9. Juli 2007 von Klartext

Journalistische Leichenfledderei

Frieda Fuchs über das neue Frauenmagazin “Bolero”

Komponiert hat das neue Œuvre aus dem Hause “Jean Frey” die ehemalige Chefredaktorin von “Jardin des Modes”, Susanne Brüngger. Leitstern und Ideengeber war ihr Maurice Ravel. “Ravels Meisterstück ,Bolero’ soll uns Konzept sein”, verspricht die “Bolero”-Chefin im ersten Editorial: “Wie die dem Höhepunkt zustrebende Melodie wird Ihnen ,Bolero’ seine vier Themen: Mode – Beauté – Ci-néma – Travel in ständig neuen Variationen zuspielen.”
Vier Themen, immerhin. Ravel begnügte sich mit einem einzigen. Achtzehnmal wiederholt er eine simple Melodie, die gewaltige Steigerung in dem Stück wird lediglich durch das Hinzufügen stets neuer Instrumente erreicht. Bei Ravel wird gefiedelt und geflötet, geblasen und gedudelt, ein Crescendo, dass der Himmel bebt und die Engel weinen. Und plötzlich ist der Spuk vorüber.
Bei “Jean Frey” dauert der Spuk – oder sagen wir das Spüklein – noch an. Das dritte Heft liegt auf gut 130 Seiten Coiffeurheftlipapier vor. Was ich in Händen halte, ist so aalglatt, hochglänzend und fest, dass ich mich wundere, warum denn nicht gleich auf Vinyl gestanzt wird. Es ist eine fade Melodie, die wir da vorgespielt bekommen. Es ist das Lied von der reibungslosen Verschmelzung zwischen Reklame und redaktionellen Beiträgen.

Aber warum denn so grantig, Frieda? Ist mit “Bolero” nicht just jenes Produkt auf dem schweizerischen Medienmarkt aufgetaucht, auf das du seit Jahren gewartet hast? Ein Hochglanzmagazin ohne Kochrezepte, ohne Näh-, Strick- oder Partnerschaftsanleitungen, ohne Kochtopftourismusreportagen und ohne psychedelische Tests. Stimmt. Diese Themen werden dir geschenkt, denn “,Bolero’ soll Frauen wie Männer gleichermassen ansprechen”, lässt die Chefredaktorin verlauten und unterstreicht diese Ansicht mit dem kräftigsten aller sprachlichen Ausdrucksmittel; mit dem männlichen Pronomen: Im Journal Beauté, hier wo sich das journalistische Nichts und der kosmetische Merkantilismus zu einem besonders munteren Duett zusammengefunden haben, wimmelt es nur so von “jedermanns” und “jeder der” und “jedem einzelnen”.
Aber gemeint bin ich, die Frau mit der lächerlichen Angst vor Krähenfüssen. Denn da geht von Beauté-Mitarbeiterin Eliane Meyer die brennende Frage an zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Firma “Juvena”, ob es für die Augenpartie eine spezielle Crème braucht oder nicht. Ich ahnte das Ja, obwohl es volle zwei Seiten auf sich warten liess.

