15. Februar 2009 von Klartext

Deltenre, Höpli, Gygi, Duttweiler.

Es braucht schon einiges an intellektueller Verrenkung, um eine Dauerwerbesendung mit ein bisschen Gesangs- und Plaudereinsprengseln als Service public zu verkaufen. Doch Ingrid Deltenre kann das. Schliesslich hat die Fernsehdirektorin einmal als oberste Werbeverkäuferin vom Schweizer Fernsehen gearbeitet.

„Music Star“, so Deltenre im Interview mit dem „Tages-Anzeiger“, leiste einen Beitrag zu Talentförderung, Ausbildung und sogar Integration von Jugendlichen. Dafür genügt es ihr offenbar, dass nicht alle KandidatInnen eine weisse Hautfarbe haben. Als Direktorin definiert Deltenre auch gleich selbst, was Qualität ist: Eigentlich alles, was beim Publikum ankommt. So einfach ist das. Quote = Qualität. Überraschen sollte das eigentlich nicht, denn was sagte Deltenre beim Amtsantritt? „Ich würde ohnehin keinen so grossen Unterschied zwischen kommerziellem und öffentlichem Fernsehen machen.“

Der NZZ-Wirtschaftsredaktor und Bauernsohn Beat Gygi (Gy.) vergleicht die Finanz- und Wirtschaftskrise mit einem „Kälteeinbruch“, dem eine „längere Frostperiode“ folgen werde. Wechselwarme Tiere verfielen, so Gy., in solchen Zeiten in Froststarre, um den Winter mit geringem Nahrungsbedarf überleben zu können, und mit der Wärme würden Amphibien, Reptilien und Insekten jeweils wieder munter. In der Wirtschaft, weiss Gy., gehe es fast ebenso zu. Viele Firmen verliessen sich einseitig aufs „Drosseln der Aktivitäten und aufs Senken der Kosten“, diese aber würden „möglicherweise nicht fit genug sein, wenn irgendwann der Aufschwung einsetzt und man losrennen müsste“. Gy. betrachtet das vielfältige Kreuchen und Fleuchen von Schlangen, Kröten, Fliegen und Unternehmen aus der Raubvogelperspektive. Auf dem elterlichen Bauernhof hat er seine Lektion gelernt: „In der biologischen Evolution wurden die wechselwarmen ja schliesslich auch von den eigenwarmen Lebewesen ‚abgehängt‘.“ Auf dass es sich alle Manager, die nichts als die Entlassung von uns armen Fröschen im Kopf haben, hinter ihre Kiemen schreiben!

Was macht eigentlich ein Chefredaktor den lieben Tag lang? Manchmal schreibt er. Und wenn er in die Tasten greift, dann gehts gleich um die grundlegenden und grossen Fragen. So auch, als Gottlieb F. Höpli, Chefredaktor des „Tagblatts“ in St. Gallen, jüngst das Fähnlein der Medienethik hochhielt. Wir, die Medien, dürften nicht „Hilfssheriff“ spielen und Fahndungsbilder von mutmasslichen Randalierern zeigen, schrieb Höpli. Denn: „Sollten sich die Behörden auch nur in einem einzigen Fall geirrt (…) haben, tragen alle, die mittun, zu einer schweren Verletzung der Persönlichkeitssphäre bei.“ Recht so! Nur: Welche Zeitung hat willfährig „Hilfssheriff“ gespielt? Das „St. Galler Tagblatt“. Am Tag vor der Veröffentlichung von Höplis hehren Worten zeigte ausgerechnet tagblatt.ch die zweifelhaften Polizeibilder. Was macht eigentlich ein Chefredaktor den lieben Tag lang? Er könnte zum Beispiel seinen Schäfchen auf der Online-Redaktion sagen, was medienethisch drinliegt und was eben nicht. Vorbeugen ist besser als heilen.

Wie so viele, die sich Dölf nennen, wurde auch der Duttweiler von seinen Eltern eigentlich Adolf getauft. Verständlich deshalb, dass der stellvertretende Redaktionsleiter der „Rundschau“ vom Schweizer Fernsehen einen historisch unbelasteten Rufnamen bevorzugt. Nur in amtlichen Dokumenten steht der böse Name mit A. Umso grösser war die Überraschung, als nach einem Beitrag der „Rundschau“ – ausgerechnet über einen Neonazi-Prozess – im Abspann die Autorenzeile „Adolf Duttweiler“ auftauchte. Ein kleiner, aber dummer Scherz unter Kollegen? Eine Mutprobe? Nichts von dem. Ganz bewusst habe er hinter diesen Beitrag seinen Taufnamen gesetzt, erklärt Duttweiler. Wenn er über Neonazis berichte, mache er das übrigens regelmässig so. Also doch ein Scherz? Wohl kaum, denn dafür klang Duttweilers Erklärung zu humorfrei. Dann sagte er noch etwas wie, er sehe darin einen „Beitrag zur Zeitgeschichte“. Wir sind ratlos.

