1. März 2010 von Klartext

«Die Leser haben uns zum Handeln gedrängt»

Bild: Dominique Meienberg

«K-Tipp»-Verleger René Schuhmacher macht erfolgreich Politik: Das Referendum gegen den Umwandlungssatz der Pensionskassen lancierte der Jurist und Journalist zusammen mit seinen Konsumentenzeitschriften.

KLARTEXT: Mit Ihren Konsumentenzeitschriften «K-Tipp», «Saldo», «Gesundheitstipp» und weiteren sind Sie mehrfacher Lesermillionär, Sie verwalten ein kleines Verlagsimperium – dennoch kennt man Sie kaum. Woher diese Zurückhaltung?
René Schuhmacher: Ich dränge mich nicht in die Öffentlichkeit. Ich fühle mich in diesem Sitzungszimmer wohler als auf einem Podium. Der Verleger interessiert die Leser nicht. Die Leute interessieren sich für das, was in der Zeitung steht.

KT: Zurzeit ist Ihr Name präsenter als auch schon, weil Sie das Referendum gegen den Umwandlungssatz bei den Pensionskassen mit lanciert haben, über das am 7. März abgestimmt wird. Weshalb suchten Sie hier die Öffentlichkeit?
Schuhmacher: Wir entschieden im Dezember 2008, das Referendum zu ergreifen, nachdem das Parlament die Rentenkürzung definitiv beschlossen hatte. Es waren die Leser, die uns zum Handeln gedrängt haben. Sie haben gesagt: «Ihr schreibt immer nur, macht doch endlich mal was.»

KT: Weshalb sind Sie ausgerechnet bei diesem Thema politisch aktiv geworden?
Schuhmacher:: Sozialversicherungen wie Versicherungen überhaupt gehören zu unserer Kernkompetenz. Unsere Konsumenteninfo AG hat 1992 den ersten Pensionskassenratgeber der Schweiz heraus­gegeben, geschrieben von Hans-Ulrich Stauffer, selbst Gründer und Verwalter einer Pensionskasse. Wir sind also überhaupt nicht pensionskassenfeindlich, wie uns jetzt zum Teil unterstellt wird in dieser Kampagne, die gegen uns läuft. Der Ratgeber wurde bis heute über 120’000-mal verkauft.

KT: Ist es Zufall, dass der Grossversand des «K-Tipp» ausgerechnet mit jener Ausgabe erfolgte, die das Abstimmungsdossier enthielt?
Schuhmacher:: Es war kein Zufall, wir erhöhen jedes Jahr im Januar die Auflage, um Neuleser zu finden.

KT: Ihre Leserschaft hat nun gesehen, dass sie ein Referendum zustande bringt. Folgt als Nächstes eine Initiative?
Schuhmacher:: Es ist nichts geplant, aber auch nichts ausgeschlossen. Theoretisch wäre es beispielsweise denkbar, die Zulässigkeit von Parallelimporten via Initiative einzufordern, wenn sie nicht schon vorher von den politischen Gremien in die Wege geleitet wird. Aber wir haben überhaupt keine Strategie, immer wieder aufs Neue politisch aktiv zu werden.

KT: Zu Ihrem politischen Engagement hielt Medienredaktor Rainer Stadler in der NZZ unlängst fest: «Am besten wäre es ohnehin, wenn gar keine Medien als Vehikel für politische Kampagnen verwendet würden. Solches zählt nicht zu ihren Aufgaben.» Weshalb sehen Sie das anders?
Schuhmacher:: Wir sind nicht die Ersten, die sich aktiv politisch einmischen. Ich denke etwa an die «Beobachter»-Initiative in den 1980er-Jahren. Sogar die politisch unverdächtige «Annabelle» forderte mit einer Petition, dass die Dienstwaffen nicht mehr zu Hause, sondern im Zeughaus aufbewahrt werden sollen. Daran hat niemand Anstoss genommen, auch die NZZ nicht. Bei der aktuellen Abstimmung um den Umwandlungssatz geht es aber um sehr viel Geld. Wohl deshalb wird so scharf auf uns geschossen.

