11. Juni 2008 von Nick Lüthi

Unter dem gleichen Dach, aber nicht im gleichen Boot

Artur K. Vogel und Michael Hug, Chefredaktoren von „Bund“ und BZ, über die neue Situation der beiden Redaktionen im gleichen Haus, die Frage, ob die BZ auch eine Qualitätszeitung sei und die Pläne der Besitzerin Tamedia für die beiden Berner Zeitungen.

Klartext: Herr Vogel, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie beim Betreten des Redaktionsgebäudes als Erstes den grossen Schriftzug der Konkurrenz sehen?
Artur K. VOGEL: Dann erinnere ich mich an die Diskussionen, die wir zurzeit führen, ob der Schriftzug der BZ entfernt werden oder der unsrige hinzukommen soll.
Klartext: Herr Hug, das wäre ja ein grosses Stück Identitätsverlust, wenn der BZ-Schriftzug vom Gebäude am Dammweg verschwinden würde.
Michael HUG: Unsere Identität hängt zum Glück nicht von einem Schriftzug ab. Im Ernst: In dieses Haus kommen nach dem „Bund“ noch viele andere Medien. Da müssen wir jetzt eine Lösung finden, die allen dient. Für uns war es ein schöner Auftritt, der jetzt etwas abgeschwächt wird – aber das überleben wir schon.
Klartext: Hat man sich beim „Bund“ auf den Umzug zur BZ gefreut?
VOGEL: Ich war der Einzige, der sich wirklich gefreut hat. Denn ich bin der Meinung, dass wir erst jetzt über die passenden Räumlichkeiten für eine moderne Redaktion verfügen. Vorher waren wir in einem Gebäude, das eigentlich für eine Versicherung gebaut wurde. Viele meiner Redaktorinnen und Redaktoren meinen aber, sie müssten sich möglichst in ihren Büros abschotten, um in Ruhe arbeiten zu können. Aber eine Zeitung macht man nun mal gemeinsam. Deshalb finde ich ein Grossraumbüro die ideale Lösung.
Klartext: Herr Hug, die BZ hat den Umzug in ein Grossraumbüro bereits hinter sich. Können Sie den „Bund“-Kolleginnen und -Kollegen Tipps geben, wie man sich da wohl fühlt?
HUG: Ich kann leider keine Tipps geben. Wir haben vermutlich eine andere Redaktionskultur. Bei uns ist der Umzug anders abgelaufen, weil wir während des Umbaus im Haus waren. Es gab Provisorien, während derer sich viele mit gemeinsamen Büros angefreundet haben, sodass ein Stimmungswandel stattfand. Auf andere haben wir einfach Rücksicht genommen. Es gibt auch bei uns Leute, die ihre Ruhe brauchen. Sie schreiben nun einfach mit Gehörschutz, das funktioniert.

Klartext: „Bund“ und BZ: Sind das eigentlich Konkurrenten oder Partner?
VOGEL: Für die Leser sind wir Konkurrenten. Ausser beim Sport, der uns von der BZ geliefert wird, aber von ehemaligen „Bund“-Redaktoren mitverantwortet wird. Auf dem Inseratemarkt sind wir ganz klar Partner. In diesem Sinne sind die Rollen klar definiert.
HUG: Die Redaktionen sind ganz klar Konkurrenten. Wir sehen uns jeden Morgen an, was die „Bund“-Redaktion für Geschichten bringt und ärgern uns, wenn wir etwas nicht haben …
VOGEL: … auch wir ärgern uns.
Klartext: Aktuelles Beispiel?
VOGEL: Da war die Geschichte mit dem verschwundenen Hodler-Bild. Das hat mich ziemlich geärgert, dass wir diese Geschichte nicht im Blatt hatten.
Klartext: Was macht der „Bund“ besser als die BZ?
HUG: Der „Bund“ hat im Gegensatz zur BZ ein Gedächtnis. Der „Bund“ hat zum Teil Leute, die Themen über Jahre hinweg verfolgen und deshalb aus ihrer Erfahrung schöpfen können. Wir hatten bei uns auf der Redaktion einen Generationenwechsel, deshalb haben wir hier ein Manko. Das ist auch der Grund, weshalb der „Bund“ in der Analyse von Ereignissen manchmal stärker ist.
Klartext: Was kann der „Bund“ von der BZ lernen?
VOGEL: Alles, was die sinnliche Präsentation und Wahrnehmbarkeit von Themen angeht. Heute zum Beispiel haben wir eine Umfrage zu österreichischen Weinen gemacht. Nun haben wir sechs Meinungen von sechs Personen im Blatt, aber kein Bild dazu – das macht die BZ besser. Wir sind oft zu theorielastig und zu wenig fassbar, zu wenig sinnlich.

