4. Januar 2010 von Klartext

Noch mehr Boulevard, noch mehr Unterhaltung

Bild: Iris Stutz

Das Unternehmen als Spiegelbild seiner Person: Marc Walder trimmt Ringier Schweiz fit und schlank; bei der «Blick»-Gruppe muss noch Fett weg, für Radio Energy musste man eine schmerzliche Extrarunde drehen.

KLARTEXT: Sie sind als Extennisprofi ein Medien-Quereinsteiger, waren zuerst «Blick»-Journalist, später Chefredaktor von «Schweizer Illustrierte» und «SonntagsBlick», haben dann einen gewaltigen Karrieresprung gemacht und sind seit eineinhalb Jahren Chef von Ringier Schweiz. Ging Ihnen­ das nicht alles zu schnell?
Marc Walder: Schnell, ja. Zu schnell? Nein. Als ich zu Ringier kam, hatte ich zwar eine Tenniskarriere hinter mir und im Fernstudium eine Wirtschaftsmatura nachgeholt, wusste aber nicht, wie ein Medienhaus funktioniert. Der grosse Vorteil für meine aktuelle Funktion ist es, dass ich Ringier von ganz unten her kennen gelernt habe. Ich kenne quasi jede Schraube im Ringier-Getriebe.

KT: Wie haben Sie sich das Fachwissen angeeignet, um 3500 Angestellte zu führen?
Walder: On the job, effektiv. Und im Frühjahr 2008 war ich drei Monate in Harvard. Dort habe ich vor allem finanztechnische Dinge erlernt und vertieft, Bilanzen lesen, Businesspläne und Bewertungen erstellen. In meinem Studiengang waren Unternehmer aus der ganzen Welt, die alle über Budgets von über 500 Millionen Dollar verfügen. In diesem Umfeld lernt man vor allem eines: unternehmerisch denken.

KT: Was haben Sie bei Ringier Schweiz angetroffen, als Sie das Zepter von Daniel Pillard übernahmen, der interimistisch anstelle des rausgeworfenen Thomas Landolt eingesprungen war?
Walder: (schweigt).

KT: Eine Andeutung wenigstens?
Walder: Es war sofort klar, dass sich die Medienwelt dramatisch schnell verändert. Also war ebenso klar, dass eine Strategie entwickelt werden musste, die das berücksichtigt. Wir analysierten unser Portfolio und fragten uns: Wo bleiben wir in welcher Form mit welchen Zielen drin? Wo gehen wir raus? Und was machen wir anders und vor allem besser? Bei «Cash» und «Gesundheit Sprechstunde» gingen wir raus. Bei der «Blick»-Gruppe können wir noch einiges besser machen, ebenso in der Romandie und bei der Verknüpfung unserer verschiedenen Unternehmensteile. Ringier Schweiz ist vielseitiger aufgestellt als fast jedes andere Medienhaus. Das ist Chance und He­rausforderung zugleich.

KT: Wie sieht die neue Ringier-Strategie aus?
Walder: Wir haben das Unternehmen auf drei Säulen gestellt. Erstens das klassische Mediengeschäft mit den Zeitungen, Zeitschriften, Content-Portalen im Internet und den Druckereien. Die zweite Säule ist das transaktionsbasierte Internet. Überall, wo eine Transaktion stattfindet, sind wir interessiert. Das kann ­E-Commerce sein, aber auch Rubrikenmärkte wie Scout 24. Die dritte Säule ist jene, worüber zurzeit viel und gerne geredet wird – und ich halte sie für enorm spannend: das Entertainment. Dort sind unsere TV- und Radioaktivitäten gebündelt, Good News, alle Events, das Rose-d’Or-Festival beispielsweise. Und vielleicht bald Ticketing, das mich sehr interessiert.