Der neue Präsident des SRG-Publikumsrates heisst Manfred Pfiffner. Das überrascht nicht, schliesslich war der Lehrer, Dozent und Studienleiter aus St. Gallen zuvor schon Vizepräsident des Gremiums. Gleichzeitig mit der Wahl Pfiffners wurden fünf neue Mitglieder in den Leitenden Ausschuss gewählt. Dieser besteht aus sieben Personen, die folgende sieben Ämter ausüben: Präsidium, Leitung AG SF Information, Leitung AG Radio DRS 3/Jugend, Leitung AG SF Kultur/3sat, Leitung AG SF Unterhaltung, Leitung AG Radio DRS 1/ DRS 2 sowie Leitung AG Sport/AG Multimedia und Bildung. Und jetzt zur Quizfrage: Es stehen sieben Ämter zur Verfügung, von den sieben Personen, die sie besetzen sollen, sind zwei Frauen – welche Dossiers haben sie übernommen? Richtig, Amira Hafner-Al Jabaji und Susanne Hafner sind für die „soften“ Themen Kultur und Unterhaltung zuständig. Wie gesagt: keine Überraschungen im Publikumsrat.

11. Dezember 2008 von Nick Lüthi

„Bei uns wird seit 20 Jahren gespart“

Erwin Bachmann hat aus seiner LZ Medien Holding in Luzern ein gut abgesichertes Monopol geformt. Er spricht mit allen in der Branche und geht reihum Partnerschaften ein. Das reicht zu solidem Mittelmass und relativ stabilen Verhältnissen.

Klartext: In den letzten Wochen haben zahlreiche Medienhäuser angekündigt, Personal abzubauen. Von den LZ Medien hat man noch nichts gehört. Wann müssen Sie Sparmassnahmen mitteilen?
Erwin BACHMANN: Bei uns wird seit zwanzig Jahren gespart. Weil wir immer darauf bedacht waren, sehr schmal zu fahren, hatten wir ja zwei Zeitungsfusionen. Es bedeutet nicht, dass wir nicht sparen, wenn das bei uns jeweils nicht so plakatiert wird. Möglicherweise bauen wir nicht so krass aus und dann wieder ab wie andere. Wir versuchen rechtzeitig, die Linie zu finden, damit wir auch schwierige Zeiten gut überstehen können. Aber selbstverständlich rechnen auch wir im nächsten Jahr mit niedrigeren Erträgen.
Klartext: Als unmittelbare Reaktion auf die Finanzkrise müssen Sie aber nicht abbauen?
BACHMANN: Wir gehen derzeit nicht von einem aktiven Stellenabbau aus. Ich muss auch sagen: Unser Unternehmen besteht ja nicht nur aus dem Zeitungsgeschäft; wir machen heute von 160 Millionen Franken Umsatz 60 Millionen mit Akzidenz- und Kalenderdruck, Fachverlag und Radio.
Klartext: Und in diesen Bereichen wirkt sich die Krise weniger stark aus als bei der Zeitung?
BACHMANN: Das ist schwer abzuschätzen. Ich stelle nur fest, dass derzeit unsere Akzidenzdruckerei in Baar keinen Beschäftigungseinbruch hat. Im Gegenteil: Dort arbeiten sie momentan in drei Schichten und sogar am Wochenende. Allerdings wird beim Akzidenzdruck mehrheitlich mit sehr kurzfristigen Terminen gearbeitet. Deshalb ist es sehr schwierig abzuschätzen, wie es weitergeht.
Klartext: Wie schätzen Sie die Situation für das Geschäftsjahr 2008 ein? 2007 hat die LZ Medien Holding einen Rekordgewinn erreicht.
BACHMANN: 2008 wird kein Rekordjahr (lacht), in keiner Art und Weise. Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass es Einbrüche gibt. Man muss jetzt nicht in Panik verfallen, sondern versuchen, die Herausforderung anzunehmen und sich fit zu halten. Wir können nicht jedes Jahr Rekordergebnisse liefern.
Klartext: Die LZ Medien haben ein breites Geschäftsfeld. Schützt sie das nun in der Krise?
BACHMANN: Die Diversifizierung betrachte ich als unsere Stärke, sie verleiht uns möglicherweise eine bessere Stabilität. Plötzlich sind Betriebe wie eine Akzidenzdruckerei, die ja viele als unrentables Nebengebilde bezeichnen, interessant geworden, weil sie eine gewisse Rentabilität bringen. Auch bei den Calendaria oder bei den Fachzeitschriften stehen wir im Moment gut da. Wir haben natürlich einiges unternommen; die Zeitungsfusionen 1991 und 1995 haben zu einer wirtschaftlichen Stärkung geführt. Die Fusionen waren ja nötig, weil es im Raum Zentralschweiz wirtschaftlich gesehen unmöglich ist, drei Tageszeitungen herauszugeben.