„Der ‚Bund‘ hat im Gegensatz zur BZ ein Gedächtnis.“
Michael Hug

Klartext: Vom „Bund“ hört man immer wieder, er sei eine Qualitätszeitung, von der BZ aber nie. Weshalb?
HUG: Das Zeitungsbusiness hat sehr viel mit Image zu tun. Besonders ausgeprägt ist das hier in Bern, wo das lieb gewonnene Vorurteil vom hochstehenden, braven „Bund“ und der billigen, boulevardigen BZ eifrig gepflegt wird. Zum Teil haben wir uns das selbst eingebrockt. Anderseits ist es ziemlich überheblich, wie sogenannte Qualitätsjournalisten die Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen herabsetzen. Die BZ hat sicher noch Schwächen, aber sie hat auch viele Stärken. Wir müssen uns gewiss vor niemandem verstecken.
Klartext: Meinen Sie mit „Qualitätsjournalisten“ die „Bund“-Kollegen?
HUG: Ich will niemanden bezichtigen. Das sind ohnehin Diskussionen, die ausserhalb der Branche keinen Menschen interessieren. Für mich ist wichtig, welchen Ruf wir beim Publikum, in der Stadt, bei den Leserinnen und Lesern haben. Wenn vor allem Journalisten despektierlich über die BZ sprechen, heisst das noch lange nicht, dass wir eine schlechte Zeitung machen – eher das Gegenteil.
VOGEL: Wenn mir jemand sagt, der „Bund“ sei eine Qualitätszeitung und die BZ nicht, dann muss ich ihn darauf hinweisen, dass die BZ eine mehr als doppelt so hohe Auflage hat wie der „Bund“. Etwas muss die BZ ja besser machen, damit sie diese Zahlen erreicht. Es wäre also extrem überheblich zu sagen, die BZ sei eine Zeitung mit minderer Qualität. Wir haben unterschiedliche Qualitäten – aber ich würde deswegen nicht sagen, die BZ sei keine Qualitätszeitung.
Klartext: So unterschiedlich in Sachen Qualität können die beiden Zeitungen ja nicht sein. Schliesslich bezieht die „Qualitätszeitung“ „Bund“ ihre Sportseiten bei der BZ. Welchen Einfluss haben Sie, Herr Vogel, auf die Sportseiten?
VOGEL: Ich kann beim Sport nur in zwei Punkten mitreden: Als Erstes kann ich entscheiden, was gekippt wird. Denn wir erhalten immer mehr Seiten geliefert, als wir brauchen. Und ich kann jederzeit mit den Leuten sprechen, was wir haben möchten. Der Sportchef ist ein ehemaliger „Bund“-Redaktor, er kennt also unsere Bedürfnisse. Um es klar zu sagen: Der Sportteil wird nicht gegen unsere Interessen gemacht. Er wird genau so gemacht, wie wir ihn gerne hätten. Nur wenn wir die nötigen Mittel dazu hätten, würden wir ihn selber machen.
Klartext: Vor kurzem kritisierte die „NZZ am Sonntag“ die „Bund“/BZ-Sportberichterstattung. Der Vorwurf lautete, der Chef des Berner Fussballstadions Stade de Suisse kontrolliere „gewieft“ die Sportberichterstattung. Tatsächlich kann manchmal der Eindruck entstehen, es fehle an kritischer Distanz zu den lokalen Sportvereinen.
VOGEL: Ich war zuvor bei einer Zeitung tätig, welche einen Fussballklub gesponsert hat. Der Schriftzug der Zeitung war auf den Trikots der Mannschaft. Dort hat der Verleger der Sportredaktion klar zu verstehen gegeben, was sie zu schreiben hat. Das ist bei uns nicht der Fall.
Klartext: Sie sprechen von der „Aargauer Zeitung“?
VOGEL: Richtig.
HUG: Die Kritik der „NZZ am Sonntag“ ist ziemlich durchsichtig. Vor anderthalb Jahren war ich zu einer Aussprache beim Vorgänger des heutigen Trainers, der mich eine Stunde lang beschimpfte und der BZ vorwarf, sie mache im Gegensatz zu andern Zeitungen alles schlecht an YB. Wenn es aus unserer Sicht zu loben gibt, dann loben wir. Wenn es was zu kritisieren gibt, dann kritisieren wir.