KT: Die Struktur- und Wirtschaftskrise macht auch vor Ringier nicht halt. Wie sieht Ihre Sparbilanz aus?
Walder: Wir haben 2009 in der Schweiz rund 50 Millionen Franken an Kosten eingespart. Interessanterweise lief das bei uns vergleichsweise ruhig, anders als etwa bei Tamedia. Wir haben versucht, überall dort Fett wegzuschneiden, wo es nicht an die Sub­stanz geht und somit am wenigsten wehtut. Wir sind schnell schlank und fit geworden. Das muss so sein, denn 2010 kommt noch einmal ein brutal schwieriges Jahr auf uns zu.

KT: Nun schlug ja die Ringier-Personalkommission vor, dass die Angestellten auf einen Teil des Lohns verzichten und diesen Betrag dem Unternehmen als Darlehen zur Verfügung stellen, um damit übermässiges Sparen zu verhindern. Sie sind nicht darauf eingegangen. Weshalb?
Walder: Grundsätzlich finde ich es hervorragend, wenn uns die Personalkommission kreative Modelle vorschlägt, wie die Mitarbeiter dem Unternehmen in einer schwierigen Situation unter die Arme greifen können. Aber unser Haus ist solide finanziert und steuert sicher durch die Krise. Zudem hielten wir den Vorschlag nicht für umsetzbar.

KT: Honorieren Sie das Mitdenken des Personals?
Walder: Wenn es ein Unternehmen schafft, 50 Millionen Franken zu sparen, ohne dass die Personalkommission aufjault, dann hat man einiges richtig gemacht. Es gab intensive Diskussionen mit der Personalvertretung. Ich bin bekannt als jemand, der sehr transparent informiert. Das tat ich auch an gemeinsamen Workshops mit der Personalkommission. Daraus entstanden kreative Vorschläge.

KT: Die grösste Baustelle von Ringier Schweiz ist derzeit die «Blick»-Gruppe. Die vier bisher getrennten Redaktionen arbeiten ab Frühjahr 2010 gemeinsam in einem Newsroom. Sie tragen dafür die Projektverantwortung. Wo steht das Projekt?
Walder: Am 1. Dezember haben wir die neuen Ressortleiter bestimmt. Das werden ganz zentrale Führungskräfte sein. Ab sofort werden wir die Arbeitsabläufe definieren und ab 1. März werden wir von dort heraus die jährlich 20’000 Zeitungsseiten der «Blick»-Gruppe produzieren.

KT: Seit ein paar Jahren gilt der Newsroom als Wundermittel gegen die Zeitungskrise. Weshalb glauben Sie, dass er auch die «Blick»-Gruppe wieder auf Kurs bringen könnte?
Walder: Heute sind die Wege viel zu lang zwischen den vier Titeln der «Blick»-Gruppe, die Koordination findet nicht statt, was durchaus auch Vorteile mit sich bringt, denn so sind die einzelnen Titel harte Konkurrenten, und das sollen sie ja auch bleiben. Aber es bringt eben auch Nachteile. Wenn Sie innerhalb der gleichen Marke kaum miteinander reden und es wenige Formen der Koordination und gegenseitigen Inspiration gibt, dann ist das, sagen wir, suboptimal.

KT: Die «Bild»-Zeitung in Deutschland, der es wirtschaftlich ausgezeichnet geht und die Sie ein paar Mal als Vorbild erwähnt haben, sieht keine Notwendigkeit für einen Newsroom. Weshalb machen Sie das Gegenteil von «Bild»?
Walder: Ich kenne «Bild» sehr gut, weil ich oft bei Springer in Berlin bin. Es stimmt, die haben keinen­ klassischen Newsroom. Aber in den Grossraumbüros arbeiten die jeweiligen Ressorts von Online- und Print-Journalisten direkt nebeneinander, quasi Hand in Hand. Es ist letztlich eine Definitionsfrage, ab wann man von einem Newsroom sprechen kann. Aber «Bild» hat nicht das Modell, wie wir es nun ­bauen.

