9. Juli 2007 von Klartext

Kopf um die Schere

Von Jürg Jegge

Max (jawohl, der vom Impressum) sitzt jeweils am Morgen kaffeetrinkend in der “Brasserie Bärengraben”. Liest den “Bund” und die “Berner Zeitung” ganz sorgfältig, Seite für Seite. Um auf seinen Adrenalinspiegel zu kommen. Er freut sich an besonders gelungenen Titeln, besonders originellen Problemstellungen. Wenn ich in Bern bin, sitze ich neben ihm und lese auch. Er den B und ich die BZ sowie umgekehrt. Ich bin schneller fertig, weil ich den Sportteil nicht lese. Dafür esse ich ein Gipfeli mehr. Was nur schon der 19. Oktober bringt. “Das Augenmerk wieder auf die Golfkrise lenken”, “Frauen erklären dem AHV-Paket den Krieg”, “Frauenwelt: Krabbenkorb statt Hackordnung”, “Köpfe der Perestroika kommen aus der West-ukraine”, ganz abgesehen von der dräuenden Frage “Dürfen Jugendliche spät nach Hause kommen?” mit der unerwarteten Antwort “Man muss halt miteinander reden”. Für mich ist so etwas wie “Alka-Seltzer”: Es tut gut zu merken, dass anderen der Kopf auch brummt.
Mäni (jawohl, der vom Märtplatz) beginnt den Tag mit einem Anzeiger. So lässt man ihn in Ruhe, er wird weder angeredet noch zu Antworten gezwungen. Seine Stifte sitzen neben ihm und gieren ebenfalls nach dem “Tagi”. Sie studieren zuerst das Fernsehprogramm, dann drehen sie bis zur Kehrseite um. Und dann schauen sie sich mit feuchten Augen die Auto-Occasions-Inserate an. Wenn ich Zeit habe, sitze ich dabei, raufe ebenfalls um ein paar Blätter und rette die Hintergrund-Seite aus dem Kaffee, mit dem täglich neuen Vorsatz, sie doch einmal in Ruhe zu lesen.

Die Zeitung, ein Mediment, einzunehmen täglich (oder dreimal wöchentlich), morgens, mit etwas Flüssigkeit. Information? Ja, wohl auch. Nur, was heisst das? Wenn, wie an diesem 19. Oktober, die Erziehungsdirektorenkonferenz einen Bericht zur schulischen Lage der Nation vorgestellt hat, so habe ich je nach Zeitung den Eindruck, da sei ein weiterer Staubfänger für die zuständigen Amtsschubladen produziert worden, oder ich bin der freudigen Erwartung, die Schule, die sich ja seit der Barockzeit nur unwesentlich verändert hat, werde ab 20. Oktober ein völlig anderes Gesicht kriegen. Es wird halt drauf ankommen, wie oft der bearbeitende Redaktor schon solche direktorialen Berichte publiziert hat.
Neben diesen, den Kaffee-Medimenten, gibt’s auch andere. Der “Blick” beispielsweise ist ein Beizen-Mediment. Wenn’s mich irgendwo in eines dieser Lokale (jawohl, die mit Schnitzel, Pommes frites und Eichenfurnier) verschlägt, und es gibt ein paar davon in unserer Gegend, lese ich ihn (jawohl, auch den vom 19. Oktober). “Beim Jass verletzt: Krankenkasse muss zahlen”, “Chauffeure immer nervöser: Schlägereien mit Carabinieri”, “Die Unersättlichen von Hollywood: Frankie-Boy stets Hahn im Korb”, “Braucht es die SRG-Generaldirektion?”, “Golfkrise, Bankkrise”, “Saddam Hussein offeriert Billig-Öl: Preisstürze”, “Vergewaltiger ging besonders brutal vor: 9 Jahre Zuchthaus” allein schon auf der Titelseite. Das macht mich tolerant gegenüber Menschen, die am Stammtisch sitzen und über andere herfallen. Die tägliche Kost belastet den Stoffwechsel.
Der “Blick”, beziehungsweise sein täglicher Aushang, unterliegt übrigens der strengen Zensur durch unsere Dorfpapeteristin. Die hängt von den beiden ausgelieferten Exemplaren nur das jugendfreie vor die Tür, und Gewalt, Mord und Totschlag sind bei ihr nicht jugendfrei. “Ich will nicht, dass die Kinder auf dem Schulweg so etwas lesen”, sagt sie. So müssen die Kindlein halt warten, bis sie zuhause sind.
Ich erhalte auch Güsel-Medimente zugestellt, solche, die ich nicht bestellt habe, Gratisanzeiger zum Beispiel oder die Grossauflagen der Lokalzeitungen. Das freut vor allem die Pfadfinder, die machen jeweils Altpapiersammlungen. Doch empfiehlt es sich, die Zeitungen vor dem Wegschmeissen rasch durchzublättern. Ich jedenfalls habe auf diese Weise meinen Lieblingstitel entdeckt: “Bezirks-Veteranenschiessen: Veteranen treffen sich wieder”.

