20. März 2002 von Klartext

Wussten Sie, dass …

… sich vier von fünf freischaffenden Journalistinnen und Journalisten politisch links der Mitte einstufen;
… jeder dritte Beitrag in den Printmedien von Freien stammt;
… Freie im Durchschnitt knapp 3500 Franken im Monat verdienen;
… trotz Rezession die Auftragslage für Freie nach Auffassung der Redaktionen praktisch stabil geblieben ist?
Zu diesen und zahlreichen weiteren Aussagen ist Franz Hänecke in seiner Studie “Problemfeld Freier Journalismus” gekommen*. Um die Situation der Freien aus eigener Sicht und aus der Perspektive der Redaktionen zu beurteilen, lancierte das Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich zwei Umfragen, die von über 450 Freischaffenden und über 60 Redaktionen beantwortet wurden.
Soziale Unsicherheit und schlechte Verdienstmöglichkeiten galten als die wichtigsten Nachteile des freien journalistischen Schaffens, wurden für viele jedoch aufgewogen durch Vorteile wie persönliche Unabhängigkeit, mehr Freiheiten bei der Gestaltung der Arbeitszeit und bei der Themenwahl. Die Mehrheit der Befragten würde unter anderem aus diesen Gründen nicht mit einer Vollzeitstelle auf einer Redaktion tauschen.
Sind Freie wirklich frei, oder handelt es sich um eine für die Verleger angenehm flexible journalistische Reservearmee? Auf diese brennende Frage folgt keine eindeutige Antwort – eine Folge der komplexen Situation.
Nichts Neues also? Die Studie beansprucht, ein Stück weit “terra incognita” betreten zu haben, was insofern stimmt, als sie neben der Auswertung der umfassenden Fragebogen auch reichlich Quellen aus Gewerkschafts- und Verlegerseite in die Einschätzung der Situation einbezogen und erstmals systematisch ausgewertet hat.
Lesenswert neben den sehr ausführlichen Umfrage-Resultaten ist auch Häneckes chronologischer Überblick über die Entwicklung des Gesamtarbeitsvertrags seit 1919 – detailliert von 1989 bis zum Herbst 1993.

* Frank Hänecke: “Problemfeld Freier Journalismus. Ergebnisse aus Befragungen von Freien und Redaktionen”, Diskussionspunkt 26. Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich, 1994, 00 Seiten, Fr. 00.00.

5. März 2002 von Ursula Dubois

Lohndrückerei

Die GAV-Verhandlungen mit der SRG sind vorläufig gescheitert. Die Radio- und TV-Leute wollen das Schiedsgericht anrufen.

ud. Das Syndikat Schweizer Medienschaffender (SSM) bereitet sich auf einen heissen Sommer vor. Die Verhandlungen um den von der Schweizerischen Rundfunkgesellschaft (SRG) vorzeitig gekündigten Gesamtarbeitsvertrag scheinen endgültig festgefahren. Anlass zu harten Auseinandersetzungen gibt gegenwärtig die Finanzierung der Lohnangleichungen. “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit”, fordert die Schweizer Rechtssprechung. Unter diesen Vorzeichen verlangte das SSM in den Verhandlungsrunden für den bis Ende Jahr gültigen GAV eine Anpassung der Gehaltsstruktur an das Prinzip der Lohngleichheit.

Ausstieg aus der Lohnangleichung geplant
Nach mehr als zweijährigen Verhandlungen einigten sich die Sozialpartner damals auf ein neues Lohnsystem. Zu tiefe Löhne sollten dabei im Verlaufe der nächsten fünfeinhalb Jahre sukzessive angehoben werden. Für MitarbeiterInnen mit zu hohen Löhnen galt Besitzstandswahrung. Vertraglich wurde auch festgelegt, dass die sogenannten “Aufholkosten” nicht aus dem Portemonnaie der MitarbeiterInnen bezahlt werden dürften, dass der Ausgleich nicht mit Lohneinsparungen auf Kosten des Personals gehen sollte. Und dies während der gesamten Anpassungsperiode.
Mit der vorzeitigen GAV-Kündigung versucht die SRG, nun auch aus dem Aufholprogramm auszusteigen. In einer ersten Phase der GAV-Neuverhandlungen weigerte sich die SRG-Spitze vorerst, das noch mindestens zwei Jahre dauernde Programm ins neue Vertragswerk zu übernehmen. Angesichts der juristisch eindeutigen Vertragslage blieb dem Zentralratsausschuss am 22. März jedoch nichts anderes übrig, als für eine Weiterführung der Lohnanpassungen zu optieren. Gleichzeitig beschloss das Gremium aber, dass die Mehrkosten aus den “wiederkehrenden Personalkosten” finanziert werden müssten. Damit sind Personaleinsparungen und mehr oder minder verdeckte Lohnkürzungen vorprogrammiert.

SSM droht mit Schiedsgericht
Das will sich das SSM nicht gefallen lassen und gibt sich kämpferisch. “Aus unserer Sicht bricht die SRG den gültigen GAV. In allen Verhandlungen zum geltenden GAV war immer klar, dass die Aufholkosten durch die Mittel der SRG und nicht über Einsparungen bei den Personalkosten zu finanzieren sind”, schreibt das Zentralsekretariat der Hausgewerkschaft des Schweizer Radios und Fernsehens. Und: “Wir gehen vor Gericht!” Die SSM-Verantwortlichen wissen, dass die Frage der Lohngleichheit der Knackpunkt der kommenden Verhandlungen wird. Die SRG hat sich nämlich für das Jahr 2000 die grosse Flexibilisierung des Lohnsystems auf das Banner geschrieben. Das Ziel der SRG-Führung ist klar: Die einzelnen Unternehmenseinheiten sollen künftig ihre Lohnpolitik selber betreiben können. Sie sollen die Freiheit erhalten, nach Landesteilen und Regionen, Medienart und Sparten, kurz: nach Angebot und Nachfrage eigene Verträge auszuhandeln.
Wie die Verleger will die SRG für ihre Radio- und Fernsehsender nur noch einen nationalen Rahmenvertrag (RAV) aushandeln, der von den einzelnen Sendern und Studios nach Gutdünken ausgefüllt werden kann. Wie der Verlegerverband argumentiert die SRG mit dem Lohngefälle innerhalb der Schweiz, mit den unterschiedlichen Einnahmequellen und Finanzen zwischen Deutsch- und Westschweiz, zwischen Radio und Fernsehen. Ob die Rechnung der SRG – d.h. eine Senkung der Gesamtlohnkosten – auf die Art aufgeht, bleibt angesichts der Konkurrenz der neuen TV-Sender auch auf dem Arbeitsmarkt mehr als fraglich. Die möglicherweise sinkenden Löhne in der Westschweiz oder dem Tessin, beim Radio allgemein, werden von den ebenfalls liberalisierten Gehältern auf dem Platz Zürich, lies bei SF DRS, mehr als nur ausgeglichen. Gesamtarbeitsverträge schützen bekanntlich nicht nur die unteren Löhne, mit ihrer Klassierung der Löhne dämpfen sie klar die Inflation der oberen Gehälter.

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