15. April 2009 von Helen Brügger

Wenn Medien trennen

Die Sprachregionen der Schweiz driften auseinander und die Medien spielen dabei eine bedeutende Rolle, besagt eine aktuelle Studie.

Herbst 2004, vor der Abstimmung über die erleichterte Einbürgerung: Das Schweizer Fernsehen SF präsentiert das Abstimmungsthema mit dem Bild eines Schweizer Passes in der Hand des Moderators und der Aussage, wonach bei positivem Abstimmungsausgang mit einer Zunahme der Einbürgerungen zu rechnen sei. Das Westschweizer und das Tessiner Fernsehen hingegen thematisieren die Folgen der erleichterten Einbürgerungen für ausländische BewohnerInnen der Schweiz. Dies ist ein Beispiel von vielen, das die Soziologin Ruth Hungerbühler untersucht hat.
Die an der Universität von Lugano forschende Wissenschaftlerin hat jüngst eine Studie abgeschlossen, die die zunehmenden Unterschiede zwischen den politischen Identitäten in den Landesteilen untersucht. Ihr Fazit: „Die Sprachregionen driften auseinander und die Medien spielen dabei eine Rolle.“ Untersucht hat sie die Berichterstattung über Einbürgerung und Mutterschaftsversicherung in den letzten 25 Jahren in je einer Forums- und einer Boulevardzeitung aus den drei Landesteilen: „Tages-Anzeiger“ und „Blick“, „24 Heures“ und „Matin“, „Corriere del Ticino“ und „La Regione“. Das überraschende Resultat: Es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen Zeitungen aus der gleichen Sprachregion, als es sie zwischen den Zeitungen gleicher Gattung über die Sprachgrenze hinweg gibt.
So wurden beispielsweise Ängste und Argumente, die bestimmte Eigenschaften der AusländerInnen ins Zentrum rückten, in „Blick“ und „Tages-Anzeiger“ drei- bis viermal häufiger thematisiert als in den Zeitungen der andern Landesteile. „Den grössten Unterschied verursacht das Reden über alles, was an Ausländern als anders oder fremd angesehen wird, sowie über Befürchtungen und Ängste, die sich an eine Gleichberechtigung der Ausländer knüpfen“, stellt die Studie fest.
Verstärkt wird dieses Auseinanderdriften durch die Tendenz zum Boulevard, dem auch die Qualitätszeitungen nicht widerstehen konnten – und sie geht historisch gesehen einher mit dem Aufstieg der rechtspopulistischen Bewegung der SVP. „Medien und Rechtspopulismus sind in dieser Zeit eine Symbiose eingegangen“, sagt Hungerbühler gegenüber Klartext. „Für die Medien sind rechtspopulistische Argumente schon deshalb tendenziell interessant, weil sie polarisieren und damit eine Konfliktstruktur schaffen, was im Kampf um Aufmerksamkeit in der zugespitzten Konkurrenzsituation eine günstige Voraussetzung für Beachtung schafft.“
Die Soziologin sieht trotz des „ziemlich fortgeschrittenen Auseinanderdriftens“ keine Gefahr für den Zusammenhalt der Landesteile. Hingegen führe es zu einer kulturellen Verarmung, „weil man sich die Chancen für einen Austausch verbaut“. Hungerbühlers Studie diente deshalb als wissenschaftlicher Beleg für die Notwendigkeit eines gemeinsamen Kulturkanals der vier sprachregionalen Fernsehprogramme der SRG, wie ihn der scheidende Direktor des Rätoromanischen Fernsehens angedacht hatte. Die SRG-Spitze hat der Idee inzwischen eine klare Absage erteilt.
Und was hält Hungerbühler – mit Blick auf die auseinanderstrebenden sprachregionalen Identitäten – vom Kauf von Edipresse durch die Zürcher Tamedia? Die Soziologin macht sich keine Sorgen: „Der sprachregionale Bezug geht kaum verloren, weil er ein Verkaufsargument ist.“ ≠

Studie zum Herunterladen unter: http://liip.to/studie

15. Februar 2009 von Roger Blum

Bedenklicher Befund

Das Unbehagen ist diffus, die Urteile oft pauschal: Irgendetwas stimmt nicht mit unseren Medien. Roger Blum, Professor für Medienwissenschaft und UBI-Präsident, nennt sie beim Namen, die sieben Defizite, an denen das schweizerische Mediensystem krankt.

