. Auch einen Monat später belegte Yellowworld, so berichtete die “Berner Zeitung”, nur gerade Platz 35 unter den Schweizer Internetportalen. Nach dieser von technischen Problemen begleiteten Startphase folgte, was folgen musste. Im Juni wurde die Überarbeitung von Yellowworld angekündigt.

Post bleibt wichtigste Kundin
Von den Umstrukturierungsmassnahmen, die nach Angaben der Post bis spätestens Anfang 2002 abgeschlossen sein sollen, ist insbesondere Swisscontent als Lieferantin der journalistischen Inhalte betroffen. Das elektronische Verlagshaus mit Sitz im bernischen Kehrsatz beliefert Yellowworld seit Herbst 2000 mit journalistischen Beiträgen. Obschon Swisscontent in den letzten Monaten weitere Kunden dazugewinnen konnte, bleibt die Post die grösste Kundin.
Im Rahmen der Neuausrichtung will Yellowworld die Bedürfnisse von Kundinnen und Kunden der Post besser berücksichtigen. Für Swisscontent heisst dies Abschied nehmen von dem zurzeit noch breit gefächerten Angebot an Lifestyle-, Outdoor-, Trend- und anderen Zeitgeistrubriken. “Anstelle der vertikalen Special-Interest-Rubriken sollen Inhalte mit post-nahen Themen aufgeschaltet werden”, sagt Postsprecher Oliver Flüeler. Er kann aber auch nicht ausschliessen, dass Swisscontent im Rahmen des Umbaus Federn lassen muss. “Es ist davon auszugehen, dass die redaktionellen Inhalte auf dem Yellowworld nach dem Relaunch nicht mehr denselben Umfang haben werden wie heute.”

Dumpingpreis-Vorwürfe der Konkurrenz
Bendicht Luginbühl, CEO von Swisscontent, sieht dem Umbau bei seinem grössten Kunden relativ gelassen entgegen und konstatiert eine stärkere Ausrichtung der News auf die Bedürfnisse der Kunden. Über allfällige Auswirkungen auf die über achtzig Arbeitsplätze äussert sich Luginbühl gegenüber KLARTEXT verklausuliert: “Strukturanpassungen sind für ein Medienunternehmen der jüngsten Generation beinahe schon selbstverständlich.” Allfällige Entlassungen fallen also unter die Rubrik “Strukturanpassungen”.
Trotz ungewissem Ausgang des Yellowworld-Umbaus blickt die Konkurrenz argwöhnisch auf das Kehrsatzer Start-Up-Medienunternehmen. Beat Alder, Geschäftsführer der Basler Internet Medien AG, vermutet gar unlauteren Wettbewerb. Swisscontent werde dank dem Auftrag für Yellowworld von der Post “subventioniert” und könne seine Leistungen deshalb zu Preisen anbieten, die nie kostendeckend seien, liess Alder die “Werbewoche” wissen. Hintergrund dieser Vorwürfe ist der Entscheid der beiden Telekommunikations-Unternehmen Tiscali und Orange, die News für ihre Internetportale neu bei Swisscontent zu kaufen und nicht mehr bei der Internet Medien AG. Auch bei SwissTXT, das neben dem Kerngeschäft Teletext als Content-Lieferant News für das Portal von SwissOnline und search.ch liefert, ist unterschwellig der gleiche Vorwurf zu hören. “Ein Teil der so genannten Start-Ups versucht sich mit starker Unterstützung und Beteiligung grosser Konzerne einen Anteil an diesem Markt zu sichern.” Zwar ist SwissTXT selber zu 97 Prozent in SRG-Besitz, aber SwissTXT-Sprecher Beat Schneider zielt ganz offensichtlich auf Swisscontent. Deren Chef Bendicht Luginbühl indes winkt ab und vermutet Unzulänglichkeiten bei seinen Mitkonkurrenten. Klar ist allerdings so viel: Tiscali und Orange haben nach eigenen Angaben wegen eines besseren Preis-Leistungsverhältnisses von der Internet Medien AG zu Swisscontent gewechselt.

