9. Juli 2007 von Klartext

Deo-Spray, Hosenträger, Zeitung

In den letzten zehn Jahren geriet Journalismus hierzulande mehr und mehr zur blossen Dienstleistung gegenüber den Propagandawünschen von Unternehmen, Behörden und Verbänden. Das liegt freilich nicht allein an den immer unver-schämter vorgetragenen Vorgaben der Interessenvertreter, sondern auch an der Leisetreterei der Medienschaffenden.

Auf die Gefahr hin, als Blatt missverstanden zu werden, das die gern bemühten Zeichen der Zeit nicht erkennen will, druckt KLARTEXT, gegründet 1980, 1990 drei Sätze, die 1965 geschrieben wurden: “Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Frei ist, wer reich ist. Und da Journalisten nicht reich sind, sind sie auch nicht frei.”
Richtig, die Sätze stammen nicht aus der Schweiz, und sie beziehen sich deshalb auch nicht auf das Land, das wie kein zweites stolz ist auf seine Gewerbefreiheit und ihr Nebenprodukt, die “Pressefreiheit”. Nein, formuliert hat die bittere Definition ein Deutscher – der angesehene Publizist Paul Sethe – , und gemeint war die Bundesrepublik.
Selbstverständlich gelten die Sätze auch für die Schweiz. Und nur weil sie 25 Jahre alt sind, sind sie noch nicht falsch; dazu hätte es – auch hierzulande – einer andern Entwicklung bedurft als der, die hiesige Medienkonsumenten und Medienschaffende gleichermassen erlebten. Grotesk ist nicht, dass die Erkenntnis schon 1965 in einem Leserbrief an den “Spiegel” festgehalten wurde. Grotesk ist, dass sie 1990 – zumindest in den Ohren halbwegs kritischer Zeitgenossen – aktueller klingen muss denn je.
Seit KLARTEXT vor zehn Jahren angefangen hat, im Zwei-Monate-Rhythmus die Bedingungen auszuleuchten, unter denen hierzulande Männer und – immerhin leicht zunehmend – Frauen von Berufes wegen dem Geschäft von Berichterstattung und Kommentar nachgehen, beobachtet er in immer grössern Teilen der Medienszene den kontinuierlichen Abstieg dessen, was Optimisten in den sechziger Jahren vielleicht “journalistische Kultur” nennen mochten. Medien und Medienschaffende – oft als “vierte Gewalt” gelobt oder geschmäht, je nach Standpunkt – wurden im letzten Jahrzehnt fast ausnahmslos zu Lautsprechern der Mächtigen degradiert.
“Was als journalistische Leistung in den Medien erscheint”, schrieb der Medienwissenschaftler René Grossenbacher in seinem 1986 erschienenen Buch “Die Medienmacher”, “ist meistens kaum mehr als das, was PR-Schaffende vorgefertigt haben.” Grossenbacher hatte in einer umfangreichen Untersuchung nachgewiesen, dass im redaktionellen Teil von Presse, Radio und Fernsehen ungeniert und in grösstem Stil interessengebundene Public-Relations-Inhalte wiedergekäut werden. “Die Themen und sogar deren Gewichtung”, so Grossenbacher, “sind von der Öffentlichkeitsarbeit vorgegeben.” Und: “Die Medien tun in der Regel nichts weiter, als das vorgegebene Muster spiegelbildartig zu reproduzieren.”
Dass Unternehmen, Behörden und Verbände die offenbar reibungslos funktionierende Errungenschaft Public Relations so fleissig und schamlos nutzen, um sich vor dem zeitunglesenden, fernsehenden und radiohörenden Volk von der strahlendsten Seite zu zeigen, darf nicht erstaunen. Jämmerlich aber erscheint die Tatsache, dass Journalisten und Journalistinnen sich so bereitwillig dafür hergeben, den von ihnen geforderten Dienst an der Öffentlichkeit als windigen Dienst an der Öffentlichkeitsarbeit zu versehen.
Einleuchtend, dass in einem solcherart istrumentalisierten Medienbetrieb früher oder später unter die Walze gerät, wer als Journalist oder Journalistin die in Sonntagsreden gern deklamierten Aufgaben der Medien in einer Demokratie wörtlich nimmt und sich – nostalgisch – in die Gefilde der kritisch hinterfragenden Recherche, der erregenden Enthüllung oder des unmissverständlichen Kommentars verirrt. Das Ausweichen zu Alternativmedien à la “WoZ”, so scheint es, bietet sich Kolleginnen und Kollegen, die darauf nicht verzichten mögen, derzeit als einziger Ausweg an – so lange jedenfalls, als das Gros der in den etablierten Medien beschäftigten Berufsangehörigen lammfromm nachbeten, was hochbezahlte Hohepriester der Public Relations predigen.
Denkbar freilich wäre – statt hasenfüssiger Resignation – auch mal Widerstand gegen die mutwillige Aushöhlung anerkannter Berufsregeln, will heissen: Verweigerung der Liebedienerei gegenüber schönrednerischen Interessenvertretern. Denkbar wäre – statt Kampf um den vierzehnten und fünfzehnten Monatslohn – auch mal Kampf um journalistische Inhalte in der eigenen Redaktion. Und denkbar wäre schliesslich – statt der Faust im Sack – auch mal die spitze Feder im eigenen Blatt.
Voraussetzung dafür wäre allerdings die konkrete Einsicht der Medienschaffenden, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob ein Produktionsbertrieb Deo-Spray, Hosenträger oder eine Zeitung herstellt, und dass allein das Abtippen bedeutender Namen, Funktionen und Umsatzzahlen noch nicht bedeutend ist. Diese Einsicht, das sei zugegeben, ist démodé.
Vielleicht liegt das daran, dass der deutsche Journalist Paul Sethe 1965 begriffen hat, dass Journalisten – selbst wenn sie vergleichsweise gut bezahlt werden – “nicht reich” sind. Demgegenüber glaubt möglicherweise die Mehrzahl der Schweizer Journalistinnen und Journalisten 1990, allein schon der Umgang mit Reichen mache sie reich – und mithin frei.

