10. Juli 2007 von Klaus Bonanomi

Verlegerkrämpfe

News werden zu Wegwerfartikeln: Die Gratiszeitungen expandieren von Zürich aus in die übrigen Deutschschweizer Agglomerationen; die etablierten Verleger fürchten um ihre Inserate-Erträge und reagieren teilweise hektisch und heftig. Von Klaus Bonanomi.

“Ich kann mich länger als 20 Minuten konzentrieren”, steht auf Buttons und Plakaten, mit denen die “Berner Zeitung” gegen die neue Gratis-Konkurrenz mobil macht. Und mit dem Motto “150 Jahre mit der Zeit” setzt der traditionsreiche “Bund” der flüchtigen Vergänglichkeit der Pendlerblätter einen Hauch von Ewigkeit entgegen. Beim 150-Jahr-Jubiläum der ältesten Berner Zeitung rief Bundesrat und Medienminister Moritz Leuenberger die Verantwortlichen denn auch zur Gelassenheit auf: “Die neuen Gratiszeitungen können für die traditionellen Tageszeitungen eine Chance sein. Es macht auch den Anschein, dass die auflagestarken neuen Gratiszeitungen ‘Metropol’ und ’20 Minuten’ nicht im selben Ausmass Leser anderer Zeitungen verdrängen, wie sie neue Leser gewinnen”, so Leuenberger. “Je atomisierter Nachrichten konsumiert werden, desto grösser wird das Bedürfnis und das Interesse nach Übersicht, nach Begreifen und Ordnen der Zusammenhänge. Das zeigt, dass eine politische Tageszeitung gegenüber ihrer bisherigen und einer allfälligen neuen Leserschaft nur dann Bestand haben kann, wenn sie dieses Bedürfnis nach Einordnung und Gewichtung ernst nimmt.”
Seit einigen Wochen werden die Gratis-Pendlerblätter “20 Minuten” und “Metropol” auch ausserhalb Zürichs verteilt, durchgeblättert und zuhauf liegengelassen. (Fast) die gesamte Deutschschweiz kann nun tagtäglich feststellen, dass diese Blätter ohne jeglichen publizistischen Anspruch Agenturmeldungen, Ausgehtipps und ausführliche Wetterprognosen abdrucken – “Häppchen-Journalismus” nennt es einer, der es wissen muss, “Blick”-Chefredaktor Jürg Lehmann (siehe KLARTEXT-Gespräch auf Seite 16). Einigermassen informierte ZeitgenossInnen wissen das meiste davon bereits aus Radionachrichten und Tagesschau; an Eigenleistungen sind nebst Strassenumfragen oder Promi-Kurzinterviews höchstens noch die Torten- und Säulendiagramme zu erwähnen, mit denen die Blätter den Nachweis der Überlegenheit des eigenen Produkts zu führen versuchen, sowie schliesslich die “Metropol”-Kolumnen, in denen sich profilierungssüchtige Alt- und Neu-Nationalräte austoben dürfen.