KT: Noch schärfer geschossen wird aber auf den «Kassensturz» von SF wegen seiner Partnerschaft mit dem «K-Tipp».
Schuhmacher:: Diese Zusammenarbeit kann man durchaus thematisieren. Aber dann darf man die Medienpartnerschaften von SF mit Ringier, Tamedia, Axel Springer etc. nicht vergessen. Es ist eine berechtigte Frage, wie weit das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen solche Partnerschaften eingehen sollen. Was mich stört: Die Versicherungswirtschaft behauptet, SF sei wegen der Partnerschaft mit dem «K-Tipp» nicht mehr politisch neutral. Ich frage mich, ob das Fernsehen wirklich neutral ist, wenn ich vor jeder Abstimmung sehe, wie ein Bundesrat oder eine Bundesrätin mir sagt, wie ich abzustimmen habe.

KT: Die Versicherungslobby hat erreicht, dass SF-Direktor Ueli Haldimann sein Mandat als Verwaltungsrat Ihrer Konsumenteninfo AG niederlegte, das er aufgrund der Kooperation von «Kassensturz» mit dem «K-Tipp» bekleidete.
Schuhmacher:: Das ist sicherlich ein Verlust für uns. Ueli Haldimann ist ein hervorragender Journalist mit viel Print-Erfahrung, und dieses Wissen hat er im Verwaltungsrat eingebracht. Dass Haldimann zu Unrecht ins Visier geraten würde, war für uns nicht voraussehbar. Die Hintergründe werden immer klarer: Jetzt will ja die Versicherungswirtschaft den Elvia-Chef als Kandidaten um die Nachfolge von SRG-Generaldirektor Armin Walpen ins Rennen schicken. Offenbar wollen die das Schweizer Fernsehen bei dieser Gelegenheit gleich übernehmen …

KT: SF hat auch bekannt gegeben, die Koopera­tion zwischen «K-Tipp» und «Kassensturz» zu überprüfen. Worum geht es?
Schuhmacher:: Gespräche führen wir immer dann, wenn sich aus der Alltagsarbeit gewisse Fragen ergeben. Bei den aktuellen Gesprächen geht es um die Gestaltung der beiden Seiten im «K-Tipp», für die der «Kassensturz» die redaktionelle Verantwortung trägt. Zudem reden wir über finanzielle Fragen.

KT: Was bringt die Partnerschaft mit dem «Kassensturz»?
Schuhmacher:: Für die Leser und Zuschauer bringt es mehr Kompetenz in Konsumentenfragen, weil zwei erfahrene Redaktionen zusammenarbeiten. Fernsehen und Print haben unterschiedliche Stärken. Der «Kassensturz» polarisiert stärker als der «K-Tipp». Das liegt an der Wirkung der Fernsehbilder, die stärker emotionalisieren als eine Zeitschrift, die so trocken daherkommt wie der «K-Tipp». Was die Zusammenarbeit den Partnern wirtschaftlich bringt, ist schwer zu sagen.

KT: Die Auflagen Ihrer Zeitschriften sind in den letzten Jahren mehrheitlich geschrumpft.
Schuhmacher:: Das stimmt nicht ganz. Die Auflage von «K-Geld» ist bis heute stets leicht gestiegen, im letzten Jahr auch die Auflage des «K-Tipp». Aber es ist viel schwieriger als in den Neunzigerjahren, die Auflage zu erhöhen, da die Neuabos viel teurer geworden sind. Für uns als Kleinverlag ist klar, dass wir in erster Linie die Finanzen im Lot halten müssen. Auch wenn wir den Ehrgeiz, möglichst hohe Auflagen zu erreichen, nicht mehr befriedigen können. Wichtiger ist uns als Non-Profit-Unternehmen der Service public: kompetente Information zu tiefen Preisen. Der «K-Tipp» soll so günstig sein, dass ihn jeder Haushalt in der Schweiz bezahlen kann.