Klartext: In der „Bund“-Kopfzeile steht „unabhängig und liberal“. Ist das mehr als eine Reverenz an die Gründungszeit?
VOGEL: Ich bin nun seit fast anderthalb Jahren Chefredaktor beim „Bund“. In dieser Zeit hat noch nie jemand publizistisch reingeredet. Zuerst war die NZZ Aktionärin, dann die Espace und jetzt die Tamedia. Aber publizistisch hat sich noch nie jemand eingemischt. Wir haben publizistisch einen sehr grossen Freiraum.
Klartext: Und was heisst heute „liberal“?
VOGEL: Liberal heisst für mich, dass ich ein sehr grosses Spektrum an Meinungen zulasse; liberal im ursprünglichen Sinn verstanden – nicht wirtschaftsliberal. Ausser Rassismus, Sexismus, Faschismus und Kommunismus ist das ganze Spektrum an Meinungen erlaubt. Solange man sich zu Demokratie und Pluralismus bekennt, hat alles Platz im „Bund“.
Klartext: Wo steht die BZ politisch?
HUG: Wir versuchten uns aus dem linksliberalen Mainstream herauszubewegen, indem wir uns gegen rechts öffneten. Das heisst zum Beispiel, dass wir über Steuerthemen aus der Sicht der Steuerzahlenden berichten und nicht aus der Sicht der Verwaltung, die immer einen Grund für höhere Steuern sieht. Dieser Kurs wirkt sich positiv auf das Klima in der Redaktion aus: Wir haben wieder Diskussionen.
Klartext: In der Vergangenheit stand der „Bund“ im Verdacht, publizistisch einen rot-grünen Kurs zu fahren. Dafür hat die Zeitung schon mal Schelte von der NZZ gekriegt, dem Sprachrohr des früheren Eigentümers. Hat sich der „Bund“ unter Ihrer Leitung nun nach rechts bewegt?
VOGEL: Einzelne Ressorts verstanden sich vor meiner Zeit als Sprachrohr der Linken. Das geht natürlich nicht. Wir müssen alle gleichberechtigt zu Wort kommen lassen. Einzelne Redaktoren, die das nicht akzeptiert haben, sind gegangen, ein paar sind geblieben. Ich habe aber niemanden entlassen. Grundsätzlich gilt: Die Zeitungen haben sich gewandelt. Parteizeitungen gibt es nicht mehr.
Klartext: Wie steht es um die Kommentarfreiheit? Kann ein Redaktor mit linker Gesinnung seine Meinung offen kundtun?
VOGEL: Ich bin da sehr tolerant und lasse bis zu einem gewissen Punkt sehr vieles zu. Aber ich muss auch sagen: Es gibt keine interne Pressefreiheit! Pressefreiheit ist ein Privileg der Verleger. Wenn nun ein Redaktor kommt und kommentieren will, wie toll er eine illegale Demonstration des Schwarzen Blocks gefunden hat, dann kann er dies vergessen. Denn gegen aussen ist nur einer für die Zeitung verantwortlich, gegenüber den Aktionären, den Lesern und dem Verleger. Und das bin ich. Dafür wurde ich angestellt.
Klartext: Wie steht es – vor dem Hintergrund der publizistischen „Öffnung nach rechts“ – um die Kommentarfreiheit bei der BZ?
HUG: Bei uns bestimmt die Chefredaktion in wichtigen Fragen den Kurs. Das heisst nicht, dass wir wortlos verfügen. Wir diskutieren, manchmal streiten wir auch über diese Fragen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Bei der Verschärfung des Asyl- und Ausländerrechts unter Justizminister Blocher waren wir eine der wenigen Zeitungen, die die Vorschläge befürworteten. Diese Haltung haben Markus Eisenhut und ich der Redaktion frühzeitig signalisiert und gesagt, dass einer von uns den Kommentar dazu schreiben wird. Kein BZ-Redaktor muss gegen seine Überzeugung einen Kommentar schreiben. Aber es kann vorkommen, dass ich einen Kollegen davon abhalte, einen Kommentar zu schreiben, weil wir seine Haltung nicht gegen aussen vertreten wollen. Ich denke, eine Zeitung sollte eine einigermassen konsequente Linie vertreten.

