10. Juli 2007 von Helen Brügger

Macht der Fakten? Fakten der Macht!

Die Medien informieren zu wenig über die Problematik der entstehenden Anti-Terror-Front, meint der algerische Journalist Jugurtha Aït-Ahmed von Schweizer Radio International.

hb./ Zwar sei die Berichterstattung nach dem 11. September differenzierter gewesen, als jene über den Golfkrieg. Die Westschweizer Medien hätten sich jedoch zu wenig vor den Risiken “einer strategischen Manipulation” in Acht genommen, dies die Einschätzung von Jugurtha Aït-Ahmed. Der gebürtige Algerier arbeitet seit zwei Jahren als Journalist bei der französischsprachigen Redaktion von Swissinfo/Schweizer Radio International (www. swissinfo.org).
“Ich war beeindruckt von den Anstrengungen der Medien, nach dem 11. September einen Pluralismus der Informationen und Meinungen zum Ausdruck kommen zu lassen”, meint Aït-Ahmed. “Beim Golfkrieg war die Information ein Bestandteil der Kriegsführung, weil CNN das Informationsmonopol hielt. Im jetzigen Konflikt ist dieses Monopol durch das Auftreten des Senders al-Jazirah gebrochen worden.” Man könne über die journalistische Unabhängigkeit der Sendungen von al-Jazirah geteilter Meinung sein. Tatsache sei jedoch, dass die Berichterstattung des Senders zu einer Diversifizierung der Informationsquellen geführt habe. Für Aït-Ahmed hat aber auch das Attentat von Oklahoma City “zur Reifung der Berichterstattung” beigetragen. Bei diesem Attentat gingen die Medien vorschnell von islamistischen Tätern aus und mussten schliesslich feststellen, dass amerikanische Rechtsextremisten die Urheber waren. “Nach diesen Erfahrungen hat uns al-Jazirah bei aller gebotenen Vorsicht erlaubt, einen andern als den manichäistischen Blick der USA zur Kenntnis zu nehmen.”
Dennoch ist Aït-Ahmed beunruhigt und veranschaulicht seine Kritik am Beispiel der Berichterstattung über das Treffen zwischen dem algerischen und dem amerikanischen Präsidenten mit dem Ziel, Algerien in die US-Anti-Terror-Allianz einzubinden. “Der Aufbau der Antiterrorismusfront beinhaltet eine Gefahr. Staaten, die für ihre Verletzung der Menschenrechte bekannt sind, treten in eine Allianz mit den USA ein, ohne dass diese Zusammenarbeit mit Bedingungen zur Respektierung der Menschenrechte verbunden wäre. Für die Berichterstattung in den Medien hat es zur Folge, dass Menschenrechtsverletzungen kein Thema mehr sind.”

