9. Juli 2007 von Klartext

Schreiben Frauen anders?

Von Marlise Müller

Ein weiblicher Journalismus? Dies reizt zu Widerspruch: Gibt es denn einen “männlichen Journalismus”? Sind es nicht Unterschiede zwischen den einzelnen Autorinnen und Autoren, zwischen den Medien, Sparten und den Textsorten, die nicht auf den Faktor “Geschlecht” zurückzuführen sind? Gibt es nicht auch männliche Journalisten, die einen “weiblichen” Zugang zu ihrer Arbeit haben und umgekehrt: Frauen, deren Artikel sich keineswegs von Männerprodukten unterscheiden? Was heisst überhaupt eine “weibliche Schreibweise”? Ist sie genetisch-biologisch determiniert oder Folge historisch-sozialer Bedingungen von schreibenden Frauen in einer patriarchalischen Öffentlichkeit?
Der vorherrschende Journalismus ist männlich. Historisch wurde die massenmediale Öffentlichkeit von Männern hergestellt, die die Normen festgeschrieben haben.
Ein Blick in jede Mediengeschichte zeigt, dass im Journalismus fast ausschliesslich die Männer das Sagen hatten, ob als Verleger, Redaktoren oder als Schreiber. Die Strukturen wurden von Männern und primär auch für sie herausgebildet. Die Räume, die Frauen offenstanden, wurden von Männern definiert. Schreibende Frauen mussten sich in jedem Fall am Vorhandenen, das heisst an der männlichen Norm, orientieren. Sie waren immer die Ausnahme, das andere Geschlecht.

Auch wenn heute mehr Frauen als früher im Journalismus beschäftigt sind, kann von einem gleichberechtigten Einfluss- und Machtbereich in der medialen Öffentlichkeit keine Rede sein. Sie sind auch heute noch in der Minderheit und nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ in bezug auf Arbeitsbedingungen und Machtbereiche benachteiligt.
Frauen, die heute im Journalismus tätig sind, müssen sich mit der historisch ge-wachsenen männlichen Tradition aus-einandersetzen, sich in ihr bewegen oder gegen sie abgrenzen, ohne auf eine weib-liche Tradition zurückgreifen zu können. Schreibende Frauen aber, die die bestehenden Normen des Männerjournalismus unbesehen übernehmen – dies kann mit weiblichem Journalismus nicht gemeint sein (auch wenn es dafür Beispiele aus der Praxis gibt).
Weiblicher Journalismus muss femi-nistischer Journalismus heissen, also Folge des Bewusstseins und nicht des biologischen Geschlechts sein. Es ist nicht die An-passung an vorherrschende Normen des Männerjournalismus, sondern die Suche nach neuen Normen, nach der eigenen Geschichte und Gegenwart.
Diese andere Art von weiblichem, feministischem Journalismus manifestiert sich am auffälligsten im thematischen Bereich. Dadurch, dass sich Frauen in den Medien zu Wort melden, werden auch vermehrt Themen bearbeitet, die primär für die Lebensrealität von Frauen relevant sind und von den Männern weitgehend ausgeklammert wurden. Ausgespartes, Verschwiegenes, als unwichtig Erachtetes wird zur Sprache gebracht und neu gewichtet. Das betrifft in erster Linie die traditionell weiblichen Themenbereiche: Erziehung, Bildungswesen, Sozialbereich, Kulturelles.
Diese Erweiterung des thematischen Spektrums ist wichtig, birgt aber auch eine Gefahr in sich: als Frau automatisch auf Frauenthemen verpflichtet und somit auch reduziert zu werden, so als ob Frauen die “normalen” politischen und wirtschaftlichen Themen nicht bearbeiten könnten. Zur Gefahr, in einem Frauenghetto isoliert und nicht ernst genommen zu werden, kommt das Problem des Gefälles zwischen politischen, wirtschaftlichen Themen mit hohem Prestigewert und erster Priorität und den sogenannten Frauenthemen mit niedrigerem Prestige und gering geschätzter Aktualität. Und der Kampf um die Themenpriorität fällt in der männerdominierten Medienwelt meist nicht zugunsten der Frauen aus.
Feministischer Journalismus heisst aber nicht nur eine andere Art der Themenwahl und Themengewichtung. Es ist auch eine andere Art, an Themen heranzugehen, sie zu bearbeiten und in eine sprachliche Form zu bringen.