Wer wird überleben?
Diese Episoden aus der Welt der Content-Provider machen deutlich: Eine Marktbereinigung ist in Gang und freiwillig gibt niemand auf. Stattdessen versuchen alle Content-Anbieter, beim Neuverteilen der Karten ein paar Trümpfe in die Hand zu bekommen. Laut Bendicht Luginbühl soll es in der Schweiz Platz für genau einen Lieferanten von publizistischen Inhalten geben. Ob sich diese Prognose bewahrheiten wird, kann zurzeit noch nicht abgeschätzt werden.
An allen Ecken und Enden des Content-Markts wird derzeit gefeilscht und verhandelt. Swisscom-Tochter Bluewin, mit 650’000 Kunden die grösste Vermittlerin von Internetzugängen, steht etwa in Verhandlungen mit verschiedenen Content-Anbietern. Neben dem bisherigen Newslieferanten Tamedia verhandelt Bluewin auch mit Swisscontent (siehe Gespräche mit Ursula Jucker, Seite 12 und Bendicht Luginbühl, Seite 30). Die Kehrsatzer Firma kann einen Auftrag in dieser Grössenordnung gut gebrauchen, insbesondere nach dem Wegfall eines bereits erteilten Auftrags der Cablecom-Tochter SwissOnline. Der Provider kündigte Ende September einen radikalen Abbau journalistischer Inhalte an und wird wieder zum reinen Zugangsvermittler. Zwischen zehn und zwanzig Lohnabhängige werden, so SwissOnline, ihre Stelle verlieren.

Swisscontent schreibt schwarze Zahlen
Swisscontent ihrerseits liegt gut im Rennen. Im Frühjahr 2001 kündigte Bendicht Luginbühl einen Umsatz in der Höhe eines “tiefen zweistelligen Millionenbetrages” an. Inzwischen will er sich nicht mehr so genau festlegen: “Gegenwärtig ist täglich mit neuen negativen Schlagzeilen vom Markt zu rechnen. Die Rahmenbedingungen haben sich massiv verändert. Deshalb werden wir zu Umsatz und Gewinnerwartung erst zum Abschluss des Geschäftsjahres eine neue Aussage machen.” Jedenfalls schreibt die Firma, die vor rund zwei Jahren gegründet wurde, bereits schwarze Zahlen.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Abbau oder Umbau

Die Online-Werbung ist in der Krise. Ist nun auch die Content-Revolution der Verlage am Ende? Ringier Romandie und Edipresse jedenfalls gehen in Deckung.

hb. “Wir planen kein massives Downsizing unserer Verlags-Homepage”, beruhigt Gérard Geiger, der neue Verantwortliche von Ringier Romandie. Webdo.ch, das Portal von Ringier Romandie, hat jedoch keinen Chefredaktor mehr und soll auch in absehbarer Zeit keinen bekommen. Nicht JournalistInnen, sondern technische SpezialistInnen bereiten die Inhalte der Printprodukte auf, die von den Redaktionen geliefert werden. Die Ringier-Magazine – die Frauenzeitschrift “Edelweiss”, die Sonntagszeitung “dimanche.ch”, die “Illustré” und das politische Wochenmagazin “L’Hebdo” – treffen die Auswahl, die zuständigen JournalistInnen sind in die Redaktion integriert und betreuen die Homepage des jeweiligen Titels. “Das Verlagsportal webdo.ch fungiert als Marke, unter der die einzelnen Titel zusammengefasst sind”, erklärt Gérard Geiger. “Unsere Logik heisst nicht einschränken, sondern neu definieren.” Es handle sich darum, den richtigen Mix zu finden zwischen Portallogik und dem Bestreben, die Inhalte der Printtitel auf dem Web aufzuwerten.