Rückgang des Kioskverkaufs
Und doch: In Zürich haben es die neuen Gratisblätter mit S-Bahn-tauglichem Kleinformat und Kurzfutter geschafft, eine beachtliche LeserInnenschaft anzulocken und den etablierten Tageszeitungen empfindliche Verkaufseinbussen am Kiosk zu bescheren. 171’000 LeserInnen weist die WEMF für “20 Minuten” im Millionen-Zürich (bis hinaus nach Winterthur, Baden und Rapperswil-Jona) aus, 124’000 für “Metropol” (nebst den 192’000 LeserInnen des “Zürich-Express”, der bereits länger verbreiteten Tagi/NZZ-Tochter).
Je jünger, desto grösser die Lust auf journalistisches Kurzfutter. In der Agglomeration Zürich (Wirtschaftsgebiet 43) liege “20 Minuten”, so berichtet Verlagsleiter Rolf Bollmann, mit 76’000 LeserInnen bei den 14- bis 29-Jährigen bereits auf Rang zwei hinter dem “Tages-Anzeiger” (99’000 LeserInnen). Auch “Metropol” und der “Zürich-Express” hätten in Zürich mittlerweile den “Blick” mit seinen 43’000 täglichen JungleserInnen hinter sich gelassen, so Bollmann weiter.
Und der Appetit kommt mit dem Essen: “20 Minuten” hat das “Goldene Dreieck” mit Basel, Bern und Zürich im Visier, während “Metropol” zusätzlich die Räume Aargau, Luzern und später auch Sankt Gallen abdecken will. Den ersten Kampf hat “20 Minuten” für sich entschieden. Das Blatt gewann bei der Verteilung an den Stationen des öffentlichen Verkehrs in Basel und Bern den exklusiven Zuschlag. Via Dispenser-Boxen in Trams, Bussen und an Haltestellen sowie mit rund 100 VerteilerInnen – “20 Minuten” nennt sie Promotoren und nicht Kolporteure, da man herausgefunden hat, dass “kolportieren” gleichbedeutend ist mit “Gerüchte verbreiten” – soll das Blatt unters pendelnde Publikum gebracht werden.
Inhaltlich setzt “20 Minuten” auf Regionalisierung: “Wir machen für jede Stadt eine eigene Zeitung. Die Ausgaben für Basel, Bern und Zürich sind nur zu 20 Prozent identisch, der grösste Teil – Lokales, Sport, Ausgehtipps – ist für das jeweilige Verbreitungsgebiet massgeschneidert”, rühmt Verlagsleiter Rolf Bollmann sein Konzept. So findet der Berner Sportfreund tatsächlich am Montag, 2. Oktober – dem ersten Erscheinungstag von “20 Minuten” in Bern – Bilder und kurze Matchberichte der YB-Kicker und der Eishockeyaner von SCB und Langnau, während er sich bei “Metropol” in dessen national ausgerichtetem Sportteil mit Kurztelegrammen seiner Berner Lieblingsklubs zufrieden geben muss.
Dass “20 Minuten” in Bern und Basel später auf den Markt gekommen ist als “Metropol” (das dafür beim Start in Zürich später erschien), wertet Bollmann nicht als Nachteil: “Offenbar hat man Angst vor uns, darum hat ‘Metropol’ in Eile sofort etwas auf den nationalen Markt geworfen. Aber dies ist doch ein ‘Wischiwaschi’-Erzeugnis, kein Berner Produkt”, mäkelt Bollmann. Es sei marketingmässig “unmöglich”, denn ein solches Produkt müsse regional verankert sein. “Wir kommen lieber etwas später, dafür mit einem eigenen Gesicht.” Auch die Reaktionen von BTM und Basler Mediengruppe, ihre Gratisblätter “Berner Bär” und “Baslerstab” neu zu lancieren, zeigen für Bollmann, dass man “20 Minuten” ernst nehme.

