9. Juli 2007 von Klartext

“Mit grenzenloser Phantasie”

“Erfinden Sie unabhängig von der technischen oder finanziellen Realisierbarkeit ein Medienprodukt, das es noch nicht gibt und für das Sie am liebsten schreiben oder in dem Sie gerne werben möchten”, wagte KLARTEXT neun prominente Journalisten und elf bekannte Werber aufzufordern. Ergebnis: Fünf Werbern und – peinlich genug – nur einem Journalisten fiel zum Thema Traummedium etwas ein.

Mein Traummedium ist nicht das zweite Schweizer Fernsehen, sondern gleich zwei neue. Weil das erste keinem zweiten das Leben ermöglicht und weil es schon allein kein medienwürdiges Dasein fristet.
Die Grundidee ist einfach: Die zwei Kanäle richten ihre Programmierung flexibel aufeinander aus; hat der eine ein Mehrheitenprogramm (Sport, Spielfilm, Serie), bringt der andere ein Minderheitenprogramm (Spezialmagazin, Zielgruppensendungen, Oper etc.). Wichtig: ohne starre Aufteilung wie beim Radio “DRS 1/2/3”. Schliesslich gibt es keine Minder- oder Mehrheitenprogramm-Fernsehzuschauer, sondern Leute, die sich wechselnde Bedürfnisse zu wechselnden Zeiten erfüllen wollen. Täglich unterschiedlich würden kürzere oder längere Regionalfenster (bis hin zur Samstagabendshow) das vertraute Heimatgefühl absichern.
Diese Programmierung ermöglicht eine maximale Reichweite innerhalb Schweizer Kanälen, auch für die Werbung. Diese wäre nur für beide Kanäle kombiniert zu buchen oder aber in den Regionalfenstern, dafür aber flexibel im Tages- und Sendeablauf.
Redaktionell müsste eine weit nationalere Zusammenarbeit entstehen als heute. Sprachregional werden nur noch die regionalen Info-Sendungen und Kultur- und Unterhaltungsbeiträge für die definierten regionalen Fenster erarbeitet. Technisch ist die Verbreitung von zwei nationalen TV-Programmen in drei Sprachen bereits möglich: Kanal 1 sendet mit zweisprachigem Ton (analog “Sportkette”), Kanal 2 zweisprachig mit Stereo-Option.
Die nationale Info-Redaktion und der Synchronisierdienst für gegenseitige bzw. von aussen übernommene Beiträge sitzt für alle Regionen an einem Ort. Der Einkauf von Sport, Spielfilmen und Serien wird zentral gemacht.
Urs Eberhardt, Zürich
Werbeagentur “CASH RSCG AG”

Man nehme die spanische Tageszeitung “El Pais” und den französischen “Le Monde” und forme daraus: eine Zeitung, die mit einem Team von Roving-Reportern rasch und gründlich an die Brennpunkte im Ausland und zu den heissen Themen im Inland ausschwärmen kann, die gleichzeitig aber die gründliche Analyse liefert. Man nehme “Die Zeit” und den britischen “Observer” und mache daraus eine Wochenzeitung: gründlich in der Analyse, aber lesbar und nicht schulmeisternd. Man nehme das Fernsehprogramm der britischen BBC und kleide es in die Form der französischen “Antenne 2”: So baut man ein ideales Fernsehprogramm. Und man nehme schliesslich nochmals die BBC, und zwar den “Radio World Service” dieses Senders – und lasse ihn völlig unverändert, weil er in keiner Weise verbesserungsbedürftig ist.
Man kann’s auch einfacher sagen: Im Medienbereich ist alles Gute längst erfunden, aber entweder fehlt es bei einem Produkt am inhaltlichen Feinschliff oder an der Form, beim einen an der Lesbarkeit und beim anderen an der Analyse. Mit der Fusion würde man meistens ein Idealprodukt kreieren.
Erich Gysling, Zürich
“Schweizer Fernsehen” (“Rundschau”)

Eine Sportzeitung. Aber eine, in der Peter Rüedi über die grossen Rad-Classiques schreibt. Und Peter Bichsel über das Cupspiel Grenchen-Xamax. Und Friedrich Dürrenmatt über die Lauberhornabfahrt. Dieter Bachmann über das Brünig-Schwingen. Hansjörg Schneider über das Handball-Derby ATV-RTV. Und Reinhardt Stumm über den Weltmeisterschaftskampf im Schwergewichtsboxen.
Ich könnte zum Beispiel über den Dreistellungsmatch im Kleinkaliber-Schiessen.
Robert Stalder, Basel
Robert Stalder Werbeagentur

Ich möchte keine neue Medien erfinden. Ich möchte vielmehr einem bestehenden, umstrittenen unter die Arme greifen.
Dem “Schweizer Fernsehen” möchte ich mit einem völlig neuen Sponsoring-Konzept zu neuer Attraktivität verhelfen. Und zwar so: Sprecher, Moderatoren und alle, die am TV auftreten und sich als bedeutend einstufen, werden in Zukunft von der Privatwirtschaft gesponsert. Resultat: Das “Schweizer Fernsehen” wird zum Zielgruppen-Medium. Saläre der Moderatoren, Sprecher etc. werden eingespart. Die Finanzmisere ist schlagartig behoben. Die Werbewirtschaft steigt wieder ein. Unser Fernsehen wird wieder attraktiv und bunter.
Alle freuen sich: die Wirtschaft und die Zuschauer. Einige Beispiele:
● Leon Huber hat einen “Glückspost”-Kleber auf seinen blütenweissen Manschetten.
● Peter Studer trägt als schlichtender Moderator diskret eine Anstecknadel für ein – rezeptfreies – Schlafmittel.
● Hans Räz trägt während seinen belehrenden Plädoyers wider das Böse in der Wirtschaft einen KLARTEXT-Schriftzug auf seiner Stirn.
● Ellinor von Kauffungen schmückt sich mit einer rohseidenen Armbinde mit dem Signet “Dinkel-Brot – gut kauen”.
Weitere Vorschläge gegen Honorar.
Jörg Steiner, Küsnacht
Werbeagentur “DDB Needham”

