26. April 2010 von Nick Lüthi

Wie schlecht ist DRS 1?

Radiodirektor Rechsteiner: «Es sind schwerwiegende Vorwürfe»; Bild: SR DRS

Radiodirektor Iso Rechsteiner sieht sich von einer amtlich verordneten Programm-Analyse zu Unrecht kritisiert. Radio DRS, Medienwissenschaft und Bakom müssen sich für zukünftige Untersuchungen noch finden.

Die Aufregung hat sich in der Zwischenzeit etwas gelegt. Aber Radiodirektor Iso Rechsteiner spricht weiterhin von einem «Imageschaden», den die wissenschaftliche Analyse des Programms von DRS 1 angerichtet habe. Rechsteiner sieht das Programm zu Unrecht kritisiert: «Es sind schwerwiegende Vorwürfe, und die können wir so nicht auf uns sitzen lassen.» Der Radiodirektor stösst sich vor allem am Vorgehen der ForscherInnen, so zum Beispiel an ihrer Definition von Information: «Die verschiedensten Sorten von Wortbeiträgen erfasst die Studie in einer einzigen Kategorie.» Nun lasse sich aber eine Moderationsstrecke im Nachmittagsprogramm schlecht mit einem Nachrichtenbeitrag im «Echo der Zeit» vergleichen. In solchen methodischen Mängeln vermutet Rechsteiner den Grund, weshalb die Kritik am Programm von DRS 1 so hart ausgefallen ist.
Und in der Tat: Wer die Ergebnisse der Programm-Analyse liest, ohne sich im Detail mit der Forschungsanlage vertraut gemacht zu haben, gewinnt den Eindruck, hier werde schweres Geschütz aufgefahren. Der Sender betreibe «schwerwiegende Informationsunterlassung», indem häufig die Quellen der Nachrichten verschwiegen würden. Bei der Berichterstattung über Politik verlasse sich DRS 1 «in eklatanter Weise auf gouvernementale Informationsquellen», und schliesslich lasse die Ausgewogenheit zu wünschen übrig, da «in den meisten Fällen» nur eine Perspektive oder Meinung gezeigt werde. Vorwürfe, die man weder in den betroffenen Redaktionen noch an der Radiospitze auf sich sitzen lassen will.

Der Quellenstreit
«Man stelle sich vor, wie umständlich ein Nachrichtenbulletin klingen würde, wenn jedes Mal die Quelle genannt würde», gibt ein Radioredaktor zu bedenken. Anders als in der Zeitung, wo sich das Agenturkürzel elegant ans Textende setzen lasse, gebe es diese Möglichkeit beim Radio nicht. Wertvolle Sekunden würden draufgehen, wenn jedes Mal floskelhaft erwähnt werden müsste: «Wie Agence France Presse und die Deutsche Presseagentur übereinstimmend berichten, …». Das sieht auch Iso Rechsteiner so. Er geht zudem von einem mündigen Publikum aus, das selbst mitdenkt: «Während der Parlamentssession brauchen wir wahrlich nicht bei jedem Bericht aus dem Bundeshaus darauf hinzuweisen, woher dieser nun stammt.»
Praktisch und pragmatisch betrachtet, mag der langjährige Journalist und heutige Radiodirektor zwar recht haben. Geht es aber nach den Regeln der Kunst und den Maximen der Berufsethik, dann ist der Fall klar: Eine Quelle gehört in jedem Fall genannt. Das sieht auch der Medienwissenschaftler René Grossenbacher so, der im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) das Radioprogramm analysiert hat und an dessen Befunden man sich nun bei DRS reibt. «Wenn es diese Norm gibt, dann sollte man sich auch daran halten», findet Grossenbacher.
Für unberechtigt halten die Radioleute auch die Kritik am fehlenden Einbezug eines zweiten Blickwinkels. Diese Diagnose sei nur deshalb zustande gekommen, weil auch Wortbeiträge wie etwa die Anmoderation eines Musikstücks von der Studie miterfasst worden seien. «Es ist doch ziemlich praxisfern, an die Moderationsbeiträge dieselben Massstäbe anzulegen wie an eine Nachrichtensendung», findet ein Radioredaktor.