Aufbau von nationalen Werbeträgern
Auch bei “Metropol” hält man die eigene Strategie für die bessere: “Unser schwedisches Mutterhaus hat nun bereits fünf Jahre Erfahrung auf dem Markt der Gratiszeitungen. Unsere Konzepte haben sich in mehr als einem Dutzend europäischer Städte bewährt”, so Geschäftsführer Urs Zeier zu KLARTEXT. “Und die Situation in Zürich hat gezeigt, dass es uns gelungen ist, eine eher ältere, besser gebildete und besser verdienende Kundschaft anzusprechen. Damit sind wir für die Werbewirtschaft attraktiver.” “Metropol” bietet in seiner Deutschschweizer Ausgabe neben News aus dem In- und Ausland, aus Wirtschaft und Sport täglich mehrere Seiten mit den wichtigsten Themen aus den verschiedenen Regionen sowie Ausgehtipps für die gesamte Deutschschweiz. Zu bezweifeln ist freilich, ob sich das Basler Publikum für das Konzert des Freiburger Jazzers Thierry Lang in Winterthur interessiert, auf das am selben Stichtag ausführlich hingewiesen wird.
Inhaltliches Konzept hin oder her – entscheidend ist ohnehin nicht, was auf den Textseiten steht: Mit der Expansion über Zürich hinaus erschliessen sich “Metropol” und “20 Minuten” in erster Linie den sprachregionalen Werbemarkt und können nun auch auf nationale Kampagnen hoffen. Dabei spielt die boomende Konjunktur eine wichtige Rolle: Zurzeit sei die Gelegenheit dafür günstig, meint Andy Lehmann, Geschäftsführer der grössten Schweizer Media-Agentur Optimedia.
“’20 Minuten’ und ‘Metropol’ können im nationalen Markt gut und gerne je 15 bis 20 Millionen Franken Jahresumsatz generieren, wenn man die nationalen Anzeigen und die Rubrikeninserate zusammenzählt”, schätzt Andy Lehmann die Marktlage gegenüber KLARTEXT ein. “Der gesamte Werbeumsatz der abonnierten Zeitungen stieg letztes Jahr um 10 Prozent auf 1,8 Milliarden – wenn nun da die Gratisblätter ein oder zwei Prozent abschöpfen, ist das nicht viel mehr als die Rundungsdifferenz. Deswegen wird nun nicht die ganze Print-Welt umstehen.” Zudem seien die Werbekunden dank günstiger Einführungstarife gern mit dabei, wenn sich etwas Neues ergebe.
Sollte sich aber die Konjunktur wieder verlangsamen, dann wird es wieder enger. “Der Moment der Wahrheit kommt in zwei, drei Jahren. Dann wird man sehen, welche Zeitung sich durchsetzen kann, ob die Blätter dauerhaft Kunden ansprechen können und auch, ob sie den bestehenden Tageszeitungen Leser wegnehmen oder ob sie zusätzliche Kreise ansprechen”, meint Lehmann. Der erste Eindruck spreche aber eher dafür, dass die Gratisblätter ein neues Publikum holten – Jugendliche, Studierende, PendlerInnen, die bisher unterwegs kaum eine Zeitung gelesen hätten und die – oder deren Eltern – zuhause ohnehin noch die “richtige” Tageszeitung abonniert hätten. “Für die Werbe-Auftraggeber ist es natürlich schön, wenn auch eine neue, jüngere Schicht wieder Zeitung liest. Doch gerade junge Leute, die zuhause ausziehen, werden es sich in Zukunft vielleicht vermehrt überlegen, ob sie dann auch eine Tageszeitung abonnieren wollen oder ob ihnen das Gratis-Angebot ausreicht. Wenn eine Zeitung tausend Abo-Kunden verliert, dann spürt sie das sehr wohl; schon nur um ihre bisherigen Leser zu halten, müssen die Zeitungen sehr grosse Anstrengungen unternehmen. Diese Aufgabe wird nun noch erschwert.” Dass auch der “Blick” Druck spüren könne, ist für Andy Lehmann denkbar. Durch die klare Boulevard-Orientierung sei der Titel bei seiner Stammleserschaft jedoch eher geschützt.

Mehr Blick-AbonnentInnen
Auch für “Metropol”-Geschäftsführer Zeier ist klar: “‘Blick’ verliert in erster Linie. Am Bahnhof habe ich die Wahl, ob ich eines der drei Gratisblätter mitnehme oder 1,50 am Kiosk bezahle – da ist doch der Entscheid klar. Die Gratiszeitungen tun allen weh, die am Kiosk verkauft werden; das ist eben vor allem der ‘Blick’.” Ein von der “Werbewoche” veröffentlichtes internes Papier der Kiosk AG zeigt: Von Januar bis Mai 2000 hat der “Blick” im Kanton Zürich 13 Prozent weniger Zeitungen verkauft, gesamtschweizerisch 8 Prozent weniger.
Zurückgegangener Kioskverkauf, aber mehr Abonnemente, darauf verweist beim “Blick” der seit anderthalb Jahren amtierende Chefredaktor Jürg Lehmann im KLARTEXT-Interview: “Ich habe rund 10’000 Abos mehr als zu Beginn.” Der “Blick” hat jedoch in der Distribution nicht nur gegenüber den Gratisblättern einen entscheidenden Nachteil, sondern auch gegenüber den andern abonnierten Tageszeitungen: die fehlende Frühzustellung. Immerhin soll es nun, wie Lehmann verrät, im Spätherbst in Bern einen Versuch mit der Frühzustellung geben.
Profilieren gegenüber der Gratis-Konkurrenz will sich der “Blick” aber vor allem inhaltlich: “Wir müssen jeden Tag die besseren Geschichten haben, weil wir auch das grössere redaktionelle Potenzial haben: Kompetentere Redaktoren und Redaktorinnen als die Gratisblätter, ein höheres Budget.” Mit einer Art “salonfähigem Boulevard” will Jürg Lehmann sein Publikum bei der Stange halten. Als Beispiel nennt er die “Schande vom Rütli” am 1. August: “Wir haben bewusst über eine Woche lang jeden Tag das Thema Rechtsradikale auf der Frontseite gespielt.”