Welches Medium müsste es geben?
Ist doch ganz einfach: Werbung im TV und im Kino ist viel schöner als alles andere.
Das Blöde ist aber, dass wir die besten Commercials immer verpassen. Trotz Kabel und Satelliten und so. Weil immer andere Kanäle sie bringen oder weil Amerika weit weg ist und es dann sowieso ein Kino-Spot war. Auch wenn die Jahrhunderterfindung Remote Control beim Suchen hilft, finden wir die ganz tollen Spots nie zwischen den ätzenden redaktionellen Programmfüllern. “Äh, nein, hab ich auch noch nicht gesehen. Wo läuft der?” Selbst der Kenner fragt: “War der auch in Cannes?”
Was MTV macht, könnte ein “Ad-TV” allemal. Der ultimative Channel, der nichts als Commercials bringt. Natürlich und sowieso mit Charts, News, Hintergrund und vielen, vielen Interviews mit schwarzen Klamotten, bunten Krawatten und roten Brillen. Wäre das toll. Talk-Shows mit glücklichen Konsumenten. Reportagen aus der Provinz. Und nach Mitternacht: Der Auftraggeber auf der Couch. Die Mischung versteht sich von selbst. Zum Füllen lustige Retros, Hip und Hop und In und Out. Und einmal im Jahr, für die Kleinen daheim: Cannes live.
Als Egoïste eine Hamlet-Cigar auf der Bico-Matratze rauchen. Superba!
Cary Steinmann, Zürich
Werbeagentur ASGS/BBDO

Mein Wunschmedium, mit grenzenloser, also unrealisierbarer Phantasie herbeigesehnt, wäre zum Beispiel ein Lokalradio, das pro Tag nur sechzehn Stunden Hörerinterviews sendete, wäre zum Beispiel ein Deutschschweizer Fernsehprogramm, an dem auch etwas weniger häss-liche Nachrichtensprecherinnen auftreten dürften und wäre zum Beispiel eine “Neue Zürcher Zeitung”, die, wenn sie es schon in redaktioneller Hinsicht nicht kann, wenigstens die Druckqualität ins 20. Jahrhundert hineinkatapultieren würde.
Hermann Strittmatter
GGK Küsnacht

9. Juli 2007 von Klartext

“McDonaldisierung der Medien”

NZZ-Vize Thomas Häberling und “WoZ”-Journalist Jürg Frischknecht über Journalismus in der Schweiz