Klartext: Sie, Herr Hug, teilen sich die Redaktionsleitung der BZ mit Markus Eisenhut. Sind Sie nur ein halber Chefredaktor?
HUG: Ja, sozusagen. Das klappt wunderbar und hat grosse Vorteile. In den letzten Jahren sind Chefredaktoren mit immer mehr Aufgaben konfrontiert worden. Bei all meinen früheren Jobs als Journalist habe ich den Chefredaktor praktisch nie gesehen. Bei uns ist das anders: Praktisch ausnahmslos sind entweder Markus Eisenhut oder ich an den Redaktionssitzungen anwesend.
Klartext: Funktioniert die Rollenteilung zwischen Ihnen und Eisenhut nach dem Prinzip „good Cop, bad Cop“: hier der gemütliche Solothurner, dort der scharfe, aufbrausende Zürcher?
HUG: Nimmt man uns tatsächlich so wahr? Wenn Sie das sagen, dann wird es so sein. Ich bin sicher eher der konziliante Typ, Markus vielleicht impulsiver. Aber wir verstehen uns sehr gut und hatten inhaltlich bisher keine Differenzen.

Klartext: Sie beide können auf eine langjährige journalistische Laufbahn zurückblicken. Wo haben Sie sich das Rüstzeug für die Personalführung geholt?
HUG: Nirgends. Für mich war alles Learning by Doing. Ich habe zuerst kleinere und dann immer grössere Teams geleitet. Im Moment habe ich den Eindruck, dass alles gut läuft; obwohl wir den Betrieb gründlich auf den Kopf gestellt haben. Aber wer weiss: Vielleicht gibts bei Tamedia auch ein Reglement über die Mindestdiplomzahl von Chefredaktoren.
Klartext: Sind Sie nie überfordert?
HUG: Doch, doch. Ich habe nicht gerade schlaflose Nächte. Aber klar, schon etliche Male war ich überfordert. Es gibt einfach Situationen, da ist alles neu, da muss ich mich überwinden und kämpfen mit mir. Etwa bei Entlassungen, das ist sehr hart und schwierig.
Klartext: Wie steht es um Ihre Führungsqualifikationen, Herr Vogel?
VOGEL: Ich habe eine lange Laufbahn hinter mir, wo ich immer wieder in Führungspositionen tätig war. Mit 30 war ich Chef der Reporter und Fotografen beim „Tages-Anzeiger“, nach ein paar Jahren als Korrespondent im Ausland leitete ich das Ausland-Ressort beim Tagi. Dort hatte ich etwa halb so viele Leute wie beim „Bund“ unter mir, das war also schon ein rechter Laden. Bei Tamedia hatte ich das Glück, immer wieder Kurse besuchen zu können; Seminare, wo ich auch theoretisch einiges lernen konnte. Im Tagesgeschäft als Chefredaktor kommt es aber sehr stark auf die Erfahrung und die Persönlichkeit an. Da helfen keine Lehrsätze aus der Theorie.
Klartext: Sind Sie der erste Journalist im Haus oder der Redaktionsmanager?
VOGEL: Ich habe eigentlich drei Funktionen: Zuerst bin ich der Vertreter des Verlegers in der Redaktion, dann der Vertreter der Redaktion gegenüber dem Verleger und schliesslich bin ich noch der publizistische, personalpolitische und finanzielle Gesamtverantwortliche für die Zeitung.
HUG: Ich fühle mich am ehesten als Kapitän: Ich bin verantwortlich für die Zeitung und für die Leute, die hier ihr Brot verdienen. Ich sage, wo die Reise hingeht. Ich versuche, Gefahren möglichst früh zu erkennen, und schliesslich halte ich es für eine meiner wichtigsten Aufgaben, für die Crew Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sie sich wohlfühlt und sich mit ihrer Arbeit identifizieren kann.
Klartext: Fürs Schreiben finden Sie beide noch Zeit. Wann greifen Sie in die Tasten?
HUG: Das ist meistens ein Bauchentscheid. Zur Einbürgerungsinitiative der SVP will ich einen Kommentar schreiben, weil es mich erschreckt, dass fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung diese Vorlage offenbar annehmen will. Wir werden gegen diese Initiative schreiben, auch wenn das jene Leute irritieren wird, die uns schon in eine SVP-Schublade versorgen wollten.
Klartext: Artur Vogel, neben Kommentaren und Leitartikeln liest man von Ihnen auch Reisereportagen, Buchbesprechungen und andere Artikel. Liegt das zeitlich überhaupt drin?
VOGEL: Ich bin eben ein Schnellschreiber. Deshalb muss ich mir gar nicht speziell Zeit suchen zum Schreiben. Ich vernachlässige aber keine Aufgaben, wenn ich so viel schreibe. Die Arbeitstage werden so einfach ziemlich lang.

