24. Juni 2010 von Helen Brügger

Nackte Tatsachen bei Vigousse

Die Wochenzeitung «Vigousse» beschreibt sich selbst als «kritisch, politisch unkorrekt, unbotmässig, selbstironisch» – und trifft damit den Nerv des Publikums. Von einem kleinen Medienwunder aus der Romandie.

Romantisch gelegen ist die Redaktion von «Vigousse»* nicht. Am Rande des Bahnhofparkings in Lausanne haben findige Bauherren zwecks Gewinnoptimierung einige Mehrzweckräume eingebaut. Zwischen Fitnesscenter und Sprachschule für Wallstreet-Englisch nistet «Vigousse», ein seltener Vogel, der seit Anfang Januar die Romands in Atem hält. Die kleine satirische Zeitung ist vom bekannten ehemaligen «Le Matin»-Zeichner Barrigue (vgl. Klartext 3/2008) lanciert worden, zusammen mit einer Gruppe von FreundInnen, ohne jede Unterstützung ausser durch eine enthusiastische LeserInnengemeinde. «Vigousse» ist sowohl ein Satiremagazin, gemacht von vier erfahrenen Medienprofis und sieben regelmässigen, teilweise ganz jungen MitarbeiterInnen, als auch das Tummelfeld für vierzehn CartoonistInnen. Micheline Calmy-Rey musste am eigenen Leib erfahren, dass auch Frauen mit ätzender Feder zeichnen können: Die provokative Karikatur der nackten Bundesrätin (siehe unten), geschaffen von der jungen Cartoonistin Coco, hat landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Quasi als Entschuldigung, hat Vigousse auch den restlichen Bundesrat kurzerhand entblösst.


Jede Woche ein Knüller, heisst die Devise. Es sind Geschichten von unten, die der Redaktion zugetragen werden. Storys vom alltäglichen Machtmissbrauch, die selten in die Spalten einer Zeitung kommen. Etwa die erbauliche Geschichte der Lausanner Firma Job Profile, die im Auftrag der Arbeitslosenkasse das Profil von Arbeitssuchenden evaluiert und sie als billige PraktikantInnen in einem Unternehmen platziert, dessen Präsident gleichzeitig Besitzer von Job Pro­file ist. Oder die schöne Geschichte aus einem Walliser Gefängnis, dessen Insassen regelmässigen Ausgang geniessen, mit dem kleinen Nachteil, dass sie in den Weinbergen, Aprikosenpflanzungen oder Privatgärten ihrer Wärter arbeiten müssen – sehr zu deren Vorteil, denn für den Lohn der Knackis, 3.30 Franken die Stunde, kommen die SteuerzahlerInnen auf.

Dank Subskription zum Erfolg
Mit null Franken Eigenkapital, knapp 6000 Abonnementen, im Schnitt 3000 am Kiosk verkauften Exemplaren und rund anderthalb Seiten Werbung pro Nummer hat «Vigousse» nach sechs Monaten ein prekäres finanzielles Gleichgewicht erreicht. Möglich ist dieses kleine Wunder dadurch geworden, dass das «Vigousse»-Team auch bei der Abowerbung auf ein Vorgehen «von unten» gesetzt hat. Dank persönlichen Beziehungen und einer Facebook-Kampagne konnte «Vigousse» schon mit 3500 AbonnentInnen starten. Sie haben ihr Jahresabonnement im Voraus bezahlt, auf das Risiko hin, dass «Vigousse» zum Flop wird und das Geld verloren ist. «Die Leute haben uns vertraut», sagt Barrigue einfach.
Dieses Vertrauen ist wichtig, wenn die Leute ihre kleinen und grossen Sorgen, die sich zum journalistischen Knüller entwickeln können, der Redaktion anvertrauen. Sie tun es, «weil sie spüren, dass wir ihre Sprache sprechen», sagt Patrick Nordmann. Der ehemalige Moderator beim Westschweizer Radio und Texter für die «Lucky-Luke»-Comics ist neben Barrigue einer der Pfeiler von «Vigousse». Der Dritte im Bund ist Laurent Flutsch, regelmässiger Gast bei humoristischen Radiosendungen, von Beruf Archäologe und Museumsdirektor, der die verschiedenen Schichten der Aktualität ebenso gekonnt aufgräbt wie eine prähistorische Fundstelle. Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der gleich wie Barrigue eines Tages nicht mehr zum immer schneller wechselnden neuen Erscheinungsbild der Zeitung passte, sowie Monique Reboh, Produzentin von Unterhaltungssendungen bei Radio und Fernsehen, gehören ebenfalls zur Kernredaktion. Sie alle arbeiten teils haupt-, teils nebenamtlich bei «Vigousse»; mehr als eine Vollzeit- und einige Teilzeitstellen liegen zurzeit nicht drin.
Bei einem solch hochkarätigen Team ist klar, dass sich Chefredaktor Barrigue nicht als Chef aufspielen kann. Er versucht es auch gar nicht. Die Männerbande witzelt an der Redaktionssitzung wild drauflos, amüsiert beobachtet von Monique Reboh, die gelernt hat, ihre Jungs an der langen Leine zu lassen. Geschlotet wird, wie es zu alten Zeiten in allen Redaktionen üblich war, und auch eine Weinflasche kreist: Es ist 17 Uhr, ein langer Arbeitsabend bis 23 Uhr steht an, und der spritzige Weisse mundet selbst aus Plastikbechern, wenn er in dieser intellektuell knisternden Ambiance und mit dieser Mischung aus Humor und gegenseitiger Zuneigung serviert wird.