KLARTEXT: Herr Häberling, Sie sind stellvertretender Chefredaktor der “Neuen Zürcher Zeitung” und seit 16 Jahren beim Blatt. Können Sie sich Jürg Frischknecht als regelmässigen NZZ-Mitarbeiter vorstellen?
THOMAS HÄBERLING: Ich kann es mir nicht vorstellen. Und ich kann mir vor allem nicht vorstellen, dass Herr Frisch-knecht sich das wünschte. Die NZZ ist ein liberales Meinungsblatt. Selbstverständ-lich gehört dazu, dass regelmässig auch Beiträge aussenstehender Autoren erscheinen, die eine andere politische Meinung vertreten. Aber ich glaube nicht, dass es einem Journalisten bei der NZZ wohl wäre, der völlig andere politische Auffassungen vertritt.
KLARTEXT: Und Sie, Herr Frisch-knecht, der Sie sich – beispielsweise – in der “WoZ” als Enthüller rechtsradikaler Umtriebe in der Schweiz profilieren: Können Sie sich umgekehrt Herrn Häberling als “WoZ”-Journalisten vorstellen?
JÜRG FRISCHKNECHT: Erstens bin ich nicht die “WoZ”-Redaktion, und zweitens kenne ich Herrn Häberling kaum. So theoretisch die Frage aber gestellt ist, so theoretisch kann ich sie beantworten: Ich halte es, aufgrund der politischen Unterschiede, für unwahrscheinlich.
KLARTEXT: Wie bilden sich denn diese politischen Unterschiede in der Ausübung des journalistischen Handwerks ab?
FRISCHKNECHT: Nach meiner Meinung sind sich ein qualifizierter NZZ-Journalist und jemand, der qualifiziert für die “WoZ” schreibt, vom handwerklichen Berufsverständnis her sehr nahe. Beide Zeitungen gehören nicht in die Kategorie des Beliebigkeitsjournalismus, beide vertreten kontinuierlich bestimmte Anliegen – aber natürlich aus unterschiedlichen ge-sellschaftlichen Positionen.
HÄBERLING: Mit Einschränkungen sehe ich das ähnlich wie Herr Frisch-knecht. Ein guter Journalist übt im Prinzip das gleiche Handwerk aus, ob er nun auf der einen oder andern Seite des politischen Spektrums steht. Ein guter Journalist liefert primär Informationen und bringt – nach meinem Verständnis – auch eine bestimmte Haltung in die Zeitung ein. Un-terschiedlicher Auffassung sind Herr Frischknecht und ich möglicherweise bezüglich journalistischer Methoden, in der Frage, wie weit Journalismus gehen darf.
KLARTEXT: Vor zehn Jahren, in der Jubiläumsausgabe “200 Jahre NZZ”, recht-fertigte der damalige Chefredaktor Fred Luchsinger den Wandel der NZZ vom “hitzigen Kampfblatt” des 19. Jahrhunderts zum heutigen Establishment-Blatt mit “be-wahrender Haltung” mit dem bemerkenswerten Satz: “Aus einer zu erkämpfenden liberalen Ordnung ist eine zu verteidigende geworden.” Teilen Sie, Herr Häberling, dies Geschichts- und Medienverständnis?
HÄBERLING: Ja, ich teile diese Auffassung. Denn in der Tat ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts einiges erreicht worden in diesem Land, das ist wohl offensichtlich. Zu Staat und Gesellschaft, wie sie heute funktionieren, habe ich eine positive Grundhaltung. Das kann aber nicht be-deuten, dass die NZZ keinerlei Kritik mehr an schweizerischen Institutionen üben dürfte. Es ist klar, dass man immer an Weiterentwicklungen und Verbesserungen arbeiten muss. Und die Medien sollen dazu ihren Beitrag leisten.
FRISCHKNECHT: Die “zu verteidigende” liberale Ordnung hat es soweit gebracht, dass inzwischen eher ein “Fichen-Fritz” oder eine “WoZ” Kampfblätter zur Erhaltung des Rechtsstaats sind, während die NZZ etwa im Zusammenhang mit dem Schnüffelstaat keineswegs durch eine liberale kämpferische Haltung aufgefallen ist – obschon eine liberale Position dies gebieten würde. Da zeigt sich einmal mehr das Paradoxon, dass sich eher die linke Presse für liberale Werte und Anliegen einsetzt. Nichts anderes ist doch die Forderung nach Abschaffung der politischen Polizei und Offenlegung von Fichen und Akten. Ich stelle fest, dass diesbezüglich kein Sukkurs von seiten des angeblich liberalen Blattes NZZ kommt.
HÄBERLING: Ich bin davon ausgegangen, dass wir hier keine Fichen-Diskussion führen. Es ist mir aber klar, dass Herr Frischknecht aus seiner Position heraus dieses Thema unbedingt aufs Tapet bringen will …
FRISCHKNECHT: … ja fällt Ihnen zum Stichwort Rechtsstaat und Medien, das wir eben diskutieren, denn ein aktuelleres Beispiel ein?
HÄBERLING: Die sehr betrübliche Fichen-Geschichte zeigt nach meiner Meinung nicht, dass der Rechtsstaat ausgedient hätte, sondern sie zeigt, dass es im Bereich des Staatsschutzes gewisse Fehl-entwicklungen gegeben hat. Und diese Fehlentwicklungen gilt es zu korrigieren. Ich frage mich allerdings, wie weit Sie, Herr Frischknecht, im Zusammenhang mit der Fichen-Geschichte andere Ziele verfolgen …
FRISCHKNECHT: … wollen Sie die Ziele, die Sie vermuten, nicht offen aussprechen, statt rhetorisch danach zu fragen?
HÄBERLING: Ich vermute, es geht Ihnen darum, an diesem Beispiel zu zeigen, wie schlecht die Institutionen in diesem Land angeblich generell sind und was für eine schlechte Politik die – immerhin vom Volk gewählten – politischen Mehrheiten in den letzten Jahrzehnten angeblich gemacht haben. Zu solchen Angriffen, das gebe ich zu, eignet sich natürlich ein Vorfall wie die Fichen-Geschichte hervorragend. Umgekehrt muss ich sagen: Die NZZ hat nie behauptet, es sei gut, was bezüglich Fichieren vorgefallen ist – auf Fehlentwicklungen in diesem Bereich haben wir immer wieder hingewiesen.
KLARTEXT: Was ist denn konkret die Aufgabe der Medien, wenn sie “Fehlentwicklungen” – im politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Bereich – feststellen? Genügt es, dass einfach darauf “hingewiesen” wird?
