15. Februar 2009 von Klartext

Filetstücke im Newsnetz

bbü./ Freitag, 23. Januar: Beim Schmökern auf tagesanzeiger.ch/Newsnetz stösst man auf ein spannendes Interview mit dem israelischen Historiker Benny Morris. Samstag, 24. Januar: Grosses Staunen; das Morris-Interview ist die Titelgeschichte des gedruckten „Magazins“. Ist das nun online first à la Tamedia? Wie kommt das „Magazin“-Interview ins Newsnetz?

Auf jenen Webseitenverbund von „Tages-Anzeiger“, „Berner“ und „Basler Zeitung“ mit einem Hang zum Boulevard, wo die Texte manchmal so schnell geschrieben werden, dass etwa aus einer „Kinderkrippe“, in der Kinder getötet wurden, eine „Kindergrippe“ wird – und keiner merkts.
Was da los war, fragte KLARTEXT den „Magazin“-Chefredaktor Finn Canonica und erfuhr, dass solche Überraschungen auch künftig möglich sind: „Es gibt eine ganz neue Regelung: Das Newsnetz kann am Freitag die Kolumne von Michèle Roten und einen weiteren Text von uns übernehmen“, so Canonica. Für zwei weitere „Magazin“-Texte könne das Newsnetz einen Link auf die „Magazin“-Webseite setzen. „Wir leisten mit unseren guten Texten gerne journalistische Entwicklungshilfe beim Aufbau einer starken Tamedia-Online-Plattform“, sagt Canonica. „Aber ob wir das längerfristig tun sollen, müssen wir uns überlegen.“
Ebenfalls überlegen will er sich, ob die bisherige Online-first-Strategie des „Magazins“ so weitergeführt werden soll. Denn schon am Freitag werden alle Texte auf die „Magazin“-Webseite gestellt. Canonica: „Ich bin nicht mehr so überzeugt davon: Sollen wir wirklich alles gratis zur Verfügung stellen oder sollten wir nicht einige Filetstücke davon ausnehmen und nur unseren Leserinnen und Lesern, die ja dafür bezahlen, zur Verfügung stellen?“

Seltsame Synergien
hb./ Trotz Sparplan und Entlassungen hat die Philippe Hersant gehörende Société Neuchâteloise de Presse offenbar genügend Geld, um auf Einkaufstour zu gehen: Im Januar erwarb sie den Neuenburger Gratisanzeiger „Courrier Neuchâtelois“, der in einer Auflage von 90’000 Exemplaren im Kanton verteilt wird. Bereits von Hersant kontrolliert wird der Gratisanzeiger „Arc Hebdo“. Beide zusammen bringen es auf eine Auflage von 130’000 Exemplaren.
Doch weniger der Erwerb des Gratisanzeigers gibt zu reden als die Tatsache, dass der „Courrier Neuchâtelois“ dem Chefredaktor der Hersant-Tageszeitungen „L’Express“ und „L’Impartial“, Nicolas Willemin, unterstellt wird. In einer internen Mitteilung ist die Rede davon, „Verbindungen“ zwischen dem Gratisblatt und den Bezahlzeitungen herzustellen. Heisst das nun, dass im Hersant-Imperium die Grenzen zwischen abonnierten Zeitungen und Gratisanzeiger aufgehoben werden?
Chefredaktor Willemin beruhigt: „Es handelt sich um zwei verschiedene Produkte.“ Der „Courrier Neuchâtelois“, weniger urban und stärker mikrolokal ausgerichtet, sei eine Ergänzung zu den Tageszeitungen. Es könnte allerdings vorkommen, „dass die beiden Tageszeitungen eine Zusammenfassung der Infos aus dem Gratisanzeiger machen oder aber Themen übernehmen und mit weiteren Recherchen anreichern“. Willemin schliesst nicht aus, dass ein Netz von freien LokalkorrespondentInnen aufgebaut werde, das sowohl für den Gratisanzeiger wie auch für die Tageszeitungen nützlich sei.

15. Februar 2009 von Nick Lüthi

Journalismus im 29. Jahrhundert

PessimistInnen, die sich auch gerne als RealistInnen ausgeben, wollen bekanntlich wissen, dass die Lebensjahre der gedruckten Zeitung gezählt seien. Im April 2040 sei es soweit. Dann werde die allerletzte Zeitung erscheinen. Als Kronzeuge für diese gewagte Prognose muss Philip Meyer herhalten. Der Professor für Journalismus nannte diese Jahreszahl einmal, nachdem er aktuelle Trends hochgerechnet hatte.

Seither geistert sie als Chiffre für den allgemeinen Niedergang des Printjournalismus durch die Fachwelt. Nun können wir aber an dieser Stelle Entwarnung geben. Es dauert noch ein paar hundert Jahre länger. Davon zumindest ging der französische Schriftsteller und Science-Fiction-Autor Jules Verne aus, als er die Kurzgeschichte „Ein Tag aus dem Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahr 2889“ schrieb. Erst um 2689 sollte der telefonische Journalismus die gedruckte Zeitung ablösen: „Jeden Morgen wird der Earth Herald gesprochen, statt gedruckt.“
In einem Punkt sollte sich Vernes Vision eines „telefonischen Journalismus“ bereits heute bewahrheiten. „Journalismus als Dialog“, als Gespräch mit dem Publikum, taucht in der aktuellen Debatte über das veränderte Rollenverständnis von Medienschaffenden immer wieder auf. In Vernes Zukunftsvision ist das eine Selbstverständlichkeit: „In kurzen Gesprächen mit Reportern, Politikern und Wissenschaftlern erfährt der Abonnent, was er wissen will.“ Der Journalist, den wir einen Tag lang begleiten dürfen, ist nicht irgendwer, sondern Francis Benett, der Direktor des „Earth Herald“. „Zuerst geht er in die Feuilleton-Redaktion, wie man das in der Steinzeit noch nannte.“ Dort lesen die 100 Literaten der Zeitung 100 Zuhörern 100 Kapitel aus 100 Romanen vor. Finanziert wird die personalintensive Eins-zu-eins-Betreuung der AbonnentInnen massgeblich mit Werbung. Da die Zeitung nicht mehr auf Papier erscheint und Verne nicht auf die Idee kam, die Telefondurchsagen durch kommerzielle Audiospots zu unterbrechen, fantasierte er eine neue Werbeform herbei: „Es handelt sich um gigantische Plakate, die gegen den Himmel projiziert werden und von der Bevölkerung eines Landes sehr genau und ohne Anstrengung gelesen werden können.“ Der Grundsatz „alles grösser“ gilt auch für die Finanzen. Der „Earth Herald“ schwimmt selbstverständlich im Geld, seine Tageseinnahmen zählen eine Viertelmillion Dollar. Rosige Aussichten, findet deshalb Verne zum Schluss seiner Kurzgeschichte: „Ist der Job eines Journalisten im 29. Jahrhundert etwa kein einträglicher Beruf?\”

Jules Verne: „Ein Tag aus dem Leben eines amerikanischen Journalisten im Jahr 2889“, Bärmeier & Nikel, 1968 (vereinzelte Exemplare antiquarisch erhältlich im Internet bei zvab.com oder amazon.de).

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