Klartext: Wie lebt es sich mit der neuen Eigentümerin Tamedia?
VOGEL: Ich habe 23 Jahre für Tamedia gearbeitet und kenne das Unternehmen gut und war deshalb sehr froh, als wir von Tamedia gekauft wurden und nicht von irgendeiner russisch-österreichischen Private-Equity-Firma. Tamedia interessiert sich für den „Bund“ sehr viel stärker als ihre Vorgängerin NZZ.
Klartext: Bis Ende Jahr will Tamedia einen Grundsatzentscheid fällen, wie sie das „Berner Modell“ mit „Bund“ und BZ unter einem Dach weiterführen will. Wie sind Sie in diesen Entscheidungsprozess eingebunden?
HUG: Das wissen wir noch nicht, weil dieser Prozess erst anrollen wird. So, wie aber die Integration von Espace in Tamedia bisher gelaufen ist, habe ich Vertrauen in die Verantwortlichen. Bis jetzt war alles sehr transparent, es wurde offen kommuniziert. Im Sommer sollen Arbeitsgruppen gebildet werden und ich glaube, dass wir unsere Interessen vertreten können.
VOGEL: Ich bin sogar überzeugt, dass wir unsere Interessen vertreten können. Konzernchef Martin Kall sass kürzlich drei Stunden auf diesem Stuhl hier und hat unter anderem ganz klar gesagt, dass der „Bund“ mit mindestens einer Person in der Arbeitsgruppe vertreten sein wird.
Klartext: Wo soll der „Bund“ in fünf Jahren stehen?
VOGEL: Ich möchte, dass der „Bund“ in fünf Jahren eine attraktivere und sinnlichere Zeitung ist, als sie es heute ist. Es besteht hier ein gewisser Nachholbedarf. Und natürlich hoffe ich, dass wir wirtschaftlich besser dastehen, als dies bisher der Fall war.
Klartext: Wo steht die BZ in fünf Jahren?
HUG: Ich wünsche mir, dass die BZ in fünf Jahren der wichtigste Informationsanbieter im Raum Bern ist. Damit meine ich nicht nur die BZ alleine, sondern den Verbund der verschiedenen Medien von Espace Media. Wir versuchen, bei unserer Arbeit schon heute vorwegzunehmen, dass es in Zukunft gar nicht mehr so wichtig sein wird, auf welchem Kanal wir die Leute erreichen.

Klartext: Herzstück dieses neuen publizistischen Verständnisses von Espace Media wird der Multimedia-Newsroom, wo Redaktoren von Zeitung, Radio, TV und Internet an einem Pult sitzen. Der „Bund“ wäre da auch willkommen, hat es schon verschiedentlich geheissen.
VOGEL: Das „Berner Modell“ würde nicht mehr funktionieren, wenn der „Bund“ dort angeschlossen wäre. Ich sehe den „Bund“ als ein Nischenprodukt. Wenn die BZ ein Fünfsterne-Hotel ist, dann sind wir ein Boutique-Hotel mit einem Drittel der Zimmer, aber einem eigenen Cachet. Ich kann mir nicht vorstellen, gemeinsam mit der BZ im selben Newsroom zu arbeiten. Was ich mir aber vorstellen kann, ist eine Arbeitsteilung: Die Nachrichten überlassen wir den anderen Medien von Espace und wir konzentrieren uns auf das, was wir besonders gut können: Hintergründe, Analysen, Kommentare.
Klartext: Von der Fachpresse wird mit grosser Beharrlichkeit das baldige Ende des „Bund“ herbeigeschrieben. Wie lebt es sich als Chefredaktor eines todgeweihten Titels?
VOGEL: Kürzlich hat mir ein alter Kollege gesagt, er kenne den „Bund“ seit 20 Jahren und in dieser Zeit habe es den „Bund“ jeweils immer nur noch ein halbes Jahr gegeben. Was aber auch einmal gesagt werden muss: Unter Journalisten wird dermassen viel dummes Zeug geschwätzt, da darf man einfach nicht darauf eingehen.
Klartext: Der „Bund“ hat 2007 nach langer Zeit wieder schwarze Zahlen geschrieben. Tamedia-Konzernchef Kall relativierte die positive Meldung umgehend: Dieses Ergebnis sei der Hochkonjunkturphase zu verdanken. Wie will der „Bund“ schwarze Zahlen schreiben, wenn die Wirtschaft mal nicht mehr so brummt wie jetzt?
VOGEL: Das ist genau das, was wir in den nächsten Monaten herausfinden müssen. Das ist die zentrale Frage: Wie kann der „Bund“ ein nachhaltiges wirtschaftliches Fundament aufbauen, mit dem er auch die nächste Krise übersteht? Am einfachsten wären zusätzliche 10’000 bis 15’000 Abonnemente. Dann würden wir die 3 bis 4 Millionen Franken vorwärts machen, die wir brauchen. Aber das werden wir nicht so schnell hinkriegen, deshalb müssen wir nun herausfinden, wie wir das sonst anstellen wollen.