HÄBERLING: Wenn eine Entwicklung, über die vorerst ausreichend informiert worden ist, als Fehlentwicklung beurteilt wird, dann ist es Aufgabe der Meinungspresse, an dieser Entwicklung Kritik zu üben und zu versuchen, einen Beitrag zur Lösung des Problems zu leisten – also Anstösse zum Handeln zu liefern, den damit verbundenen politischen Prozess zu verfolgen und zu kritisieren, wenn allenfalls nicht gehandelt wird. Manchmal gelingt es, auf diese Weise etwas in Bewegung zu setzen, manchmal nicht.
FRISCHKNECHT: Auf dieser theoretischen Ebene bin ich ähnlicher Meinung. Ich verfechte einen aufklärerischen Anspruch der Medien, im Grunde also eine uralte liberale Position. Ich bin aber der Meinung, dass dieser Anspruch immer seltener eingelöst wird. Und zwar weniger aus subjektiven Gründen, die bei den Journalisten zu suchen wären, als aus strukturellen Gründen: weil medienpolitische Veränderungen und Marktveränderungen dafür sorgen, dass sowohl bei den Printmedien wie bei den elektronischen Medien ein solch aufklärerischer Anspruch je länger desto weniger gefragt ist.
KLARTEXT: Was ist denn gefragt?
FRISCHKNECHT: Heute sind Konsumgängigkeit und Vermarktbarkeit Trumpf. Die Realität verkommt zum Steinbruch, aus dem zufällig und beliebig herausgebrochen wird, was einen gut verkäuflichen Mix ergibt. Das ist doch der Trend – bei den grossen Tageszeitungen und Zeitschriften genauso wie bei Radio und Fernsehen. Natürlich, die Medien mussten immer verkauft werden. Was aber mehr und mehr fehlt, ist die Balance. Die Verkäuflichkeit gewinnt ein immer grösseres Gewicht, und die Abhängigkeit von den Inserateeinnahmen führt zu immer mehr Anpassung.
HÄBERLING: Ich sehe diese Tendenz auch, bin aber nicht überzeugt, dass es sich nur um eine Frage der Verkäuflichkeit handelt. Sicher gibt es Medien, die fast ausschliesslich auf die Verkäuflichkeit bei einem breiten Publikum angelegt sind und die auch in diesem Bewusstsein produziert werden. Es gibt aber ebenso Medien, auf die das so nicht zutrifft. Und man darf nicht vergessen, dass auch andere Wirkungen eine Rolle spielen: etwa Einflüsse auf die Printmedien, die von den elektronischen Medien ausgehen. Nun ist ja unser gebührenfinanziertes Fernsehen – mit seinem Zwang zur Kürze und zum Bild – nicht primär von der Werbung abhängig. Es muss sich also um Zwänge handeln, die weniger mit dem Kommerz zu tun haben als mit dem spezifischen Charakter des Mediums. Das Gleiche gilt sinngemäss fürs Radio – und mithin für die Einflüsse der elektronischen Medien auf die Presse.
FRISCHKNECHT: Ich halte das für einen völlig falschen Erklärungsansatz. Was die aktuelle Entwicklung prägt, sind doch nicht die medienspezifischen Gegebenheiten, sondern die tiefgreifenden medienpolitischen Veränderungen: weg vom öffentlichen Dienst, hin zu einem kommerziellen System, das Einschaltquotenjagd macht und nur noch entsprechende journalistische Formen zulässt – was etwas ganz anderes ist als der umfassende öffentliche Programmauftrag. Wir erleben es ja bei den Lokalradios: immer mehr Radiostationen, immer weniger Radiojournalismus. Und gerade die NZZ gehört zu den Vorkämpfern, die auch fürs Fernsehen eine ähnliche Entwicklung wollen – obwohl wir aus dem Ausland genau wissen, was uns auf diese Weise blüht: mehr Kanäle, aber weniger Inhalte.
HÄBERLING: Ich halte Konkurrenz auch im Medienbereich grundsätzlich für etwas Gutes. Wir hatten bei den elektronischen Medien tatsächlich eine Situation, die jahrelang keine Konkurrenz zuliess. Dagegen kämpften und kämpfen wir an. Denn ich meine andererseits, die Zeitungen – seit es sie gibt – beweisen, dass sie auch journalistisch dort am besten sind, wo sie sich der Konkurrenz stellen müssen. Ich sehe daher nicht ein, warum das für die elektronischen Medien nicht gelten soll, warum sie bloss mit ein paar ausländischen Sendern konkurrenzieren sollen. Man kann also nicht sagen, wo Konkurrenz unter den elektronischen Medien herrsche, werde der Journalismus schlechter.
FRISCHKNECHT: Sie können nicht vom Printbereich direkt auf die elektronischen Medien schliessen. Bei Radio und Fernsehen, wo der Markt allein schon durch das Zeitbudget der Leute gesättigt ist – ich kann ja gleichzeitig nur vor einem Fernseher sitzen – , ist die Situation völlig anders. Selbstverständlich bin ich für inhaltliche Konkurrenz. Ihr gedanklicher Kurzschluss besteht aber darin, dass Sie unterstellen, wirtschaftliche Konkurrenz bringe inhaltliche Vielfalt. Das stimmt einfach nicht. Und das ist keine Behauptung von mir, sondern zu belegen mit ausländischen Erfahrungen. Dennoch favorisiert die NZZ eine solche McDonaldisierung der Medien – das halte ich für inkonsequent, wenn nicht gar unehrlich.
HÄBERLING: Ich bin erstaunt, dass Sie eine Haltung, die im Bereich von Radio und Fernsehen Konkurrenz verlangt, als unehrlich bezeichnen. Gerade weil die elektronischen Medien relativ junge Medien sind, bin ich überzeugt, dass die Entwicklung, die Sie aufgrund von abschreckenden Beispielen in Frankreich und Italien befürchten, eine vorübergehende Erscheinung sein wird. Es gibt immerhin andere, positive Beispiele ausserhalb der öffentlichen Anstalten, etwa in England. Deshalb glaube ich, dass private Fernsehmacher mit der Zeit höhere Ansprüche an sich selbst stellen und merken werden, dass sie auch mit anspruchsvolleren Programmen Erfolg haben können.