Kaum jemand vertritt heute noch ernsthaft die Ansicht, die Informationen in den Medien seien objektiv in dem Sinn, dass sie alles Wichtige, das in der Welt geschieht, erfassten. Trotzdem wird durch Ablösung der Fakten von Recherchierprozess und Quellen häufig eine Pseudo-Objektivität vorgegaukelt. Für viele schreibende Frauen ist es aber wichtig, ihre Position explizit einzugestehen, zu sagen: Von hier berichte ich. Und der eigene Standpunkt wird auch sprachlich deutlich gemacht (zum Beispiel mit der Ich-Form). Frauen stehen – bestimmter als viele Männer – zu einer Subjektivität, die sich durch Auswahl, Gewichtung und Darstellung der Fakten auf jeden Fall ergibt.
Subjektivität ist aber nicht gleichbedeutend mit “Schreiben aus dem Bauch”. Im Gegenteil: Dadurch, dass eine Journalistin ihren Standpunkt bekannt gibt und zu dem steht, was sie schreibt, ist es für sie auch unabdingbar aufzuzeigen, woher sie ihre Informationen bezogen hat, welches ihre Quellen gewesen sind.
Das Streben nach Transparenz zeigt sich auch bei der Fakten-Vermittlung: nicht Einschüchterung durch Expertensprache und zu selbstverständliche Voraussetzung von Wissen, nicht Parzellierung von Informationen. Transparenz heisst: Voraussetzungen und Folgen aufzeigen, Hintergründe und Zusammenhänge deutlich machen, die bis in die Lebensrealität der LeserInnen greifen. Nicht Einzelereignisse haben Priorität, sondern Entwicklungen, Prozesse, Strukturen, die häufig mit bestimmten Personen verknüpft, also nicht abstrakt dargestellt werden.
In den Texten von Frauen spielen denn auch häufig Menschen eine zentrale Rolle. Menschen werden in ihrer Individualität beschrieben, als Handelnde oder als Betroffene in das Geschehen eingebun-den. Personen werden sichtbar und über Zitate auch hörbar gemacht.

Es ist empirisch zu belegen, dass der vorherrschende Männerjournalismus ein Weltbild vermittelt, in dem die Männer das Sagen haben und Frauen weitgehend ausgeblendet werden, obwohl auch sie in der Realität als Politikerinnen, Managerinnen, Wissenschaftlerinnen usw. wichtige Positionen einnehmen. In Reportagen zum Beispiel werden Männer rund sechsmal häufiger zitiert als Frauen, die im Unterschied zu den zitierten Männern sehr viel weniger in ihrer offiziellen Funktion zu Wort kommen, sondern vorab als Betroffene und – wen erstaunt’s – als Randfiguren.
Frauen versuchen, diese Mechanismen aufzubrechen. Sie suchen sich vermehrt Frauen als Interviewpartnerinnen. Sie wollen auch in dieser Beziehung Frauenrealität stattfinden lassen und Frauen erwähnen (auch sprachlich, zum Beispiel mit Doppelformen) und sie zitieren.
Und wichtig ist es vielen Journalistinnen, Frauen und ihre Leistungen und Standpunkte nicht als Ausnahme und Exotikum darzustellen, sondern als Normalfall.

Themenwahl und -gewichtung, fakten-orientierte Subjektivität, Transparenz der Zusammenhänge und Hintergründe und Personenorientierung sind also die Merkmale, die den Bereich des weiblichen Journalismus abstecken.
In diesem Bereich versuchen Journalistinnen – mehr als ihre männlichen Kollegen – , in ihren Texten Identifikations-möglichkeiten zu bieten: Das, was berichtet wird, soll nicht von eigenen Erfahrungen getrennt sein, sondern mit ihnen verknüpft werden. Um dieses Ziel der Partizipation zu erreichen, werden verschiedene Mittel eingesetzt:
Neben der Themenwahl, die die durch die Medien vermittelte Realität auch zur Frauenrealität macht, und neben einer sprachlichen Form, die Fakten nicht als selbstverständliches Wissen voraussetzt, vielmehr möglichst verständlich in Zu-sammenhänge stellt, heisst ein direkter Zugang auch: Das Berichtete muss für die RezipientInnen vorstellbar und nachvollziehbar sein. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Journalistin ein eigenes Bild macht, das sie dann so plastisch und anschaulich wie möglich in Sprache umsetzt und weitervermittelt.
Dazu gehören direkte Gespräche mit Informationspersonen, die Anschauung vor Ort, die Beschreibung charakteristischer Details, von Farben, Stimmungen, Gerüchen. Viele Journalistinnen arbeiten aus diesem Grund im Lokalressort oder auf einem Korrespondentenposten, weil hier der persönliche Kontakt zu den Quellen gegeben ist.