KT: Ist jede Ihrer Zeitschriften selbsttragend oder subventionieren die grossen Titel die kleinen?
Schuhmacher:: Grundsätzlich erscheint jeder unserer Titel so lange, wie die Leser dafür bezahlen. Wir verzichten auf Quersubventionierung. Unsere Zeitschriften sind zu 92 Prozent von den Abonnenten bezahlt, «Saldo» sogar zu 100 Prozent. Ursprünglich habe ich für jeden Titel eine eigene AG gegründet: die Konsumenteninfo AG für den «K-Tipp», Pulsmedia für den «Puls-Tipp» und so weiter. Heute sind aus administrativen Gründen alle Titel in der Konsumenteninfo AG zusammengefasst. Ab und zu kommt es vorübergehend zu einer Querfinanzierung, aktuell etwa beim neu lancierten «Kulturtipp», der in diesem Jahr wohl noch rote Zahlen schreiben wird. Das «Radiomagazin», Vorgänger des «Kulturtipp», hätte eingestellt werden müssen, wenn man weitergemacht hätte wie bisher. Die Leserschaft schrumpfte von Jahr zu Jahr.

KT: Im «K-Tipp» finden sich Inserate, in «Saldo» nicht. Weshalb?
Schuhmacher:: Dass wir im «K-Tipp» Inserate haben, hat mit den Produktetests zu tun. Ganz am Anfang hatten wir keine Tests im Blatt. Nach zwei Jahren begannen wir damit, hatten aber kein Geld dafür. So haben wir entschieden, die Tests mit Anzeigen in beschränktem Mass, nämlich bis maximal einem Viertel des Heftumfangs, zu finanzieren. So bezahlen die Hersteller und Importeure die Tests, und nicht die Abonnenten.

KT: Kann im «K-Tipp» inserieren, wer will?
Schuhmacher:: Es gibt eine Liste von Bedingungen, die ein Inserat erfüllen muss, damit es bei uns veröffentlicht wird. Es kommt keine irreführende Werbung ins Blatt, keine Werbung, welche die Unwissenheit oder Unerfahrenheit der Leute ausnützt. Ausserdem legen wir bei der Gestaltung Wert darauf, dass Anzeigen und Redaktionelles klar auseinan­dergehalten wird. Wir werden auch die Titelseite nie mit Werbung ummanteln. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn die Verleger dem Druck der Werbewirtschaft immer stärker nachgeben und die Leser für dumm verkaufen. Die Vermischung von Werbung und redaktionellen Inhalten in den Zeitungen und Zeitschriften war noch nie so gross wie heute.

KT: Mit diesen restriktiven Bedingungen dürfen Sie wohl nicht mit allzu vielen Inserenten rechnen?
Schuhmacher:: Das ist so. Der Werbemarkt ist mir teilweise ohnehin ein Rätsel. Mir scheint, er agiert nicht sehr rational. Auflagezahlen oder das Preis-Leistungs-Verhältnis scheinen keine dominante Rolle zu spielen: Der «K-Tipp» hat die grösste Auflage der abonnierten Zeitschriften und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn man die Tausend-Leser-Zahlen anschaut. Wenn es nach Preis und Leistung ginge, müsste der «K-Tipp» für die Werber begehrter sein. Aber Anzeigen sind offenbar mindestens zum Teil auch eine Belohnung für unkritische Berichterstattung. In diesem Jahr werden wir möglicherweise weniger Anzeigen von Versicherungen erhalten.

KT: «K-Tipp» und «Saldo» haben zwar eigene Entstehungsgeschichten, decken aber die gleichen Themen ab. Warum legen Sie sie nicht zusammen?
Schuhmacher:: Mit den beiden Zeitschriften sprechen wir ein unterschiedliches Publikum an. Der «K-Tipp» als grösste Publikumszeitschrift spricht alle Kreise an, «Saldo» hat eine deutlich kleinere Leserschaft mit überdurchschnittlicher Ausbildung, die überdurchschnittlich gut verdient. Es sind vor allem Ein- und Zweipersonenhaushalte in der Stadt und der Agglomeration, wenig Familien.

