20. August 2010 von Nick Lüthi

Wikileaks und die Rolle der Medien

Der Wind drehte schnell. Kaum eine Woche sollte vergehen, bis aus den brisanten Dokumenten belangloses Material wurde. Die hiesigen Medien taten sich sichtlich schwer damit, die Veröffentlichung der Kriegsprotokolle aus Afghanistan und ihre speziellen publizistischen Begleitumstände einzuordnen. Insbesondere die Tatsache, dass drei renommierte Redaktionen sich dafür entschieden hatten, die von der Whistle­blower-Plattform Wikileaks zur Verfügung gestellten Dokumente aufzubereiten und die Ergebnisse zu publizieren, sorgte für Verwirrung. Symptomatisch dafür steht Walter Niederberger, US-Korrespondent des «Tages-Anzeigers». In einer ersten Einschätzung konzedierte er «New York Times», «Guardian» und «Spiegel» eine «staatspolitisch verantwortliche Berichterstattung», um nur ein paar Tage später die drei Medien der willfährigen Beihilfe zu bezichtigen; Wikileaks-Chef Julian Assange habe sie «eingespannt». Noch weiter ging Niederbergers Kollege Martin Suter von der «SonntagsZeitung», der die drei Leitmedien gar als «nützliche Idioten» am Werk sah. Wenn es denn so einfach wäre; Wikileaks und seine Kooperation mit professionellen Medien lassen sich nicht einfach aus der Welt kommentieren.
Dass Julian Assange im Fall der Afghanistan-Protokolle auf Redaktionen zuging, ihnen das Material kostenlos zur Sichtung anbot und einen Monat verstreichen liess, bis er das Rohmaterial veröffentlichte, zeugt – anders, als dies nun manche sehen wollen – von einem verantwortungsvollen Vorgehen. Denn die Zeitungen und das Nachrichtenmagazin taten genau das, was ihre Aufgabe als Informationsspezialisten ist: Sie filterten den Datenberg, glichen die Informationen mit früheren Berichten ab, um sie auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen, und – was die KritikerInnen geflissentlich ausblenden – sie gaben der US-Regierung vor der Veröffentlichung eine Möglichkeit zur Stellungnahme. Sehr zur Freude des Weissen Hauses. Wie der Washington-Korrespondent der «New York Times» berichtet, lobten die Regierungsvertreter bei einem Treffen den sorgfältigen und verantwortungsvollen Umgang der Zeitung mit den sensiblen Dokumenten.
Wikileaks und sein Gründer mögen von einer politischen Mission getrieben sein – gerade deshalb werden sie auch in Zukunft Daten veröffentlichen, die sie zugespielt erhalten. Umso wichtiger wird die Rolle professio­neller Redaktionen als Filter zwischen Wikileaks und dem Publikum.

Unsere Linksammlung zu Wikileaks.

19. Juli 2010 von Daniel Goldstein

Jetzt schwurbeln sie wieder

Bis vor Kurzem hätte ich, nach einer Alternative zu den Nullerjahren gefragt, die Schwurbeljahre vorgeschlagen. Denn ein Blick in die Schweizer Mediendatenbank SMD bestätigt den Eindruck, das Wort «schwurbeln» samt Ableitungen wie Geschwurbel oder Schwurbelei habe mit der Jahrtausendwende seine Sternschnuppen­bahn angetreten. Wer neue Sternchen englischer als englisch «shooting stars» nennt, vergisst meistens, dass damit dem Verglühen geweihte Meteoriten gemeint sind.
Dem Schwurbeln am Wörterhimmel schien es tatsächlich so zu gehen: Bis 1999 eine Rarität, schoss es in den nächsten paar Jahren durch den zweistelligen Bereich der jährlichen Fundstellen, um dann allmählich abzuklingen. Doch wen das Wort geärgert hatte, der freute sich zu früh: Vergangenes Jahr erlebte es eine Renaissance, die anhält, mit 39 Nennungen allein in den ersten vier Monaten 2010. Noch sind wir ja im letzten Jahr des ersten Jahrzehnts – mag sein, dass wir «schwurbeln» beim letzten Aufglimmen vor dem Verlöschen sehen.
Dabei ist dieser Ausdruck für gehobenes Geschwätz, Geschwafel oder Schwadronieren gar nicht so übel, auch wenn er die Aufnahme in den Duden bisher nicht geschafft hat. Der kennt nur «schwurbelig, ugs. für schwindelig, verwirrt». Für das Verb, das diesen Zustand bewirkt, muss man schon auf die Brüder Grimm zurückgreifen, deren Wörterbuch «schwurbeln» durchaus enthält – nicht nur für heftiges Wirbeln eines Gewässers oder einer Menschenmenge, sondern auch als «dummes zeug durch einander reden».
Mit dem Schwurbeln (dem Wort, nicht der Sache) können wir leben – aber vielleicht ist wenigstens das Jahrzehnt des «Ungenügens» vorbei. «Unwillig erfahren diese modernen Herren Jedermann das Ungenügen an ihrem Leben», war neulich in einem deutschen Feuilleton zu lesen, und dort möge solches Schwurbeln bleiben. Gewöhnlich bedeutet Ungenügen, jemand genüge Anforderungen nicht, hier aber genügt etwas – das Leben – jemandem nicht, er oder sie empfindet darob Unzufriedenheit, Unbehagen. Das sollte genügen.


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