Hin und wieder fahre ich nach Bern, oder zurück, manchmal auch mit dem Zug. Mein Eisenbahn-Mediment: die “Weltwoche”, die hat schön lange Artikel und passt ausserdem in den Intercity-Zug. Man kann daraus ersehen, dass ich zweite Klasse fahre, in der ersten dominiert – ja, was denn? Erraten.
Am Bahnhof und in der Stadtbeiz wird mir, als En-passant-Mediment, die “WoZ” angeboten. Sie vermittelt gleich zwei angenehme Gefühle für denselben Kaufpreis: das Gefühl, Informationen zu besitzen über die Korruptheit der Mächtigen, und das der Solidarität mit den Verdammten dieser Erde.
Beim Arzt liegt als Wartezimmer-Mediment der “Beobachter” auf, würdig und gerecht wie der Doktor selber. Und beim Coiffeur die “Schweizer Illustrierte”. Ich nehme sie, wenn sie nicht gerade unter einer Haube ist, mit auf den Stuhl. Während der Coiffeur mich bearbeitet und belabert, habe ich Musse, sie durchzublättern. Sie ist ein ideales Coiffeurstuhl-Mediment, die Fortsetzung des Friseurgesprächs mit anderen Mitteln. Ein kleiner Schuss Kindergarten ist allerdings dabei. Da werden Rosen und Kakteen verteilt und Rätsel aufgegeben. Schliesslich schreckt mich der Coiffeur aus meiner Lektüre mit der Frage, ob wir (jawohl, wir) noch die Augenbräueli stutzen wollen. Offenbar soll ich aussehen wie fürs Titelbild, denn er hat auch etwas gegen die Härli in der Nase. Auf meinen Vorschlag, uns auch noch die Zehennägeli zu schneiden und das Fudi zu sälbelen, geht er nicht ein, er lacht nur, als sei er es, der fürs Titelbild posiert.

Ja, und manchmal fahr’ ich Auto. Da gibt’s das Radio, für den Stau. Zur Vorwarnung empfiehlt sich “DRS 1”, auch für den Fall, dass man wissen möchte, wie lang der Stau ist, in dem man bereits steckt. Steckt man drin und ist er lang, empfehle ich “DRS 2”. Solang’s das noch gibt. Das dritte Programm ist das Aufpasser-Mediment, das hält die erwachsenden Kindlein mit Allotria bei Arbeitslaune.
Städte haben, wie einst Maienfeld den Geissenpeter, oft auch lokale Aufpasser. Die bieten einen zusätzlichen Service: Man erfährt, wo das in (dank dem Radio) munterer Arbeit erworbene Geld auch wieder verjuxt werden kann. So werden die Unterhalter unterhalten. Unterscheiden tun sich diese Aufpasser-Medimente ungefähr wie die selbstgemachten Hustensäfte verschiedener Apotheker, nämlich vorwiegend nicht.
Am Abend übernimmt dann der Fernseher. Ich habe keinen mehr, meinen kriegte vor Jahren einer unserer Märtplätzler, und dem hat die Katze draufgebrunzt, das gab Kurzschluss. Aber sonst ist da jeweils lang nicht Schluss, es herrscht ohne Polizeistunde buntes Treiben in allen Kanälen. Der Medien-Wissenschaftler unterscheidet zwischen Einschlaf-Mix und Wachbleib-Wix, alles natürlich mit Konservierungsmöglichkeiten, so dass man sich im Falle von Leutschenbach verordneter ernster Kunst ans Eingemachte halten kann.