Europäischer Wettbewerb
Nun ist natürlich schon bei einem kurzen Blick in eine Gratiszeitung klar, dass der “Blick” oder jede andere Tageszeitung inhaltlich mehr bieten als die Gratisblätter; entscheidend ist aber die Frage, wie viel die KonsumentInnen künftig für diesen Mehrwert noch zu zahlen bereit sind. Erfahrungen in Europa zeigten, dass neue Gratiszeitungen zwar den etablierten Tageszeitungen spürbar LeserInnen weggenommen hätten, doch sei bisher nirgends eine Zeitung deswegen eingegangen, weiss Peter Hartmeier zu berichten: Der Geschäftsführer des Verbandes Schweizer Presse ist eben zurück von einem Kongress der European Newspapers Publishers Association zum Thema Gratiszeitungen. “Es tut sich ein neuer Markt auf; die etablierten Zeitungen haben sich zuvor viel zu wenig Gedanken darüber gemacht, wie sie die Leute bedienen, die wenig Zeit oder Interesse für dicke Zeitungen und lange Texte haben. Leute, die nicht in erster Linie an den etablierten Themen vom Parlament bis zum Schauspielhaus interessiert sind, sondern an Service, Kurznews und Ausgeh-Angeboten.” Man habe das Segment derjenigen, die an solchen Produkten interessiert seien, nicht ernst genommen und unterschätzt. In der Schweiz seien darum alle überrascht worden durch den schnellen und erfolgreichen Vorstoss der (ausländischen) Verleger. “Dies ist eine neue Dimension: Auch im Zeitungswesen gibt es nun internationale Konkurrenz, einen europäischen Wettbewerb.”
Hartmeier glaubt, dass nicht alle dieser neuen Blätter überleben werden; auf der anderen Seite werde es aber in jedem Fall auch in zehn Jahren noch Qualitätszeitungen geben: “Viele Leute werden weiterhin dafür zahlen, dass ihnen gute Journalisten die Welt erklären, analysieren, recherchieren, Hintergrund liefern.” Um diese Leistung bieten zu können, brauche ein Verlag weiterhin Inserate- wie auch Verkaufserlöse; eine Dumping-Strategie sei der falsche Weg. Man werde aber die Gratis-Konkurrenz nicht verhindern können: “Die sind nun einmal da. Jetzt liegt es an den Verlegern, diese Herausforderung anzunehmen – mit verlegerischen Mitteln, indem sie sich inhaltlich noch besser positionieren und sich besser abgrenzen.”
In Basel und Bern reagieren die örtlichen Verleger auf die Gratis-Konkurrenz, indem sie selber ihre bisherigen Gratisblätter aufmotzen, mit Lokalkolorit und News aus aller Welt. Der “Baslerstab” der Basler Mediengruppe flattert in neuer Aufmachung fünfmal wöchentlich in die Briefkästen der Stadt Basel (und zweimal wöchentlich darüber hinaus in jene der ganzen Region); der “Berner-Zeitung”-Verlag BTM stellt denjenigen, die sich halt doch nicht 20 Minuten lang konzentrieren können, zweimal wöchentlich seinen ebenfalls neu gestylten “Berner Bär” zu (später soll er dann viermal wöchentlich erscheinen).