Den Begriff “Terrorismus” klären
Aït-Ahmed verurteilt die Attentate gegen die Twin Towers als Verbrechen gegen die Menschheit und bezeichnet den Kampf gegen den Terrorismus als legitim – “doch nicht bedingungslos und unter allen Umständen”. Der Kampf dürfe weder die Demokratie noch die persönlichen Grundrechte ausser Kraft setzen. Die Berichterstattung müsse sich darum bemühen, den Begriff “Terrorismus” zu klären, denn die Gefahr bestehe, dass er von Diktaturen instrumentalisiert werde. Dies bedeute die Missachtung der Ursachen von islamistischen oder anderen Extremismen, nämlich Armut, Unterdrückung und Ausweglosigkeit. Der algerische Journalist ist überzeugt: “Terrorismus wird von Diktaturen erzeugt, von Staaten, die ihren BürgerInnen alle Rechte versagen und alle Horizonte verschliessen.”
Erfahrungen mit manipulierten Bildern und anderen “primitiven Manipulationen” hätten in den letzten Jahren zu einer Sensibilisierung der JournalistInnen geführt, schätzt Aït-Ahmed. Sie nähmen sich jedoch zu wenig in Acht vor den Gefahren einer “strategischen Manipulation”, vor allem im Zusammenhang mit dem Aufbau der Anti-Terror-Allianz. Diese gestatte den USA, sich in weiteren geostrategischen Regionen der Welt festzusetzen. Die Annäherung zwischen Russland und USA beispielsweise sei eine der wichtigsten Gegebenheiten nach dem 11. September, sie werde die internationalen Beziehungen stark verändern. Dabei gehe die Frage unter, von welchem Terrorismus die Rede sei. “Wenn man vom Terrorismus kleiner Grüppchen spricht, verliert man schnell den Terrorismus gewisser Staaten aus den Augen – die Aktionen Russlands in Tschetschenien beispielsweise.” In der Hitze des Gefechts mit der Newsflut, argumentiert Aït-Ahmed, trügen die strategischen Manipulationen dazu bei, dass der Aufbau der Anti-Terror-Front weder infrage gestellt noch kritisch analysiert werde. “Muss man sie bedingungslos unterstützen? Müssen nicht auch ethische Bedingungen formuliert werden, bevor man sich in den Dienst dieser Front stellt?” Die Frage sei kaum aufgeworfen worden. So habe die öffentliche Meinung nicht zur Kenntnis nehmen können, “dass es sich um eine der wichtigsten Weichenstellungen für die Zukunft handelt”.

10. Juli 2007 von GastautorIn

Auf eigene Gefahr

Im Krieg sterben immer auch JournalistInnen. Sollen ReporterInnen sich also von gefährlichen Orten fernhalten? Eine Risikoabwägung von Werner van Gent.*

Sieben Kolleginnen und Kollegen hat der Krieg in Afghanistan nun schon in den Tod gerissen, einer der vielen grausamen Aspekte eines grausamen Krieges. Zuhause waren Medienschaffende und Publikum schockiert. Es gab empörte Kommentare. Gewiss zu Recht, nur hat niemand gewusst, an wen die Empörung genau zu adressieren sei. Nach 23 Jahren Krieg ist ein Mensch am Hindukusch nur gerade so viel wert wie die Kugel, die ihn niederstreckt.

Bei vielen Kolleginnen und Kollegen hat der Tod der sieben zudem die beklemmende Frage hinterlassen, ob und wie eine solche Katastrophe hätte vermieden werden können. Die Antwort ist – man darf sich da nichts vormachen – ziemlich einfach: Eine sichere Kriegsberichterstattung gibt es nicht und es kann jeden treffen, zu jeder Zeit. “Ja schon”, sagen die einen, die klüger sein wollen als der Rest, aber die KollegInnen im Norden seien auf einem Panzer der Nordallianz mitgefahren, der dann unter Beschuss gekommen sei. Ihr Fazit: Fahre nie mit irgendeiner Partei mit. Das stimmt im Allgemeinen; die vier KollegInnen im Süden fuhren aber ohne militärische Begleitung nach Kabul und gerieten prompt in einen Hinterhalt. Genau genommen ist die einzige sichere Methode der Kriegsberichterstattung demnach, gar nicht erst hinzufahren. Die Diskussionen verlaufen sich an diesem Punkt meist, man widmet sich wieder den gerade anstehenden Aufgaben, ohne dass die beklemmende Frage aber weg ist, wer wohl der nächste sein werde.

