11. Juli 2007 von Hans Stutz

Auf lange Sicht

Bei seiner Gründung im Herbst 1980 füllte KLARTEXT eine Marktlücke: die Berichterstattung über jenen Wirtschaftszweig, der die Öffentlichkeit mit Informationen versorgt. In der Zwischenzeit hat sich der Medienjournalismus gewandelt.

Anfang November 1980, vor bald 25 Jahren also, erschien die erste Nummer des KLARTEXT, Untertitel bereits damals: “Das Schweizer Medienmagazin”. KLARTEXT wolle, so stand es im ersten Editorial, “Öffentlichkeit herstellen” über einen Wirtschaftszweig, “der zwar öffentlich tätig ist, aber vieles am liebsten im Dunkeln abwickelt”. Unterschrieben war diese Absichtserklärung mit: “Schweizerische Journalisten-Union. Der Vorstand”. Genau zehn Nummern später formulierte es der SJU-Vorstand noch deutlicher: “Die Medienschaffenden und Medienbesitzer versehen zwar einen selbstgewählten Dienst an der Öffentlichkeit, aber sie scheuen die Öffentlichkeit über sich selber wie der Teufel das Weihwasser. Noch immer gilt, dass das grösste Tabu in den Medien die Medien selbst sind.” Welche “Pressefreiheiten” sich KLARTEXT herausnehmen wollte, umschrieben die MacherInnen in einer Eigenanzeige: Nämlich erstens “als Journalisten ohne Rücksicht auf wirtschaftliche und politische Interessengruppen über die Schweizer Medien zu schreiben”, zweitens “kompetent über die technischen Entwicklungen der Massenkommunikation” zu berichten und drittens den “journalistischen Alltag zu durchleuchten”.
Die SJU ist inzwischen in der Comedia aufgegangen, KLARTEXT wird seit vielen Jahren von einer selbständigen Stiftung herausgegeben. Die technische Entwicklung der Massenkommunikation hat die Medienwelt und damit den journalistischen Alltag grundlegend verändert. Verändert hat sich in den vergangenen 25 Jahren auch der Zugang zum Medienjournalismus: Wo steht der Medienjournalismus in der Schweiz heute? Von dieser Frage ging die KLARTEXT-Redaktion bei der Konzipierung der Jubiläumsausgabe aus.

Schärfere Konfrontationen
Geradezu unvorstellbar wäre heute jene Frage, mit der KLARTEXT im Sommer 1982 den “Tagi-Verleger” Hans Heinrich Coninx konfrontierte: “Macht sich Ihre Familie Überlegungen, wie sich auf lange Sicht der Widerspruch zwischen der öffentlichen Funktion einer derart starken Zeitung und der unumschränkten Verfügungsgewalt eines so kleinen Personenkreises über dieses Unternehmen auflösen liesse?” Coninx wimmelte – durchaus zeitgemäss – die Frage nach der Sozialisierung der Eigentumsverhältnisse nicht etwa einfach ab, sondern verwies auf die Publikation der Geschäftsberichte (“ohne dazu verpflichtet zu sein”) und erklärte dann: “Da die Bindung der nächsten Generation (der Coninx-Familie) an den ‚Tagi‘ eher abnehmen wird, könnten vielleicht einmal Aktienpakete zur Verfügung stehen; beispielsweise für Mitarbeiter-Aktien.” Das Going-Public der Tamedia im Jahre 2001 spülte der Coninx-Sippe Hunderte von Millionen Franken in die Kasse, aber die MitarbeiterInnen-Aktien ermöglichen keine signifikante Mitbestimmung. Im Gegenteil: Der k(n)allhart kapitalfreundliche Kurs wird von kaum jemandem noch grundsätzlich in Frage gestellt.
Bissiger als heute üblich Ende 1981 auch die Frage an den kurzzeitigen “Die Woche”-Chefredaktoren Hanspeter Lebrument: “Was ist von einem Chefredaktor zu halten, der ausgerechnet während der Startphase eines so ehrgeizigen Projektes wie der ‚Woche‘ für drei Wochen in den Militärdienst verschwindet?” Lebruments Antwort widerspiegelt das damalige bürgerliche Rollenverständnis, dass die Funktionsträger in Wirtschaft und Politik auch im Militär Karriere machen müssten: “In diesem Land überschneiden sich öfters öffentliche und berufliche Pflichten.”
Diese zufällig herausgepickten Beispiele offenbaren eine Schärfe der Konfrontation, wie sie heute – zumindestens öffentlich – nicht mehr sichtbar wird. Dies auch unter dem Einfluss der überall entstandenen Medienstellen, die einerseits den Zugang zu Informationen institutionalisieren und damit gelegentlich auch substanziell erleichtern, anderseits einen Filter zwischen dem fragenden Journalisten und dem Befragten – sei es nun der Chefredaktor, der Verleger oder wer auch immer – bilden. Die Professionalisierung der Medienarbeit beeinflusst die Qualität der Berichterstattung nachhaltig: Manche autorisierte Aussage könnte genau so auch in der offiziellen Unternehmens-PR stehen.
Auch quantitativ war der Medienjournalismus in den letzten Jahren starken Schwankungen unterworfen. Er erlebte in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bis 2001/2002 einen Aufschwung, einerseits in der Fachpresse, besonders aber in den Tages- und Wochenzeitungen. Dieses Zwischenhoch erkennt man am besten, wenn man aufzählt, was seither alles wieder verschwunden ist: Die wöchentlichen “Tages-Anzeiger”-Medienseiten samt zugehöriger Redaktion, die tägliche “Médias”- bzw. “Communications”-Seite in “Le Temps”, die wöchentliche “Bund”-Medienseite, das “Facts”-Ressort “Medien”. Die “Weltwoche” hat keinen Medienredaktor mehr, aber immerhin noch einen regelmässigen Medienkolumnisten (Kurt W. Zimmermann), wie übrigens auch der “SonntagsBlick” (Peter Glotz).