KT: Wie gross ist das Sparpotenzial beim «Blick»-Newsroom?
Walder: Das eruieren wir gerade. Im Februar können wir mehr dazu sagen. In erster Linie geben wir zuerst einmal sehr viel Geld aus. Der Newsroom ist eine Investition in die Zukunft der Marke «Blick», also kein Sparprojekt.

KT: Wie viel Personal werden Sie mit der Einführung des Newsrooms abbauen?
Walder: Es werden Leute ihren Job verlieren, das ist so. Das ist die offene und ehrliche Antwort. Aber für die meisten Mitarbeiter gibt es eine neue Herausforderung, die bereichernd sein wird für ihren Job. Das Bild des Journalisten wird sich verändern und weiterentwickeln, es wird herausfordernder sein, aber auch spannender. Heute riskiert ein Wirtschaftsjournalist vom «SonntagsBlick», dass er am Samstagabend mit 70 geschriebenen Zeilen als Wochenwerk heimgeht. Das ist frustrierend für einen ehrgeizigen Journalisten. Mit dem Newsroom hat er die Möglichkeit, unter der Woche jeden Tag zu publizieren auf allen möglichen Kanälen.

KT: Wieso hat der «Blick» auch nach erfolgter Neugestaltung weiterhin keinen Chefredaktor?
Walder: Weil ich mir mit diesem Entscheid wirklich Zeit lassen will, ebenso bei der Besetzung des Postens eines Sportchefs. Vor diesen Entscheiden habe ich auch Respekt. Es eilt aber auch deshalb nicht, weil wir zurzeit einen sehr guten «Blick» haben. Das Team leistet hervorragende Arbeit, was sich auch in den Verkaufszahlen am Kiosk niederschlägt, auch wenn die «SonntagsZeitung» etwas anderes behauptet. Es geht aufwärts. Das können Sie drehen und wenden, wie Sie wollen.

KT: Eigentlich spräche nichts gegen «Blick»-Interimschef Ralph Grosse-Bley als neuen Chefredaktor – ausser dem Makel des Borer-Skandals, der weiter an ihm haftet. Wird er deshalb das a.i. hinter seinem Titel nicht los?
Walder: Quatsch! Grosse-Bley war nicht verantwortlich für die Borer-Geschichte. Das wissen Sie genauso gut wie ich. Er war einfach einer der Journalisten, der an diesem Samstag auf der Redaktion war in seiner damaligen Funktion als Textchef.

KT: Aber mit dem Namen Grosse-Bley verbindet man den Borer-Skandal.
Walder: Das ist richtig und zum Teil ja auch nachvollziehbar. Aber es ist einfach falsch zu sagen, er sei verantwortlich gewesen. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Für mich ist das eh nicht relevant bei der Suche nach einem «Blick»-Chefredaktor.

KT: Auf jeden Fall ist die Handschrift von Grosse-Bley gut sichtbar im neuen «Blick». Was waren die Vorgaben für den Relaunch?
Walder: In einem Satz formuliert: Der «Blick» geht wieder zum Kern seiner Marke zurück. Guter, konsequenter Boulevard. Modern interpretiert. Nicht mehr, nicht weniger. Das machen wir. Und es gefällt den Lesern genauso wie dem Anzeigenmarkt. Politisch gesehen soll der «Blick» eine unabhängige Zeitung sein, die jedes Thema analysiert und dazu Stellung nimmt. Ob auf der FDP-Linie, auf der SP-Linie oder sogar auf der SVP-Linie ist von Fall zu Fall zu bestimmen. Das haben wir zuvor bereits mit dem «SonntagsBlick» so gemacht.