Nein, ich vermisse den Fernseher nicht. Wenn die Tage kürzer werden und der Wind ums Haus pfeift, zünd’ ich mir abends gern ein knisternd’ Feuerchen an im Kamin und nehm’ ein beschaulich’ Buch zur Hand. Oder ich sinn’ über den Lauf der Welt und ihrer Dinge nach:
Früher, anno Aberglauben, da hatten die Menschen zwei Quellen, an denen sie ihr Bedürfnis nach Beschaulichkeit, nach Wissen sowie Neugierde und Schadenfreude befriedigen konnten: die Bibel und den Tratsch. Das war eine etwas löcherige Angelegenheit, und daher mussten der Pfarrer und der Zehntenvogt von Zeit zu Zeit nachschauen gehen, ob sich die Leute auch brav befriedigten.
Heute, nach gehabter Aufklärung und Mündigwerdung unser aller, gibt’s einen ganzen Medimentenschrank, damit die Mühseligen und Verladenen nicht auf den Entzug kommen: Kaffee-, Beizen-, Bahn-, Auto-, Wartezimmer-, Undsoweiter-Medimente. Wobei die Dosierung ständig zunimmt. Wenn in der Zeitung ein langer Artikel erscheint, weil der Schreiber einen etwas komplizierten Sachverhalt vorträgt, ist das langweilig. Wenn im Radio 3 oder Lokal länger als vier Minuten geredet wird, weil einer gottbhüetis einen Gedanken äussert, braucht’s sofort Musik (jawohl, auch eine Art Schere im Kopf: “Es macht schnapp, und s Band is ap”). Wenn im Fernsehen einer eine Weile nichts sagt, sondern erst nachdenkt, bevor er losredet, reisst das ein Loch ins Programm. Und sogar, wenn ich mit der Redaktion von “Leben und Glauben” telefoniere und ein wenig warten muss, weil die grad eine Redaktorin suchen müssen, klimpert mir ein lieblicher Computersong ins Ohr; Text: “Gell, du kannst bereits nicht mehr zwei Minuten so unterhaltungsfrei am Telefon hängen, du Tubel.” Es ist der grosse Bruder immer bei mir und lässt mir austeilen aus der Fülle seiner Wundertüte Bild für Bild, Ton für Ton, Satz für Satz, Häppchen für Häppchen.

So löste sich alles in angenehmstem Kulturpessimismus auf, wäre da nicht eine offenbare Besonderheit der Medienlandschaft Schweiz: Zeitungen, Radio und Fernsehen sind nämlich links unterwandert. Ich weiss das aus der langjährigen Lektüre des grünblättrigen “Medien-Panoptikums”, aus den Verlautbarungen diverser Ubis et Obis. Trotz seiner historischen Niederlage im Osten hat der Marxis-mus Zuflucht gefunden in den Redaktionsstuben schweizerischer Medien, in den Oberstübchen helvetischer Intellektueller. Es ist offenbar so, dass sich die meisten Journalisten, trotz Medimentfunktion, trotz Schere im Kopf, doch nicht als Hofberichterstatter eignen. Weil eben um diese Schere herum ein Kopf ist. Was die diversen Obis, es müssen mehrere grosse Brüder sein, und was für Brüder, ungeheuer aufregt. Und das lässt hoffen.

Der Lehrer und Autor Jürg Jegge (“Dummheit ist lernbar”) leitet seit 1985 die Berufsbildungsstätte “Märtplatz” im Zürcher Unterland.

9. Juli 2007 von Klartext

Lust auf Zeitungen?