Klartext: Verlage sparen auch gerne beim Personal. Ihr Vorgänger, Hanspeter Spörri, hat nicht zuletzt deshalb seinen Posten aufgegeben, weil er nicht länger bereit war, Sparübung um Sparübung durchzuziehen. Gibt es für Sie auch eine solche Schmerzgrenze?
VOGEL: Es würde eine solche Schmerzgrenze sicher auch bei mir geben. Ich habe die einfach noch nicht definiert. Zuerst muss ich schauen, welche Möglichkeiten sich anbieten. Zum Beispiel bei der Kooperation mit anderen Tamedia-Zeitungen. Aber es ist viel zu früh, diese Frage zu stellen. Klar ist aber: Mit einer Auflage von weiterhin unter 60’000 Exemplaren und einer 73-köpfigen Redaktion kann der „Bund“ nicht weitermachen. Das ist auch allen klar. Es wird deshalb Veränderungen geben müssen. Ich hoffe, dass wir diese auf der Einnahmeseite hinkriegen und wir nicht beim Personal abbauen müssen.
Klartext: Bei der BZ ist der Spardruck gegenwärtig nicht so gross wie beim „Bund“.
HUG: Dieser Eindruck täuscht. Wir haben ein sehr sattes Kostenmanagement, wir sind uns das gewöhnt. In schwierigen Zeiten mussten auch wir sparen und Stellen abbauen. Manchmal ist das frustrierend, aber es ist auch sehr gut. Das Kostenbewusstsein ist bis tief in die Redaktion hinein vorhanden. Wir sind uns bewusst, dass wir nicht mehr Geld ausgeben können, als reinkommt. Das hat die Redaktion auch stark und beweglich gemacht, weil sie immer schnell reagieren musste auf wirtschaftlichen Druck.
VOGEL: Da bist du einen Schritt weiter mit deiner Redaktion als ich mit meiner.

Klartext: Tamedia gibt zwei Pendlerzeitungen heraus. Die eine davon, „News“, mit der Absicht, die abonnierten Titel zu stärken. Wie viele Neuabos hat „News“ der BZ schon gebracht?
HUG: Im Moment ist nicht von Neuabos die Rede, sondern davon, Abos zu halten. Wenn wir das schaffen, sind wir schon recht stolz. Die BZ darf sich sehr wohl sehen lassen, sowohl bei Auflage als auch Leserzahlen. Aber wie bei allen abonnierten Tageszeitungen werden auch bei uns die Leser älter, weil wir nicht im gleichen Mass jüngere Leute gewinnen können. Die lesen Gratiszeitungen. Und diesen kritischen Kunden müssen wir immer bessere Gründe liefern, damit sie bereit sind, für eine Zeitung zu bezahlen.
Klartext: Kommt dazu, dass der Preis für eine Zeitung mit rund 350 Franken pro Jahr als hoch wahrgenommen wird.
VOGEL: Die Abopreise sehen nur so hoch aus, weil sie einmal pro Jahr erhoben werden. Für Bluewin-TV oder das Handy gibt man viel mehr aus, bezahlt aber monatlich einen locker verkraftbaren Betrag. Ich finde ein Zeitungsabo relativ billig. 300-mal pro Jahr vor dem Frühstück eine Zeitung im Umfang von 40 bis 50 Seiten für gut 300 Franken nach Hause geliefert zu kriegen, ist wirklich nicht teuer.
HUG: Das mag alles stimmen. Aber der Abopreis ist trotzdem ein Problem. Ich kenne viele Leute in meinem Alter, die sich überlegen, wenn sie den Einzahlungsschein vor sich haben, ob sie nun die 350 Franken zahlen sollen oder nicht. Sie überlegen sich, wie oft sie eine ungelesene Zeitung zum Altpapier gelegt haben. Irgendeinmal zahlen sie nicht mehr. Wenn wir uns nicht bewegen und uns unentbehrlich machen, dann sterben wir einfach langsam aus.