Ausgang offen
Freilich dürfen die Blätter nicht zu attraktiv und aktuell daherkommen, um den Haupttitel nicht zu kannibalisieren; Experten geben ihnen darum im Sandwich zwischen Tageszeitung und national ausgerichtetem Gratisblatt denn auch die geringsten Chancen. “Der ‘Berner Bär’ wird es in dieser Konstellation schwer haben zu überleben; denn er kommt nicht an die nationalen Werbekampagnen heran und auf dem lokalen Werbemarkt wird er zusätzlich konkurrenziert”, meint etwa Hans R. Amrein, selber ehemaliger Chef des “Berner Bärs” und nun beim Start von “20 Minuten” als Berater tätig. “’20 Minuten’ kann in Bern vielleicht vier Millionen Franken an lokaler Werbung abschöpfen. Das ist Geld, das unter anderem dem ‘Berner Bär’ abgehen wird.” Inhaltlich sei das Konzept – etwas News, noch mehr Bildli von lokalen Promis, Firmen-PR-Texte, Sport – zu beliebig, meint Amrein; wer sich schnell aktuell informieren wolle, hole sich ein Gratisblatt, wer vertiefte Informationen benötige, bleibe bei der Komplettzeitung.
Kein Wunder, hält sich in der Berner Medienszene das Gerücht, das Haus BTM hätte sich, als die Expansionsgelüste von “20 Minuten” bekannt wurden, liebend gerne an dem Konkurrenten beteiligt und den Druckauftrag übernommen, um gleichzeitig den “Berner Bär” eines sanften Todes sterben zu lassen. Doch es kam nicht dazu und nun droht nach dem Berner “Anzeiger-Krieg” erneut ein kostspieliger Wettbewerb. Denn nach dem langen Streit um die Konzession für die amtlichen Anzeiger für Stadt und Region Bern ist die BTM-Strategie ebenfalls nicht aufgegangen; der “Bund” schnappte der BTM den lukrativen Auftrag weg.
Wer sich auf dem Markt der Schweizer Gratiszeitungen durchsetzen wird, ist also noch offen. Vielleicht ist es derjenige, der die Idee von News als Wegwerfartikel am konsequentesten umsetzt und gleich auch noch das fixfertige Entsorgungskonzept mitliefert? Für diesen Fall scheint “20 Minuten” am besten gerüstet: Eigens angestellte “20 Minuten”-Crews gehen einmal täglich durch alle Trams, sammeln die herumliegenden Zeitungen (auch Konkurrenzprodukte) ein und entsorgen sie im Altpapier-Container.

10. Juli 2007 von admin

Gefüllte Nischen

Online sei Zukunft, behaupten Marktforscher. Ein Blick in die Online-Zeitungen von drei Basler Journalisten. Von Pieter Poldervaart.

Fast alle Tageszeitungen sind heute im Netz. Meist ohne Entschädigung nutzen sie die Texte von Redaktion und Freien ein zweites Mal. Speziell fürs Internet bewirtschaftete News-Homepages hingegen sind hier zu Lande selten oder dann für ein enges KundInnensegment reserviert. Ein Beispiel ist www.cyber-journal.ch des Providers Agri.ch. Was vor zwei Jahren als wöchentlich aufdatiertes Je-ka-mi-Angebot startete, beschränkt sich heute auf die Themen Computer und Internet. Bruno Habegger, der vorübergehend im Mandatsverhältnis für das “Cyber-Journal” verantwortlich ist, sucht sich die Infos im Netz zusammen und wertet Newsletters aus. Recherchen liegen nicht drin. In Zukunft will man das Angebot jedoch ausbauen, sagt Agri.ch-Sprecherin Susanne Wild: “Der Entscheid fällt im Herbst.” Bei einem Ausbau würde vertieft über Informationstechnologie berichtet, bis hin zu eigenen Recherchen.
Einen thematisch breiteren Anspruch haben www.netzpress.ch und www.news.ch. Verantwortlich für beide Portale ist das Basler Duo Beat Alder und Peter Kleiber, zwei ehemalige “Blick”-Journalisten. Beide verliessen ihre letzten Arbeitgeber im Streit, nachdem sie im “Blick” (Alder) respektive “Birsigtal-Boten” (Kleiber) voreingenommen über die Baselbieter Justizaffäre, insbesondere über die Anschuldigungen einer Frau aus dem Milieu, berichtet hatten. Die Einnahmen der in Muttenz betreuten Sites stammen aus der Vermietung von Bannern und des “News”-Links auf anderen Portalen wie Sunrise oder Tiscalinet (ehemals Datacomm). Bei Letzterem werden die aktuellen News jede Viertelstunde überspielt, die letzten 25 Meldungen sind direkt abrufbar. Fürs Marketing verantwortlich ist B. A., wie seine Geschäftspartner eine schillernde Figur: Zusammen mit seinem Kumpan, dem Cosco-Chef Raffaele Klages, hatte er sich auf der Flucht vor der Justiz kurzzeitig in die Karibik abgesetzt. Gegen A. läuft ein Verfahren wegen Vermögensdelikten, das vom Besonderen Untersuchungsrichteramt in Liestal geleitet wird.
Tröstlich: Das Angebot der beiden Sites ist weit seriöser als ihr personelles Umfeld. Denn “Netzpress” wie “News” arbeiten kontinuierlich Stoff der Agenturen SDA und AP auf. Dazu kommen Kommuniqués der Kantonspolizeien, die oft im Wortlaut übernommen werden. “News” setzt den Schwerpunkt auf Inland und Internationales, “Netzpress” konzentriert sich auf das Geschehen in der Region Basel. Eigenleistungen sind selten oder dann von bescheidener Brisanz. Kleiber etwa war sich Ende Juli nicht zu schade, ins Basler Büezerquartier Kleinhüningen zu reisen und in Text und Bild zu rapportieren, wie die erste Coop-Filiale mit dem neuen Logo des Grossverteilers ausstaffiert wurde. “Exklusive Stories”, dieser Anspruch der Webzeitung bleibt eher Wunsch denn Wirklichkeit. Nachrichtenchef Peter Kleiber kann sich auch nach intensivem Nachdenken an keinen Primeur erinnern. Doch was nicht ist, soll noch werden: Der bisher einzige Reporter, ein langjähriger Mitarbeiter Lokales der “Basler Zeitung”, werde Kollegen erhalten, wenn es die Werbeeinnahmen zuliessen, betont Kleiber. Auch in anderen Regionen der Schweiz will das Journalistenduo aktiv werden und regionale Sites aufschalten.