Artenschutz für den Medienjournalisten?
Ist der kritische Medienjournalismus in der Schweiz also eine aussterbende Gattung? Oder etwa doch nicht? Heute leistet sich zwar nur noch die “Aargauer Zeitung” eine tägliche Medienseite. Weiterhin erscheinen aber die wöchentliche und mehrseitige NZZ-Rubrik “Medien und Informatik”, wöchentlich publiziert auch das “St. Galler Tagblatt” eine Medienseite. Dazu kommen noch mehrere Deutschschweizer Fach-Printtitel (“Persönlich”, “Werbewoche”, “Marketing & Kommunikation”, “Media Trend Journal”, “Gazette”). Ausschliesslich elektronisch verbreitet werden zwei tägliche Branchen-Newsletter (persoenlich.com und Klein Report), neben denen man im Netz eine Handvoll weiterer medienzentrierter Angebote aus der Schweiz findet. Möglicherweise wird auch der “Tages-Anzeiger” bald wieder einen Medienredaktor bekommen, zumindest werden seit Wochen entsprechende Pläne diskutiert.
Wo steht also der Medienjournalismus heute in der Schweiz? Kann er sich behaupten, auch wenn die Konzentration in der Branche weit fortgeschritten ist? Am besten ist es wohl – so schien es uns bei der Konzipierung der Jubiläumsnummer –, doch einmal jene Männer und Frauen zu fragen, die kontinuierlich Medienjournalismus betreiben beziehungsweise betrieben haben. Viele sind es nicht, trotzdem konnten wir nicht alle berücksichtigen.
Wir wollten von unseren KollegInnen wissen, wie sie mit dem Generalverdacht der Parteilichkeit umgehen, sind doch viele eingebunden in grössere Konzerne. Wir wollten auch erfahren, wie sie die Veränderung in der Medienberichterstattung in den vergangenen Jahren erlebt haben, ob es eine feste Medienseite braucht, damit Medienthemen kontinuierlich zum Zuge kommen, und anderes mehr.
Die Antworten waren vielfältig. Aber lesen Sie selbst.

10. Juli 2007 von GastautorIn

Seelenlose Meldungen

Peter Gysling* über Schweizer Medien, die einmal aus der Perspektive der Opfer, einmal als unbeteiligte Beobachter berichten.

Vieles, so hörte ich in meiner Umgebung immer wieder, vieles sei seit den Katastrophen nicht mehr so wie früher. Viele verwiesen auf den 11. September, auf das blutige Attentat im Regierungsgebäude von Zug, zum Teil auch auf den Schock, den sie mit den betroffenen (ehemaligen) Swissair-Angestellten teilen. Den Krieg in Afghanistan sehen sie zwar in einem Zusammenhang mit den Ereignissen vom 11. September, doch die seit Wochen andauernden Bombardierungen sehen sie kaum als “Katastrophe”.
Die Attacke auf das New Yorker World Trade Center und gegen die Menschen, die sich in seinen Türmen aufhielten, erlebten wir live am Bildschirm. Zu Recht hat uns dieser Terror fassungslos gemacht und schockiert.
Danach begannen die USA ihren Kampf gegen die mutmasslichen Beherberger des geistigen (und vielleicht auch logistischen) Urhebers dieses Attentats. Um Osama Bin Laden zur Rechenschaft zu ziehen, liessen sie Flugzeugträger auffahren. US-Piloten flogen weit über 2000 Luftangriffe gegen mutmassliche Stützpunkte der Taliban, eine Vereinigung, die die USA vor noch nicht allzu langer Zeit unterstützt und denen sie damit zu ihrer Machtstellung in Afghanistan verholfen hatten. Bei den Luftangriffen sind immer wieder Menschen getötet oder verletzt worden. Tausende von Zivilisten sind in die Flucht getrieben, Tausende ihrer Habe und ihrer Lebensgrundlage beraubt worden. All dies konnten wir aus den Medien erfahren.