Von Hansjörg Schneider

Im Jahre 1966 habe ich ein halbes Jahr als Lehrling auf der Redaktion der “Basler Nachrichten” gearbeitet. Dass es die BN war, war Zufall. Ich hatte damals fertig studiert, und ich habe an mehrere Zeitungen geschrieben, ob sie einen jungen Germanisten gebrauchen könnten. Die einzige, die sich meldete, war die BN.
Jenes halbe Jahr kommt mir in meiner Erinnerung idyllisch vor. Ich wurde zuerst in einer Schnellbleiche durch alle Ressorts geschleppt und landete dann auf der Depeschenredaktion. Das war der Raum mit den grossen Tischen, wo nebenan vier Fernschreiber ratterten. Hier wurden die erste und die letzte Seite redigiert und die bestellten, dringenden Berichte entgegengenommen. Wir waren ein Team von vier oder fünf jungen Männern, und uns allen gefiel es, mit der Schere herumzuschnipseln und Papierfahnen aneinanderzukleben.
Wir machten damals zwei Zeitungen pro Tag, ein Morgenblatt und ein Abendblatt. Eine Meldung, die am Abend hereinkam, stand am andern Morgen bereits in der Zeitung. So schnell ging das. Wir waren stolz auf Schnelligkeit.

Ein Stress war es nicht, im Gegenteil, es war gemütlich auf dieser Redaktion. Man kam gegen neun, man holte am Automaten einen Kaffee. Wenn Montag, Mittwoch oder Freitag war, machte man sich auf die Suche nach dem “Sport”, aber der war meistens schon besetzt. Also las man gründlich das eigene Blatt und anschliessend die Konkurrenz. Das gehörte zur Aufgabe, man musste sich informieren. Um zehn machte man sich an die Arbeit, riss das betickerte Papier aus dem Fernschreiber, verglich die Meldungen der verschiedenen Agenturen, schnipselte, klebte zusammen, redigierte und titelte. Das war eine schöne, sinnliche Arbeit, die mit Intelligenz, Sprache und Papier zu tun hatte, und wenn es pressierte, fanden wir es spannend.
Später dann, nach dem Mittagessen, das man in einer Beiz nebenan mit andern Lohnabhängigen eingenommen hatte, döste man in der Redaktion eine halbe Stunde vor sich hin, in den Ohren das beruhigende Fernschreibergeticker. Dann ermannte man sich und versuchte, eine der grossen ausländischen Zeitungen aufzutreiben, die irgendwo herumlagen.
Gegen Abend, wenn das nachmittägliche Schnipseln, Kleistern und Redigieren vorbei war, fuhr man mit dem Lift hinunter in die Setzerei, um den Umbruch zu machen. Der Setzer war bereit und hob mit kräftigem Arm den “Schiff” genannten Rahmen, in den die gegossenen Bleilettern eingespannt waren, auf den Tisch. Er zeigte einem die Schwierigkeiten der Anordnung und wie er sie gelöst hatte, man diskutierte kurz darüber, dann ging die Seite in den Druck.
Diese Setzer waren erstklassige Berufsleute. Mit ihnen zu reden, machte mich stolz. Die ganze Setzerei war eine Manufaktur fast mittelalterlichen Zuschnitts. Wo man hinschaute, sah man gutes, festes, sauberes Material, dessen Zweckdienlichkeit sofort ersichtlich war.
Ich musste schon nach wenigen Wochen die Depeschenredaktion mehrmals allein besorgen. Das heisst, ich bestimmte ohne Aufsicht, was auf der ersten und der letzten Seite zu lesen war. Ich hatte nur einmal Schwierigkeiten. Ich pflanzte nämlich eine Agenturmeldung, in der die Schadstoffe der bekanntesten Zigarettenmarken angegeben waren, gross auf die letzte Seite. Am andern Morgen kam der Wirtschaftsredaktor angerannt. Das gebe Stunk mit den Zigarettenherstellern, fluchte er.
Das war vor 24 Jahren.