Webdo.ch bedient spezielle Interessen
Dieser Mix sieht auf der Seite des portaleigenen Contents mager aus. Zwar gibt es verschiedene Dienstleistungen – so unter anderem ein Archiv der Printprodukte, das erfreulicherweise gratis konsultierbar ist. Der journalistische Inhalt der Homepage selbst beschränkt sich auf Angebote für SpezialistInnen: Etwa “WebdoTech” mit News von der Technikfront und “WebDojo” für den Avantgarde-Surfer, aber auch “WebdoPresse” mit einer internationalen Presseschau und “WebdoCine” mit Filmtipps.
Webdo.ch ist in der Romandie die zweitgrösste Homepage mit journalistischen Aktivitäten. Mit 1,2 Millionen aufgerufenen Seiten pro Monat kann sie dem Portal von Edipresse edicom.ch, das 10 Millionen Seiten angibt, von der Quantität her kaum das Wasser reichen. Das hat jedoch auch eine positive Seite: Webdo musste trotz Werbetief keine MitarbeiterInnen entlassen. Beim Edipresse-Portal sieht das anders aus: Noch im Frühjahr engagierte Edicom neun zusätzliche MitarbeiterInnen und wollte das Portal im August neu lancieren. Nicht nur eigens für das Web erarbeitete Themen, spezielle Dossiers und aktuelle News waren geplant, sondern mittelfristig auch die Integration von Video und Ton. In der Folge eines kurzfristigen Strategiewechsels halbierte Edipresse Anfang September sein Internet-Team: Statt 25 arbeiten nur noch 13 Personen bei Edicom. Praktisch die ganze kaufmännische Crew wurde entlassen; Edipresse stellte einige der Entlassenen in anderen Bereichen wieder ein. Christophe Ansermoz, Direktor von Edicom, kündigte aus Solidarität mit seinen Leuten: Er sei für ein ehrgeiziges Projekt angestellt worden, die neuen Perspektiven interessierten ihn wenig, meint er. Laut Ansermoz kann Edicom mit dem verbleibenden Personal kaum mehr als die bisherigen Aktivitäten aufrechterhalten.

Edicom.ch setzt Ziele tiefer
Tibère Adler, der neue Vizedirektor des Bereichs Edipresse Schweiz und zuständig für Edipresse Online (EOL), führt die Entlassungen auf den unbefriedigenden Geschäftsgang zurück: “Wir sind für unser Portal weit von den erhofften Wachstumsraten entfernt.” Ohne viel Federlesens wurde der Bereich EOL daher in den Bereich Edipresse Schweiz integriert – Adler gesteht, dass damit den Online-Aktivitäten des Konzerns weniger Bedeutung zugemessen werde. “Der Alleingang des Internet-Bereichs war zu hart”, seufzt er. “Wir müssen in den Windschatten gehen und die Ziele tiefer stecken.” Cross-Media-Szenarien beispielsweise werden auf bessere Zeiten vertagt, der Relaunch des Portals wird um mehrere Monate aufgeschoben, ohne dass die Verantwortlichen einen neuen Termin nennen. Stattdessen präsentierte Edipresse im September die frisch herausgeputzten Homepages ihrer Genfer und Lausanner Tageszeitungen. Ausserdem lancierte der Verlag zwei kommerzielle Homepages, die eine für den Immobilienmarkt, die andere mit den gesammelten Kleininseraten der Verlagsgruppe. Die beiden Sites sind nicht auf Werbung angewiesen, sondern werden hauptsächlich durch die Inseratepreise finanziert.

Largeur.com moderiert Debatten
Neue Perspektiven entwickelte auch das drittgrösste journalistisch tätige Online-Medium der Westschweiz, largeur.com. Vor kurzem hatte das einzige Online-Magazin der Westschweiz noch von einer eigenen Printausgabe geträumt; heute sucht es Dienstleistungen für andere Online-Medien anzubieten. So tritt Largeur beispielsweise als Webeditor für “dimanche.ch” auf; die Sonntagszeitung kann dank Largeur ihre diesbezüglichen Aktivitäten auslagern. Die Largeur-Spezialität – moderierte thematische Debatten auf dem Web – interessiert auch andere Homepage-Betreiber, darunter selbst das Westschweizer Fernsehen, zumindest laut Aussage des zuständigen Chefs Philippe Mottaz.

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