Klartext: Bei der zweiten Zeitungsfusion 1996, als aus „Luzerner Zeitung“ und „Luzerner Neuste Nachrichten“ die „Neue Luzerner Zeitung“ hervorging, gab es Proteste gegen das NLZ-Monopol. Nun haben Sie neu auch noch eine TV-Konzession erhalten. Trotzdem hört man keinen Aufschrei mehr. Was hat sich verändert in der Zentralschweiz?
BACHMANN: Vielleicht hat man sich heute daran gewöhnt, dass am Markt Dinge geschehen, die man sich vorher gar nicht vorstellen konnte. In der Zwischenzeit sind ja Fusionen bei Medien und anderswo alltäglich geworden. Den Begriff Monopol höre ich zwar nicht gerne, nehme ihn aber selbstverständlich zur Kenntnis. In unserem Raum gibt es noch den „Entlebucher Anzeiger“, den „Willisauer Boten“, die „Sursee Woche“, „Die Region“ und viele andere – sie gehören alle nicht zu uns. Ebenso der „Bote der Urschweiz“. Es ist also keine „Einfalt“. Wichtig ist auch: Besitz bedeutet nicht Meinung. Unsere Medien sind juristisch gesehen eigenständige Firmen mit eigenständigen Redaktionen, sie erhalten keine Konzerndirektiven. Das gilt für die Zeitung, für das Radio, und es wird auch für das Fernsehen gelten.
Klartext: Das sehen aber nicht alle so. Im Vorfeld der Konzessionsvergabe für ein Zentralschweizer Regionalfernsehen haben sich alle Parteien für das bisherige Tele Tell ausgesprochen, das dem Aargauer Verleger Peter Wanner gehört. Nur gerade die CVP wünschte sich das neue Tele 1 aus Ihrem Haus.
BACHMANN: Ich glaube, die CVP war intelligent genug festzustellen, dass eben einheitlicher Besitz nicht einheitliche Meinung bedeutet. Möglicherweise fand es die CVP auch richtig, dass ein Innerschweizer Fernsehen aus der Innerschweiz und nicht aus dem Aargau kommt. Es ist aber interessant, dass die anderen Parteien unser sogenanntes Monopol kritisieren und gleichzeitig denjenigen verteidigen, der im Mittelland selber ein Monopol hat.
Klartext: Wenn Peter Wanner in der Zentralschweiz Fernsehen macht, hat er dort eben kein Monopol.
BACHMANN: Wir wollten nicht um jeden Preis selbst ein Konzessionsgesuch einreichen, sondern haben zuerst das Gespräch mit Peter Wanner gesucht. Wir wollten die Mehrheit an Tele Tell übernehmen, wir hätten ihm einen Anteil von 49 Prozent offeriert. Das Angebot gilt auch heute noch für Tele 1. Er hat sich jedoch für den Alleingang entschieden, weil er sich gute Chancen ausrechnete, als Auswärtiger gegen uns anzutreten. Aber offenbar haben wir das bessere Gesuch eingereicht. Der Bundesrat kommt Punkt um Punkt zum Resultat, dass unser Tele 1 für diese Region die bessere Lösung ist. Man darf von uns mehr Regionalität, mehr Qualität erwarten.
Klartext: Wie geht es nun weiter?
BACHMANN: Aus meiner Sicht wäre jetzt der vernünftige Schritt, eine einvernehmliche Lösung zu finden, wie man von Tele Tell zu Tele 1 kommt. Das beinhaltet selbstverständlich auch die Personalfrage. Wegen uns muss niemand auf die Strasse gestellt werden, wir brauchen ja auch Leute für Tele 1. Aber Peter Wanner hat das Recht, Einsprache gegen den Konzessionsentscheid zu erheben. Er hat bisher gesagt, er werde das tun. Es geht nun darum, wie lange die Sache durch die Einsprache hinausgezögert wird. Denn der Entscheid ist aus meiner Sicht wasserdicht. Wir versuchen nun ein bisschen Ruhe in die Sache zu bringen. Ich bin immer noch guter Hoffnung, dass wir eine Lösung für alle Beteiligten finden.
Klartext: Wie müssen wir uns Ihr Verhältnis zu Peter Wanner vorstellen? Einerseits arbeiten Sie bei den Sonntagszeitungen zusammen, andererseits sind Sie beim Fernsehen Konkurrenten.
BACHMANN: Wir haben beim Fernsehen gar nicht unterschiedliche Ansichten. Wir sind beide der Meinung, man sollte eine Konzession haben. Aber es gibt halt nur eine für die Zentralschweiz. Wir haben uns beide in das Verfahren hineinbegeben, weil damit für die nächsten zehn Jahre die Weichen gestellt werden. Und natürlich auch, weil es Konzessionsgelder gibt. Allerdings: Wir dürfen auch künftig beim Fernsehen keine Gewinne machen. Es wird auch keine geben, so wie ich das abschätze. Doch mit diesen Konzessionsgeldern können wir für diese Region mehr tun, davon sind wir überzeugt.
Klartext: Mit den Konzessionsgeldern wird es nun einfacher, beim Regionalfernsehen die geforderten Qualitätsrichtlinien einzuhalten. Wie sieht es diesbezüglich beim Radio aus, wo ja die gleichen Auflagen gelten, aber keine Gebührengelder fliessen?
BACHMANN: Die geforderten Leistungen kann Radio Pilatus nicht nur künftig erfüllen, sondern hat sie auch schon in der Vergangenheit erfüllt. Radio Pilatus macht uns Freude und hat in den letzten Jahren immer sehr erfolgreich gearbeitet, auch wirtschaftlich. Die machen einen sehr guten Job.