FRISCHKNECHT: Gibt es dafür irgendwelche Anzeichen? Der britische “Channel Four”, den Sie wohl angesprochen haben, eignet sich kaum als Indiz, denn er ist – obschon privat – völlig anders strukturiert und finanziert als die heute entstehenden Privatfernsehstationen.
HÄBERLING: Ich behaupte ja nicht, die von Ihnen geschilderte Entwicklung sei bereits überwunden. Andererseits glaube ich nicht, dass wir “Channel Four” – unter Hinweis auf das spezielle Finanzierungs-modell – einfach als untypisch bezeichnen dürfen. Denn Tatsache bleibt: Dank dieser privaten Station findet eine inhaltliche Konkurrenz statt, die positive Wirkungen hat.
FRISCHKNECHT: “Channel Four” ist dank einer komplizierten Struktur nicht dazu verdammt, sich an der gnadenlosen Jagd nach Einschaltquoten zu beteiligen. Im übrigen klingt mir Ihr Glaube, dass die unerwünschten Entwicklungen nur vorübergehend seien, ungefähr so in den Ohren: Um erst mal Publikum zu gewinnen, machen wir zunächst einen “Blick” – später wird dann automatisch so etwas wie eine NZZ daraus. Diesen Optimismus ha-be ich – übertragen aufs Fernsehen – nicht.
HÄBERLING: Ich mache kein Fernsehen. Ich würde auch nicht hingehen und sagen: Machen wir ein “Blick”-Fernsehen! Sondern ich meine, es bräuchte eben den Mut, es einmal anders zu versuchen. Und ich bin überzeugt: Die Einsicht wird reifen, dass man das versuchen muss – denn man wird Erfolg haben damit.
KLARTEXT: Herr Häberling, Herr Frischknecht, punkto qualititative Entwicklung der elektronischen Medien äussern Sie völlig entgegengesetzte Meinungen. Als wir zuvor über die Medienentwicklung insgesamt diskutierten, waren Sie sich beide einig, dass eine Tendenz zu mehr Marktgängigkeit und zu immer mehr journalistischem Kurzfutter zu beobachten sei. Warum dieser Widerspruch?
HÄBERLING: Diese Differenz ist nicht ganz untypisch. Wir waren uns in der allgemeinen Diskussion zwar einig über die Tendenz. Während aber Herr Frisch-knecht dafür wirtschaftliche Gründe verantwortlich machte, ging ich von medienspezifischen Einflüssen der elektronischen Medien auf die Printmedien aus.
FRISCHKNECHT: Das sind Bemerkungen zur Mediensituation von 1970 oder 1980, aber nicht zu der von 1990. Heute dominiert ganz klar der kommerzielle Trend.
HÄBERLING: Zwischen 1970 und 1980 fing der Einfluss des Fernsehens auf Zeitungen und Zeitschriften an, wirksam zu werden. Auf der andern Seite gebe ich zu: Ich bin nicht in der Lage, mich zu diesem Thema aus eigener Erfahrung zu äussern. Denn ich arbeite nicht bei einer Zeitung, die auf Kurzfutter aus ist.
KLARTEXT: Wie ist denn die Befindlichkeit eines NZZ-Journalisten, der zumindest mit dem vielbeklagten Zwang zur Kürze kaum konfrontiert ist? Ist die NZZ am Ende gar die ideale Redaktion?
HÄBERLING: Ja, ich empfinde diese Redaktion als ideal – weil wir eine sehr grosse Freiheit geniessen. Dass wie in jedem Unternehmen hie und da Meinungsunterschiede auftreten können und die Befindlichkeit ab und zu gestört ist, gehört für mich zum Alltag. Aber im Prinzip ist meine Befindlichkeit ausgezeichnet, weil ich in meiner Arbeit meine politische Überzeugung zum Ausdruck bringen kann und, wie gesagt, sehr frei bin.
KLARTEXT: Der Publizist Oskar Reck sagte einmal in einem KLARTEXT-Gespräch, der Journalist sei in der Schweiz “nie ein monsieur, sondern immer ein commis voyageur” gewesen. Lassen sich Ansehen und Status des Journalistenberufs so zusammenfassen, Herr Frischknecht?
FRISCHKNECHT: Ja, die Journalistinnen und Journalisten sind nicht die Akteure der Entwicklung. Alles, was sich in den letzten Jahren im Bereich der Medien verändert hat, war quer zu allen Ansätzen, die den Journalisten einen selbständigeren, souveräneren Status hätten verleihen könnten. Diesbezüglich ist die NZZ – eine Ausnahmeerscheinung – in einer sehr komfortablen Lage, weil die Redaktion meines Wissens sehr vieles selber bestimmt …
HÄBERLING: … so ist es …
FRISCHKNECHT: … während bei andern grossen Tageszeitungen – etwa bei “Tages-Anzeiger” oder “Basler Zeitung” – Redaktionsstatute, die die Stellung der Journalisten stärken sollten, inzwischen ausgehöhlt oder gar ausser Kraft gesetzt wurden. Ins gleiche Kapitel gehören die Zwänge und gar Geldbussen, die jetzt via das Mediengericht UBI* als Disziplinierungsmittel gegen Radio- und Fernsehschaffende vorgesehen sind. Ebenso die Art und Weise, wie die politische Mehrheit in diesem Land Mal für Mal jeden Versuch abschmettert, die innere Medienfreiheit zu verankern. Das alles ist das Gegenteil einer Politik, die versuchen würde, die Position der Medienschaffenden zu stärken.
KLARTEXT: Also kaum eine Chance für selbstbewussten kritischen Journalismus?
FRISCHKNECHT: Bestimmend sind die Strukturen: Marktverhältnisse, politische Verhältnisse. Der Journalist wird immer mehr instrumentalisiert: Mal braucht der Markt mehr von der einen, mal mehr von der andern Sorte. So können, je nach momentaner Situation, durchaus Nischen für kritischen und selbstbewussten Journalismus entstehen – am ehesten dann, wenn ein Medium um Leserinnen und Leser kämpfen muss. Ist dank etwas engagierterem Journalismus die nötige Leserschaft erreicht, schielt man dann wieder auf die Inserenten, die ja das grosse Geld bringen. Günstige Bedingungen für kritischen Journalismus sind eher die Ausnahme.
KLARTEXT: Zu welcher Sorte müssen denn Medienschaffende gehören, die in der aktuellen Marktsituation – nach dem Tod von “Business Channel” und “Blick für die Frau” und angesichts der Sparmassnahmen bei SRG, “Ringier” und “Tages-Anzeiger” – eine Chance haben wollen? Welcher Journalist ist derzeit gefragt?
