10. Juli 2007 von Klartext

Vom Verfliessen und Vergessen

Von Hans Saner

Wenn ich in meiner Kindheit einen Film sah – es kam im Jahr höchstens einmal vor – , so blieb er mir auf Jahre hinaus im Gedächtnis haften. Ich konnte ihn nicht mehr loswerden, und seine Bilderwelt quälte mich oft abends vor dem Einschlafen.
Wenn ich in meiner Studentenzeit einen Film sah – es kam in der Woche durchschnittlich einmal vor – , so blieb er mir noch Tage lang haften, einzelne Szenen sogar bis heute.
Wenn ich heute am Fernsehen einen Film sehe – ich schaue täglich die Nachrichten an – , so habe ich ihn am andern Morgen bestimmt vergessen. Falls ich mich erinnern möchte, bedarf es einer gewissen Anstrengung, und nur selten gelingt die Rekonstruktion eines ganzen Verlaufs.
Als mir diese Sachverhalte bewusst wurden, fragte ich andere Menschen nach ihren Erfahrungen. Sie waren fast immer ähnlich. Also suchte ich nach den Ursachen und Gründen.

Ich vermute, dass die audiovisuelle Kultur der Telekommunikation von vornherein auf das Verfliessen und Vergessen angelegt sein muss, paradoxerweise weil die Kombination von Bild und Wort/Ton einprägsamer ist als eine visuelle oder auditive Kommunikation allein. Der fliessende Charakter wird um so notwendiger, je mehr Zeit wir vor dem Apparat verbringen. Das eidetische und das auditive Gedächtnis müssen dann ständig entlastet werden, um für die neuen Botschaften frei zu sein, um für sie noch Raum zu haben.
Wie können wir pausenlos Informationen eingeben – so lautet die Frage für die Macher – , ohne den Informationsbedarf zu übersättigen? Oder auch: Wie können wir mit schierer Akkumulation von Information das Bedürfnis nach weiterer Information wachhalten oder gar steigern?
Die Antwort ist einfach: Wir dürfen nicht Fülle erzeugen, sondern Leere, nicht Überfluss, sondern Mangel, nicht Übersättigung, sondern Sucht: audiovisuelle Software-Sucht. Wie aber ist das möglich? Die Antwort ist paradox: indem wir im Eingeben verschwinden lassen.
Die Methoden, die das erreichen, sind durchschaubar, und man kann sie auf wenige Regeln bringen:
1. Vermeide jede Kontinuität in den täglichen Programmen und neutralisiere durch sprunghafte Ab-wechslung alle stärkeren Eindrücke. Gerade dies, die Abwechslung, wird der Zuschauer insgesamt für interessant halten, obwohl sie die bewusste Ein-ebnung des Interessanten ist. Ist dieses erst einmal neutralisiert, wird es auch wieder vergessen.
2. Pflege in einem starken Ausmass die Unterhaltung – ohne allzu grossen Anspruch. Denn sie befestigt eine besondere Beziehung des Menschen zum Apparat. Dieser bleibt nicht länger ein Gerät zum Hinschauen und Hinhören, sondern wird ein Gerät zum Wegschauen und Weghören. Als funktionierender, das heisst eingeschalteter, mit kaum wahrgenommenen Bildern und Tönen uns berieselnder Apparat wird er zu einem quasi lebendigen, fast zärtlichen Möbelstück, mit dem wir gerne wohnen, weil es ständig uns etwas Neues bietet, das wir verschwenderisch dem Ver-fliessen und Vergessen anheimgeben. Was so in uns versinkt, ist als Zeichen für das Bewusstsein verschwunden. Aber auf das Bedürfnis nach Zeichen wirkt es wie ein Strudel, der neue Zeichen in sich zieht.
3. Baue in den Ablauf aller Handlungen und ihrer Repräsentationen eine so grosse Anzahl von Schnitten und Sprüngen ein, dass die Präsenz der einzelnen Bilder kurz und die Geschlossenheit der Fabel vielfach durchbrochen ist. Die Technik des Schnitts erhöht das Tempo des Flusses. Sie macht einen Film interessant, verhindert aber zu-gleich, dass er haften bleibt.
4. Bevorzuge vor und in aller Kontroverse das Gleichgewicht. In ihm kommen die Fragen zur Ruhe. Alle Ausgewogenheit lässt vergessen.
Was so entsteht, ist eine fliessende Zeichenwelt, die uns mehr oder weniger anspricht, aber keine Antwort erwartet. Sie geht an unseren Ohren und vor unseren Augen vorbei – und das einzig Ständige ist dieser Fluss, der alle Erinnerung mit sich trägt. Die Menschen brauchen in dieser Welt noch Augen und Ohren. Aber kaum die gerichtete Aufmerksamkeit und gar kein Gedächtnis. Wozu auch? Irgendwo mündet die ganze Zeichenflut doch in ein Archiv, das alle Zeichen, auf Abruf, verwahrt. Es entsteht eine Informationswelt, in der subjektiv nichts aufbewahrt wird und objektiv nichts verloren geht.