Methoden waren bekannt
Beim Bakom, das die wissenschaftliche Untersuchung der Radioprogramme in Auftrag gegeben hat, zeigt man sich einigermassen erstaunt ob dieser Kritik an den Forschungsmethoden. «Der SRG war genau bekannt, wie die Studien zustanden kommen, und sie konnte sich im Vorfeld auch dazu äussern», sagt Jost Aregger, Forschungsverantwortlicher im Bakom. Da aber keinerlei methodische Einwände gemacht worden seien, mute es nun etwas seltsam an, solche Kritik zu vernehmen. Offenbar gibt es Abstimmungsprobleme bei der SRG. Rechsteiner sagt denn auch, dass er die Thematik möglicherweise unterschätzt habe und den Informationsfluss in Zukunft verbessern wolle.
Bei aller Irritation ist man sich doch allenthalben einig, dass es im Kern um die Verbesserung der Programmqualität gehen sollte und wissenschaftliche Analysen dafür grundsätzlich als geeignetes und sinnvolles Instrument taugen. Auch Radiodirektor Rechsteiner pflichtet dem bei und will nun auch nicht weiter an den Methoden herummäkeln. Im Gegenteil: «Es gibt durchaus Punkte, bei denen wir nicht zuletzt aufgrund der Ergebnisse der Programm­-Analyse handeln wollen.» Etwa bei der Migrationsthematik. Da zeige die Studie zu Recht auf, dass Radio DRS zu wenig mache. Bei der Berichterstattung aus den lateinischen Landesteilen, die in der Untersuchung auch bemängelt wurde, hat Radio DRS bereits gehandelt und entsprechende Sendungen geschaffen. «Wenn es Mängel gibt», so Rechsteiner, «dann wäre ich der Letzte, der sagt, dass man die nicht beheben soll.»
Dass es zu Friktionen und Missverständnissen gekommen ist, überrascht eigentlich nicht. Denn diese Form der Programmbegleitforschung ist neu und kam erst mit dem revidierten Radio- und Fernsehgesetz in die Gänge. Profitieren sollte am Ende das Publikum, indem es für seine Gebührengelder ein hochstehendes Programm geboten erhält. Von allen Seiten wird denn auch eine grosse Offenheit signalisiert, was die künftige Zusammenarbeit angeht. Radiodirektor Rechsteiner sieht auf keiner Seite bösen Willen: «Aber wir müssen uns noch finden.»

Näher am Programm forschen
Finden müssen sich die Vertreter von Radio DRS, Bakom und Forschung auch in Sachen Forschungsmethoden, wie die Verstimmungen nach der Publikation der Programm-Analyse gezeigt haben. Das Radio würde es bei zukünftigen Untersuchungen lieber sehen, wenn entlang ihrer Programmstruktur geforscht wird, um so auch Aussagen über die Leistung einzelner Sendungen zu ermöglichen. Beim Bakom, das die Forschung in Auftrag gibt, versteht man zwar dieses Bedürfnis, aber es gehe bei der Radio-Analyse um eine Aussensicht, die sich eben nur bedingt mit der Binnenoptik des Radios überschneide, gibt Bakom-Forschungschef Jost Aregger zu bedenken. Um genau solche Fragen geht es nun bei Gesprächen zwischen Bakom und Radiodirektion.
Ein Ziel hat die Veröffentlichung der Studienergebnisse bereits erreicht: Über die Programmqualität von Radio DRS wird öffentlich diskutiert. Von einem «Imageschaden», wie ihn Radiodirektor Rechsteiner vermutet, kann indessen nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Wer sich der Kritik stellt, dem gebührt – gerade im ansonsten kritik­resistenten Medienbetrieb – zuerst einmal Respekt.

18. Februar 2010 von Nick Lüthi

Kollektiv investigativ

Die Deutschschweiz sei Brachland für investigativen Journalismus, finden Dominique Strebel («Beobachter»), Martin Stoll («SonntagsZeitung») und Monica Fahmy («Blick»). Sie wollen bessere Bedingungen für tiefschürfende Recherchen schaffen.