HÄBERLING: Ich hoffe, der Beste – derjenige, der sein journalistisches Handwerk am besten versteht. Immerhin ist zu sagen, dass lange Zeit ein Mangel an guten Journalisten herrschte. Es war auch für die “Neue Zürcher Zeitung” nicht immer einfach, gute Leute zu finden …
FRISCHKNECHT: … ich leide als Leser heute noch darunter …
HÄBERLING: … aber es gelang auch in dieser Zeit, qualifizierte Journalisten zu finden, und inzwischen hat sich die Lage auf dem Stellenmarkt wohl schon verändert.
KLARTEXT: Nochmals: Welcher Journalist ist heute gefragt? Nachdem wir Ihre Hoffnung, es möge “der Beste” sein, kennen, interessiert uns noch Ihre realistische Einschätzung.
HÄBERLING: Ich selber stelle, wenn ich heute Journalisten suche, in der Tat den gleichen Anspruch, den ich immer stellte: dass jemand gut schreibt, einen sachgerechten Umgang mit Informationen pflegt und nach aussen mitträgt, was unsere Zeitung vertritt. Zudem sollte er fähig sein, im Team zu arbeiten.
KLARTEXT: Was Sie eben formulierten, könnte in einem Stelleninserat einer beliebigen Schweizer Zeitung stehen. Mehr als dieses theoretische Anforderungsprofil interessiert uns das praktische.
HÄBERLING: Ich muss Sie enttäuschen. Denn es gelingt mir nicht, von meiner eigenen Erfahrung zu abstrahieren und mich in die Rolle eines Chefredaktors irgendeiner andern Zeitung hineinzudenken und womöglich dessen Wünsche zu erraten. Für mich selbst gilt in bezug auf den “gefragten” Journalisten, was ich gesagt habe.
FRISCHKNECHT: Mir fällt eine Antwort ebenfalls schwer. Ich habe schon sehr lange nicht mehr eine Stelle gesucht, und ich bin auch nicht journalistischer Berufsberater …
KLARTEXT: … aber möglicherweise sind Sie in der Lage, von den Medienprodukten, die Sie konsumieren, auf die geforderten beruflichen Qualitäten der Macherinnen und Macher zu schliessen.
FRISCHKNECHT: Was mir auffällt, ist die Tatsache, dass man hierzulande als freier Journalist oder freie Journalistin sehr rasch Fuss fassen kann – weil in den letzten zehn Jahren immer mehr Redaktionen dazu übergegangen sind, viele Arbeiten von Freien ausführen zu lassen. Die Verlage können die Freien sogar vergleichsweise gut bezahlen; dafür sparen sie Bürofläche, Sozialkosten für Alkoholiker – und was der Vorteile mehr sind. Wenn also Freie zur vereinbarten Zeit die vereinbarte Anzahl Zeichen liefern, und das einigermassen in der aussterbenden Sprache Deutsch, dann, denke ich, sind sie sehr schnell dabei. Allerdings befürchte ich, dass der Inhalt oft erst in zweiter Linie eine Rolle spielt.
HÄBERLING: Mich erstaunt, dass Sie sagen, es sei relativ einfach, sich als freier Journalist zu etablieren. Was ich von Freien höre, ist eher der Vorwurf an die Adresse der NZZ, wir machten immer mehr auf der Redaktion selbst, die Freien hätten also zunehmend Mühe, ihre Artikel ins Blatt zu bringen.
FRISCHKNECHT: Zur Situation bei der NZZ kann ich mich nicht äussern. Generell aber ist der Strukturwandel unübersehbar: Vor 20 Jahren galt doch die Zeit der freiberuflichen Tätigkeit als eine Art Lehr- und Wanderjahre, später folgte die Karriere auf Redaktionen. Heute dagegen gibt es viel mehr freie Journalisten, die ihren Status behalten wollen. Und das liegt sicher daran, dass zahlreiche Redaktionen, nicht zuletzt aus Gründen der Flexibilität und der Kosteneinsparung, vermehrt mit Freien zusammenarbeiten.
KLARTEXT: Herr Häberling, Herr Frischknecht, was fällt Ihnen ein, wenn Sie das Wort Recherchierjournalismus hören?
HÄBERLING: Nun, einerseits ist für mich klar, dass es unmöglich ist, Journalismus zu betreiben, ohne zu recherchieren, das ist eine Binsenwahrheit. Andererseits ist mit dem, was seit ein paar Jahren als Recherchierjournalismus firmiert, vielfach eine verzweifelte Jagd nach – oft nur scheinbaren – Primeurs verbunden. Dazu kommt, dass sich eine bestimmte Gruppe von Medienschaffenden aus einem relativ einheitlichen politischen Spektrum gern selbst als Recherchierjournalisten bezeichnet – so, als ob die übrigen Kolleginnen und Kollegen den zu beschreibenden Sachverhalten nie auf den Grund gingen. Gegen diesen Alleinvertretungsanspruch wehre ich mich.
FRISCHKNECHT: Mir kommen zuerst die Anführungszeichen in den Sinn, mit denen diejenigen das Wort Recherchierjournalismus versehen, die sich über die Veröffentlichung unangenehmer Recherchen ärgern. Offenbar soll damit diffamiert werden, wer unliebsame Tatsachen ans Licht fördert. Ich meinerseits halte diese – übrigens recht aufwendige – Art von Journalismus samt den dazugehöri-gen Primeurs für unabdingbar. Was Sie als “nur scheinbare” Primeurs bezeichnet haben, gehört wohl in die Kategorie des Ballonjournalismus: Man bläst eine Kleinigkeit zu einem grossen Ballon auf. Die Sonntagszeitungen, die sich in allererster Linie über ihre Schlagzeilen verkaufen, scheinen darauf besonders angewiesen zu sein.
KLARTEXT: Was sagen Sie zu dem von Herrn Häberling monierten “Alleinvertretungsanspruch” einer “bestimmten Gruppe von Medienschaffenden aus einem relativ einheitlichen politischen Spektrum” in Sachen Recherchierjournalismus?
FRISCHKNECHT: Wir können nicht abstrahieren von den gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Der Journalist, der einen Sachverhalt recherchiert, den jemand unter dem Deckel halten will, steht per definitionem auf der Gegenseite von Macht und Filz. Das heisst, dass Recher-chierjournalismus in der Regel aus einer bestimmten gesellschaftspolitischen Ecke betrieben wird. Konkret gefragt, Herr Häberling: Ist für Sie die “Villiger-Sendung” Recherchierjournalismus, oder fällt sie nicht mehr unter diesen Begriff?