Klartext: Sie sind CVP-Mitglied, sassen für die Partei zwischen 1975 bis 1991 im Kantonsparlament, waren Verlagsleiter der CVP-Zeitung „Vaterland“. Welche Rolle spielt Ihre Parteimitgliedschaft heute noch für Ihren Beruf?
BACHMANN: Keine. Früher schon: Ich bin vor 21 Jahren als Chef des Verlages Maihof Druck/Vaterland berufen worden und sass damals bereits 15 Jahre im Kantonsparlament. Die Berufung hatte auch politische Beweggründe, weil die Zeitung und die Partei zerstritten waren. Auch innerhalb des Verlags gab es Probleme. Man hat dann versucht, alles auf einen Nenner zu bringen. Die Phase der Umlenkung des „Vaterland“ vom Parteiorgan zur offenen Zeitung war schon eingeläutet, wir haben diesen Prozess konsequent fortgesetzt.
Klartext: Es ist also nicht so, dass CVP-Politiker einen direkten Draht zu Ihnen haben?
BACHMANN: Ich möchte nicht ausschliessen, dass Politiker an mich als Verleger gelangen, aber ich nehme dabei keine Partei aus. Wenn sich Medien politisch unabhängig geben, fühlen sich nicht alle Politiker gleich gut vertreten. Wir haben nach der zweiten Fusion deshalb den Parteien kostenlos Raum zur Verfügung gestellt, sichtbar deklarierten Raum, wo sie selber ihre Anliegen platzieren konnten. Wir haben das zehn Jahre lang gemacht, um genau solche Aspekte aufzufangen.
Klartext: Inzwischen hört man auch wieder die Klagen kleinerer Parteien, dass sie sich unterrepräsentiert fühlen.
BACHMANN: Ich höre diese Klagen auch von grossen und grösseren Parteien. Die Reklamationsquote diesbezüglich ist sehr ausgewogen, und das ist für mich eigentlich ein sehr gutes Zeichen. Wer fühlt sich denn nicht zu wenig vertreten? Es sind nicht nur die Parteien, es sind auch Wirtschaftsunternehmen, kulturelle Veranstalter und so weiter. Das ist, glaube ich, ganz normal.
Klartext: Der FC Luzern kann sich nicht beklagen über zu schwache Präsenz in der Zeitung. Die LZ Medien legen sich auch ziemlich ins Zeug, dass das neue FCL-Stadion gebaut werden kann.
BACHMANN: Grundsätzlich stelle ich fest, dass die NLZ-Redaktion positiv hinter dem grossen Projekt Allmend steht. Es geht ja nicht nur um ein Fussballstadion, das Projekt umfasst noch einige weitere Vorhaben. Aber ich denke, die Redaktion macht ihren Job hier richtig. Es ist eine kritische Begleitung.
Klartext: Und es ist legitim, dass man sich auf eine Seite schlägt?
BACHMANN: Ja, man muss ja eine Meinung habe. Die Meinung ist positiv, aber nicht unkritisch. Und wenn Aspekte aufkommen, die es notwendig machen, kommen selbstverständlich auch andere Meinungen in der Zeitung zum Zuge.

