10. Juli 2007 von Klartext

Die Silikon-Kollegen

Dem Publikum bringt die technische Fortentwicklung mehr Auswahl an Medienprodukten – den Redaktionen erkleckliche Mehrarbeit und ein stark erweitertes Anforderungsprofil für den Job am Bildschirm.

9075ff8f35bd53f5067c38568ff43afa“Gehören Information und Kommunikation
der Materie oder dem Bewusstsein an?”
Günther Klaus
(“Kybernetik in philosophischer Sicht”, 1965)

Der Journalist Karl Marx vertrat einst die Ansicht, es sei wichtiger zu verändern als zu interpretieren. Dass der Mann zu diesem Schluss kam, ist verständlich – angesichts der Produktionsmittel, die ihm seine “Rheinische Zeitung” bot. Heute besteht dagegen im Medien- und Informationsbereich ein Übermass an “Produktionsmitteln”, doch lässt die immer schneller fortschreitende Veränderung der Massenmedien durch Hochtechnologie eine Interpretation vermissen. Gefordert ist eine Kritik der Technologie und des Umgangs mit ihr.
Bisher befanden sich die Medienmacher in Bezug auf technische Neuerungen fast gänzlich in der passiven Rolle: Neue Produktionsmittel – wie etwa der vollintegrierte Zeitungsumbruch per Computer, die digitale Bildverarbeitung oder digitale Datenspeicher und -übetragungsnetze für Text, Bild und Ton – wurden von Firmen ausserhalb der Medienbranche entwickelt, die ursprünglich ganz andere Märkte im Visier hatten. Eigene technische Entwicklungen von Medienunternehmen blieben die Ausnahme und konnten sich nicht durchsetzen. So wurden beispielsweise die Agenturen “Associated Press” und “Keystone” mit ihren Eigenentwicklungen im Bereich der digitalen Bildverarbeitungsgeräte von einem amerikanischen Personalcomputer-Hersteller überrannt, dessen Computer heute in den meisten Redaktionen für Text und Grafik eingesetzt werden.
Bei der Informationsübertragung zeichnet sich nun, zumindest in den USA, eine Trendwende ab: Bei der Zusammenlegung von Telephon, Telefax, Fernsehen, Radio, Tele-Shopping, Datenverkehr und Personalcomputer auf dem gleichen digitalen Übertragungskanal – dem “highway of information” – sind Medienkonzerne ganz vorn mit dabei. Es geht auch um einen Markt mit geschätztem Umsatz von 160 Milliarden Franken pro Jahr allein in den USA. Die technische Leistungsfähigkeit der neuen Technologie erlaubt die Übermittlung gigantischer Datenmengen: “Damit kann man die Niagarafälle durch eine Wasserleitung fliessen lassen”, kommentiert Albrecht Ziemer, Technik-Chef beim ZDF.
Im Zuge der Vernetzung gibt es nun immer häufiger Kooperationen zwischen Medien- und Technologiekonzernen in diesem Bereich, so zwischen “Time Warner” und dem grössten US-Kabelnetzbetreiber TCI. “Time Warner” seinerseits ist mit dem grössten japanischen Videospielhersteller “Sega” liiert, während TCI mit der Telefongesellschaft “AT&T” und dem Elektronikkonzern “General Instruments” kooperiert, der widerum mit der Computerbranche (“Microsoft”, “Intel”) zusammenspannt. “Wir müssen auch mit der Technik vertraut sein, die uns zu unseren Kunden bringt”, begründet “Time Warner”-Chef Gerald Levin sein Milliarden-Dollar-Engagement in der High-Tech-Branche.
Der technologische Führungsanspruch des Konzerns gilt auch in der Printbranche. Das Publikum von “Time Magazine” etwa kann die Zeitschrift bereits einen Tag vor Erscheinen der Papier-Ausgabe per Computer beziehen, auf alte Nummern zugreifen und elektronisch mit der Redaktion debattieren. Andere US-Zeitungen bieten neben der Papierausgabe eine elektronische Version, in der Ergänzungen und Materialien, etwa der volle Wortlaut einer zitierten Rede, per Computer von den Leserinnen und Lesern abgerufen werden können. Zudem laufen in den USA mehrere regionale Pilotprojekte, bei denen das Publikum per Computer aus einen Stichwort- und “Abstract”-Katalog mehrerer “elektronischer” Zeitungen einzelne Artikel nach Interesse auswählen kann. Statt der Abonnementsgebühr für alle Titel entrichtet das Publikum Gebühren pro gelesenen Zeitungsartikel: das “Pay-per-read”-Prinzip.