KT: Boulevard auf Papier steht in harter Konkurrenz zu «Busen, Blut und Blech» im Internet. Stirbt die Publikumsschicht nicht langsam aus, die der gedruckte «Blick» bedient?
Walder: Das befürchte ich ganz und gar nicht. Das Echo ist wunderbar. Frauen, Männer, Junge, Alte, Urbane oder Ländliche, Spitzenmanager, Sportler, Arbeiter – querbeet durch alle Schichten sagen die Leute: Cool, uns gefällt der «Blick», wir lesen ihn wieder gerne.

KT: Gefällt der neue «Blick» auch mit einem blutig geschlagenen Rentnerkopf auf der Titelseite?
Walder: Das ist ein gutes Beispiel, um sich zu fragen, wie weit Boulevard gehen darf. Die betroffene Person sagte, ich will, dass alle sehen, wie übel ich zugerichtet worden bin. Denn das ist Teil der Realität in diesem Land. Hier war die Zustimmung des Opfers das Statement dieser Geschichte. Deshalb: absolut o.k.

KT: In der «Weltwoche» sagten Sie unlängst, im Internet fänden sich keine meinungsbildenden Inhalte. blick.ch bestätigt Ihren Eindruck immer wieder aufs Neue.
Walder: Der Auftrag an blick.ch ist, sehr schnell zu informieren, aber auch zu unterhalten. Beides ist im Internet nahe beieinander und blick.ch erfüllt beide Aufgaben derzeit sehr gut. Internet muss nicht alles können. Wenn ich beispielsweise den «Klartext» durchblättere, bleibe ich an bestimmten Dingen hängen, weil ich ein aufgrund von Know-how und Recherche der Redaktion zusammengestelltes, spannendes Menu vorgesetzt bekomme. Im Print bekommt man Dinge geboten, die man gar nicht gesucht hat. Wunderbar!

KT: Das ist doch auch im Internet so. Auf blick.ch finden wir laufend Dinge, die wir gar nicht suchen, Bilder von verrutschten Promi-Büstenhaltern etwa.
Walder: Jetzt banalisieren Sie meinen Gedanken. Die journalistische Leistung innerhalb eines Titels ist etwas ganz anderes, als wenn man sich im Internet vom einen zum anderen durchklickt. Internet ist nicht der Tod von Print, Internet ist einfach eine neue Disziplin.

KT: Verdienen Sie Geld im Internet?
Walder: blick.ch zum Beispiel ist in den schwarzen Zahlen. Die Schwierigkeit liegt darin, eine saubere Vollkostenrechnung zu erstellen, also eine Evaluation, welche Kosten wem zugeteilt werden. Mit dem Newsroom wird das nicht mehr möglich sein. Doch blick.ch macht uns derzeit grosse Freude, auf dem Nutzermarkt wie auch auf dem Werbemarkt. Wir sind überzeugt, dass die Marke «Blick» fürs Internet geradezu prädestiniert ist.

KT: Klopft man Ringier nach Innovationen ab, findet man nur Stars, People, Style und Beauty – zum Beispiel «Schweizer Illustrierte Style».
Walder: Ich begreife, dass Ihnen «SI Style» nicht gefällt, aber Sie befinden sich auch nicht in der Mitte des Zielpublikums dieser Innovation (lacht). Es mag in Ihren Ohren hart tönen, aber «SI Style» ist die erfolgreichste Neulancierung seit der «NZZ am Sonntag». Ansonsten erfindet sich Ringier Schweiz gerade neu. Von Innovationsmangel keine Spur.

KT: Wenig Innovationsgeist zeigt Ringier beim Radio. Um den Status quo von Radio Energy auf UKW zu zementieren, haben Sie für mehrere Millionen Franken eine Konzession gekauft. Wie teuer war sie genau?
Walder: (schmunzelt) Ich habe keine Ahnung.

KT: Sie sagten, Ringier habe etwas aufgeben müssen, um sich die Konzession kaufen zu können. Wer muss nun konkret bluten?
Walder: Ich meinte damit allgemein die katastrophale Situation für das Haus Ringier. Man stelle sich vor: Wir zahlen einen guten Preis für das Radio, und zwei Jahre später ist es nichts mehr wert und wir müssen erneut viel Geld ausgeben, um den Sender weiterhin betreiben zu können. Das ist betriebswirtschaftlich absoluter Nonsens.