Als Zeitungsleser, als Konsument von Radio- und Fernsehsendungen stellte ich in den ersten Kriegswochen eine Diskrepanz fest zwischen der sogenannten News- und der Hintergrundberichterstattung. Solange kaum ein Journalist aus dem Kriegsgebiet berichten und Bilder übermitteln konnte, habe ich die Newsberichte auf den Frontseiten der Tagespresse sowie manchen Kurzbericht am Fernsehen oder in den Radionachrichten als allzu nüchtern empfunden. Nach meinem Empfinden ist uns hier die Kriegschronik zu oft ohne Einbettung, ohne Kommentierung vermittelt worden:
&#183 “Auch in der vergangenen Nacht haben die Amerikaner heftige Angriffe auf vermutete Stellungen der Taliban geflogen”, hiess es etwa.
&#183 Am 9.11.2001 konnte man im “Morgenjournal” von SR DRS miterleben, wie Präsident Bush den Amerikanern weismachte, das ganze Volk, alle Christen und alle Juden seien jetzt bedroht und müssten sich gegen den einen Feind rüsten … Die präsidiale Botschaft als quasi gottbestimmte Wahrheit!
&#183 Schlicht und nüchtern in der Tonart auch der “Tages-Anzeiger” (8.11.2001): Die Operation “Enduring Freedom” habe einen Monat nach Beginn der Luftangriffe an Intensität zuelegt und die Vereinigten Staaten wollten die Zahl der Lufteinsätze jetzt verdoppeln.
&#183 Über die brutalen “Gänseblümchenschneider”-Bomben BLU-82 hiess es im selben Blatt: “Die Bomben werden auf einer Palette aus dem Frachtraum (…) gestossen und gleiten an Fallschirmen zu Boden, wo eine Art Stachel sie auf unter einem Meter Höhe zur Explosion bringt.” Solche Sachlichkeit lässt kaum Emotionen aufkommen. Auch wenn schliesslich ein amerikanischer Militär mit den Worten zitiert wurde: “Sie (die Bomben) machen einen Riesenkrach, wenn sie losgehen, und sie dienen dazu, Leute zu töten.”
&#183 Beinahe irreführend die ARD-Nachrichten vom 12.11. 2001 über den Kadavergehorsam, den Bundeskanzler Schröder unter dem Motto “uneingeschränkte Solidarität” in der rot-grünen Koalition einforderte: Der Kanzler werde hart kämpfen müssen, wenn er die USA mit Bundeswehrsoldaten “im Kampf gegen den Terrorismus” unterstützen wolle. Dies klang so, wie wenn Kritiker eines solchen Kriegseinsatzes grundsätzlich den Kampf gegen den Terror lähmen wollten.
Über die Terroranschläge vom 11. September wurde aus einer Art Opferrolle berichtet, der Krieg in Afghanistan in den ersten Wochen oft von einer eher unbeteiligten Beobachterwarte aus beschrieben. Wie hätten wir es empfunden, wenn uns über den Anschlag vom 11. September mit folgenden Worten berichtet worden wäre? “Unbekannte mutmassliche Gegner der USA haben zwei mit Menschen besetzte Flugkörper in ein grosses Bauwerk von Manhattan gleiten lassen, was dort – wegen des mitgeführten Treibstoffs – zu einem Brand und zu Explosionen führte, denen eine noch unbekannte Zahl von Menschen zum Opfer gefallen sind.” Mit dieser absurd versachlichten Formulierung möchte ich aufzeigen, dass die Nachrichtensprache nach dem 11. September durchaus anders, “betroffener” zu formulieren wusste.

Es gab aber auch viele positive Beispiele. Wer in den ersten Kriegswochen die gut dokumentierten Hintergrundseiten las, den zahlreichen Diskussionsrunden lauschte, einem Werner van Gent oder einem Max Schmid zuhörte, dem wurde deutlich, dass hier Journalisten berichteten, die selbst einmal – nicht nur virtuell – Zeugen von Katastrophen geworden waren und die deshalb aus einer inneren Erfahrung heraus analysieren konnten.
Nach einigen Wochen veränderte sich die Situation, Schreibstubenberichte wurden jetzt durch aussagestarke Bilder ergänzt und durch authentische Berichte vor Ort ersetzt. Doch damals, während der ersten Kriegswochen, hätte ich mir manchmal gewünscht, erfahrenere Journalisten könnten – wenigstens vorübergehend – den Dienst an den Newsdesks übernehmen und dabei mehr Hintergrundwissen in die nüchterne Berichterstattung einfliessen lassen.

* Peter Gysling ist Informationschef des Bundesamtes für Ausländerfragen. Während 20 Jahren arbeitete er als SRG-Radio- und Fernsehjournalist.

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