KT: Der neue «Kulturtipp» unterscheidet sich kaum vom alten «Radiomagazin», ausser dass er mehr Seiten hat. Weshalb waren Sie so zurückhaltend?
Schuhmacher:: Das hat zum Teil finanzielle Gründe. Wir sprechen hier von einem Budget von 1,5 Millionen Franken im Jahr – bei 26 Ausgaben. Das lässt keine grossen Sprünge zu. Ausserdem machten wir gute Erfahrungen mit langsamen redaktionellen Weiterentwicklungen.

KT: Sie sind neu als publizistischer Leiter im Impressum des «Kulturtipp». Werden Sie inhaltliche Akzente setzen?
Schuhmacher:: Ich werde wie bei den anderen Publikationen inhaltlich beraten. Ich bin ziemlich kultur­interessiert. Und die Redaktion ist derart klein, dass man auf jeden einzelnen Mitdenker angewiesen ist. Es ist sicher eine schwierige, herausfordernde Aufgabe, neue Leser zu finden. Aber wir sind zuversichtlich: Da die Kulturberichterstattung in den Tageszeitungen abgebaut wurde, können wir vielleicht hier eine Lücke füllen.

KT: Man hört immer wieder aus Ihren Redaktionen: Der Schuhmacher ist überall dabei, quasi als Super-Chefredaktor. Wie sehen Sie sich?
Schuhmacher: Ich bin nur Hobby-Journalist und Hobby-Verleger. Meine Biografie klärt einiges: Nach dem Jusstudium habe ich mein journalistisches Rüstzeug bei der «Tat» geholt, im Leserdienst und mit Wirtschaftsthemen, dann war ich bei «Tagi Persönlich», dem Leserdienst des «Tages-Anzeigers». Als die Routine zu gross wurde, gründete ich mit meinem damaligen Tagi-Kollegen Hanspeter Thür ein Anwaltsbüro. Aber eigentlich habe ich bis heute noch nicht wirklich entschieden, ob ich lieber Journalist oder Anwalt sein will. Zwei Herzen sind in meiner Brust oder mindestens zwei Herzkammern (lacht). Die Kombination beider Berufe hat auch Vorteile: Als Anwalt kann man höchstens im Einzelfall etwas bewirken. Die Wirkung der Leserberatung im «K-Tipp» hingegen geht in die Breite. Ich lerne noch immer jeden Tag dazu. Und solange das so ist, macht mir der Job Spass. Der Tag hat 24 Stunden, das ist mein grösstes Problem. Aber ich habe mich damit abgefunden (lacht) und mache ausreichend Ferien. Im Ernst: Meine Präsenz auf den Redaktionen ist nicht so gross, wie Sie in der Frage angetönt haben.

KT: Handeln Sie mit Ihrem Verlag und den Publikationen vor einem ideologischen Hintergrund?
Schuhmacher:: Ich glaube nicht, dass es mit Ideologie zu tun hat. Ich habe seit 1978 Fragen aus dem Leserkreis beantwortet, dann habe ich Ratgeber geschrieben und war Anwalt. Konsumentenverträge und Arbeitsverträge sind mein juristisches Hauptgebiet. Ich sehe, wo die Leute der Schuh drückt. Die Pensionskasse ist ein typisches Beispiel. Man kann sagen, wir seien auf dem Helfertrip. Ich sage: Unser Job ist die Beratung, und wir versuchen den Leuten, die sich nicht selbst gegen wirtschaftlich Stärkere wehren können, Tipps zu geben.