Artur K. Vogel

Für Artur Kilian Vogel (55) bedeuten die neuen Besitzverhältnisse beim „Bund“ ein Wiedersehen mit alten Bekannten: Bevor er über mehrere Zwischenstationen („Weltwoche“, Radio DRS, „Aargauer Zeitung“) vor einem Jahr nach Bern kam, arbeitete er mehr als zwanzig Jahre für Tamedia, u.a. als Auslandkorrespondent beim „Tages-Anzeiger“ (London, Naher Osten), später berichtete er für „Facts“ aus der Westschweiz. Seine ersten Zeitungsartikel veröffentlichte er während seines Rechts- und Wirtschaftsstudiums an der Uni Zürich in den „Luzerner Neusten Nachrichten“. Seit Anfang 2007 ist Artur K. Vogel Chefredaktor beim „Bund“, von dessen Weiterexistenz er zutiefst überzeugt ist („Ich will nicht der letzte ‚Bund‘-Chefredaktor sein!“). Der gebürtige Luzerner lebt heute in Bern, er ist geschieden und Vater von zwei Töchtern.

Michael Hug

Der gebürtige Solothurner Michael Hug (43) entschied sich nach der Matura schnell einmal für den Journalismus und gegen ein Geschichtsstudium. Erste Station waren die katholischen „Solothurner Nachrichten“, später wechselte er zur „Solothurner Zeitung“. Später sollte Hug auch noch für eine dritte Tageszeitung in seiner Heimatstadt arbeiten: von 2001 bis 2005 als Chefredaktor für das von der Berner Espace Media Groupe gegründete „Solothurner Tagblatt“. Zuvor war er als Inlandredaktor bei der „Berner Zeitung“ und dem Nachrichtenmagazin „Facts“ tätig. Zwischenzeitlich hatte Hug die Redaktionsstube mit dem Stall als Arbeitsplatz getauscht und versucht, sich als Bauer durchzuschlagen; drei Jahre dauerte der Aussteiger-Trip. Michael Hug ist Vater von drei Kindern und lebt in Solothurn.

11. Juni 2008 von Klartext

Ringier, Hüppi, Leuthard, Strehle, Minelli.

Verleger und Kunstsammler Michael Ringier outet sich in seinem Hochglanz-Magazin „Cicero“ als potenzieller Kunsträuber. Einen van Gogh würde er durchaus „klauen“, gesteht Ringier. „Ich habe ein gewisses Verständnis für die Diebe, die diese van-Gogh-Landschaft aus der Sammlung Bührle hier in Zürich gestohlen haben.“ Nach einem Alibi für den Tatnachmittag vom 10. Februar befragt, gibt Ringier an, zu diesem Zeitpunkt ein sehr langes Interview über seine Sammelleidenschaft geführt zu haben. Sollen wir das glauben? Und übrigens: Welche Farbe hat eigentlich Ringiers Auto?

Da schlummern Talente in manchen Medienschaffenden, von denen die Öffentlichkeit bisher nichts wusste. Matthias Hüppi zum Beispiel, seit Jahrzehnten Sportreporter beim Schweizer Fernsehen, hat das Zeug zum Dichter, wie er im Euro-Blog seines Arbeitgebers eindrücklich beweist:

Zwischen Salvatore und Monte Brè
Denkt Köbi Kuhn: „oh jemine!
Nkufo out, Coltorti krank,
Müller in Lyon auf der Bank.

Von Bergen muss nach Hause, ach,
und jetzt liegt auch Tranquillo flach.
Wenn das so weiter läuft, oh Graus,
gehen mir die Spieler aus!“

In vier weiteren Strophen nähert sich Hüppi als Lyriker der Befindlichkeit der Schweizer Fussballnationalmannschaft bei ihren Vorbereitungen zur Euro. Hüppi ist nicht der erste Dichter unter den Sportreportern, doch wohl der erste, der es mit vollem Bewusstsein tut. Sein Reporterkollege Dani Wyler hatte einst ein Juniorenländerspiel dichtend kommentiert, merkte dies allerdings erst, als sein 90-Minuten-Sermon transkribiert und in Gedichtform („Gelb gegen Dzemaili“) zwischen zwei Buchdeckeln in den Handel kam. Ein Blogger hatte das Meisterwerk für die Nachwelt erhalten.

