17. April 2002 von Klartext

Das sind Worte, das sind Werte

Von Margrit Sprecher*

So ist das also, wenn man selbst in der Zeitung steht, Aus jedem Blatt springen einem die fetten Doppel-Weh der “Weltwoche” ins Gesicht und noch häufiger die Curti-Schnörkel. Am unerbittlichsten zugeschlagen hat die “SonntagsZeitung”: sieben volle Seiten an zwei Wochenenden. Atemlos verfolgten wir die Recherchen der Kollegen, die weder Mühe noch Wege scheuten. Sogar in unserer Cafeteria haben wir sie gesichtet auf der Suche nach den zweifellos verängstigten, orientierungslos und tränenblind durch die Korridore taumelnden Redaktoren und Redaktorinnen. Und oh, wie deutlich verspürten wir ihre tiefe, uneigennützige Sorge um Pressefreiheit, Zeitungsethik und das Schicksal unserer “Weltwoche”, die aus jeder Zeile rieselte … Danke! Danke!
Doch, trotz eigener Nöte: Auch wir machen uns Sorgen um die “SonntagsZeitung”. Auf wieviele Zeilen wohl muss ihr Empörungspotential steigen, wenn eine Katastrophe ansteht, die die Nation noch nachhaltiger erschüttert als der Zürcher Korruptionsfall? Werden die Seiten reichen? Und die Kräfte? Und warum, doch das ist eine andere Geschichte, hält sich Ringier – abgesehen von “Cash” – in der Sache so vornehm zurück? Sollte dort womöglich auch …?
Weiter, bloss weiter. Aber wohin? Selbst die NZZ, von der man bislang auch in turbulenten Zeiten Ruhe und Halt erwarten durfte, ist nicht mehr, was sie war, Nach dem “Züri-Fest” misshandelte sie ihre an die stumpfe Bleiwüste gewöhnten Leserinnen und Leser mit einer Orgie an Buntjournalismus.
Orgien auch in der Frauenpresse. Die bisher so brave “Marie-Claire” startet eine Serie “Fit für love”, die noch biederere “Petra” lockt mit Astrosex, und “Cosmopolitan” zeigt die Kamasutra-Stellung schon gleich auf dem Titelblatt. Vom Thema erschöpfte Mitarbeiterinnen berichten von Chefredaktoren, die sie, auf der Suche nach dem ultimativen Kick, erbarmungslos in die entlegensten sexuellen Reviere treiben. Und so manche findet ihr Textlein, weil zu harmlos, seltsam verändert im Blatt. So hatte eine “Cosmo”-Autorin geschrieben, ihr Mann wünsche sich zum Geburtstag “ein freundliches Gesicht”. Gedruckt zu lesen war dann: “eine Fellatio”.
Da lob’ ich mir doch einheimisches Schaffen, In der “Annabelle” schaukeln keine Leiber, da schaukelt höchstens das Boot, wenn sich ihre Leserinnen, von der Redaktion dazu aufgefordert, daran machen, Liebesgeschichten zu schreiben. Denn: “Ach, die Liebe! Dieses Gefühl von existentieller Bedeutung … Dieses Rauschmittel, das die Menschen beflügelt …” Das sind Worte, das sind Werte. Überhaupt bleibt “Annabelle” nie an der Oberfläche kleben (“Schweissgeruch muss nicht sein”). Sie blickt tiefer, unter Rouge und Kompaktpuder, auf die nackten Gesichtszüge. Vorspringendes Kinn? Neigt zu unüberlegtem Handeln, Angewachsene Ohrläppchen? Achtung Jähzorn. Der Gemeinde der Huterschen Physiognomik bleibt kein Wesenszug ihres Gegenübers verborgen. Selbst kriminelle Neigungen lesen sie aus fremden Gesichtern. Oder Untermenschentum. Denn natürlich kann nur eine Rasse dem Huterschen Schönheitsideal genügen: die weisse und, vor allem, die germanische.