Klartext: Was vermissen Sie als Zeitungsleser in der NLZ?
BACHMANN: Das ist eine gute Frage. Hätten Sie mich gefragt, ob ich immer mit allem einverstanden bin, was in der Zeitung steht, hätte ich geantwortet: Nein. Als Leser bin ich ein normaler Konsument, der seine Anliegen vertreten wünscht, der manche Artikel nicht so gut oder daneben findet. Aber was ich mir wünschen würde? Ich finde, wir sind eigentlich mit unserer Regionalisierungsstrategie auf einem guten Weg. Und wir haben nun am Sonntag eine Ergänzung, keine Sonntagszeitung im eigentlichen Sinn, sondern eine Fortsetzung der Information am Sonntag. Im Rahmen des Möglichen haben wir eine gute Synthese zwischen dem, was sich die Leser in den einzelnen Regionen wünschen, und dem, was auch wirtschaftlich möglich ist.
Klartext: Sie machen eine siebte Ausgabe der NLZ, keine eigentliche Sonntagszeitung. Leser, welche die Sonntagsausgabe nicht wollen, haben dann womöglich am Montag Themen verpasst, weil sie bereits in der Sonntagsausgabe standen.
BACHMANN: Es ist klar, das Ganze ist so konzipiert, dass es am Montag nicht eine Wiederholung der Themen vom Sonntag gibt. Sie werden vielleicht aufgenommen und anders beleuchtet, aber nicht wiederholt. Wer voll im Bild sein möchte, liest die Zeitung die ganze Woche über.
Klartext: Aber das kostet dann zusätzlich.
BACHMANN: Wir schlagen um 16 Franken auf, für das ganze Jahr. Wir gehen davon aus, dass die meisten die Sonntagsausgabe wollen. Wer sie nicht will, erhält das Abonnement entsprechend günstiger. Man kann bei uns jeden Tag einzeln abonnieren, ob jetzt Montag oder nur Mittwoch und Freitag. Aber selbstverständlich ist das Vollabonnement die kostengünstigste Variante.
Klartext: Wenn Sie heute, in Kenntnis der wirtschaftlichen Entwicklung, entscheiden müssten: Würden Sie die „Zentralschweiz am Sonntag“ noch einmal lancieren?
BACHMANN: Unbedingt. Die wirtschaftliche Entwicklung hat sich ja beim Entscheid schon angebahnt. Aber es ist ein langfristiger Entscheid, er stimmt konzeptionell. Ich persönlich glaube fest daran, dass in ein paar Jahren jede grössere Zeitung eine Sonntagsausgabe haben wird. Wieso sollten wir am Sonntag auf die beste Lesezeit und damit auch beste Werbezeit verzichten? Das Resultat gibt uns bisher recht: Wir erhalten Inserate für die Sonntagsausgabe, die wir in der Wochenausgabe verloren hatten.
Klartext: Bei „Zentralschweiz am Sonntag“ arbeiten Sie mit Wanners „Sonntag“ zusammen. Warum war es nicht möglich, mit Ihrer Mehrheitsaktionärin NZZ eine Lösung für den Sonntag zu finden?
BACHMANN: Wir haben tatsächlich lange und intensiv miteinander darüber diskutiert, ob es eine Lösung mit der „NZZ am Sonntag“ gibt. Die NZZ hat aber entschieden, dass eine Regionalisierung kein Thema ist. Ich denke, das ist ein richtiger Entscheid.
Klartext: Rechnen Sie mit der NZZ-Tochter „St. Galler Tagblatt“ als Partnerin am Sonntag?
BACHMANN: Das könnte ich mir vorstellen, würde ich mir sogar wünschen, aber das ist ein Entscheid der St. Galler. Sie haben jetzt das „St. Galler Tagblatt“ aufgefrischt, und ich nehme an, dass man jetzt über den Sonntag nachdenkt.