Onlineverleger statt Lohnschreiber
Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der Basler Freie Peter Knechtli mit seiner Homepage www.onlinereports.ch: “Bei mir ist Eigenleistung das Markenzeichen.” Der 50-Jährige, der unter anderem für “Bilanz”, “SonntagsZeitung” und verschiedene Tageszeitungen arbeitet, setzt ausschliesslich selbst recherchierte Geschichten ins Netz. Im September 1997 liess er von einem externen Supporter die Site installieren, ein Jahr später ging das Online-Angebot definitiv in Betrieb. Neben Kürzestmeldungen, die Knechtli nicht direkt an Printprodukte verkauft, stehen die grösseren Recherchen gleichzeitig wie in der gedruckte Ausgabe. Ein zweites Honorar gibts dafür zwar nicht, trotzdem behagt Knechtli der Rollenwechsel vom Lohnschreiber zum Onlineverleger: “Ich erlebe derzeit die mit Abstand spannendste Zeit in meiner journalistischen Laufbahn.”
Denn die Texte stehen einem weit breiteren Publikum zur Lektüre offen, als wenn sie bloss gedruckt werden. Das kann auch Reaktionen auslösen, die einen Nachzieher möglich machen. Ideen für Geschichten gibt es weiter durch den elektronischen Briefkasten, mit dem Hinweise vertraulich weitergeleitet werden können. Über ein Drittel der Recherchen von “OnlineReports” haben ihre Wurzeln in solchen Tipps, die nicht selten aus der Kantonsverwaltung und vom mittleren Kader aus Chemiekonzernen stammen. “Finanziell nicht uninteressant” sind schliesslich die Einnahmen, die Knechtli mit dem Verkauf von Bannerwerbung macht. Sein Aufwand für den Unterhalt der Homepage sei jedenfalls gedeckt. Anderen freien Basler Medienschaffenden, die gelegentlich eine Geschichte oder ein Foto auf “OnlineReports” setzen lassen, kann Knechtli kein Honorar, doch eine gelegentliche Einladung zum Mittagessen bieten. Mehr Werbeeinnahmen könnten dies ändern. Kaum Resonanz hat hingegen das Angebot an Redaktionen, Geschichten ab Netz zu kaufen. “Offenbar wirken im Internet präsentierte Artikel verstaubt”, mutmasst Knechtli.

Wetter, Mord und Totschlag
Knechtlis täglich rund 1000 BesucherInnen, darunter immer wieder auch RedaktorInnen mit Ideenmangel, dokumentieren die Nachfrage für recherchierte Geschichten, selbst wenn diese schon Tage oder Wochen zurückliegen. Gross ist aber auch die Nachfrage nach aktuellen Nachrichten. Peter Kleiber von “Netzpress” erklärt, täglich bis zu 60’000 Zugriffe verbuchen zu können. Die Statistik zeige im übrigen, welche Themen besonders zum Klick verführten. An der Spitze liege die Wettervorhersage, gefolgt von Servicegeschichten, Tipps, Wettbewerben, Sex, Mord und Totschlag. Boulevard komme eben nicht nur bei der typischen “Blick”-Kundschaft an, folgert der ehemalige “Blick”-Journalist Kleiber, sondern auch bei jenen, die mehrheitlich www.news.ch anklicken: Büromenschen aus Banken, Versicherungen und Chemie.

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