KT: Die Branche hat sich vor zwei Jahren reihum gefragt, was um alles in der Welt Ringier mit einem Radiosender anfangen wolle.
Walder: Energy ist eine fantastische Marke und wir werden sie weit über Radio hinaus deklinieren. Energy Zürich ist zudem die wohl rentabelste Station im internationalen NRJ-Network.

KT: Wie gross schätzen Sie die Chance ein, dass Sie die Konzession nun tatsächlich erhalten?
Walder: Ich bin zuversichtlich. Ich rechne nicht damit, dass die Mitbewerber rekurrieren werden. Das frühere Management hat wohl Fehler gemacht, die bei einer Konzessionseingabe nicht hätten passieren dürfen. Problematisch war, dass bei der Konzessionierung die Versprechen auf Papier höher gewichtet wurden als der tägliche Leistungsausweis. Das habe ich stets kritisiert. Diesmal haben wir alles unternommen, um ein positives Urteil des Bakom/UVEK zu erhalten.

KT: Sie hätten auch ohne Konzession senden und dafür massiv in Digitalradio investieren können.
Walder: Wir haben uns überlegt, ob wir DAB-Empfänger subventionieren und massenweise unters Publi­kum bringen sollen. Das Problem ist halt, dass DAB immer noch weit hinter UKW herhinkt. Wenige Autos und wenige Haushalte haben DAB-Empfänger. Deshalb war es erfolgversprechender, um eine UKW-Konzession zu kämpfen.

KT: Sie haben nun zwar wieder eine Konzession für Radio Energy, aber das Sendegebiet ist kleiner als vorher. Schmerzt das stark?
Walder: Das ist ein Wermutstropfen, doch wichtig ist, dass Energy weitersenden kann. Für uns bleibt das Millionen-Zürich, ein sehr interessantes Sendegebiet, sowohl für den Hörer- als auch für den Werbemarkt.

KT: Bleibt neben Ihrem Managerjob noch Zeit für andere Beschäftigungen? Für die Familie?
Walder: Ich bin sehr glücklich verheiratet und wir habe eine 17 Monate alte Tochter. Ich habe an vielen Veranstaltungen präsent zu sein und mein Blackberry schläft nur, wenn ich schlafe … Als Journalistin hat meine Frau aber viel Verständnis. Ich pflege drei Dinge: den Job, täglich eine Stunde Fitness, Joggen, Velofahren oder Kraftraum – und natürlich unsere Familie. Für mehr bleibt keine Zeit.

KT: Auch nicht für Tennis?
Walder: Tennis spiele ich pro Jahr höchstens drei- bis viermal mit Michael Ringier. – Mir kommt grad Roger Schawinski in den Sinn. Der hat vor ein paar Jahren auf die Frage nach der Zeit für seine Familie zu mir gesagt: Es zählen nicht Stunden und Minuten, es zählt die Ausschliesslichkeit, mit der man eine Sache tut, die sogenannte Quality Time. Das hat mir Roger mit auf den Weg gegeben. Ganz gut.

KT: Die Relativität der Zeit hat aber Einstein entdeckt.
Walder: Ja, leider war das nicht Roger (lacht). Das wird ihn jetzt bestimmt wieder ärgern.

17. Dezember 2009 von Klartext

«Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus»

hitzfeld_webIn Deutschland siezen ihn die JournalistInnen, in der Schweiz lässt Ottmar Hitzfeld die Medienleute näher an sich ran. Wie der Trainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft das perfekte Verhältnis von Nähe und Distanz zu den Medien fand.