HÄBERLING: Ich habe die Sendung schlicht nicht gehört.
FRISCHKNECHT: Aber Sie konnten sich … – ach nein, das stimmt nicht. Ich wollte sagen: Sie konnten sich darüber eine Meinung bilden bei der Lektüre der NZZ. Aber das war ja gerade nicht möglich.
HÄBERLING: Ich sehe keinen Anlass für diese Polemik. Aber nochmals: Zu Radio- oder Fernsehsendungen kann ich wirklich nur Stellung nehmen, wenn ich sie gehört oder gesehen habe. Das ist bei der “Villiger-Sendung” nun einfach nicht der Fall, darum möchte ich mich dazu nicht äussern.
KLARTEXT: Mitunter haben wir den Eindruck, dass Journalistinnen und Journalisten über einen bestimmten Sachverhalt eine Menge wissen – nur schreiben sie’s nicht.
HÄBERLING: Ich bin tatsächlich der Auffassung, dass nicht alles, was man weiss, in die Zeitung gehört. Das können Privatangelegenheiten sein, das können aber auch andere Dinge sein, die nicht zur Publikation bestimmt sind.
KLARTEXT: Unter Bundeshaus-Journalisten beispielsweise ist diese diskrete Verwaltung von Herrschaftswissen relativ verbreitet: Man geniesst zwar das Privileg, als Journalist informiert zu sein, enthält die Information seinem Publikum aber vor.
HÄBERLING: Ich habe Mühe mit dem Begriff Herrschaftswissen. Sicher wird sich jede Redaktion immer wieder fragen und darüber entscheiden müssen, ob diese oder jene Information von öffentlichem Interesse ist. Es gibt in der Tat auch Interessen, die einer Publikation entgegenstehen. In der Regel aber wird nach meiner Erfahrung veröffentlicht, was für die Öffentlichkeit von Belang ist.
FRISCHKNECHT: Dennoch gibt es Wissen, das den Weg in die Öffentlichkeit nicht findet. Ein gutes Beispiel dafür ist für mich der Berner Finanzskandal, von dem tatsächlich etliche Journalisten wussten. Es brauchte dann die “WoZ”, die damals die Lawine lostrat. Es ist doch erstaunlich, dass eine solche Information während Monaten nicht veröffentlicht wurde – obschon zahlreiche Journalisten auf dem Platz Bern, die Bescheid wussten, dazu herausgefordert sein mussten.
HÄBERLING: Auf der andern Seite gibt es Hintergrund-Informationen, über die Journalisten zwar verfügen, die sie aber nicht sofort verwenden. Sie verwenden sie dann vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ein wirklich wichtiger Sachverhalt aus dem einschlägigen Zusammenhang bearbeitet werden muss. Das halte ich für völlig normal und richtig. Nochmals: Es ist nicht alles, was man weiss, für die Zeitung bestimmt.
FRISCHKNECHT: Ich hätte zum Beispiel in der NZZ gern mehr von den Insiderkenntnissen zum “Sicherheitsbericht ’90” profitiert. Ein NZZ-Inlandredaktor war involviert in die Ausarbeitung dieses Berichtes und wusste gewiss mehr – auch an Dingen, denen ich öffentliches Interesse unterstelle – , als dann in der NZZ zu lesen war.
HÄBERLING: Das war nicht möglich. Der betreffende Kollege war nicht in seiner Funktion als NZZ-Inlandredaktor an der Ausarbeitung des “Sicherheitsberichts ’90” beteiligt, sondern im Rahmen seiner militärischen Einteilung. Da kann er doch nicht hingehen und militärisches Insiderwissen in der Zeitung ausbreiten.
FRISCHKNECHT: Weshalb nicht? Ich hatte gehofft, in der NZZ – statt einer quasi staatsmännischen Wertung von höherer Warte – die interessanten Details und Hintergründe zu diesem doch bedeutsamen Thema lesen zu können.
HÄBERLING: Der Mann hat nun einmal zwei verschiedene Funktionen, und die kann er nicht miteinander vermengen.
KLARTEXT: Genau wie der Bundeshaus-Journalist, der gleichzeitig – und vielleicht nur wegen seiner Funktion als Bundeshaus-Journalist – mit Parlamentariern befreundet ist und fein säuberlich zwischen seinen Rollen als Journalist und Politikerfreund unterscheidet: zum Nachteil seiner Leserinnen und Leser.
HÄBERLING: Das ist mir völlig fremd. Gerade in meinem eigenen Bereich – ich bin vor allem mit lokaler und kantonaler Politik beschäftigt – herrscht im Raum Zürich eine erhebliche journalistische Konkurrenz, die wir ernst nehmen. Allein schon diese Konkurrenzsituation sorgt dafür, dass wir uns hüten würden, aus persönlichen Rücksichten eine wichtige Information nicht zu bringen.
KLARTEXT: Zu einem andern Stichwort – anwaltschaftlicher Journalismus – erwarten wir von Ihnen beiden eigentlich Übereinstimmung. Sowohl Herr Frisch-knecht als auch die NZZ betreiben einen Journalismus, der klar Partei ergreift. Oder sehen wir das falsch?
HÄBERLING: Jein. Dass wir beide Partei ergreifen, trifft zu. Wenn aber anwaltschaftlicher Journalismus dazu führt, dass man ganz bewusst Informationen nur im Hinblick darauf sammelt, was der eigenen Überzeugung dient, dann lehne ich ihn ab. Ich bin also nicht dafür, dass bei der Informationsbeschaffung einseitig gewichtet wird. In einem Kommentar dagegen soll zum Ausdruck kommen, welchen Aspekten der Kommentator aus welchen Gründen welches Gewicht beimisst. Anders gesagt: Journalismus, wie ich ihn verstehe, hat zwei Aufgaben: einerseits zu informieren, andererseits zu kommentieren.