Ich bin jetzt seit fast zwei Jahrzehnten freier Schriftsteller.
Das heisst, ich arbeite fast immer für mich allein. Ich muss nicht mehr kurz vor neun am Arbeitsplatz auftauchen, den “Sport” muss ich mir selber kaufen und bekomme die Zeit, in der ich ihn lese, nicht bezahlt, um Mittag hocke ich nicht zusammen mit andern Lohnabhängigen in einer Beiz, sondern ich koche mir zuhause eine Suppe. Mit Setzern rede ich nicht mehr, ich sehe keine.
Aber noch immer sitze ich jeden Morgen um neun im Café “Feli’s” in der Nähe meiner Wohnung und lese die “Basler Zeitung”. Ein Bekannter von mir (er ist Sportredaktor) ist jeweils auch dort und hat den “Tagi” bei sich. Den leiht er mir aus.
Würde ich nur eine einzige Zeitung lesen, hätte ich das Gefühl, nicht richtig informiert zu sein. Zeitung lesen ist Kommunikation. Wenn ich eine Zeitung lese, nehme ich teil, auch wenn das Objekt meiner Teilnahme mich im Grunde fast nichts angeht. Wenn man liest, nimmt man immer teil, sonst hört man auf zu lesen.
Ich freue mich auf den Donnerstag, weil dann die “Weltwoche” erscheint. Am Freitag kaufe ich die “WoZ”. Am Sonntag morgen lese ich, wenn’s geht, in der “Kunsthalle” die NZZ.
Paris ist u. a. auch deshalb eine wunderschöne Stadt, weil dort “Le Monde” erscheint. Rom ist schön wegen “La Repubblica”, Wien wegen der “Presse”, Frankfurt wegen der “Frankfurter Rundschau”.
Ich sitze gern in einem Café mit einer offenen Zeitung in der Hand. Ich finde, das ist der wahre Luxus. Eine Zeitung raschelt so schön, wenn man sie umblättert. Sie riecht nach Information und Druckerei. Man kann sie lesen, muss aber nicht. Das ist ein Stück Freiheit.
Man kann sie wegwerfen, wenn man will. Man kann sie aber auch aufbewahren und bei der Altpapiersammlung vor die Tür legen. Man kann daraus Schiffchen und Dreispitzhüte falten (das machten wir früher), man kann sie zu Toilettenpapier schneiden (das machte meine Tante).
Das alles ist so wunderschön altmodisch.

Eine gute Zeitung ist heute offenbar ein Anachronismus. In Basel zum Beispiel sind noch vor einigen Jahren täglich vier grosse Zeitungen erschienen: die Morgen- und die Abendausgaben der “Basler Nachrichten” und der “National-Zeitung”. Jetzt gibt es pro Tag noch eine: die “Basler Zeitung”. In ihr steht das, was auch in der “Berner Zeitung”, in der LNN und im “Tages-Anzeiger” steht: ausgewogene, gefilterte Schonkost.
Ich weiss, es gibt wirtschaftliche Notwendigkeiten, Strukturprobleme, Sachzwänge. Die technische Produktion von Zeitungen musste automatisiert werden. Gleichzeitig wurden auch die Redaktionen automatisiert. Der Inserent bestimmt den Inhalt. Das wurde von oben nach unten durchstrukturiert. Es muss ein wirtschaftsfreundliches Umfeld herrschen, sonst kann die Zeitung wirtschaftlich nicht mehr existieren.
Wir haben in den letzten Jahren mehrmals miterlebt, wie vormals charaktervolle Redaktionen plötzlich in die Knie sanken. Ein Chefredaktor war von heute auf morgen nicht mehr Chefredaktor, sondern nur noch ein machtloses Häufchen Elend. Bestandene, mutige Schreiberinnen und Schreiber konnten in ihrem Blatt, von dem sie ihren Lohn bezogen, plötzlich nicht mehr publizieren, was sie geschrieben hatten.
Auf den Redaktionen haben sich Phantasie- und Mutlosigkeit breitgemacht. Das will zwar niemand so richtig zugeben. Wer gibt schon gerne zu, dass er sich einem Zwang hat beugen müssen? Aber die Angst ist da und herrscht, auch wenn sie verinnerlicht ist.
Mit Angst im Nacken kann aber niemand eine gute Zeitung machen.

Ich bin von dieser Entwicklung persönlich betroffen als Leser. Was ich nämlich morgens um neun im Café “Feli’s” in Händen halte, ist nicht mehr der wahre Luxus. (Ich meine damit den in der Schweiz selbstverständlichen Luxus der freien Schreibe.)
Die Zeitung raschelt nicht mehr so schön, sie riecht abgestanden, man kann sie zwar lesen, wenn man will, aber ich will plötzlich nicht mehr.

Der Buchautor und Stückeschreiber Hansjörg Schneider (“Sennentuntschi”) lebt in Basel. Sein letzter Roman, “Der Wels”, erschien 1988.

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Ausgabe: 5 | 2018

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