«Wir sind im Widerstand!»
Hat «Vigousse» eine redaktionelle Linie? «Kritisch, politisch immer inkorrekt, unbotmässig, selbstironisch», versucht Barrigue eine Definition. Links, das ist klar, bei «Vigousse» fürchtet man weder Gott noch Kaiser. Auch Parteien, die sich sowieso allesamt der Wirtschaftsmacht verkauft haben, liebt man nicht besonders: «Wir sind im Widerstand, unsere Zeitung ist ein Akt des Widerstands!», sagt Barrigue. Offensichtlich hat das Magazin damit ein Bedürfnis entdeckt, eine «Marktnische», wie man im PR-Jargon sagen würde. Andere Satiremagazine sind nach kurzer Zeit eingegangen, etwa die wunderschöne, aber viel zu intellektuelle Zeitschrift «Saturne» von Ariane Dayer. «Vigousse» hingegen spricht die Sprache des Volkes, deftig, saftig, hart, provokativ.
Das kann auch schon mal zu Reaktionen und Prozessdrohungen führen, doch «Vigousse» hat einen Anwalt, den umstrittenen Charles Poncet, der zurzeit Ghadhafi-Sohn Hannibal gegen die Schweiz vertritt. Politisch steht der nun alles andere als links, doch Provokateure, ob links, ob rechts, gesellen sich offensichtlich gern. «Poncet ist ein Freund», sagt Barrigue, damit ist das Thema für ihn erledigt.
Die Stunde der Wahrheit kommt für «Vigousse» Ende Jahr, wenn die Abonnemente erneuert werden müssen. «Vigousse» hofft auf eine Erneuerungsrate von 80 Prozent: «Lachen schafft Bindungen!», sagt Nordmann. Die Beziehung zwischen «Vigousse» und seinem Publikum sei nicht kommerziell, sondern emotional. Solche Bindungen aufzubauen sei nur möglich, «wenn wir die Leserinnen und Leser ernst nehmen und sie das auch spüren». Nordmann will wissen, wie es denn eigentlich dem «Nebelspalter», der ältesten humoristischen Zeitschrift der Welt, gehe, von dem man in der Westschweiz nur sein phänomenales Alter von 133 Jahren kennt: Humor und Satire sind leider fast unmöglich zu übersetzen.

Für «Vigousse» schreibt nicht jeder
Für KennerInnen der französischen Medienlandschaft ist klar: «Vigousse» situiert sich gekonnt zwischen der intellektuellen Satire des für seine Enthüllungen gefürchteten «Canard enchaîné» und dem volkstümlicheren, auch mal mit dem Zweihänder dreinhauenden «Charlie Hebdo». In der kleinen Westschweiz muss ein Satiremagazin beide Publika ansprechen – und vor allem muss es sich als Magazin für die ganze Westschweiz positionieren. Die Anforderung ist noch nicht ganz erfüllt, das Magazin hat MitarbeiterInnen in allen Kantonen ausser im Jura. Dort wird nach einem «Vigousse»-kompatiblen Korrespondenten gesucht. Denn für das Barrigue-Blatt schreibt nicht, wer will: Es gibt einen hauseigenen Stil, schräg, knirschend, und die MitarbeiterInnen müssen sich gefallen lassen, dass die Redaktion ihre Texte auch mal umschreibt. «Der Zustand der Welt ist so dramatisch, dass wir lieber darüber lachen, als vor Kummer zu sterben», sagt Barrigue zum Abschied. «Plutôt en rire que d’en mourir.» Das schenkt «Vigousse» seinem Publikum jede Woche: das Lachen als schöpferischen, befreienden Akt.


10. Mai 2010 von Nick Lüthi

«Wir sind dort, wo es brennt»


Programmkritik Telebärn: Was geschieht eigentlich mit den Gebührenmillionen?

Seit 1995 bestrahlt TeleBärn als zweitgrösstes Regionalfernsehen der Schweiz die Kantone Bern sowie Teile Freiburgs und Solothurns mit seinem Programm. Neben dem allabendlich in Eigenregie produzierten Nachrichten- und Sportbulletin sowie eigenen Talksendungen übernimmt der Sender zahlreiche Magazinformate von anderen Privaten. Ein Grossteil der Sendungen wird im Stundentakt wiederholt. Seit seiner Gründung hat TeleBärn noch kein Betriebsjahr mit schwarzen Zahlen abgeschlossen. Dennoch hat die sonst sehr kostenbewusste Espace Media (heute: Tamedia) den Sender am Leben erhalten. Nicht zuletzt wegen der Aussicht auf Millionen aus dem Gebührentopf, die TeleBärn inzwischen aufgrund des Gebührensplittings im geltenden Radio- und Fernsehgesetz ausgeschüttet erhält.