Der fliessende Charakter der alltäglichen Informationswelt ist längst auch in die Produktion von wissenschaftlichem Wissen und technischem Können eingedrungen. Modernes Wissen, technisches Know-how und die Apparaturen haben ihre Halbwert-zeiten, und diese werden immer kürzer. Heute liegen sie zwischen drei und fünf Jahren. Wenn ein Student also nach vierjährigem Studium die Universität verlässt, dann ist die Hälfte dessen, was er zu Beginn gelernt hat, Makulatur, falls damals sein Professor up to date war. Falls er es nicht war (dies ist wahrscheinlicher), dann ist fast alles Gelernte falsifizierte Weisheit, und er müsste anderswo neu anfangen, um bei den Leuten zu sein. Nicht geringer sind die Sorgen etwa im Print-Gewerbe. Innovationen in der Drucktechnik werden zur Normalität. Alle paar Jahre müssen der Maschinenpark erneuert oder gar ausgewechselt und die Belegschaften umgeschult werden.
Die Geschwindigkeit der Produktion führt unvermeidlich zur Spezialisierung und diese notwendigerweise zur Herausbildung von Eliten. Hunderte von Kleineliten, von denen keine die andere mehr wirklich versteht, erzeugen emsig ihr Spezialistenwissen und trainieren ihr Spezialistenkönnen. All dies wäre vollständig gleichgültig, wenn dieses Wissen und Können nicht die Welt veränderte. Aber gerade dies tun beide permanent, so dass auch die Welt des wissenschaftlich-technischen Zeitalters ständig im Fluss ist.

Auch diese Welt legt ihre Archive an. Sie sind, als der immer wachsen-de Bestand der wissenschaftlichen Technokultur, unvorstellbar gross. Täglich 4000 Seiten Chemie, so wird gesagt. Jährlich Hunderte von Bänden, die nur die Novitäten der Mathematik enthalten. Jährlich Zehntausende von Erfindungen: geniale, verspielte, stupide. Kein Physiker kann heute noch von sich sagen, dass er die Physik kennt. Wir sind alle Fremdlinge in der Kultur, die unser Leben und unsere Welt verwandelt. Niemand weiss wirklich, wohin die Reise geht. Wir sind in einem Blindflug unterwegs, dessen Tempo unentwegt zunimmt und dessen Zielort keiner kennt.