Hinter ihren Anstrengungen zur Erschliessung neuer Märkte stehen – neben der Aussicht auf damit verbundene Milliarden-Profite – klare Vorstellungen der Medienmultis, wie das “interaktiv-mediale” Zeitalter der Kommunikationsgesellschaft dereinst aussehen soll.
Bei der “Inhouse”-Produktion der Information herrscht allerdings weiterhin das reaktive Prinzip: Was auf den Markt kommt, wird auch angewendet, vorausgesetzt, es zahlt sich in Einsparungen aus. Ob sich die neuen Technologien negativ auf die journalistische Arbeit oder den Inhalt des Produktes auswirken, wird kaum gefragt. Sind die Geräte einmal installiert, die dadurch wegrationalisierten Fachkräfte entlassen, die Redaktions- und Produktionsstruktur dem multifunktionalen Technopark angepasst, scheinen Diskussionen über dessen Sinn obsolet.
Unnötig schien diese Diskussion den betroffenen Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz schon, als die Einführung der neuen Produktionstechniken erst absehbar war: Die journalistischen Verbände wachten erst auf, als zahlreiche Redaktionen bereits umgerüstet waren. Zwar hat die “Schweizerische Journalistinnen- und Journalistenunion” (SJU) 1990 immerhin eine “Mustervereinbarung Neue Technologien” ausgearbeitet, nach der paritätische Betriebsgruppen die Einführung der Neuen Technologien begleiten sollten. Doch drückten sich die Verleger – so die SJU – bis heute erfolgreich vor einer Diskussion des Papiers.
Hatten zuerst kleine Zeitungen, wie etwa das “Thuner Tagblatt” oder die “Berner Tagwacht” die neue Technologie zur Rationalisierung und Effizienzsteigerung in Redaktion und Produktion genutzt, folgten bald die grossen, wie etwa der “Blick”, die “Weltwoche”, die “Luzerner Neuesten Nachrichten”, der “Beobachter” und die “Neue Zürcher Zeitung”. Heute gibt es wahrscheinlich keine Schweizer Redaktion mehr, die nicht für das neue Umbruch-Zeitalter hochgerüstet wurde oder zumindest entsprechende Pläne auf dem Tisch liegen hat. Merkmal der schönen neuen Redaktionswelt ist, dass ein und derselbe Computer, im Warenhaus erhältlich, als multifunktionales Superding sowohl als unterstützender “Kollege” wie auch als universelles Instrument für alle redaktionellen und produzierenden Arbeitsabschnitte fungiert: Texteingabe, Korrektur, Bildverarbeitung, Ganzseiten-Umbruch, Reprografie, Druckvorlagenherstellung. Zudem dient die gleiche Maschine auch als Volltext- und Bild-Archiv, als Info-Datenbank, empfängt, speichert und selektioniert Agenturmeldungen und -bilder, bringt Fotonegative ohne chemische Entwicklung als Positive direkt ins Blatt, produziert Grafiken auf Knopfdruck, “liest” Textmanuskripte ein – mit orthografischer Korrektur – und überwacht die Termine des Produktionsplanes. Dass man dieses Multitalent auch als Telefax, Telefon sowie für die Buchhaltung und Korrespondenz einsetzen kann, rundet das Bild eines idealen Redaktionsmitglieds ab, welches zudem höchstens aus technischen Gründen streikt, auch für Unbedarfte leicht zu “handhaben” ist und inzwischen gar das gesprochene Wort versteht.
Kein Wunder, werden die Journalistinnen und Journalisten, die den Silikon-Kollegen “beherrschen” sollen, mittlerweile von ihm selber beherrscht. Vor allem in kleineren Redaktionen mutieren sie zu hybriden Wesen. Neben ihrer eigentlichen journalistischen Arbeit müssen sie nun auch solche aus der Produktion ausführen, etwa Layout und Bildmontage. Bei vielen Zeitungen übernehmen die Redaktionsmitglieder im Turnus auch die Stellen der “Produzenten”. Das früher für diesen Bereich zuständige technische Personal wurde meist mit weniger qualifizierten Arbeiten beschäftigt. Denn der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der “Gewerkschaft Druck und Papier” verbietet die Übernahme technischer Arbeiten durch die Redaktion, wenn dies die Entlassung von GAV-Angestellten zur Folge hat. Der Vertrag läuft allerdings 1994 aus.