KLARTEXT kritisiert: Wo bleibt das Profil?

TeleBärn hat in den letzten 15 Jahren ein paar unvergessliche Sendeminuten in die Stuben gebracht. Leider liegen diese Glanzpunkte des bernischen Fernsehschaffens weit zurück in der Vergangenheit. Etwa die urkomische «Seva Game-Show», wo der spätere Swiss-Date-Moderator Joël Gilgen auf einer selbstgebastelten Spielwand auf Anweisung von zwei KandidatInnen ein Foto aufdeckte. Auch an Pornosternchen Laetitia erinnern wir uns gerne, wie sie ein Erotikmagazin moderierte, das nicht nur aus Werbetrailern für Rammelfilme bestand. TeleBärn hatte einmal Charakter, vielleicht nicht den besten, aber immerhin ein Profil mit Ecken und Kanten. Das sucht man heute vergeblich.
Immer stärker orientiert sich das Privatfernsehen an internationalen Standards – allerdings nur bei Studioästhetik und Layout-Elementen: glatte Oberfläche und Möchtegern-CNN. Was Machart und Themenwahl des Programms angeht, spielt das Berner Tamedia-TV ein paar Ligen tiefer: Verkehrsunfälle als Aufmacher, Jöö-Schnüfi-Meldungen in den Nachrichten, bei anderen Privatsendern eingekaufte Magazinformate; alles irgendwie beliebig und austauschbar. Einzig das Sportmagazin und die volkstümliche Sendung «Musigstubete» schaffen es, eine gewisse Unverwechselbarkeit und lokalkolorierte Kernigkeit ins Programm zu bringen.
Dass ein Regional-TV keine StarreporterInnen und Moderationskanonen auf die Lohnliste kriegt, sondern meist EinsteigerInnen, kann man ihm nicht vorwerfen. Doch auch bei den treuen Seelen, die seit Jahr und Tag vor der Kamera stehen, gewinnt man nicht eben den Eindruck, dass sie die Qualität des Programms signifikant zu heben vermögen. Apropos: Was bewirken eigentlich die 2,2 Millionen Franken an Gebührengeldern, die TeleBärn nun jährlich von Gesetzes wegen in die Qualität von Personal und Programm investieren muss?

Programmleiter Patrick Teuscher reagiert:

Die Live-«Wahlkiste» zu den Berner Regierungs- und Grossratswahlen von Ende März, mit ersten exklusiven Hochrechnungen schon um 14.00 Uhr, zeigt: TeleBärn liefert über Stunden ein Programm, das keine Sekunde an die Anfänge erinnert. Was am Wahltag hinter den Kulissen des Berner Rathauses läuft, spricht Bände: Das Schweizer Fernsehen will kurzfristig den von TeleBärn verpflichteten Politologen Adrian Vatter nachverpflichten. Es klappt nicht. Auch bei den Wahlinterviews steht SF hinten an. Das zeigt, wie sich TeleBärn in der Region aus dem Schatten des Schweizer Fernsehens löst. Dass Verkehrsunfälle bei TeleBärn ein Topthema sein können, hat damit zu tun, dass TeleBärn dort ist, wo es brennt. Und die Bilder dazu hat.
Die News haben an Qualität zugelegt. Sie sind kürzer, knackiger, schneller. Das neue TeleBärn-Info wird in Zukunft einen neuen Weg gehen: mehr Hintergrund, mehr Tiefgang, mehr Menschen.
Alles in Butter beim Regionalfernsehen? Mitnichten! Es ist ein offenes Geheimnis, dass Qualität kostet. Die Sendeminute darf – trotz Gebührengeldern – nur einen Bruchteil dessen kosten, was ein nationaler Sender ausgeben kann, wenn er seine Moderatorinnen nach Mumbai auf Reportage schickt. Aus Kostengründen fristet die zweite halbe Stunde bei TeleBärn noch ein stiefmütterliches Dasein. Die heutige Lösung funktioniert so: Jeder Regionalsender produziert ein Magazin, das auch für einen anderen interessant ist. So lassen sich Programme austauschen. Es ist ein Spagat zwischen «Wie lokal darf die Sendung sein?» und «Wie national muss sie sein?».
Dank den Gebührengeldern – daran darf man TeleBärn in Zukunft messen – geniessen die Videojournalisten eine bessere Ausbildung, sie recherchieren besser, produzieren besser, realisieren bessere Beiträge: Das Programm wird insgesamt besser. Zurück zu den Wurzeln ist keine Option. Mit dem verstärkten Bedürfnis nach Lokalberichterstattung wird das Profil von TeleBärn in Zukunft geschärft.

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