Das ist die eine Seite der Misere der Kriegsberichterstattung. Es gibt noch eine andere, und die ist nicht weniger desolat. Dabei geht es um das Inhaltliche. Wie kann man über einen Krieg berichten, ohne gleichzeitig Partei zu sein? Einige der Frontberichterstatter der BBC, eines Senders, der ansonsten immer sehr bemüht ist, sich gegenüber der amerikanischen Konkurrenz zu profilieren, haben beim jüngsten Krieg gezeigt, wie schnell man zum Sprachrohr einer wild gewordenen Kriegsmaschinerie werden kann. “Das nennen die Militärs den Feind weich klopfen”, sagte einer von ihnen genüsslich, als sich ein Bergkamm, angeblich eine Stellung der Taliban, wie von einer gigantischen Maschinengewehrsalve getroffen in eine ebenso gigantische Staubwolke verwandelte. “Denen dort drüben geht es nun bestimmt nicht sehr gut”, lautete die Fortsetzung des Kommentars. So kann man natürlich auch berichten: Die Guten und Bösen sind klar ausgemacht, den Bösen geht es jetzt an den Kragen. Fertig, Krieg ist Krieg. Zum Glück hat derselbe Sender gleichzeitig noch so viele hochkompetente Leute an Bord, dass die Peinlichkeiten des Frontberichterstatters ausgeglichen werden.

Interessanterweise stehen Personen mit einem differenzierten Blick auf das Geschehen oft an Orten, wo der Krieg direkt gar nicht sichtbar ist. Muss man also, um verantwortungsvoll über einen Krieg zu berichten, weitab vom Schuss sein? Auch da gibt es leider keine fertige Antwort. Im Jugoslawienkrieg zum Beispiel waren oft gerade jene, die den Krieg und seine Grausamkeit nie aus der Nähe erlebt hatten, die miserabelsten Kriegstreiber. Weder die Nähe noch die Ferne zum Geschehen garantieren eine halbwegs brauchbare Berichterstattung. Ist die Forderung nach einer “guten” Kriegsberichterstattung also genauso unrealistisch, wie die nach einer “sicheren”?

Tatsache ist, dass mit dem Satz “Krieg ist eben Krieg” oftmals Ungeheuerliches weggesteckt wird, auch Defizite bei der Berichterstattung, die man in anderen Bereichen nicht hinnehmen würde. Tatsache ist auch, dass viele JournalistInnen, aus Ehrgeiz oder angespornt durch den plumpen Konkurrenzdruck ihrer Chefs, oft Risiken eingehen, die keiner von ihnen im normalen Leben je eingehen würde. Die Lösung also: nicht hingehen und nicht berichten? Also dem Rat jener folgen, die immer wieder sagen: “Berichte doch mal über etwas Positives.”? Schön wäre es, doch sind es meist gerade diese Leute, die als Erste zuschalten, wenn anstelle des “positiven” ein “negatives” Ereignis zu melden ist. Nein, nicht über den Kosovokrieg oder über den Afghanistankrieg zu berichten ist leider keine Alternative, nicht für die Medien, die halbwegs seriös sein wollen, wohl auch nicht für die JournalistInnen.

Bleibt höchstens eine Art von Schadensbegrenzung, damit die Misere überschaubar, das Risiko im Rahmen bleibt. ReporterInnen sollen die Möglichkeit haben – ohne von den Chefs zuhause als VersagerInnen abqualifiziert zu werden – selber zu bestimmen, welches Risiko sie noch tragen können. Zurückhaltung hat – wenigstens dies kann man mit Gewissheit sagen – noch niemanden in Gefahr gebracht. Und wenn berichtet wird, dann sollen die ReporterInnen bestmöglich ausgestattet sein, mit Kommunikationsmitteln und mit Schutzvorrichtungen (kugelsichere Westen zum Beispiel oder gute Versicherungen). Noch immer sind freischaffende ReporterInnen unterwegs, die nicht oder kaum versichert sind. Das ist grob fahrlässig, vor allem von Seiten der Medien, die sich ihrer bedienen. Gegen die inhaltliche Misere gibt es leider keine solchen schönen Forderungen. Wenn JournalistInnen als Partei in den Krieg ziehen, kommt jede Hilfe sowieso zu spät.

* Werner van Gent, geboren 1953 in Utrecht, arbeitet seit 1979 für Schweizer und Deutsche Medien. Heute ist er Südosteuropa-Korrespondent für Schweizer Radio DRS.

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