9. Juli 2007 von Klartext

Zehn Jahre und kein bisschen leise

Für Journalisten darf Medienpolitik nicht länger darin bestehen, auf Angriffe politischer und wirtschaftlicher Interessengruppen bloss zu reagieren und zuzuschauen, wie dabei die für unsere Gesellschaft überlebenswichtige Meinungsäusserungsfreiheit Stück für Stück demontiert wird. Gefordert ist heute vielmehr das direkte Engagement der Medienschaffenden im Sinne ihres gesellschaftlichen Auftrags: Selbstbewusst und ohne fachfremde Rücksichten sollen sie an der medienpolitischen Meinungsbildung aktiv mitwirken.”
Das war vor genau zehn Jahren, an dieser Stellte, in der ersten Ausgabe des Medien-Magazins KLARTEXT zu lesen. Unterdessen bestand für Journalistinnen und Journalisten Medienpolitik ein weiteres Jahrzehnt lang darin, auf Angriffe politischer und wirtschaftlicher Interessengruppen bloss zu reagieren und zuzuschauen, wie dabei die für unsere Gesellschaft überlebenswichtige Meinungsäusserungsfreiheit Stück für Stück demontiert wurde. Vermisst wurde das direkte Engagement der Medienschaffenden im Sinne ihres gesellschaftlichen Auftrags: Ehrfurchtsvoll und allerlei fachfremde Rücksichten nehmend, verzichteten sie darauf, an der medienpolitischen Meinungsbildung aktiv mitzuwirken.
Also war wohl zumindest dieser Anspruch von KLARTEXT – mit Berichten über Medienpolitik das Selbstbewusstsein der Kolleginnen und Kollegen stärken zu wollen – ein vermessener. KLARTEXT lässt sich aber so schnell nicht verdriessen: Er wird weiterhin Machern und Managern, Politikern und Potentaten auf die Finger klopfen, wenn’s denn dazu dient, “Öffentlichkeit über einen Wirtschaftszweig herzustellen, der zwar öffentlich tätig ist, aber vieles am liebsten im Dunkeln abwickelt”. Diese zehn Jahre jedenfalls waren kein Grund, auch nur ein bisschen leiser zu werden.

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