KT: Wegen der Berichterstattung vor allem im «K-Tipp» gab es ja einige Prozesse. Das kostet, selbst wenn man Recht erhält.
Schuhmacher:: Wir hatten das ganz grosse Glück, dass wir seit 1991, also seit der Gründung des «K-Tipp», noch nie Schadenersatz oder Genugtuungen bezahlen mussten. Vielleicht ist es aber nicht nur Glück, sondern hat auch etwas mit Sorgfalt zu tun. Ich lese die Zeitschriften, bevor sie in Druck gehen.

KT: Alles?
Schuhmacher:: Weitgehend alles. Das spart uns pro Jahr vielleicht 500’000 Franken Anwaltskosten. Denn das Gebiet, auf dem wir publizieren, ist sehr «schadensgeneigt», wie die Juristen sagen. Wenn wir über ein Unternehmen, eine Dienstleistung oder eine Ware etwas Unrichtiges verbreiten, kann der materielle Schaden sehr gross sein. Dessen sind wir uns bewusst. Wir müssen deshalb journalistisch sehr genau arbeiten, und das gelingt uns offenbar. So wurde noch jede Klage gegen einen Test abgewiesen.

KT: Wenn Unternehmen erfahren, dass im «K-Tipp» über sie berichtet wird, melden sich dann deren Anwälte bei Ihnen?
Schuhmacher:: Wir haben häufig Anwaltskontakte, pro Jahr etwa in rund 40 Fällen. Zum Beispiel bei Tests, denn die Hersteller erhalten die Ergebnisse vor der Veröffentlichung. Wenn sie sehen, dass sie nicht so gut dastehen, sind einige wenige versucht, die Veröffentlichung zu unterbinden. Meistens sind es aber Gegendarstellungs- oder Schadenersatzbegehren, die nicht erfolgreich sein können, weil die gesetzlichen Voraussetzungen dafür fehlen. Bei unseren Redaktorinnen und Redaktoren ist das Sensorium in Sachen Persönlichkeitsverletzung und unlauterer Wettbewerb gut entwickelt.

KT: Machen Online-Angebote im Bereich Konsumenteninfo und -beratung Ihren Zeitschriften das Leben schwer?
Schuhmacher:: Bis jetzt glücklicherweise noch nicht. Aber sie machen es auch nicht leichter. Auch wir verbessern unseren Service online laufend, aber er läuft insgesamt noch auf kleiner Flamme. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir unsere Leser übers Netz erreichen könnten und sie bereit wären, dafür zu bezahlen. In unserem jetzigen Budget machen Vertriebsgebühren etwa einen Drittel aus, dazu kommt ein weiteres Drittel für Druck und Papier. Wenn wir über Internet liefern könnten, könnten wir die Leute billiger bedienen. Aber sie müssten eben bereit sein zu bezahlen, und das ist heute noch ein Problem.

KT: Wie sehen Sie Ihre eigene Zukunft: Gibt es den Verlag so lange, wie Sie hier arbeiten?
Schuhmacher:: Ich glaube nicht, dass der Verlag von meiner Person abhängig ist. Wir haben viele gute Leute in unserem Betrieb, darunter langjährige Mitarbeiter. Ich bin nur Teilzeit-Verleger und Teilzeit-Journalist, deshalb glaube ich, dass ich sogar vom Tram überfahren werden könnte, ohne dass der Verlag zusammenbricht. Die Leser sind treu, die Mitarbeiter kompetent, wir sind gut organisiert. Aber wir haben das Problem eines jeden KMU, dass die Nachfolge der Gründergeneration rechtzeitig geplant werden muss. Dessen sind wir uns bewusst.

KT: Sie haben sicher einen Ratgeber dazu.
Schuhmacher:: (lacht) In unserem KMU-Ratgeber gibt es ein Kapitel zum Thema, wie man die Nachfolge richtig organisiert. Es ist eine gute Idee, das Kapitel wieder einmal zu lesen.

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Nick Lüthi am 25. Januar in Zürich.