Klartext: Wie autonom ist man als Unternehmen in der Freien Presse Holding (FPH) der NZZ-Gruppe?
BACHMANN: Wir sind eine eigene Rechtspersönlichkeit, eine Holding mit entsprechender Struktur, haben entsprechende Verwaltungsräte. Selbstverständlich ist der wichtigste Aktionär, die NZZ, in den Verwaltungsräten stark vertreten. Veränderungen werden in diesen Verwaltungsräten diskutiert und beschlossen.
Klartext: Bei der NZZ hat Polo Stäheli erste Sparschritte bekannt gegeben. Schlägt sich das auch auf die FPH nieder?
BACHMANN: Die FPH muss man sich eher als Gesellschaft der NZZ vorstellen, in der die Aktienbesitze gebündelt sind. Es gibt keine Weisungen der FPH. Die FPH war bis dato eine Art Plattform, wo man sich ausgetauscht hat und gegenseitig profitiert hat. Das Synergiepotenzial, gerade in redaktionellen und inhaltlichen Fragen, hält sich aber sehr in Grenzen. Wir sind ja regionale Zeitungen, regionaler Stoff lässt sich nur bedingt austauschen.
Klartext: Das hat man aber einmal anders gesehen: FPH-Chef Beat Lauber wollte mit einem „Pressenetz“ einen Artikelaustausch zwischen den FPH-Zeitungen.
BACHMANN: Es hat offenbar nicht ganz den Ansprüchen der einzelnen Regionen genügt, deshalb kam es nicht zur Umsetzung. Man muss jedoch immer wieder neue Ideen prüfen. Es ist ja nicht so, dass zwischen Medienunternehmen keine Synergien möglich sind, aber sie liegen möglicherweise eher im rückwärtigen Bereich, bei der Informatik zum Beispiel, bei Finanz- und Dienstleistungsfragen, bei gemeinsamem Einkauf und so weiter.
Klartext: Es gibt auch irritierende Synergien: Der heutige NLZ-Frontkommentar stammt aus dem „Bund“. Dieser gehört Tamedia – wie kommt ein Tamedia-Artikel in eine Zeitung, die der Konkurrentin NZZ gehört?
BACHMANN: Solche Zusammenarbeiten gibt es schon seit Jahren.
Klartext: Auch über die Grenzen der verschiedenen Medienhäuser hinweg?
BACHMANN: Da ist man flexibel, und das macht auch Sinn: Jede qualitativ positive Massnahme, die auch Kosten spart, kann ich nur unterstützen. Das arbeitet die Redaktion natürlich absolut selbstständig aus.

Klartext: Neben der FPH hat sich ja um das neue Internetprojekt news 1.ch eine neue Allianz gebildet. Sind Sie daran auch wirtschaftlich beteilig?
BACHMANN: Wir sind beteiligt, wie alle Zeitungsverlage, die mitmachen. Es ist eine sinnvolle Sache. Jeder hat seine Internetplattform, wir haben zisch.ch. Nun wird darüber ein Gebilde gestülpt, das all diese Internetauftritte zusammenfasst. Es ist natürlich eine werbetechnische Konstellation, um möglichst viele Besuche zu generieren.
Klartext: Werbung ist aber nur erfolgreich, wenn der Nutzer einen publizistischen Mehrwert erhält.
BACHMANN: Der Mehrwert ist die Vielfalt. Wer einen Überblick über die Nachrichten aus den verschiedenen Regionen will, nutzt news1.ch.
Klartext: Wichtige Regionen wie etwa Bern oder Basel sind nicht vertreten.
BACHMANN: Das ist derzeit noch ein Mangel.
Klartext: Die NZZ, die ja über ihre Tochter FPH am Projekt beteiligt ist, könnte die Lücken füllen.
BACHMANN: In solchen Dingen ist die NZZ natürlich immer ein Wunschpartner. Ich verstehe aber auch, dass die NZZ online ihr eigenes Profil pflegt.
Klartext: Die Lancierung von news 1.ch sieht nach einem Fehlstart aus. Bis heute können nur angemeldete Besucher die Seite nutzen, obwohl der Start für Mitte Oktober bekannt gegeben wurde.
BACHMANN: Gut Ding will Weile haben. Immerhin ist es für einmal gelungen, dass mehrere Zeitungen ein gemeinsames Projekt starten, das ist schon mal positiv. Aber ich gebe zu: news1.ch kann in so kurzer Zeit nicht den Standard eingeführter Online-Anbieter haben. Ob wir das je erreichen, werden wir sehen. In einem Jahr können wir dann eine Zwischenbilanz ziehen, dann können wir korrigieren oder halt die Übung abbrechen.

