23. Juni 2010 von Nick Lüthi

Editorial: Wo sind die Stiftungen?

Stiftungen verwalten Geld – viel Geld. Viele Stiftungen verfolgen zudem einen gemeinnützigen Zweck und vergeben entsprechend Mittel. Mit teils namhaften Summen werden notleidende Menschen, kranke Esel, musikalische Talente oder Strafentlassene unterstützt. Um nahezu jede menschliche und tierische Regung kümmert sich eine Stiftung mit dem passenden Zweck. Ausser um den kranken und notleidenden Journalismus. Sonderbar eigentlich. Denn es geht ihm wirklich nicht gut. Kein karitatives Herz scheint bisher entdeckt zu haben, dass auch hier Gutes zu tun und vor allem Geld zu stiften wäre. In Form von Preisen und Auszeichnungen fliesst zwar heute schon viel und bald noch mehr Stiftungsgeld in den Journalismus, allerdings erst nach getaner Arbeit. Dem strukturellen und inzwischen chronischen Finanzierungsproblem verschafft das jedoch keine Abhilfe.
Wieso aber Stiftungsalmosen, wenn es den Markt gibt? Journalismus ist ein Gewerbe wie jedes andere auch. Was nicht rentiert, verschwindet. Medien kommen, Medien gehen. Jedes Volk hat die Medien verdient, die es sich zu leisten bereit ist. – Ein Zyniker, der so argumentiert. Denn Journalismus muss nicht rentieren und kann nicht an den gleichen Massstäben gemessen werden wie die Schraubenproduktion. Nur weil ein Geschäftsmodell, das ein paar Jahrzehnte lang gut funktioniert hat, nun an seine Grenzen stösst, bedeutet das noch lange nicht, dass die damit finanzierte Aufgabe plötzlich obsolet ist. Journalismus erfüllt eine unverzichtbare gesellschaftliche Funktion, egal, wie es auf dem Markt läuft.
Genauso wenig wie man von Kunst und Kultur erwartet, dass sie sich alleine aus dem Markt finanzieren, sollte auch das Gedeihen des Journalismus nicht einzig von seiner kommerziellen Verwertbarkeit abhängen. Nur: Woher kommt das Geld? Womit wir wieder zurück sind bei den Stiftungen. Ganz unbekannt ist das Modell des stiftungsfinanzierten Journalismus nicht. Und man braucht dazu nicht einmal über den Atlantik zu schauen zum gerne zitierten Beispiel von Pro Publica und seiner pulitzerpreisgekrönten Redaktion. Zwar nicht gerade zehn Millionen Dollar, wie sie das Ehepaar Sandler dem unabhängigen Redaktionsbüro jährlich überweist, aber immerhin ein paar Hunderttausend Franken zahlen zwei Stiftungen dem Büro von Wissenschaftsjournalist Beat Glogger für die Produktion der wöchentlichen «Wissen»-Seiten in «20 Minuten». Den beiden Stiftungen Mercator und Gebert Rüf geht es aber nicht primär darum, dem Journalismus unter die Arme zu greifen, sondern – gemäss ihrem Zweck – Wissenschaftskommunikation zu fördern. Was in der Schweiz fehlt, sind Stiftungen, die sich uneigennützig der noblen Aufgabe verschreiben, journalistisches Schaffen zu fördern. Wer geht mit gutem Beispiel voran?


5. Mai 2010 von Daniel Goldstein

Gesagt ist (nicht) gesagt

Wie hat einst die SVP Samuel Schmid verhöhnt? Das weiss doch jedes Kind: als «halben Bundesrat». Und wie lautete Bill Clintons Wahlkampfslogan? Das weiss doch jeder Polit-Junkie: «It’s the economy, stupid!» Und jede Geschichtskennerin kann hersagen, wie Gorbatschow vor dem Mauerfall die DDR-Führung warnte: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Das Problem mit diesen drei Zitaten: Keines davon ist echt. Das letzte ist am weitesten vom Wortlaut entfernt, doch braucht man hier noch die geringsten Skrupel zu haben. Denn Gorbatschow hat die Warnung tatsächlich ausgesprochen, nur weniger griffig: «Schwierigkeiten erwarten jene, die nicht auf das Leben reagieren.» Sein Sprecher münzte das zum Satz vom Bestrafen um, der seither zum geflügelten Wort geworden ist.
«Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!» – das stammt zwar tatsächlich aus Clintons Wahlkampagne von 1992. Aber man war nicht so dumm, die Wahlberechtigten als Dummköpfe zu beschimpfen. Vielmehr prangte der Spruch auf einem Plakat im Hauptquartier und mahnte die HelferInnenschar, ja nicht aus den Augen zu verlieren, welche Botschaft der Kandidat unters Volk bringen wollte. Nämlich die: Werde Clinton Präsident, so gehe es allen wirtschaftlich besser.
Den «halben Bundesrat» indes, den wollen wir uns wirklich nicht nehmen lassen. Müssen wir aber, denn also sprach Christoph Blocher anno 2002: «Die andern haben sechseinhalb Bundesräte und wir einen halben. Aber einen guten.» Es ging also keineswegs darum, ob Samuel Schmid ein ganzer Mann war, sondern nur darum, wen er vertrat. Und da fand der SVP-Vorkämpfer, der Parteistandpunkt sei mit diesem Bundesrat nur halb vertreten. Das Kompliment, der zweigeteilte Ratsherr Schmid sei «ein guter», ist zwar kaum zum Nennwert zu nehmen – aber einen «halben Bundesrat» hat Blocher ihn nicht genannt. Vielleicht hat er vorausgesehen, dass diese Etikette dennoch haften bleiben würde. Aber so viel Schlitzohrigkeit ist nicht einmal bei Blocher garantiert.

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