Das Zeitschriftenimperium des René Schuhmacher

bbü./ René Schuhmacher, 56, ist Verwaltungsratspräsident der Konsumenteninfo AG. Nach dem Ausscheiden von SF-Direktor Ueli Haldimann­ gehören dem Verwaltungsrat noch Hans-Ulrich Stauffer, Anwalt und Pen­sionskassen-Spezialist, Matteo Cheda, Herausgeber der Tessiner KonsumentInnenzeitschriften «Spendere Meglio», «L’Inchiesta» und «Scelgo Io», sowie Yvonne Keller, Finanzchefin und Verlagsleiterin, an.
Nach einem Jusstudium arbeitete Schuhmacher bei «Tat» und «Tages-Anzeiger» in der LeserInnenberatung. Danach gründete er eine Anwaltskanzlei und wurde Herausgeber. Heute gehören zur Konsumenteninfo AG die Zeitschriften «K-Tipp», «Saldo», «K-Geld», «Gesundheitstipp» (früher «Puls-Tipp»), «Haus&Garten», «Kulturtipp» (früher «Radiomagazin»), «Plädoyer», «Bon à savoir» und «Tout compte fait». Den Grundstein zu seinem Verlag legte Schuhmacher 1991 mit dem «K-Tipp», 1994 kam der «Puls-Tipp» dazu. Die Zeitschriften arbeiteten mit den Sendungen «Kassensturz» respektive «Puls» des Schweizer Fernsehens zusammen. 1996 stiegen Urs P. Gasche und Hans Räz beim «Kassensturz» aus und wurden Schuhmachers Partner. 1999 kam es zum Streit; Schumacher blieb zwar Aktionär, gründete aber «Saldo» als Konkurrenz zum «K-Tipp». Später näherte man sich wieder an; mittlerweile sind Räz und Gasche bei der Konsumenteninfo AG ausgestiegen.

18. Februar 2010 von Helen Brügger

Mit dem Lächeln einer Sphinx

Bild: Marc Amiguet

Myret Zaki (37) schrieb das «wohl bestinformierte Buch über den UBS-Skandal». Wie sie im Bankenmilieu recherchierte, erzählt die stellvertretende Chefredaktorin von «Bilan» im Porträt.

Myret Zaki spricht langsam, mit dunkler Stimme. Eine «schöne Orientalin», die sich «für die Unterwäsche der UBS» interessiert: So stellte sie die Zeitung «24 Heures» mit einem Dreh in den Boulevard vor, als Zaki ihr Buch über das UBS-Debakel vorlegte. Die schlüpfrige Anspielung missfällt ihr nicht: «Ich entspreche vielleicht wirklich nicht den Vorstellungen, die man sich von einer Wirtschaftsjournalistin macht», lächelt sie. Der typische Wirtschaftsjournalist sei männlich, langweilig, grau gekleidet und passe auf, «nicht aus dem Rahmen zu fallen». Myret Zaki fällt es schwer, nicht aus dem Rahmen zu fallen.
Geboren ist sie 1973 in Kairo. Der Vater ist seit fünfzig Jahren Journalist, Chefredaktor einer linken Tageszeitung, die Mutter Übersetzerin. Myret ist noch ein kleines Kind, als die Eltern sich scheiden lassen. Die Mutter findet eine Stelle bei der UNO in Genf, nimmt ihre beiden Mädchen mit in die Schweiz. Der Umzug ist ein immenser Kulturschock für die achtjährige Myret. Sie kompensiert mit Bestnoten in der Schule. Geht nach der Matura nach Kairo zurück, studiert Politologie und verlobt sich mit einem jungen Ägypter. Doch die Rückkehr zu den Wurzeln misslingt. Ihr Verlobter möchte, dass sie den Schleier trägt. Sie bricht mit ihm, kommt zurück nach Genf, arbeitet in einer Privatbank, bildet sich zur Finanzanalystin aus und schafft schliesslich 2001 den Sprung in den Journalismus, von dem sie schon lange träumt. Sie wird Stagiaire in der Wirtschaftsredaktion von «Le Temps», dann Wirtschaftsredaktorin.
Im Sommer 2008 nimmt sie einen dreimonatigen Urlaub für ein grosses Projekt: Sie schreibt das Buch «UBS – Les dessous d’un scandale» (deutsch: «UBS am Rande des Abgrunds»). Es erscheint vor dem Beinahe-Crash der Grossbank, trotzdem bewertet es «Das Magazin» als «wohl bestinformiertes Buch über den UBS-Skandal». Es verhilft ihr zu ihrem heutigen, brandneuen Job als stellvertretende Chefredaktorin des Wirtschaftsmagazins «Bilan». Unser Gespräch findet in der «Bilan»-Redaktion statt, die gerade von Lausanne nach Genf umgezogen ist. Noch liegen überall Kisten herum, doch Zaki freut sich auf ihre neue Aufgabe: «‹Bilan› muss näher bei den wirtschaftlichen und finanziellen Eliten positioniert werden.» Das Magazin solle zum Ort werden, wo Debatten geführt und Leute zusammengebracht würden: «Ideen und Informationen müssen frei zirkulieren. Das ist gerade für die Wirtschaft von kapitaler Bedeutung.»