Wenn man ständig lernen muss, weil man von der Entwicklung gejagt und gepeitscht wird: ist da nicht das Vergessen-Dürfen und das Verfliessen-Lassen wohltuend? Ist die Lernverweigerung nicht ein Korrektiv zum permanenten Lernzwang? Treibt die akkumulative Kultur der wissenschaftlich-technischen Welt nicht notwendigerweise die fliessende Kultur des Vergessens unserer alltäglichen Informationswelt hervor? Verlangt nicht auch die wissenschaftlich-technische Kultur in sich selbst ein Vergessen-Können um der Entwicklung willen? Und schliesslich: Sind wir angesichts des riesigen Kulturbestandes und der rasenden Kulturproduktion nicht alle funktionale und strukturelle Kultur-analphabeten?
Der funktionale Analphabet ist tatsäch-lich eine paradigmatische Gestalt unseres Zeitalters. Er lebt an einem äusserst empfindlichen Ort in der Vergessens-Kultur der alltäglichen Informationswelt, aber akzeptiert diese nicht bloss als Korrektiv der akkumulativen Welt, sondern als Basis seiner eigenen Welt. Eben das Vergessen und Verdrängen des Lesens und Schreibens wirft ihn aber zurück in eine Not des Nicht-Vergessen-Dürfens, weil ihm kein Archiv mehr zur Verfügung steht ausserhalb des Gedächtnisses. Er ist zudem, abgekoppelt von der nicht gesprochenen verbalen Kommunikation, für alle neue Information entweder auf Mitmenschen angewiesen oder auf die Geräte der Mas-senkommunikation, die jedoch Trainings-Apparate des Vergessens sind. Äusserst heikel ist seine gesellschaftliche Lage. Es ist chic oder gilt dafür, ein mathematischer Analphabet zu sein, und jeder darf sich dazu bekennen. Aber ein Analphabet im eigentlichen Wortsinn darf man nicht sein. Das ist eine Schande, zu der sich keiner ungestraft bekennt. Deshalb können seine Mitmenschen ihm nicht das Archiv ersetzen. Er treibt nämlich notgedrungen vor und mit ihnen ein Spiel und muss ständig auf der Hut sein, sich nicht zu verraten. Das trennt ihn von allen anderen. Deshalb sind die Geräte des Vergessens nahezu die einzigen Stützen seines Gedächtnisses, das ihn eines Tages ja doch im Stich lassen und verraten wird.
Er muss übrigens keineswegs unintelligent sein, sowenig wie der mathematische Analphabet unintelligent sein muss. Vielmehr verfügt er wahrscheinlich über eine beachtliche Intelligenz des Widerstands und über eine beachtliche theatralische Intelligenz des Als-ob. Aber beide treten gegen eine zu grosse Macht an, nämlich gegen die Basis der wissenschaftlich-technischen Kultur selbst: gegen die Macht jener Zeichen, die – nach dem einhelligen Konsens der ganzen Gesellschaft – man unbedingt respektieren muss. In diesem Punkt der gesellschaftlichen und epochalen Überheblichkeit sind sie, seine Formen der Intelligenz, doch nicht wirklich intelligent.

Überhaupt ist dieser private Versuch, eine Kultur ohne Schrift zur Basis der eigenen Lebenswelt zu machen, in jeder Weise zum Scheitern verurteilt. Die Massenkultur des Vergessens und Verfliessens ist nämlich nicht eine dialogische Kultur – weder von Mensch zu Mensch, noch von Mensch zu Gerät – , sondern eine monologische von Gerät zu Mensch. In ihr verstummt die Rede im Mitsein der Menschen. Deshalb ist sie nicht wirklich eine Gegenkultur zur Häufung der archivarischen Schriftzeichen, sondern die Schriftkultur ist die einzige Gegenkultur zur Häufung der apparativen Hör- und Sehzeichen. Denn die Schriftkultur ermöglicht zumindest das Selbstgespräch, eine Grenzform wirklicher wechselseitiger Kommunika-tion. Wenn das Gespräch verstummt, ist man angewiesen auf eine Sprache der Sprache – und die Schrift ist die universalste und exakteste.
Wenn aber das Gespräch verstummt, die Schrift vergessen und das Gedächtnis verloren ist: dann bleibt wirklich nur der Nieselregen der Geräte. In ihm stirbt alle Kultur.