Im Printbereich haben aber die neuen Technologien auch tatsächliche Vorteile gebracht. So ermöglichen sie neben personellen Einsparungen auch Zeitvorteile: Ganzseitenumbruch, Bildredaktion und -montage finden am Bildschirm statt, Rasterung und Farbseparation erledigt der Computer automatisch, und die Druckplatten können ebenfalls direkt per Computer-Knopfdruck von der Redaktion hergestellt werden. Die Mettage-, Repro- und Lithografie-Abteilungen werden damit auf einen Schlag überflüssig. Dies ermöglich das Hinausschieben des Redaktionsschlusses um Stunden. Neuester Hit ist eine Nachrüstung bestehender Rotationsdruckmaschinen, die es erlaubt, im Computer erstellte Publikationen direkt aus der Redaktion mittels Funkenerosion auf die rotierenden Druckzylinder zu belichten. Dadurch sitzen alle Druckplatten des Mehrfarbensystems auf Anhieb passgenau – die sonst bis zu Stunden dauernde Einstellungsarbeit entfällt, und es werden pro Drucklauf Kilometer an Ausschusspapier eingespart.
Auch die Nachrichten- und Bildagenturen funktionieren heute völlig anders als noch vor kurzem. Seit zwei Jahren können ihre Texte direkt in die Redaktionscomputer geleitet werden. Ende dieses Jahres hat neben dem “Ticker” auch der klassische “Bildfax” ausgedient. Dann nämlich werden die Bilder und Grafiken fast aller grossen Bildagenturen nur noch digital und computerlesbar per Satellit in die Schweizer Redaktionen versandt, die sie mit einer eigenen Parabolantenne empfangen und direkt in den Computer einspeisen können, mit dem auch die Auswahl, das Beschneiden, die Retouche, die Farbkorrektur und die Blattmontage der Bilder erfolgt. Papierausdrucke, die der Computer automatisch erstellt, dienen nur noch der Übersicht und Auswahl. Die empfangenen Bilder wandern nach Gebrauch in elektronische Archivsysteme, deren Speicherkapazität heute bei einigen Millionen Bildern liegt. Digitalisierte Bilder können zudem – der Redaktionssklave macht’s möglich – beliebig verändert, kombiniert und in vorher unvorstellbarer Perfektion manipuliert werden, wozu nur wenige Kenntnisse der Bildverarbeitung am Computer nötig sind.
Die technologischen Neuerungen bringen den Verlagen massive Einsparungen, wogegen sich die Anschaffungskosten geradezu lächerlich ausnehmen. Kleinen und Kleinst-Zeitungen erleichtert der “Umbruch im Umbruch” den Überlebenskampf.
Für die journalistische Arbeit bringt er allerdings wenig Positives. Im Gegenteil: Um eine Stelle zu finden, müssen Journalistinnen und Journalisten immer häufiger Kenntnisse im Umgang mit der neuen Computertechnologie vorweisen. Die nicht-journalistischen Arbeiten bei der Produktion oder Produktionsvorbereitung gehen ihnen an der Zeit zum Schreiben und Recherchieren ihrer Artikel ab, ohne dass dies durch mehr Redaktionsstellen kompensiert wird. Die Veränderbarkeit des Produkts bis kurz vor Drucklegung führt dazu, dass Beiträge, dem Imperativ “Aktualität” folgend, “in letzter Minute”, vermehrt ohne Recherche und redaktionelle Diskussion, eingerückt werden. Nicht zuletzt hat die Multifunktionalität der neuen Technologien auch dazu geführt, dass viele Verlage ihren Blättern grafisch verspielte “Outfits” verpasst haben, die sich, wie etwa die “neuen” “Luzerner Neusten Nachrichten”, an die ornamentale Ästhetik der TV-Sender anlehnen, um sich mit grafischem Firlefanz dem Auge des TV-Publikums einzuschmeicheln.
Und angesichts des Verlangens der Verlage nach Perfektion ist es nicht verwunderlich, dass die Redaktionsmitglieder mancher Zeitung weit häufiger technische als journalistische Fortbildungskurse besuchen.