Zum Glück gibt’s noch die Tiere. Was wäre der Pressemonat Juli ohne sie … Der “Stern” wagt sich ans letzte grosse Tabu und schreibt einen Katzen-Hassartikel – just jetzt, wo sich jeder Prominente, der etwas auf sich hält, mit seiner Katze abbilden lässt. Gemeinde wechseln, liebe Katzenfreunde! Krokodil Sammy, Zirkusrobben Otto und Cäsar auf der Flucht und wieder in die eigene Wanne befördert. Kaninchen freigelassen, Wechselkröte neu entdeckt, Katze reist 40’000 Kilometer um die Welt, Salamander und Molche kreisen gar im Weltall. Und in Sachen Rinderwahnsinn hält die Schweiz nach England den Weltrekord. Der “Tages-Anzeiger” weiss, wie immer, auch warum: weil wir immer grössere Eier zu immer kleinerem Preis wollen und Koteletten, die nicht teurer sind als Fleischkäse. Geknickt nehmen wir’s zur Kenntnis. Bloss: Sind denn die Konsumenten in Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien, wo die Krankheit kaum vorkommt, bessere Menschen? Viel eher, so unser Verdacht, haben wir die ordnungssüchtigsten Beamten (“Aufräumen mit den Schlachtabfällen!”) und habgierigere Bauern. Das Verfüttern von billigem Tierkadaver vergrössert den Profit.
Trost bietet die “Schweizer Illustrierte” (SI). Da ist alles heimelig-vertraut. Da leuchtet der Himmel Seite für Seite enzianblau, es lächeln die Seen und alle Menschen. Selbst die, denen’s nicht so gut geht. Silvia Affolter beispielsweise steht vor einer ungewissen Zukunft. Doch, versichert das Blatt: “Silvia bleibt optimistisch.” Auch Udo Jürgens, mittlerweile 60, und Mäni Weber, 62, haben keinen Grund, kürzer zu treten. Vor allem aber lebt das Blatt, wie die gesamte Ringierpresse, von Rosmarie Buris Tod. Die SI bringt das letzte Interview. Zwar sieht man vom Reporter nur seinen Hinterkopf, dafür erfährt man seine Seelenregungen: “Ich fühle mich geehrt, dass mich Rosmarie Buri zu ihren Freunden zählt. Sie hat die Schwestern angewiesen, mich zu ihr zu lassen.”
Ja, so ergreifend kann unser Beruf sein. Und so spannend: Ein paar Seiten weiter sitzt der SI-Reporter in Raphael Hubers toskanischer Villa, den Blick aufmerksam auf den weissgekleideten Hausherrn gerichtet, den Block einsatzbereit auf den Knien, notierend: Raphi trägt einen goldenen Kugelschreiber in der Brusttasche, am Handgelenk eine IWC, an den nackten Füssen elegante, sandfarbene Cowboystiefel. Wie immer findet das Blatt goldene Worte und titelt die Story: “Wir müssen uns eines Tages alle verantworten.” Also – alles wieder in Ordnung? Leider nicht. Denn der Ausflug in die Toskana hat bei den Reportern tiefe, allzu tiefe Spuren hinterlassen. “Nach dem Gespräch”, teilt das Blatt mit, “beschäftigte das SI-Team eine Frage: ,Wie kann ein charmanter Gastgeber und interessanter Typ wie Huber in den millionenschweren Schmiergeldskandal verwickelt sein?””
Ja, warum, warum, grübelt auch der Leser, die Leserin. So bleibt uns denn nur eine Hoffnung: dass die Kollegen ganz bald ihre Sinnkrise überwinden mögen, um uns noch viele, viele schöne Geschichten aus der grossen, weiten “Ringier”-Promi-Welt zu servieren.

*Margrit Sprecher ist Redaktorin der “Weltwoche”.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr