18. Juni 2009 von Nick Lüthi

Die Staatsjournalisten

Wächst der Behördenapparat für Information und Kommunikation vor allem deshalb, weil die Medien die politische Berichterstattung vernachlässigen? Nicht nur, aber auch.

Manche arbeiten tatsächlich als JournalistInnen, andere fühlen sich nur so, weitere wiederum sind es „im Herzen geblieben“, obwohl sie längst etwas anderes tun. Auch wer Propaganda macht, etwa für den Staat kommuniziert und informiert, kann heute mit gutem Gewissen behaupten, JournalistIn zu sein. Daran scheint sich niemand gross zu stören. Und so falsch liegen diese StaatsjournalistInnen nicht mit ihrer Selbsteinschätzung. Denn erstens bringen viele Informationsleute eine langjährige Erfahrung in den Medien mit und werden genau deshalb als KommunikatorInnen angestellt (siehe Porträts). Zweitens tun sie in ihrem neuen Berufsfeld immer öfter, was sie vorher auf einer Redaktion getan haben: Ihre Botschaften richten sie vermehrt direkt an die Öffentlichkeit, nicht anders als die Medien auch. Wer sich zum Beispiel über Vogel- und Schweinegrippe informieren will, findet bei den Behörden sicher die kompetentere Darstellung als in manchen Medienerzeugnissen.
Von den 75 Millionen Franken, die der Bund im vergangenen Jahr für Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben hat, floss die Hälfte in sogenannte Direktinformation. Darunter fallen auch sämtliche Internet-Projekte, ein Bereich, der stetig wächst und den viele Departemente weiter ausbauen wollen. Folgt man der These von alt Bundesratssprecher Oswald Sigg, dann geschieht dieser Ausbau spiegelbildlich zum Abbau der politischen Berichterstattung in den Medien. Wenn es die „richtigen“ JournalistInnen nicht mehr richten, dann springen halt die StaatsjournalistInnen in die Bresche. Damit spielt Sigg den Ball für die Zunahme der Bundeskommunikation – inzwischen ist der Apparat auf 260 Vollstellen angewachsen – elegant zurück an die Medien. Wenn denn dieses Gesetz existierte, dann müssten beim Bund entsprechend auch wieder Stellen abgebaut werden, sobald es um die redaktionelle Leistung wieder besser steht. Nur: Wer misst und bestimmt das? Sigg selbst bekanntlich nicht mehr.
Auch wenn der Bund mit dem verstärkten Engagement im Internet die Balance zwischen Medien und Behördenkommunikation weiter in Schräglage bringen könnte, gibt der Ausbau einen Anlass zur Hoffnung – dass einige der vielen entlassenen Medienschaffenden eine Anstellung als StaatsjournalistInnen finden können.

Dienstleister für die Medien

nil./ „Heute sind vor allem Allrounder als Journalisten gefragt“, sagt Marcel Falk. Er verstehe sich aber als Spezialist. Nach einer Ausbildung zum Biochemiker fand Falk dank Zeitungserfahrung schnell den Weg in den Wissenschaftsjournalismus und arbeitete vier Jahre im Beruf, hauptsächlich für das deutsche „Bild der Wissenschaft“. Der gebürtige Rheintaler wäre vielleicht noch heute Journalist, hätte ihm nicht ein Verleger klarzumachen versucht, dass eine Zeitung letztlich nichts anderes sei als ein Schokoriegel: Beide müssen süss schmecken und sich verkaufen. „Das hat mich putzhässig gemacht“, sagt Falk. „Und ich entschied mich, nicht mehr für diese ‚Schokoriegel‘ zu arbeiten.“ Er wollte weg vom Beobachten und hin zum Entscheiden.
Als Sprecher im Bundesamt für Veterinärwesen (BVet) fand Falk vor sechs Jahren schliesslich seine neue Aufgabe. Anders als manche KollegInnen würde er sich heute nicht mehr als Journalist bezeichnen, sondern als Dienstleister für die Medien und die Öffentlichkeit: „Wir helfen ein Stück weit zu kompensieren, was an Fachwissen auf den Redaktionen verloren gegangen ist“, meint Falk und zeigt sich besorgt über den Zustand der Medien. „Man verlangt von uns pfannenfertige Angebote, um sie eins zu eins zu verwerten, dabei sollten Journalisten diese doch zerpflücken.“ Diese Entwicklung sei schlecht, doch zum Glück gebe es weiterhin kritisch recherchierende JournalistInnen, sagt Falk.
Vermehrt sucht das BVet auch den direkten Weg an die Öffentlichkeit. Hierzu nutzt es vor allem die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten des Internet. Das BVet spielt dabei eine Vorreiterrolle in der Bundesverwaltung. Neben Moritz Leuenberger betreibt das Amt als einzige Behördenstelle ein Blog auf seiner Website. In unregelmässigen Abständen veröffentlichen Falk und Fachbeamte kommentierende Stellungnahmen zu latent aktuellen Themen, die nicht in Medienmitteilungen passen. „Das Blog ist aber keine Hintertür, durch die Sachen sickern, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind“, präzisiert Falk.
Einen wesentlichen Vorteil der Online-Kommunikation sieht der BVet-Sprecher in der Möglichkeit zum Dialog. Für die täglich rund 150 Anfragen in Sachen Tierhaltung oder Ein- und Ausfuhr tierischer Produkte beschäftigt das Amt alleine fünf Leute. Als weitere Vorteile sieht Falk die ständige Verfügbarkeit der Information und die Geschwindigkeit. Ist etwa eine Tierseuche im Anzug, müssen die Behörden schnell informieren und vertrauen deshalb lieber auf die eigenen Kanäle: „Die Zeitungen kommen einen Tag zu spät und berichten nicht unbedingt über das, was für einen Tierhalter relevant ist“, so Marcel Falk.

Der noch als Journalist denkt

nil./ Er erinnere sich noch gut an die Zeit, sagt Rolf Camenzind, als die Bundesbehörden eine passive und bisweilen auch willkürliche Informationspolitik betrieben hätten. „Von Departement zu Departement war das unterschiedlich, die Medienarbeit von damals scheint mir im Rückblick recht zufällig gewesen zu sein“, blickt er auf die 1980er-Jahre zurück.
Seit Ende 2007, nach fast drei Jahrzehnten als Journalist, vertritt Camenzind das Bundesamt für Sozialversicherungen gegen aussen. Von der Passivität vergangener Tage ist bei den Departementen und Bundesämtern freilich nichts mehr zu merken, von der Willkür auch nicht mehr viel. Die Zeiten haben sich geändert. Sowohl Journalismus als auch Behördenkommunikation durchliefen einen tief greifenden Wandel. Heute, sagt der langjährige Inlandredaktor von Radio DRS, erfolge die Informationsarbeit des Bundes auf eine viel bewusstere und professionellere Art. „Aber auch auf eine problematischere“, ergänzt er.
Damit spricht Camenzind die Tendenz an, in erster Linie Köpfe in einem möglichst vorteilhaften Licht erscheinen zu lassen. „Immer häufiger geht es darum, den Bundesrat als Person zu verkaufen.“ Vor allem bei der Kommunikation der Departemente habe er als Journalist diese Entwicklung beobachtet. Das sei denn auch der Grund, weshalb er sich auf eine Kommunikationsstelle in einem Bundesamt und nicht in einem Departement beworben habe. „An der Personalisierungsschraube drehen aber auch die Medien. Das ist ein wechselseitiges Verhältnis.“
Als Kommunikationschef des Bundesamts für Sozialversicherungen BSV ist Camenzind einer von rund 260 InformationsbeamtInnen der Bundesbehörden. Eine Zahl, die in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Auf diese Entwicklung kann er sich durchaus einen Reim machen: Dank den neuen Möglichkeiten, direkt mit den Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt zu treten – Stichwort: Internet – brauche es auch zusätzliches Personal. „Ich würde es für verfehlt halten, wenn die Behörden per se darauf verzichteten, neue Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen.“ Die Medien hält Camenzind zwar weiterhin für den „wichtigsten Kanal“, aber „es ist für mich undenkbar, dass eine Behörde ausschliesslich über Vermittler gegen aussen kommuniziert.“
Die intensivere Online-Kommunikation sieht Camenzind in seinem Bereich aber nicht als Kompensation für eine immer schwächere Politikberichterstattung der Medien. „So weit kommt es vielleicht noch, wenn weiter wie im aktuellen Takt Stellen abgebaut werden und damit auch viel Fachwissen in den Redaktionen verloren geht.“ Vorderhand habe er es aber fast ausnahmslos mit kompetenten, dossierfesten Medienschaffenden zu tun – viele davon ehemalige KollegInnen, die er aus seiner Zeit als Bundeshausredaktor kennt.
Auch mit jüngeren Berufsleuten hat Camenzind zu tun, die noch wenig Ahnung vom Sachgebiet der Sozialversicherungen hätten. Das sei aber nicht weiter schlimm, sogar völlig normal. „Alle waren mal Anfänger. Und die Funktionsweise der zweiten Säule ist nun mal kompliziert“, weiss Camenzind. „Es ist dann genau meine Aufgabe, solche Dinge zu erklären.“ Seine Erfahrung als Journalist komme ihm dabei sehr zugute. Und ja, er denke weiterhin in „Geschichten“, wisse, wie sich ein komplexer Sachverhalt mit den Mitteln des Journalismus vermitteln lasse.

18. Juni 2009 von Klartext

Nicht von Grippe-Hysterie befallen

Dr. med. Silke Schmitt Oggier* windet den Medien ein Kränzchen: Sie
hätten in den Berichten zur Schweinegrippe Augenmass gewahrt.

Schon die erste kleine Nachricht in einer Randspalte einer Tageszeitung Ende April verhiess nichts Gutes: In Mexiko, immerhin weit weg, waren mehrere Menschen an einer ursprünglich von Schweinen stammenden Grippe gestorben. Das klang ganz nach neuem Grippevirus, das auch für Menschen ansteckend ist. So weit waren wir doch auch schon bei der Vogelgrippe, und da stellte sich die ganze Hysterie bisher als unberechtigt heraus. Mehrere Tote schon in der ersten Meldung machten allerdings stutzig: Nur Mensch-zu-Mensch-Übertragung kann innerhalb kürzester Zeit zu mehreren Toten führen. Mensch-zu-Mensch-Übertragung – das war doch genau das, was wir bei der Vogelgrippe so gefürchtet hatten und eines der Hauptkriterien der WHO, um den Pandemie-Stufenplan und die Schutzmassnahmen im öffentlichen Leben zu erhöhen. Wenn das stimmte, war man doch verwundert über das unspektakuläre Daherkommen dieser ersten brisanten Meldung. Zwei Möglichkeiten für die Unverhältnismässigkeit von Inhalt und Darbietung dieser Neuigkeit drängten sich mir auf: Entweder stimmte etwas Substanzielles an der Meldung nicht oder aber die Medien hatten die Brisanz dahinter verschlafen.

Spätestens nach dem Wochenende war es klar, dass die Meldung stimmte und die Vermutung dahinter leider auch. Was bei der Vogelgrippe immer befürchtet worden war, war jetzt passiert: Ein für Menschen ansteckendes neues Virus mit Anteilen von Grippeviren aus Schweinen, Vögeln und Menschen, nach seinen Oberflächenmerkmalen „H1N1“ benannt, hatte sich gebildet und griff in Mexiko und den USA rasant um sich. Im Ursprungsland Mexiko forderte es bereits täglich Menschenleben. Und zwar nicht wie bei der alljährlichen saisonalen Grippe unter den chronisch kranken und alten Menschen, sondern bevorzugt unter jungen Gesunden. Die Besorgnis der ExpertInnen war also durchaus berechtigt. Da für genauere Prognosen bis dahin noch viele Details fehlten, schwang das Pendel, nicht nur in den Medien, sondern auch bei den Fachleuten, zwischen Hysterie und Beruhigung hin und her.