Pavo Prskalo, zuständig für das Ressort „Digital“ bei Ringiers Abendzeitung „Heute“ (neu: „Blick am Abend“), kennt sich berufsbedingt gut aus mit Computer und Internet. Mit dem altmodischen Telefon, so scheint es, ist Prskalo allerdings nicht sehr vertraut. Oder zumindest benutzt er es selten, zu selten. In einem Fall hätte es ihn vor einer einigermassen peinlichen Falschmeldung retten können. So meldete Prskalo am 26. Mai voller Empörung, nun gehe die Uefa auch noch auf Blogger los! Dem Fussballverband sei sogenanntes „Ambush Commenting“ in die Nase gestochen, also die widerrechtliche Nennung in Blog-Kommentaren von Marken, die nicht als offizielle Sponsoren der Euro auftreten. Der „Heute“-Journalist berief sich dabei auf eine einzige Quelle: das „Bund“-Fussballblog „Zum runden Leder“. Regelmässige LeserInnen dieser etwas anderen Kickerchronik wissen, dass manch einer ihrer Autoren einen starken Hang zur Satire pflegt. Und so war auch die Meldung vom „Ambush Commenting“ nicht ganz ernst gemeint, sondern eine ins Surreale zugespitzte Übertreibung des Uefa-Kontrollwahns. Dumm gelaufen für Prskalo. Telefonieren lohnt sich und eine zweite Quelle anzapfen alleweil.
Schnell, schneller, am schnellsten lautet im News-Journalismus das oberste Gebot. Doch es gilt natürlich, auch bei erhöhtem Tempo die Spielregeln einzuhalten. Erst das ist die wahre Kunst im Nachrichtengeschäft. Beim neuen „Blick am Abend“ sieht man das etwas anders. Hier zählt nur Tempo alleine. Nachrichtenchef Thomas Benkö hat offenbar kein Problem damit, journalistische Grundregeln über Bord zu werfen, wenn er findet: „Zitate? Können Sie heute um 16 Uhr an der Box gegenlesen.“ War wohl lustig gemeint, ist dumm rausgekommen.

Als Experte für journalistische Kultur erwies sich Res Strehle, stellvertretender Chefredaktor des „Tages-Anzeigers“ und bis vor kurzem Projektleiter des Online-News-Netzwerks von Tamedia, an einer Podiumsdiskussion des Vereins Qualität im Journalismus zum Thema „Journalismus goes online“. Strehle unterschied dabei folgendermassen zwischen Print- und Online-JournalistInnen: Im Print herrsche eine „Verveine-Birkenstock-Kultur“, online hingegen eine „Red Bull-Turnschuh-Kultur“. Hier spricht ein Kenner mit hoch differenziertem Ansatz! Allerdings gibt es Online-Journalismus mittlerweile schon so lange, dass doch manche Netz-RedaktorInnen älter als 20 und aus Schweissfussgründen von Turn- auf Halbschuhe umgestiegen sind; ganz abgesehen von jenen, für die Red Bull zu schwach geworden ist und die nun zu stärkeren Substanzen greifen. Die Print-JournalistInnen, zum Beispiel beim „Tages-Anzeiger“, haben dem Vernehmen nach ihre Birkenstöcke abgelegt, weil sie in Socken schneller durch die Gänge flitzen können. Und sie trinken nur noch heisses Wasser. Denn – so munkelt man – eine Excel-Kalkulation des obersten Chefs habe ergeben, dass das Ziehenlassen der Teebeutel zu viel Zeit und damit Geld koste.

Jetzt ist auch er an der Reihe. Urs Leuthard, langjähriger Raubtierbändiger in der SF-„Arena“, muss sich wie schon so viele KollegInnen vor ihm entscheiden zwischen „Rrr“ oder „echch“: Schweizerhochdeutsch oder Bühnendeutsch? Nach der Dialektsendung „Arena“ moderiert Leuthard nun die in Schriftsprache präsentierte „Rundschau“. Bei den ersten Sendungen hörten wir ein buntes Durcheinander bei der R-Aussprache. Es gibt zwei Lösungen: Entweder sofort in die Sprechausbildung oder, die einfachere, sich ein Vorbild an Kollegin Sonja Hasler nehmen und ihrer ebenso beherzt wie schweizerhochdeutsch vorgetragenen Ansage: „… dieee Rrrrundschau!“

Ludwig A. Minelli, Gründer der Sterbehilfe-Organisation Dignitas, war früher „Blick“-Reporter, „Tat“- und „Spiegel“-Journalist. Doch sein Verständnis für journalistische Freiheit scheint begrenzt: So hat er jüngst die gesamte „Beobachter“-Redaktion mit einem „Kontaktverbot“ belegt. Reaktion der Redaktion: ein Artikel mit dem doppeldeutigen Titel „Der Mundtot-Macher“.

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