Der Autor

KLARTEXT-Gast Hans Saner, 56, lebt als Publizist und als Dozent an der Musik-Akademie in Basel. Er studierte Philosophie, Psychologie und Germanistik an den Universitäten Lausanne und Basel. In Basel war Saner von 1962 bis 1969 persönlicher Assistent von Karl Jaspers, dessen Nachlass er im Auftrag der “Karl Jaspers-Stiftung” herausgibt. Saner publiziert regelmässig kritische Texte zur politischen und gesellschaftlichen Situation in der Schweiz (zuletzt: “Die Anarchie der Stille”, 1990). Den vorliegenden Text verfasste er für den eben erschienenen Band “Buchstäblich sprachlos. Funktionaler Analphabetismus in der Informationsgesellschaft” (herausgegeben von Cornelia Kazis im Lenos Verlag, Basel).

10. Juli 2007 von Klartext

Frau, ärgere dich

“Frauen hielten im Februar im Bundeshaus ihre eigene Session ab. Am 8. März war der internationale Tag der Frau. Kommenden Sonntag treten in Luzern 28 Künstlerinnen am Frauenkulturtag auf. Am 14. Juni wollen in der Schweiz die Frauen streiken, um aufmerksam zu machen, dass die faktische Gleichstellung der Frau trotz zehnjährigem Artikel vier der Bundesverfassung noch nicht verwirklicht ist. In Basel wurde diese Woche ein weibliches Kamel – wie sage ich’s richtig, nicht-sexistisch und gegen die Menschenrechte verstossend: Kamel-Baby, Kamel-Dame, KamelIn? – auf den Namen ,Ofra’ getauft. Schlägt da ein Namensgeber – männliches Kamel, Trampelbock, KamelER? – zurück? Immerhin ist ,Ofra’ die Abkürzung für die ,Organisation für die Sache der Frau’.
Gleiche Rechte für Frau und Mann. Kein vernünftiger Mensch – Männer inbegriffen – kann stichhaltige Gründe dagegen haben. Wer noch etwas mehr auf sich hält, engagiert sich in seinem Bereich dafür, dass die Losung nicht bloss Papier bleibt. (…) Das braucht Zeit, und das ruft nach den richtigen Methoden. Die Sache für die Frau, die Gleichstellung auf dem gesellschaftlichen, politischen oder kulturellen Parkett könnte weiter sein, wenn die Emanzipation partnerschaftlicher und weniger unter Ausschluss der Männer betrieben würde. Die Diskussion wäre entkrampfter, wenn einzelne Vertreterinnen nicht sektiererisch Einthemapolitik betrieben und mit Schlagworten eine Politkultur-Apartheid einführten, die Andersdenkende und Andersgeschlechtliche ausgrenzt. (…)
Wer der anspruchsvollen Aufgabe der Gleichstellung über kleine und praktische Schritte ausweicht und sich statt dessen ins Hinterzimmer zurückzieht, um in geschlossenen Grüppchen die Gegenwartsprobleme über Sprachklaubereien und theoretische Quotenforderungen anzugehen, darf sich nicht wundern, wenn die Sache für die Frau nur langsam vorankommt. Ganzheitliche Politik ist heute mehr denn je gefragt, alternativ und progressiv denkende Menschen weisen auf die Bedeutung hin, die Probleme von oben und unten, klein und gross, rechts und links, aus weiblicher und männlicher Perspektive zu ,vernetzen’, gemeinsam anzugehen und zu lösen. (…) Mit dem Rückzug auf das eindimensionale Thema ,Frau’ wird die Emanzipation der Gleichstellung boykottiert, werden Hindernisse nicht entfernt, Vorurteile hingegen zementiert und Apartheid (,getrennte Entwicklung’) betrieben. Wenn Männer nur Partikularinteressen wahrnehmen, wird von Lobbyismus und Filz gesprochen. Frauen, die dasselbe tun, erweisen der Sache für die Frau einen KamelIndienst.”
Chefredaktor Karl Bühlmann, “Luzerner Neuste Nachrichten”, 15. März 1991

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