Klartext: Planen die an news 1.ch beteiligten Verlage andere gemeinsame Projekte?
BACHMANN: Nein, es geht um Internet. Aber es gibt andere Projekte, bei denen mehrere Medienhäuser zusammenarbeiten. Man sucht natürlich auch Allianzen – je schlechter die Wirtschaft läuft, umso verstärkter. Denn es geht natürlich auch darum, die Kosten zu senken.
Klartext: Mit wem sprechen Sie denn so?
BACHMANN: Es ist nicht wichtig, ob unsere Gesprächspartner Tamedia, NZZ, Basler Zeitung oder AZ Medien heissen. Auch wenn es gegen aussen so erscheinen mag, habe ich zum Beispiel mit Peter Wanner überhaupt keinen persönlichen Konflikt.
Klartext: Das klingt sehr harmonisch. Es gibt in der Schweiz etliche Verleger, die nicht mehr miteinander sprechen.
BACHMANN: Vielleicht bin ich da etwas idealistisch. Aber ich handhabe es so. Wir haben zu keinem Verlagshaus Berührungsängste. Wir hier in der Zentralschweiz wollen nicht Fronten bilden und sind offen für bilaterale Projekte, die Nutzen bringen.
Klartext: Welche Rolle spielen Sie im Zirkus der Verleger?
BACHMANN: Wir sind diejenigen, die nicht wahrgenommen werden. Die grossen Bewegungen auf dem Medienmarkt finden ja nicht in der Zentralschweiz statt. Es wäre auch schwierig, hier einzudringen. Das macht uns zwar nicht unangreifbar, aber eine gewisse Stabilität ist vorhanden.
Klartext: Tamedia ist mit „20 Minuten“ präsent.
BACHMANN: Natürlich. Da kann ich auch nichts dagegen tun. Aber wieso sollte einer, der auf Wettbewerb setzt, unser Gegner sein? Wir tun das ja auch. Gut, wir gehen nicht in andere Regionen. Zumindest nicht mit Zeitungen, im Druckbereich schon. Wenn jemand die grundsätzlichen wirtschaftlichen und auch ethischen Aspekte berücksichtigt, dann ist er im Wettbewerb frei. Was ich nicht gutheisse, sind Massnahmen, die nur darauf abzielen, jemanden kaputtzumachen.
Klartext: Aber gerade die Gratiszeitungen treffen ja die abonnierten Tageszeitungen im Kern.
BACHMANN: Selbstverständlich spüren wir die Gratiszeitungen auch hier in Luzern. Weniger bei den Abonnementen als bei der Werbung, die sie uns wegfressen. Aber die Medien haben sich immer entwickelt. Doch was erfolgreich ist, will ich nicht verdammen.

Klartext: Was ist eigentlich aus Ihren Plänen für eine Gratis-Tageszeitung geworden?
BACHMANN: Damals ging es darum, den Raum Zentralschweiz mit einer Gratiszeitung abzudecken. Die SBB hatten Standorte ausgeschrieben, die sie exklusiv an einen Verlag vergeben wollten. Wir wollten mitmachen. Im Laufe des Verfahrens wurde jedoch die Exklusivität aufgehoben. Für uns war klar, dass wir mit einer regionalen Gratiszeitung gegen die nationalen Titel nicht bestehen können. Damit haben wir das Projekt begraben. Das heisst aber nicht, dass wir das für alle Zeiten ausschliessen. Wir haben in unserem Haus ja heute schon Gratis-Wochenzeitungen.
Klartext: Pessimisten in der Branche sagen, die abonnierte Tageszeitung liege auf dem Sterbebett …
BACHMANN: Totgesagte leben länger. Ich glaube nicht daran. Solche Veränderungen finden nicht von heute auf morgen statt. Das sind längerfristige Prozesse. Zurzeit haben wir einen leichten Rückgang bei den Abonnementen der NLZ. Doch man ist heute noch bereit, für eine gut gemachte Regionalzeitung einen Preis zu bezahlen. Ob es diese Bereitschaft auch in zwanzig Jahren noch gibt, ist eine andere Frage. Dann gibt es aber möglicherweise auch die Gratiszeitungen nicht mehr.
Klartext: Weshalb?
BACHMANN: Die Gratiszeitungen bieten in erster Linie News, gut gestaltet, attraktiv aufgemacht für die mobile urbane Gesellschaft. Aber wir werden demnächst neue elektronische Geräte haben, die vermutlich genau diesen Teil der Information viel eleganter und vor allem aktueller darstellen.
Klartext: Dann kann aber die NLZ auch keine News mehr bringen und muss sich voll und ganz auf Hintergründiges konzentrieren.
BACHMANN: Das sehe ich genau so. Der Schwerpunkt der Berichterstattung in der Tageszeitung wird sich noch mehr auf Hintergründe und Vertiefung von News-Themen verschieben. Zurzeit liefern wir noch einen erheblichen Teil an News, bringen aber zu einzelnen Themen auch schon gute Hintergründe, so hoffe ich doch zumindest. Und vor allem haben wir den regionalen Stoff, wie sonst keiner.

