9. Juli 2007 von Klartext

Inzwischen ist alles, alles anders

Die fünfte Kolonne der vierten Gewalt”, titelte KLARTEXT auf Seite 1 seiner Ausgabe 2/90. Die Einleitung zur dazugehörige Geschichte (“Bierteller übern Tisch geschoben”) lautete: “Was der Journalist Andreas Kohlschütter nach dem Willen seines militärischen Kommandanten hätte tun sollen, ist schon längst gang und gäbe: Die Medienszene wird von Medienleuten systematisch ausgeschnüffelt – gegen monatliches Fixum aus der Bundeskasse.” Und zwei Kernsätze des damaligen KLARTEXT-Artikels: “Das war schon Anfang der achtziger Jahre so. Schon damals existierte bei der ,Eidgenössischen Finanzkontrolle’ (EFK) im ,Eidgenössischen Finanzdepartement’ eine Honorarliste, auf der – neben Berufsleuten anderer Sparten – Journalisten verzeichnet waren, die gegen fixe monatliche Entschädigungen von 400 bis 700 Franken helvetische Zeitungs-, Radio- und TV-Redaktionen ausschnüffelten – im Auftrag des militärischen Geheimdienstes UNA.”
Die hauptsächliche Reaktion auf die KLARTEXT-Story war im vergangenen April eine Mischung aus Erstaunen und Ungläubigkeit. Inzwischen ist alles, alles anders. Denn inzwischen hat die von Carlo Schmid präsidierte “Parlamentarische Untersuchungskommission für das Eidgenössische Militärdepartement” (“PUK EMD”) ihren Bericht abgeliefert. Und darin ist nicht nur nachzulesen, dass ein UNA-Offizier dem Kollegen Kohlschütter – den Rüstungsminister Kaspar Villiger im Parlament meinte verhöhnen zu müssen – in der Tat Schnüffel-Avancen machte.
Die “PUK EMD” ging auch dem KLARTEXT-Bericht nach – und wurde prompt fündig! Eine Honorarliste, wie sie KLARTEXT-Informant Christian Fehr 1980 mit eigenen Augen gesehen hatte, war – selbstverständlich – nicht auffindbar. Aussagen von Fehr vor einem “PUK EMD”-Ausschuss führten die Untersuchungskommission aber immerhin auf die Fährte des mittlerweile 70jährigen Rechtsaussen-Publizisten Jürg Meister, der jahrelang für die militärische Abwehr gespitzelt hat – gegen eine Monatspauschale von 500 Franken. Dass die “PUK EMD” einzig den “Seefahrtsspezialisten” Meister einwandfrei als EMD-Spitzel aus der Journaille identifizierte, liegt nicht etwa daran, dass er der einzige wäre. Sondern allein daran, dass sich Zeuge Fehr zehn Jahre, nachdem ihm der damalige EFK-Direktor Eduard Lehmann die ominöse Honorarliste ein paar Sekunden lang unter die Nase gehalten hat, nurmehr an einen einzigen der zahlreichen Namen auf dem DIN-A4-Formular erinnern kann.

22. Februar 2006 von Klartext

Editorial

Die SRG hat es gut: Sie wird noch heftig öffentlich kritisiert. Und der Kritik folgen Debatten. Die letzte Attacke kam von Andreas Blum, einst SP-Mitglied und Radiodirektor DRS. Er trug seine – inhaltlich weitgehend zutreffende – Kritik an einer Veranstaltung der Stiftung „Wahrheit in den Medien“ vor, einem rechtsbürgerlichen Splittergrüppchen, präsidiert vom Luzerner Hermann Suter, einst ein Kalter Krieger und heute Vizepräsident der Waffenlobby-Organisation Pro Tell. Sein Partner im Stiftungsvorstand ist Paul Ehinger, einst Chefredaktor des „Zofinger Tagblatts“, nun unter anderem Mitarbeiter von Ulrich Schlüers Hetzblatt „Schweizerzeit“. Die organisierende Stiftung gehört also zu jenem politischen Lager, dem eine starke SRG – da angeblich links – seit Jahrzehnten ein Gräuel ist und das ebenso lange die Stellung des öffentlich-rechtlichen Senders bis hin zur Abschaffung zu unterminieren versucht.
Es war nicht der erste Blum-Auftritt bei diesen Rechtsbürgerlichen. Aber seine diesjährige SRG-Kritik zielt vor allem auf jene Entwicklungen, die Charakteristiken der von der bürgerlichen Mehrheit geförderten Privatsender aufnehmen: Banalitäten, Geschmacklosigkeiten, Selbstentblössungen. Beim Schweizer Fernsehen tragen diese Zumutungen Titel wie „Traumjob“ oder „Black’n’Blond“. „Service poubelle“, nannte es Medienredaktor Rainer Stadler zutreffend und für die NZZ unverschämt unverblümt.
Gut gemachte Unterhaltung wie auch kreativer und engagierter Journalismus kosten. Doch die bürgerliche Verknappungspolitik zwingt die SRG zum Abbau. Auch weiterhin: Die RTVG-Revision bringt der SRG Mindereinnahmen von bis zu 60 Millionen Franken. Erhalten werden diese Gelder – meist von den grossen Schweizer Medienhäusern betriebene – Sender, deren Programme eine inhaltliche Diskussion kaum lohnen. Journalistisch kann man sie nicht ernst nehmen, die SRG hingegen muss man das immer noch. Und sie bei Bedarf auch kritisieren – selbst auf die Gefahr hin, dass diese Kritik für falsche Zwecke instrumentalisiert wird.

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