9. Juli 2007 von Klartext

Hanebüchen, unappetitlich

In den Redaktionsstuben europäischer und US-amerikanischer Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen sitzen finstere Verschwörer, die auf dem linken Auge total-blind sind, mit dem rechten aber sperberscharf allerorten Sumpfblüten eines neuen Rechtsradikalismus wachsen sehen. Dabei weiss man doch: Mit dem Zusammenbruch von Hitler-Deutschland 1945 verschwand der Faschismus ein für allemal, seither ist es einzig der Kommunismus, der in barbarischer Absicht an allen Ecken und Enden der Welt seine Tentakeln auslegt. Leider darf davon niemand erfahren, weil eben … siehe oben.
Zu solch hanebüchenem Fazit kommt Jean-François Revel, 66, in seinem Buch “Die Herrschaft der Lüge. Wie Medien und Politiker die Öffentlichkeit manipulieren”. Revel ist nicht irgend jemand. Lange Jahre war er Direktor des französischen Wochenmagazins “L’Express”, daneben lehrt und lehrte er an den Universitäten von Mexiko-Stadt, Paris und Florenz.
Dass der über 400 Seiten schwere Wälzer in französischer Sprache schon 1988 erschienen ist, kann nicht als Entschuldigung gelten. Die deutsche Übersetzung von 1990 ist vom Autor autorisiert worden. Und noch immer behauptet der Sympathisant der “Neuen Rechten”, der kommunistische Bär überwintere nur, von den Medien werde er in Bälde wieder geweckt.
Wer ist dabei, wenn es darum geht, dem Kommunismus den roten Teppich auszurollen? Der brave Londoner “Observer” und der deutsche “Spiegel” gehören nach Revelscher Lesart ebenso zu den Teppichlegern wie die “Neue Zürcher Zeitung” (NZZ). Die Alte Tante von der Falkenstrasse muss als Beispiel herhalten, wie kommunistische Infiltration auch über scheinbar unverdächtige bürgerliche Blätter stattfindet. Vorwurf an die NZZ: Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff habe die Zeitung als Plattform für seine These (“Der Sozialismus garantiert für eine wahrhaft christliche Existenz bessere Bedingungen als die Sozialordnung des Westens.”) missbrauchen dürfen.
Vollends unappetitlich wird Revel, wenn er Ereignisse für eigene Thesen zurechtbiegt: In der deutschen Wochenzeitung “Die Zeit” hat Fritz J. Raddatz nachgewiesen, dass Revel die Berichterstattung über den “P.E.N.”-Kongress von 1986 in New York so mit Unwahrheiten garniert hat, dass sie schliesslich in seine rechte Weltsicht passte.
Das Buch strotzt von pauschalen Anschuldigungen (“Wenn man eine Persönlichkeit aus dem linken Spektrum kritisiert, sei es auch zu einem Punkt, der nichts mit Politik zu tun hat, so bedeutet das manch-mal, dass man in den Faschismus zurückfällt.”) und Allgemeinplätzen (“Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse steht nicht nur den Parteibuchinhabern der Linksparteien zu.”).
“Das ist ein ärgerliches Buch”, bilanzierte Fritz J. Raddatz nach der Lektüre. Dem ist nichts beizufügen.

Jean-François Revel: “Die Herrschaft der Lüge. Wie Medien und Politiker die Öffentlichkeit manipulieren”, Verlag Paul Zsolnay, Wien 1990, 416 Seiten, Fr. 46.10.

2. Juli 2007 von Klartext

Die Jugendgewalt, schon wieder

bbü./ Herrje, die Jugendgewalt! Umzingelt uns, bedroht uns, springt uns täglich aus Zeitungen, TVs und Radios an, bis wir uns zitternd unter der Decke verkriechen. So zum Beispiel nach dem Lesen des „Tages-Anzeigers“ vom 19. Februar: Auf der Frontseite des Regionalteils eine ganzseitige Geschichte mit Zitaten von Jugendlichen, die Gewalt ausüben oder erleben, unter dem Titel „Und dann gibt’s eine Schlägerei“ ein Bild von zwei kapuzentragenden Jungs in Anmach-Pose. Und, als sei das nicht genug, einige Seiten weiter hinten, bei den Kurzmeldungen, die Überschrift „Jugendliche mit Waffen“. Die Leserin erschauert, murmelt: „Schon wieder“ – und erfährt dann in dem Sechszeiler, die Polizei habe im Bezirk Affoltern die „Jugendszene“ kontrolliert und von den 137 Überprüften hätten zwei „Waffen“ auf sich getragen. ZWEI von 137, wahrlich, wir haben Grund, uns vor allen Jugendlichen zu fürchten. Und vor titelsetzenden JournalistInnen.

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