Trotzdem gibt es durchaus Lobenswertes an “Bolero”. Zum Beispiel das Journal Mode. Die Fotos – in der dritten Nummer von Daniel Schwartz – sind schön, das Layout ist gut gestaltet, und der Bezugsquellennachweis sehr übersichtlich. Dieser ist übrigens der einzige Hinweis auf das sonst nicht näher definierte Zielpublikum: Kaufkraftklasse drei, mindestens.
Mit den aufwendig gestalteten Modeseiten ist das Fortissimo aber bereits am Anfang des Heftes erreicht und, wie es scheint, das Budget verpufft. Denn was in den Journalen Cinéma und Travel folgt, ist reinste journalistische Leichenfledderei. An diesem Eindruck können auch die drei von der Redaktion temporär angeheuerten Solisten Nikolaus Wyss, Gisela Treichler und Wolfram Knorr nichts ändern, zumal sie ihre Partitur recht halbherzig spielen.
Pianissimo ist die Tonlage im Travel Journal. Kein Misston stört den Frieden auf fernen Kontinenten, “wo wir endlich in den Genuss eines selten gewordenen Privilegs kommen: Zeit”, doch grad die fehlt uns, wie auch der Atem, diese Reportagen fertig zu lesen. Beim Stichwort Cinéma wird mein Interesse zwar wieder geweckt – aber nicht befriedigt. Wer sich für den Film wirklich interessiert, wird auch in Zukunft ohne “Bolero” auskommen, denn das umfangreiche Journal beschränkt sich auf hinlänglich Bekanntes, auf das Nacherzählen von Filminhalten, angereichert mit Kurzfutter. Das Interview mit dem Autor und Schauspieler Sam Shepard in Nummer drei war für mich zwar neu, aber ich hätte es früher schon im Magazin der “Süddeutschen Zeitung” lesen können. Oder dasjenige mit dem Kameramann Michael Ballhaus in der zweiten “Bolero”-Ausgabe stand bereits im “Filmbulletin” (2/90) – und erst noch in der ungekürzten Fassung.

Da komme ich nicht umhin zu fragen: Herrscht bei “Bolero” Autorinnen- und Autorenmangel, oder will man im Hause “Jean Frey” nicht einmal den Anschein erwecken, mehr als nur ein Vehikel für die einträgliche Kosmetikwerbung zu sein? Schon glaubte ich die rührige Antwort gefunden zu haben – in Wolfram Knorrs Kolumne, die er mit “Autorenmangel” titelt. Ich nahm an, er habe einen tiefen Blick in den Orchestergraben der “Bolero”-Bühne geworfen. Hat er aber nicht. Er schreibt vom deutschsprachigen Film, der auf der Intensivstation liege. Frieda Fuchs findet, da liegt er nicht allein.

9. Juli 2007 von Klartext

Sucht sie, findet sie!

Silvana Schmid über die Männer-Dominanz im Jubiläums-KLARTEXT

Wer reitet so fröhlich und munter die Medienlandschaft hinauf und hinunter? Eine überaus betriebsame Schar. 31 Männer, alphabetisch von Bortolani bis Tobler und politisch vom aufsässigen Linken bis zum etablierten Rechten. Ob einträchtig oder zwieträchtig, ob charmant oder aggressiv, ob im gemütlichen Trott oder im rasanten Trab – sie loben und zetern und räsonnieren und schwadronieren lustvoll und gänzlich ungestört vor sich hin: Man ist ja als Herrenreiter so schön unter sich, und keine silberhelle Amazonenstimme stört den virilen Unisex-Sound.
“Wir haben nichts bewirkt”, antwortet KLARTEXT-Redaktor Max Jäggi im Interview von Karl Lüönd auf eine Frage nach der Wirksamkeit der im Magazin betriebenen medienpolitischen Bewusstseinsbildung. Wir können den lieben Kollegen trösten. Es ist uns gleich ergangen; auch wir haben nichts bewirkt.
Welch ein gigantischer Aufwand – für nichts und wieder nichts! Was sind da im Vergleich 55 KLARTEXT-Gespräche und ein paar hundert mehr oder weniger gründlich recherchierte KLARTEXT-Stories. Wir Weiber stemmen ihn seit Jahrzehnten mühselig den Berg hoch, den sperrigen Klotz genannt “Gleichberechtigung”. Millionen von Auseinandersetzungen in ebensovielen Umgebungen, vom Zwiegespräch zum Handgemenge, im Parlamentssaal, im verrauchten Hinterzimmer, am trauten Küchentisch und im Bett; der Schweiss, der Schmerz, das Herzklopfen, die bitteren Tränen – alles umsonst.