Diese grundsätzlichen Aspekte eines weiblichen journalistischen Diskurses mö-gen hier genügen. Sie zeigen, dass ein solcher, feministisch fundierter weiblicher Journalismus dort am ehesten realisiert werden kann, wo die geltenden Normen weniger rigide sind, bis zu einem gewissen Grad Individualität erlauben und Raum für kreatives Schreiben lassen.
Dies betrifft weniger den Nachrichten- und Verlautbarungsjournalismus als den Reportage-, Hintergrund- und Magazinjournalismus. Und so dürfte es auch kein Zufall sein, dass viele Journalistinnen in ebendiesen Ressorts arbeiten und die entsprechenden Textsorten bevorzugen.

Die Autorin

KLARTEXT-Gast Marlise Müller, 36, ist Linguistin und arbeitete von 1982 bis 1990 als Assistentin an der sprachwissenschaftlichen Abteilung des Deutschen Seminars der Universität Basel – mit den Schwerpunkten Frauen- und Mediensprache. Seit Anfang 1990 ist sie Lektorin in einem Verlag.

9. Juli 2007 von Klartext

Das Ende einer Groteske

Gegen die KLARTEXT-Redaktoren Max Jäggi und Marco Caluori ist von der Militärjustiz nicht nur zu Unrecht ermittelt worden. Es darf den beiden auch “eine Entschädigung nicht verweigert werden”. Denn: “Der Nichtausrichtung einer Entschädigung bei nicht verurteilendem Verfahrensabschluss kommt sozusagen die Wirkung einer Strafe zu. Eine solche Schuldverdachtsklausel verletzt den Grundsatz der Unschuldsvermutung und mithin Art. 6 Ziff. 2 EMRK.” Das schreibt das “Divisionsgericht 10B” in seinem Entscheid über die Kostenrekurse, die Jäggi und Caluori gegen die Einstellungsverfügung erhoben haben, mit der die Ermittlungsfarce wegen “landesverräterischer Verletzung militärischer Geheimnisse” sang- und klanglos hätte aus der Welt geschafft werden sollen.
Die Untersuchung ist seinerzeit inszeniert worden, weil KLARTEXT in Ausgabe 6/87 einen Artikel aus dem “Walliser Boten” abbildete, der dem Chefredaktor des Blattes seinerseits eine “Landesverrats”-Verurteilung eingetragen hatte. Im Verlauf des grotesken Verfahrens gegen die KLARTEXT-Redaktoren liess der militärische Untersuchungsrichter sogar Marco Caluori vorübergehend festnehmen. Da gegen “Folgepublikationen über militärische Geheimnisse” (wie die von KLARTEXT gedruckte offenbar eine war) neuerdings “keine Strafverfolgung mehr eingeleitet wird”, verfügte der Auditor die Einstellung des Verfahrens – nach zweieinhalb Jahren. Entschädigungen wollte er keine zugestehen.
Nach Ansicht des “Divisionsgerichts 10B”, das diesen Fehlentscheid nun korrigiert hat, hat KLARTEXT “mit der Nachfolgepublikation keine strafrechtswidrigen Zwecke verfolgt, so dass das moralische Empfinden nicht verletzt wurde”. Jäggi und Caluori kann “auch nicht angelastet werden, dass das EMD gegen blosse Nachfolgepublikationen neuestens nicht mehr einschreitet”. Denn “der Sachverhalt war von Anfang an bekannt und hat sich im Verlaufe der militärgerichtlichen Ermittlungen nicht mehr geändert”.
Daraus folgt: Die Direktion der “Eidgenössischen Militärverwaltung”, die den Ermittlungsbefehl fälschlicherweise erteilte, der Untersuchungsrichter, der die Ermittlung übereifrig führte, und der Auditor, der sie nicht korrekt einstellte, hätten sich ihre Mühe sparen können. Oder in den Worten des Divisionsgerichts: “Die vom EMD in Auftrag gegebenen Abklärungen hätten durchaus vor Erlass des Voruntersuchungsbefehls getätigt werden können.”

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