Und nun ging das los, was Frau Chang, Chefin der WHO, vor Kurzem so umschrieb: „Die Aufgabe der WHO, die Öffentlichkeit so schnell wie nötig zu warnen und so weit wie möglich zu beruhigen, ist ein schwieriger Balanceakt.“ Diese Hochseilnummer gelang sowohl den verschiedensten Medien, wie auch den involvierten Institutionen wie zum Beispiel dem BAG erstaunlich gut. Schnell wurden Hotlines ins Leben gerufen, Webseiten mit aktualisierten Informationen eingerichtet und die Berichterstattung konzentrierte sich meist auf praktische Fakten wie Schutz vor Ansteckung, Impfmöglichkeiten, Reiseempfehlungen, Expertenstatements und der Warnung, nicht eigenmächtig Grippemedikamente zu hamstern.
Dass man immer die gleichen Fachleute zu Gesicht oder zu lesen bekommt, liegt vielleicht nicht nur an der Recherchefaulheit der JournalistInnen, sondern auch daran, dass nicht viele ExpertInnen die Sachverhalte wirklich (kritisch) auf den Punkt bringen können und manche schneller bereit sind, in den Medien aufzutreten. Insgesamt konnte man sich als interessierte Bürgerin je nach Informationsbedürfnis recht schnell und ausgewogen ein Bild machen. Dass auch die Boulevardmedien die sachlichen Infos mit knackigen Überschriften und Bildern rüberbringen konnten, dafür sorgten ständig mehr Grippefälle auf der ganzen Welt, der Ausnahmezustand in Mexiko-Stadt, erste Verdachtsfälle in der Schweiz, die Erhöhung der Pandemiestufe durch die WHO und grotesk anmutende Fehlleistungen wie die zu frühe Entlassung des ersten echten Schweizer Schweinegrippepatienten aus dem Spital oder ein in einem Personenzug zwischen Lausanne und Genf explodierender Behälter mit Schweinegrippeviren.

Trotz hoher Infektiosität der „Neuen Grippe“ waren in keinem später beteiligten Land die Todesfälle so hoch wie im Ursprungsland Mexiko. Dafür kann es verschiedene Gründe geben wie beispielsweise schlechtere hygienische oder medizinische Verhältnisse oder ein anfängliches Unterschätzen der Grippesymptome. Das Virus selbst in seiner momentanen Art scheint auch keine „Killer-Grippe“, sondern eine eher leichtere Form der Grippe auszulösen. Mit einer Erklärung dieser neuesten Erkenntnisse hätte man bei anhaltender Wachsamkeit eigentlich Entwarnung geben können, was von Expertenseite auch geschah, und das mediale Interesse vorläufig für beendet erklären. Doch weit gefehlt: Während Hintergrundmedien das Thema mit Informationen zur Impfstoffherstellung oder genauerem Detailwissen zum Virus am Leben erhalten, werden die Meldungen in den Boulevardmedien oder Lokalradios dann doch eher fragwürdig.

Wie innig Rekruten küssen dürfen in Zeiten der Schweinegrippe, interessiert wahrscheinlich nur deren Freundinnen wirklich. Und in welchen weiteren Ländern sich die „Neue Grippe“ wie verbreitet, ist sicher für die Infektions- und PandemieexpertInnen von grosser Wichtigkeit, bringt dem Laien aber rein gar nichts. Sogar die datenschützerischen Probleme zwischen Gesundheitsbehörden und Fluggesellschaften sind zwar für die involvierten Behörden wichtig zu lösen, aber nicht wirklich eine News-Schlagzeile wert. Und auch beim nächsten Grippealarm wird die grosse Herausforderung für Fachleute und Medien sein, Kommunikation nicht dazu zu nutzen, alle verrückt zu machen, sondern dazu, an die Situation angepasstes Handeln aufzuzeigen. Knackige Überschriften als Transportvehikel stören mich dabei nicht.

Silke Schmitt Oggier

Die Autorin ist stv. Leiterin des Schulärztlichen Dienstes der Stadt Zürich. Seit vielen Jahren berät Schmitt Oggier zudem die Fernsehsendung „Puls“ in medizinischen Fragen und verfasst medizinjournalistische Artikel.

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