Recherche im verbarrikadierten Milieu
Für die Bankenwelt ist das nicht selbstverständlich. Da ist alles geheim und abgeschirmt. «Es ist extrem schwierig, im Bankenmilieu zu recherchieren. Alle Menschen in der Umgebung einer Bank haben Inte­ressenbindungen mit ihr, als Institutionen oder Kunden geschäftlicher oder dann familiärer Natur.» Das schwierigste Gespräch, das sie je geführt hat? «Mit den UBS-Grössen vor dem Crash – da herrschte der totale Blackout.» Und das beste? «Mit einem Ehemaligen der UBS in den USA.» In einem so verbarrikadierten Milieu zu recherchieren, gehe nur mithilfe von Leuten, die ein Interesse daran hätten zu reden. «Es sind oft Ehemalige, die der Ansicht sind, ihr Arbeitgeber habe sich nicht loyal verhalten.» Solche Quellen zu finden, sei selten, denn «die Banken passen auf, dass ihre Leute gut bezahlt und im Fall eines Abgangs gut entschädigt werden».
Die geheimen «Informationstresore» der Banken werden auch von WirtschaftsjournalistInnen nur selten geknackt. Denn es ist nicht ungefährlich, die geballte Macht der Finanzwelt anzugreifen. Die Gnomen an der Zürcher Bahnhofstrasse lieben es gar nicht, wenn man ihnen, wie es Zaki tut, ein «gigantisches, fehlgeschlagenes Pokerspiel» vorwirft und zum Fazit kommt: «The game is over.» Zaki erhielt nach der Publikation des Buches einen telefonischen Drohanruf. Andere haben sie öffentlich angegriffen, als Nestbeschmutzerin beschuldigt. Man habe ihr zu verstehen gegeben, dass man nicht so über eine Institution wie die UBS schreibe. Nicht als Frau. Und vielleicht noch weniger als Orientalin.
Myret Zaki hat ihr Buch als Freelancerin geschrieben, ohne Unterstützung der Zeitung «Le Temps». Die vollständige Unabhängigkeit habe sich als Vorteil erwiesen. Denn die erste Frage, mit der man in den einschlägigen Kreisen konfrontiert werde, laute: «In wessen Interesse sind Sie unterwegs, Madame?» Ausserdem müsse man, um auch nur einen Zipfel des Schleiers zu lüften, vollständig besessen sein, «sich absolut manisch nur noch mit dem einen Thema befassen». Was gehört weiter zu den unverzichtbaren Eigenschaften einer Recherchierjournalistin? «Man muss schweigen können wie ein Grab, wenn man nicht will, dass die Quellen austrocknen.»
Die NZZ ging mit Zakis Buch hart ins Gericht. So verlockend die These von der aggressiven Investmentbank der UBS auch sei, die Autorin könne sie nicht untermauern, schrieb die Zeitung im Februar vor einem Jahr – heute ist diese These Allgemeingut geworden. «Ich muss die Kritik der NZZ entgegennehmen», sagt Zaki. «Aber ich musste meine Quellen schützen.» Sie habe direkte Aussagen von Verantwortlichen zitiert, aber anonym. «Es war mir lieber, den Eindruck zu erwecken, es handle sich um Gerüchte, als eine Quelle zu gefährden.» Das sei der Preis, den man bezahlen müsse, wenn man seine Nase in so sensible Dinge stecke. Sie habe im übrigen keine Dementis erhalten und die Aussagen ihrer Quellen seien nie infrage gestellt worden.