FRISCHKNECHT: Es ist ein Unterschied, ob man sich 1980 zu anwaltschaftlichem Journalismus geäussert hat oder ob man das heute tut. Denn seither ist diese Bezeichnung zum Schimpfwort degradiert worden. Und zwar von jenen Kreisen, denen es nicht passt, wenn engagierter, kritischer Journalismus betrieben wird. Für mich ist es allerdings eine Selbstverständlichkeit, dass alle Medienschaffenden ihre Themen immer aus einer bestimmten Interessenslage auswählen. So betrachtet, steht hinter jeglicher journalistischer Tätigkeit eine anwaltschaftliche Haltung. Ein solches Interesse heisst selbstverständlich nicht, wichtige Aspekte unter den Teppich zu kehren.
KLARTEXT: Das alles ist auch eine Frage der Akteure, die in den Medien zu Wort kommen. Nach unserer Beobachtung sind das fast ausschliesslich etablierte Akteure aus Politik, Wirtschaft, Kultur – und fast nie nicht-etablierte. Zu Wort kommen die Macher, nicht aber die Betroffenen.
HÄBERLING: Die sogenannt etablierten Akteure vertreten Interessen von Betroffenen. Unsere Demokratie hat auch einen repräsentativen Charakter. Von da her meine ich, dass sich auch in den Medien die Repräsentanten der verschiedensten Interessen artikulieren sollen. Bleibt die Frage, ob es bestimmte Betroffene gibt, die keine Repräsentanten haben.
FRISCHKNECHT: Wann sind denn zum letztenmal Asylbewerber in der NZZ zu Wort gekommen?
HÄBERLING: Asylbewerber ganz direkt?
FRISCHKNECHT: Ja, ganz direkt.
HÄBERLING: Das kann ich Ihnen nicht auswendig sagen. Aber die Anliegen der Asylbewerber kommen natürlich durch Politiker zum Ausdruck, die sich um ihr Wohl sorgen.
FRISCHKNECHT: Das scheint mir eine problematische Auslegung des Repräsentations-Modells zu sein. Ich weiss nicht, welcher Politiker legitimiert sein soll, beispielsweise die Anliegen von Kurden oder Tamilen zu vertreten.
HÄBERLING: Auf der einen Seite haben Sie die Haltung und die Wünsche der Asylbewerber selbst. Auf der andern Seite wird der Umgang mit den Asylbewerbern durch die Schweizer Politiker bestimmt.
FRISCHKNECHT: Darum bringen Sie nur die “andere Seite”?
HÄBERLING: Sie können doch nicht behaupten, dass ein Schweizer Politiker – oder ein Sozialarbeiter, der in diesem Bereich tätig ist – nicht in der Lage sei, die Interessen der Asylbewerber wahrzuneh-men.
FRISCHKNECHT: Wenn mich etwa die Stimmung und die Meinung tamilischer Flüchtlinge nach dem Totschlag von Regensdorf interessieren oder wenn ich im Zusammenhang mit Xavier Kollers Film “Reise der Hoffnung” aus erster Hand wissen will, was – direkt betroffene – Türken und Kurden in der Schweiz davon halten, muss ich die “WoZ” lesen. Andere Medien informieren mich darüber nicht.
HÄBERLING: Ich sehe das nicht so. Das Primäre ist doch die Auseinandersetzung von uns Schweizern mit den Lebensbedingungen der Asylbewerber. Abgesehen davon sind in der NZZ immer wieder auch Reportagen zu diesem Thema erschienen – etwa über Unterkünfte von Asylbewerbern. Und in solchen Reportagen kommen selbstverständlich auch Asylbewerber zu Wort.
KLARTEXT: Wie halten Sie’s denn mit der “repräsentativen Demokratie” in der Wirtschaft? Ist beispielsweise eine Äusserung von Christoph Blocher repräsentativ für alle Betriebsangehörigen seiner “Ems Chemie”?
HÄBERLING: Seine Äusserung ist bestimmt repräsentativ für die Zielsetzungen des Unternehmens. Aber sie ist sicher nicht repräsentativ für die persönliche Befindlichkeit aller Beschäftigten. Andererseits gibt es in der Wirtschaft immerhin Vertreter der Arbeitnehmer: die Gewerkschaften, die versuchen, die Anliegen der Arbeitnehmer auch in der Öffentlichkeit bekanntzumachen. Und die finden auch bei uns ausgiebig Gehör. Zudem haben wir beispielsweise wiederholt Industriereportagen veröffentlicht, in denen wir uns mit diesem Teil des Wirtschaftslebens auseinandersetzen.
KLARTEXT: Die NZZ ist als Meinungsblatt mittlerweile mehr als 210 Jahre alt, die “WoZ”, ebenfalls eine Meinungszeitung, gibt’s seit zehn Jahren. Wird es, Herr Frischknecht, der “WoZ” gelingen, dank ihrem Profil zum etablierten Presseerzeug-nis zu werden?
FRISCHKNECHT: Selbstverständlich hoffe ich, dass die “WoZ”-Auflage wie bisher weiter steigt, und zwar deshalb, weil ich den Anspruch auf politische Wirkung, auf politische Interventionen dank journalistischer Leistung habe; das hat auch etwas mit Auflage, also mit Quantität zu tun. Die Gesamtentwicklung der hiesigen Medien beurteile ich ja wirklich nicht sehr optimistisch. Aber gottlob gibt es Ausnahmen: für mich in erster Linie die “WoZ”, dann aber auch das Wiedererstarken der AZ-Presse. Man muss sich mal vorstellen, was es für die oppositionellen Kräfte in diesem Land bedeuten würde, wenn es die “WoZ” nicht gäbe – es wäre eine Katastrophe.
KLARTEXT: In Ihren Ohren, Herr Häberling, muss das alles klingen wie die Chronik der “Neuen Zürcher Zeitung” aus dem letzten Jahrhundert – als sich die NZZ noch als Kampfblatt verstand. Wehmutsgefühle?
HÄBERLING: Überhaupt nicht. Ich meine, wir haben heutzutage bei der NZZ mehr als genug journalistische Aufgaben zu bewältigen, so dass ich weder Zeit noch Lust habe, Wehmutsgefühle gegenüber dem letzten Jahrhundert zu entwickeln.
FRISCHKNECHT: Der Unterschied ist halt der: Die NZZ interveniert heute, indem sie am Tag vor einem wichtigen Kommissions- oder Parlamentsentscheid einen Kommentar veöffentlicht, in welchem steht, was bürgerliche Sache ist, während die Interventionsform der “WoZ” eher die Enthüllung ist – indem etwas publik gemacht wird, was die Mächtigen lieber unter dem Deckel gehalten hätten.

* UBI: “Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen”.

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Ausgabe: 5 | 2018

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