Oder tun wir Euch unrecht? Gehört Ihr ja eigentlich zu den Bekehrten, die zuhause kochen, die Windeln wechseln, den Müll getrennt entsorgen? Die frauenbewegte Manifeste unterzeichnen, sich fürs Frauenstimmrecht (selbst im Appenzell), den Mütterurlaub, die gleichen Krankenkassenprämien stark machen? Die sogar – wenn sie für KLARTEXT tätig sind – “Journalistinnen und Journalisten”, “Leserinnen und Leser” schreiben? Gut so. Warum dann aber, müssen wir fragen, die Peinlichkeit eines exklusiven KLARTEXT-Männerfestivals?
Sind wir etwa selber schuld? 50 Männer habt Ihr angeschrieben, auf dass sie ihren Senf zum KLARTEXT-Jubiläum beisteuern. 26 haben sich zum Wort gemeldet; 20 Frauen habt Ihr angefragt – eine hat geantwortet (und die habt Ihr prompt auf dem Titelblatt vergessen). Die Zahlen widerspiegeln Realitäten. Wir wissen es: Die Verhältnisse, die sind nun mal so. Ob biologisch determiniert, psychologisch ansozialisiert oder im patriarchalisch-kapitalistischen System zwangsläufig tradiert, ob gutwillig oder bloss kopflos daherproduziert – die Frage nach dem Warum finden wir nicht mehr besonders interessant.
Wir wissen es nämlich längst: Es hapert einfach am Bewusstsein. Und analog zum Verlauf des Lüönd-Interviews im Jubiläums-KLARTEXT müssten wir jetzt fragen: Kann das daran liegen, dass die Inhalte, für die wir stehen, vielleicht doch zu wenig überzeugend sind? Jäggis Antwort an den impertinenten Frager: “Für jene, die Änderungen vollziehen sollten, … sind sie sicher zu wenig überzeugend.” Jäggi nennt sie, die überzeugten Überzeugungstäter: Verlagsdirektoren und Chefredaktoren. Und da wird klar: Das Ganze hat etwas mit Herrschaftsverhältnissen zu tun und mit der Unattraktivität für die Herrschaften, die Macht ausüben, an ihrem komfortablen Status etwas zu ändern.

Na, dann hätten wir sie ja, die Diagnose. Und wir haben es längst gesehen, gehört, gerochen, gelesen und erfahren: Bewusstseinsveränderungen dauern etwas länger. Wir wollen ja auch gar nicht stürmen, wir haben Euch ja so lieb, und manche von uns haben sich ganz gut eingerichtet mit den Umständen, so wie sie sind.
Aber schön wär’s trotzdem, Ihr Herren, wenn Ihr uns und Euch die Wartezeit etwas erleichtern würdet. Und wenn die Gleichberechtigung, die Ihr predigt, in Eurem Unbewussten noch nicht so fest verankert ist, dass Ihr automatisch auch danach handelt, dann haltet Euch doch wenigstens an gewisse Vorsichts- (früher nannte man das Anstands-)Regeln. Und wenn Ihr im Stress vergesst, auf die Kontroll-Lämpchen zu achten, dann sorgt für Abhilfe.
Beispielsweise indem Ihr bei Euren Unternehmungen jedesmal eine Frau beizieht – und zwar nicht eine von den bequemen, schon etablierten, schon resignierten. Sondern eine von den rabiaten, die Euch auf den Wecker gehen. Von denen mit den Haaren auf den Zähnen, die bei jeder Gelegenheit ausrufen und die sie penetrant stören, die traute Männerkumpanei.
Sucht sie, findet sie – setzt sie Euch ins kuschelige Männernest. Nur so, ich geb’s Euch schriftlich, verhindert Ihr, dass sie Euch bei der nächsten Gelegenheit noch einmal unterläuft – die blamable, unverzeihliche, andernfalls aber unvermeidliche Fehlleistung.

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Ausgabe: 5 | 2018

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