Klartext: Ottmar Hitzfeld, in Ihrer Biografie ist zu lesen, dass Sie als Jugendlicher zu scheu waren, um als Messdiener in der Kirche zu helfen. Wie lernten Sie, mit dem öffentlichen Interesse an Ihrer Person umzugehen?
Ottmar Hitzfeld: Das war ein kontinuierlicher Prozess, der schon zu meiner Zeit als Fussballer angefangen hat. Man ist nervös, wenn man die ersten Interviews gibt, und weiss noch nicht, auf was man achten muss. Das Wichtigste ist aber, aus den eigenen Fehlern zu lernen. Ich habe immer selbstkritisch über meine Auftritte nachgedacht. Mit der Zeit entwickelte ich ein Feeling für Aussagen und Gespräche. Je mehr man solche Interviews gibt, desto mehr entwickelt man sich.

KT: Hatten Sie nie Medientraining?
Hitzfeld: Nein, ich bin Autodidakt. Ich analysiere meine Auftritte selber, überlege mir, was ich noch verbessern kann. So kann ich immer etwas dazulernen. Für mich ist der Respekt der Menschen untereinander immer sehr wichtig. Darum war ich nie beleidigend, weder zu Spielern noch zu Reportern.

KT: Worauf legen Sie im Umgang mit den Journalisten Wert?
Hitzfeld: Ich hatte immer Respekt vor den Journalisten; das macht sich bezahlt. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Ich habe im Gegenzug aber auch einen gewissen Respekt von den Journalisten verlangt.

KT: Sie kennen die deutsche Medienlandschaft genauso gut wie die schweizerische. Wo sehen Sie im Sportjournalismus Unterschiede?
Hitzfeld: In Deutschland wird mit härteren Bandagen gekämpft. Die Boulevardpresse ist umfangreicher. Neben der «Bild»-Zeitung gibt es in jeder grösseren Stadt Boulevardmedien, die sich überschlagen. Die Umgangsformen sind härter, teilweise gnadenlos.

KT: Sind in Deutschland die Journalisten hartnäckiger?
Hitzfeld: Nein, das denke ich nicht. Der Druck auf die Journalisten ist in Deutschland aber viel grösser. Es gibt mehr Konkurrenz, die Auflagen müssen einfach stimmen. Dafür habe ich Verständnis. Jeder macht nur seinen Job.

KT: Hat man es in der Schweiz als Trainer einfacher mit den Medien?
Hitzfeld: Nicht unbedingt. In der Schweiz habe ich die Journalisten ein wenig näher an mich herangelassen. Die meisten kannte ich ja schon aus meiner Zeit als Spieler in der Schweiz. In Deutschland bin ich mit allen Journalisten per Sie. Das macht es einfacher, weil die Distanz automatisch gegeben ist.

KT: Sie haben einmal gesagt, dass es heutzutage als Trainer wichtiger sei, ein guter Kommunikator zu sein als ein Fachmann. Was genau meinten Sie damit?
Hitzfeld: Viele Trainer scheitern an der Kommunikation. Gerade wenn es schlecht läuft, können sie sich nicht wehren. Wer gut kommuniziert, kann die Medien auch als Sprachrohr nutzen.

KT: Haben sich die Medien während Ihrer Karriere verändert?
Hitzfeld: Ihr Verhalten hat sich gewaltig verändert. Das Medieninteresse ist enorm gestiegen. Früher gab es noch nicht diese Hektik. Die Journalisten müssen schneller arbeiten und jeder will immer der Erste sein, der die Neuigkeiten hat. In der heutigen Zeit bleibt nichts mehr geheim.

KT: Der tägliche Umgang mit den Medien erfordert heute also mehr Kraft als früher?
Hitzfeld: Wenn die Kommunikation jemandem Probleme bereitet, kann dabei tatsächlich viel Kraft und Energie vergeudet werden. Mir macht der Umgang mit den Medien Spass. Es stellen sich immer wieder neue Herausforderungen, die ich bewältigen muss.