Erst dank kollektiver Anstrengung liess sich die Geschichte fertig erzählen: Jahrelang hatten JournalistInnen auf Granit gebissen, bis sich eines Tages Redaktoren von «Wochenzeitung» und mehreren Tageszeitungen nach einer Versammlung der JournalistInnengewerkschaft SJU an einen Tisch setzten und gemeinsam einen Plan ausheckten, ja ein regelrechtes Drehbuch für die Recherche schrieben: Wer fragt wann wen? Wie lässt sich verhindern, dass sich X mit Y abspricht? Wann konfrontieren wir die Hauptakteure mit den Ergebnissen? Die WOZ gab den Startschuss, die anderen Zeitungen zogen nach. Die generalstabsmässig geplante und auch so durchgeführte Operation führte zum Ziel, der Parteispendenskandal des Kantons Bern kam ans Licht, die Justiz übernahm und verurteilte einen involvierten Regierungsrat zu einer bedingten Gefängnisstrafe. Das war 1986.
Solche Glanzleistungen kollektiver Recherchearbeit über Redaktionsgrenzen hinweg gab es seither nur noch selten, erst recht nicht zu Themen von internationalem Interesse. «Mir fehlen die richtig grossen Scoops», meint Dominique Strebel. Was hierzulande nach Enthüllung aussehe, sei meistens eine «gesteckte Geschichte». «Beobachter»-Redaktor Strebel ist überzeugt, dass es in der Schweiz noch einige dunkle Winkel auszuleuchten gäbe: «Die Gleichung ‹kleines Land – kleine Skandale› geht nur bedingt auf.» Gerade der Banken- und Finanzplatz sowie internationale Organisationen und Sportverbände böten reichlich Potenzial für Enthüllungen.
Die Einschätzung teilt er mit Kollege Martin Stoll von der «SonntagsZeitung». Doch die beiden gefallen sich nicht im üblichen Lamento, im Stil von: Früher war alles besser und der Beruf geht sowieso vor die Hunde. Die beiden Journalisten schlagen vor, das vorhandene Recherche-Know-how in der Deutschschweiz zu bündeln und zielgerichteter einzusetzen. Vorbilder gibt es einige. Die Mutter aller Standesorganisationen von Hardcore-RechercheurInnen ist die im Nachgang zu den Watergate-Enthüllungen von Woodward und Bernstein gegründete IRE (Investigative Reporters and Editors) in den USA. Auch das Netzwerk Recherche in Deutschland entwickelte sich seit seiner Gründung vor neun Jahren zur ersten Anlaufstelle für die Hartnäckigsten der Branche. Ganz so hoch zielen Stoll und Strebel nicht. «Wir stehen ganz am Anfang», ist den beiden bewusst. Doch bei Null beginnen müssen sie trotzdem nicht.

«Kein Idealistenklub»

Mit Swissinvestigation.net gibt es in der Westschweiz bereits eine Plattform für investigativ arbeitende JournalistInnen. Heute haben sich dort schon mehr als fünfzig Berufsleute in das öffentliche Verzeichnis eingetragen und so einen ersten Schritt zur Vernetzung getan. Im Rahmen der Global Investigative Journalism Conference von Ende April in Genf planen Strebel und Stoll zusammen mit der «Blick»-Journalistin Monica Fahmy nun, eine Deutschschweizer Sektion von Swissinvestigation.net zu gründen. «Es wird sicher kein Idealistenklub werden», gibt sich Dominique Strebel pragmatisch. «Wer bei uns mitmacht, erwartet einen konkreten Nutzen.» Zum Beispiel in Form von bereitgestellten Standardformularen und Musterbriefen, etwa für die Einsicht in amtliche Dokumente gemäss Öffentlichkeitsgesetz. Im Zentrum steht aber eine Vernetzung, die über die informellen Kontakte hinausgeht, wie sie JournalistInnen seit je untereinander pflegen, und die hilft, einander in heiklen und aufwendigen Recherchesituationen den Rücken zu stärken. Schliesslich soll es künftig wieder vermehrt möglich sein, redaktionsübergreifend dickere Bretter zu bohren, als dies die Arbeitsbedingungen im real existierende Journalismus normalerweise zulassen.
Dass die drei ReporterInnen ausgerechnet im Rahmen des Genfer Branchentreffens den Organisationsversuch anpacken, dafür gibt es gute Gründe. Vom Besuch früherer Konferenzen weiss Martin Stoll, wie beflügelnd ein solches Zusammentreffen mit Gleichgesinnten wirken kann: «Du kommst da raus mit Elan und weisst, weshalb du Journalist bist, wenn du siehst, dass andere gleich ticken.»

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