Klartext: Sie bauen ein neues Medienhaus. Kommen alle Medien unter ein Dach?
BACHMANN: Nein, Radio Pilatus bleibt, wo es ist. Das zeigt auch, dass bei uns einheitlicher Besitz nicht bedeutet, dass nur einer sagt, was es zu berichten gibt. Das Fernsehen kommt hier ins Haus, ist aber eine eigene Firma. Es gibt keine Durchmischung mit den anderen Medien. Was klar zusammengehört – auch räumlich und operativ – sind Zeitung und Online.
Klartext: Also kein Multimedia-Haus, wie es Espace Media jüngst eingeweiht hat?
BACHMANN: Ich habe das Haus in Bern gesehen, bin aber nicht restlos von einer intensiven Multimedia-Strategie überzeugt.
Klartext: Weshalb?
BACHMANN: Es sind nun mal unterschiedliche Medien. Natürlich lassen sich Synergien erzielen, es müssen ja nicht vier oder fünf Leute das Gleiche tun. Bei solchen Multimedia-Konzepten sehe ich aber die Gefahr der Monopolbildung. Die Unabhängigkeit der einzelnen Medien ist stärker in Gefahr, als wenn man klar deklariert und die verschiedenen Medien auch organisatorisch trennt.
Klartext: Mit Multimedia-Konzepten hoffen viele Verlage auf Einsparungen: Ein Journalist macht, was früher drei oder vier getan haben.
BACHMANN: Die Aufgabenstellung der vier Leute ist unterschiedlich. Natürlich kann der Zeitungsjournalist zur Not vor Ort mit der Videokamera ein Interview aufnehmen. Grundsätzlich ist es aber problematisch, das zeigt sich auch im Werbeverkauf: Wenn eine Person für Zeitung, Radio, TV und Online Werbung verkaufen muss, funktioniert es nicht. Es fehlt ihr das Detailwissen über die Gattungen. Überhaupt wollen nur ganz grosse Unternehmen tatsächlich in allen vier Medien werben. Sie haben jedoch ihre Spezialisten, die mit Spezialisten arbeiten wollen, nicht mit Generalisten. Publigroupe überprüft ja inzwischen ihre Allmedia-Strategie auch wieder. Bei den Redaktionen wird es ähnlich gehen: Man wird es versuchen, dann Grenzen feststellen und schliesslich das tun, was machbar und sinnvoll ist.
Klartext: Sie können es sich also leisten, Radio Pilatus als eigenständiges Unternehmen zu betreiben und nicht in einen Multimedia-Newsroom zu integrieren.
BACHMANN: Sparen ist wichtig, aber man darf sich nicht zu Tode sparen. Wir sind nicht Schraubenhersteller. Medien haben mit Menschen zu tun, mit Emotionen. Es gibt andere Aspekte als rein rationale Überlegungen. Vielleicht befinde ich mich mit diesen Vorstellungen in einer nostalgischen Medienwelt. Ich bin mir aber sicher, dass die Leser, wenn sie für das Produkt zahlen müssen, genau diese Aspekte in den Medien suchen und schätzen.
Klartext: Sie vertreten diese Haltung an der Spitze der LZ Medien Holding. Ein Nachfolger sieht das vielleicht anders. Wie bewahren Sie Ihr Erbe?
BACHMANN: Gewähr, dass es so bleibt, wie es jetzt ist, gibt es natürlich nicht. Aber auch neue Besen kehren gut. Meine persönliche Haltung ist aber im Haus gut verankert. Ob das in fünf, zehn Jahren auch noch so sein wird, sehen wir dann.
Klartext: Wie lange bleiben Sie noch auf dem Chefposten?
BACHMANN: Ich werde im Januar 63. Da kann man es abschätzen. ≠

Das Interview führten Bettina Büsser und Nick Lüthi am 21. November in Luzern.

Erwin Bachmann

nil./ Als gelernter Werbefachmann arbeitete Erwin Bachmann (62) zuerst in der Textilindustrie (Viscosuisse), dann für den Breitensportverband SUS, sowie als OK-Präsident des 600-Jahre-Jubiläums von Luzern. Danach wechselte er 1987 auf den Direktorenstuhl in der damaligen Druckerei Maihof/Verlag Vaterland, wo er bis heute geblieben ist. Allerdings sind sowohl die Druckerei als auch der Verlag verschwunden. An ihre Stelle trat nach zwei Fusionen die LZ Medien Holding AG, an deren Spitze Bachmann heute steht. Von 1975 bis 1991 gehörte er als Mitglied der CVP dem Luzerner Kantonsparlament an, 1988 als Präsident des Grossen Rates. Bachmann ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern und lebt in Emmenbrücke.

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