10. Juli 2007 von Klartext

Zeigen, zeigen, nur nicht denken

Christian Wymann über die Ausdünnung der Information in der “Informationsgesellschaft”

Wir leben in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das auf die bedingungslose Verfügbarkeit von Information setzt. Der Bedarf an Nachrichten ist grenzenlos. Sie zu beschaffen und zu vermitteln, ist das Geschäft der gedruckten und gesendeten Massenmedien. Doch die Art und Weise, wie sie die gefragte Ware Information verwerten, führt den kommunikativen Anspruch der “Informationsgesellschaft” mehr und mehr ins Absurde.

Die verpasste Chance des technologischen Fortschritts. Wegen der teils realen, teils erträumten Aussichten auf Profit ist der Medienbranche in den letzten fünfundzwanzig Jahren immenses Kapital zugeflossen. Investiert wurde vor allem in die neusten Technologien. Ihr Einsatz versprach, das Produkt rasch nach äusserlichen Kriterien zu verbessern, stellte also einen sofortigen Konkurrenzvorteil dank schnellerer, umfangreicherer und präziser reproduzierter Nachrichten in Aussicht.
Als Folge steht den Menschen in den reichen Industrieländern heute ein unüberschaubares Medienangebot zur Verfügung. Die Annahme, sie seien deswegen auch so gut informiert wie noch nie, ist allerdings weit entfernt von der Wirklichkeit. Wer so denkt, vergisst, dass die Leistung der Medien auch an inhaltlichen Kriterien zu messen ist.
Denn der technologische Fortschritt hat bisher den quantitativen, weniger aber den qualitativen Output der Medien positiv beeinflusst. Dies liegt vor allem in der einseitigen Verwendung des Produktivitätsgewinnes. Die Zeitersparnis ist beispielsweise eines der wichtigsten Argumente bei der Einführung neuer Technologien. Signale, Daten, Texte und Bilder können seit der Computerisierung der Redaktionen als direkte Einspeisung sofort in die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten einfliessen. Die inhaltliche Prüfung dieser Nachrichten wird aber nicht im selben Mass intensiviert – sie stünde dem “On-line”-Prinzip in der Tat grundsätzlich entgegen. Während so immer breitere Zuflussrohre für die heranstürmende Flut von Nachrichten gelegt werden, denkt kaum jemand auch daran, zusätzliche Schleusen und Filter einzubauen. Der Beschaffung, und nicht der Verarbeitung der News gilt die Aufmerksamkeit. Der erfolgreiche Fernsehkanal CNN – eine zum Medium ausgewachsene Bilderagentur – ist ein augenfälliges Beispiel für diese Entwicklung.
Dass die gewonnene Produktivität nicht in die Vertiefung der journalistischen Verarbeitung, sondern in weitere Technologien zur Steigerung des Nachrichtenflusses reinvestiert wird, ist eine Erklärung dafür, dass wir oft über mehr Informationen verfügen – und schlechter informiert sind.

Die offene Falle des kurzsichtigen Verwertungsdenkens. Ein anderer Grund für die Sinnentleerung der Information liegt in der zunehmenden Ökonomisierung des journalistischen Denkens. Auf der einen Seite hat der Einsatz des Computers es möglich gemacht, die journalistische Arbeit äusserlichen Kriterien genauer Messbarkeit und Berechenbarkeit zu unterwerfen. Auf der anderen Seite weisen die verfeinerten Techniken der Marktforschung den Medien einen angeblich so klaren Weg zum Publikum wie noch nie. Beide Entwicklungen verführen zum Glauben, journalistische Arbeit sei an sich mess- und damit optimierbar. Als Folge breitet sich – zumal in der Rezession und im härter werdenden Konkurrenzkampf zwischen den Medien – eine kurzsichtige Verwertungsmentalität in den Köpfen vieler Medienschaffenden aus: Gut finden sie einen Beitrag dann, wenn er beim imaginierten Publikum den imaginierten Erfolg verspricht, wenn sie also glauben, zwei pseudo-ökonomische Phantomgrössen zur Deckung bringen zu können. Vermehrt werden daher Informationen gedruckt oder gesendet, die billig zu haben sind und gleichzeitig die Position des Mediums am Rezipienten- und am Werbemarkt zu stärken versprechen. Verdrängt wird dabei das einzige belegbare journalistische Interesse – das der Journalistinnen und Journalisten selber.