«Wirtschaftsjournalismus hat versagt»
Keine einzige Wirtschaftszeitung habe vor dem weltweiten Zusammenbruch der Finanzwirtschaft gewarnt, stellt Zaki im Rückblick fest. Hat der Wirtschaftsjournalismus versagt? «In gewissem Sinne ja.» Doch was sie ihren KollegInnen vorwirft, ist vor allem, dass sie nach dem Ausbruch der Krise nicht mehr über die Ursachen recherchiert hätten. Da­ran sei die zu grosse Nähe zwischen den Wirtschaftsredaktionen und den Banken schuld. Aber auch der Zeitdruck in den Redaktionen: «In jeder Redaktion müssten permanent ein paar Leute von der Tagesproduktion freigestellt sein, um wirklich recherchieren zu können.» Das brauche Zeit und Geld, brauche die Anwesenheit vor Ort, Kontakte und Reisen – «ohne geht es nicht.» Wenn es nach Zaki ginge, würde sie in allen ehrgeizigen Redaktionen der Welt Recherchierjournalismus fördern. Und wo immer möglich eigenständige Meinungen publizieren, die sich ausserhalb der gängigen Erklärungsmuster bewegen. «Journalistischer Ehrgeiz ist nichts Elitäres, kein Spezialgebiet, sondern eine Geisteshaltung.»
Erlaubt der mehrfacher Wechsel zwischen den Kulturen Myret Zaki eine spezifische Annäherung an den Journalismus? Sie habe möglicherweise mehr Abstand, sagt sie nach einigem Nachdenken: «Vielleicht auch mehr Freiheit.» Sie sei nicht den gleichen Zwängen unterworfen wie JournalistInnen, die hier aufgewachsen und ausgebildet worden seien. «Ich kann mehr Risiken eingehen, weil ich keine Interessenbindungen habe, weil ich weniger Angst davor haben muss, ein Familienmitglied oder einen Bekannten zu verärgern.» Was ihr im Journalismus am meisten Mühe mache, seien Verbürgerlichung und Funktionärsmentalität. Und dann ist sie von KollegInnen genervt, die sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens in einer Bank sehnen: «Viele Wirtschaftsjournalisten warten nur darauf, als Analysten oder PR-Berater in eine Bank zu wechseln.» Sie sei froh, das als junge Frau hinter sich gebracht zu haben. «Das bringt mich nicht mehr zum Träumen.»
Sie wolle die Welt nicht verbessern, sagt Zaki. An der Vorstellung störe sie das Predigerhafte, das Idealistische. «Als Wirtschaftsjournalistin kann ich nur dafür sorgen, dass die Probleme offengelegt und die Geheimnisse gelüftet werden.» Mehr Ethik? «Ja, aber die liegt selbst in der journalistischen Suche nach der Wahrheit, selbst in der Aufgabe, den Menschen die Augen zu öffnen.»
Vor einer Woche, am 10. Februar, legte Myret Zaki ein zweites Buch vor: Es gehe um ein Eintauchen in die Welt der Trusts, verrät sie. Und lächelt ihr Lächeln einer Sphinx.

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