KT: Beim FC Bayern München waren Sie lange Trainer. Wie sind Sie in dieser Zeit mit dem medialen Dauerdruck fertiggeworden?
Hitzfeld: Ich bin von der Schweiz via Dortmund zu den Bayern gegangen. In Dortmund habe ich mich an den Druck, der von der Bundesliga und den deutschen Medien ausgeht, gewöhnen können. Auf den Wechsel nach München war ich damit gut vorbereitet.

KT: Wie stark hat das Powerplay der Medien Ihre Entlassung bei Bayern München 2004 beeinflusst?
Hitzfeld: Ich habe mir selber die Messlatte bei Bayern sehr hoch gelegt. Ich habe mit Bayern fast alles gewonnen. Wenn du dann nur Zweiter wirst, ist das bei den hohen Erwartungshaltungen ein Misserfolg. Die Medien merkten, dass es im Verein kriselte. Da hatte ich schon verloren.

KT: Drei Jahre später beendeten Sie Ihre zweite Amtszeit bei den Bayern freiwillig. Die Aussage von Karl-Heinz Rummenigge, «Fussball ist keine Mathematik», fand in den Medien lautes Echo. Rummenigge kritisierte mit diesem Satz Ihre Taktik und Trainer-Mentalität grundlegend. Beeinflussten die Reaktionen der Medien Ihren Entscheid, 2007 bei Bayern aufzuhören?
Hitzfeld: Den Ausspruch von Rummenigge fand ich sehr res­pektlos. Selbstverständlich hat auch die Presse einen grossen Wirbel um die Aussage verursacht, ich nahm das jedoch nicht persönlich. Wir hatten bis zu jenem Zeitpunkt eine starke Saison gespielt. Ich fragte mich: Was kommt für eine Aussage, wenn wir die Saison nur auf dem zweiten Tabellenplatz beenden? Also entschied ich mich aufzuhören.

KT: Sie haben sich einmal mit einem Felsen in der Brandung verglichen, an dem alle Journalistenfragen abprallen. Gab es trotzdem Momente, in denen dieser Fels ins Wanken geraten ist?
Hitzfeld: Als junger Trainer las ich jeden Satz über mich und nahm vieles zu ernst. Je älter ich geworden bin, umso klarer wurde mir, dass es nicht so wichtig ist, was Journalisten schreiben. Die Leute wissen oft bereits am nächsten Tag nicht mehr, was sie in der Zeitung gelesen haben. Man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen.

KT: Sie haben auch die andere Seite des Journalismus kennen gelernt. Unter anderem waren Sie beim Sportsender Premiere als Experte tätig.
Hitzfeld: Als Trainer habe ich mich oft über die vielen Kritiker geärgert, die in den Niederlagen immer nur das Negative sahen. Ich wollte es einmal anders machen. In meiner Expertenfunktion bei Premiere konnte ich auch die positiven Komponenten einer Niederlage aufzeigen.

KT: Haben Sie als Trainer von diesen Erfahrungen profitiert?
Hitzfeld: Ich glaube ja. Beim Fernsehen lernte ich, mich klarer auszudrücken. Als Kritiker muss man auch eher Klartext reden und treffender sein. Das hat mir geholfen.

KT: Was wünschen Sie sich von einem guten Sportjournalisten?
Hitzfeld: Insbesondere bei der Nachbetrachtung von Spielen wünsche ich mir manchmal, dass die Journalisten genauer hinschauen. Ein seriöser Journalist sollte erst selbst nachforschen und recherchieren, bevor er ein Urteil über einen Menschen fällt. Sich stets ein eigenes Bild machen.

Das Gespräch führten Simon Jäggi und Florian Brauchli am 15. Oktober, nach dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel der Schweiz gegen Israel, im Swissôtel in Basel. Jäggi und Brauchli studieren an der ZHAW in Winterthur Journalismus.

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