Das billige Rezept der Inszenierung von Realität. Viele Medienschaffende reagieren auf die zunehmende Informationsfülle, indem sie sich – auf der naiven Suche nach der Wirklichkeit – auf die Inszenierung von Realität verlegen. Das gilt heutzutage als zeitgeistgemässer Journalismus.
Denn gerade Medien, die sich als “innovativ” begreifen, behaupten heute, der Wirklichkeit besonders nahe zu kommen. “Reality” heisst der Marktruf – nicht nur beim Fernsehen. Abbildung in Echtzeit oder physische Nähe wird dabei mit Wirklichkeitsnähe, mithin mit Echtheit, verwechselt. Als echt gelten die Tränen der Braut in der RTL-“Traumhochzeit”, der ernste Blick des “10 vor 10”-Reporters auf dem Moskauer Hotelbalkon und das Lächeln des Bundesrates auf dem Töff des “Schweizer Illustrierte”-Reporters. Offensichtlich sind aber gerade Beiträge wie diese in hohem Masse für die Zwecke des Mediums inszeniert: Wer also scheinbar “näher heran” geht, entfernt sich eigentlich von den Gegenständen, von denen zu berichten er oder sie vorgibt.
Nur das Bewusstsein dafür – aus der grundsätzlichen Erkenntnis, dass es keine objektive Abbildung von Wirklichkeit gibt – könnte den Erfolg der Inszenierungs-Medien stoppen. Wer nämlich solches bedenkt, bewahrt sich möglicherweise eine kritische Distanz zu ihnen. Diese verhindert nach dem eindimensionalen Marketingdenken die “Leser”-, “Hörer-” oder “Zuschauernähe”, mit der sie sich auf dem Werbemarkt profilieren, sie stört ihr Geschäft: das Publikum mit der behaupteten “Realitätsnähe” ködern, um sich darauf mit der behaupteten “Publikumsnähe” die Werbung – oder im Falle der SRG die Gebühren – zu sichern.
Im Dienste dieser “Publikumsnähe” stehen auch die zunehmend engeren formalen Vorgaben, denen sich die Inhalte anzupassen haben. Starre Gefässe oder aufwendige grafische Design-Konzepte bei Zeitungen und Fernsehkanälen, aber auch massiv reduzierte Textumfänge in den Printmedien und die zunehmend knapper bemessene Höchstdauer von Ton- und Bildbeiträgen in den elektronischen Medien sollen die Darbietungen konsumabel erscheinen lassen. Zudem fliesst in die Verpackung der Nachrichten viel Energie, die für die Analyse fehlt, weil vielen Medien ihr Gesicht wichtiger als ihr Charakter geworden ist.

Die fatale Folge der inhaltlichen Anspruchslosigkeit. Es ist nicht einfach so, dass für die Inszenierung von Realität Information durch Unterhaltung ersetzt wird – jeder Information kommt ein gewisser Unterhaltungswert zu. Aber die Information wird – entsprechend dem vermuteten Bedürfnis des Medienpublikums – nur noch nach ihrem Unterhaltungswert ausgewählt. Der Preis dafür ist der Verzicht auf inhaltliche Relevanzkriterien.
Auch darum wird den Medienkonsumentinnen und -konsumenten in der “Informationsgesellschaft” zwar immer mehr, aber immer öfter eine ausgedünnte Information serviert. Die Folge: Wir erfahren alles, aber wir bekommen nichts mehr mit – nur noch die Realität der Zeichen, aber nicht mehr die Zeichen der Realität.

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