Keine Frage: Die Schweiz ist gut mit Medien versorgt. Die Qualität des Journalismus ist in diesem Land im Grossen und Ganzen gut. Es gibt zwar Rudeljournalismus und eine gewisse Uniformität der Meinungen, aber immerhin stets alternative Stimmen. Es gibt rot-grün regierte Städte, in denen nach links tendierende Medien den Regierenden dienen, statt sie zu kontrollieren, aber der harte Medienwettbewerb gibt Gegenpositionen stets eine Chance. Die Themen der Zeit werden gespiegelt. Und dennoch weist das schweizerische Mediensystem Defizite auf – sieben an der Zahl:

1. Akteure verhalten sich „schizophren“
Im schweizerischen Mediensystem machen die gleichen Akteure mit dem einen Arm die geballte Faust und mit dem andern die hohle Hand. Die schweizerischen Medienunternehmer verbitten sich im Bereich der Presse, jedenfalls mehrheitlich, jegliche staatliche Finanzspritze (von der Posttaxenverbilligung einmal abgesehen), lassen sich aber im Bereich von Radio und Fernsehen grosszügig via Staat von den Steuerzahlenden durch Gebührengelder subventionieren. Während sie im Printbereich auf den freien Markt und Wettbewerb schwören, akzeptieren sie im Radio- und Fernsehbereich, dass Bundesrat Moritz Leuenberger die Verbreitungsgebiete definiert und dass der Staat ihnen Auflagen macht. Das ist inkonsequent und opportunistisch. Wären sie konsequent, hätten sie den von Nationalrat Andreas Gross angestossenen und von der einen Parlamentskammer zunächst gutgeheissenen, aber schliesslich gescheiterten Verfassungsartikel „Medien und Demokratie“ nicht bekämpfen dürfen.

2. Der publizistische Wettbewerb stirbt
In der Mehrheit der Kantone erscheint sprachregional nur noch eine Tageszeitung mit ausgebautem Regionalteil und eigenständigem überregionalem Teil. Zwar gibt es überall Alternativen und Ergänzungen durch Lokalblätter, durch das Radio, durch das Internet. Aber die politische Analyse und der politische Kommentar sind ein Privileg der abonnierten Tageszeitung geblieben, und wenn es von ihr jeweils nur eine gibt, fehlt die zweite, die andere Stimme. Einen lebhaften publizistischen Wettbewerb kennen wir eigentlich nur noch in den acht Kantonen Zürich, Bern, Schwyz, Solothurn, Baselland, Graubünden, Tessin und Genf, einen beschränkten in den vier Kantonen Basel-Stadt, Appenzell Innerrhoden, Thurgau und Waadt. Dabei leidet vor allem die Berichterstattung über die kantonale Politik. Denn nationale und internationale Themen werden auch von Sonntagszeitungen, vom Fernsehen der SRG und von Gratiszeitungen aufgegriffen, kantonale hingegen erst, wenn sie landesweites Aufsehen erregen und skandalisiert werden können. Dies bedeutet, dass die jeweiligen Monopolzeitungen darüber entscheiden, ob und wie über kantonale Politik, über kantonale Kultur, über gesellschaftliche und ökonomische Vorgänge im Kanton berichtet wird. Die betroffenen Kantone drohen zu medialen Wüsten zu werden.

3. Medien verleugnen das „Andere“
Die einzelnen Sprachregionen der Schweiz sind zwar gut mit Medien versorgt, aber die Sprachräume leben medial Rücken an Rücken. In der Deutschschweiz nimmt man von der Kultur der Suisse romande oder der Svizzera italiana, von ihren gesellschaftlichen Problemen, von ihrem Alltagsleben zu wenig Notiz, und umgekehrt ist es ebenso. Die Medien spiegeln die je andere Kultur nicht resolut. Zwar gibt es KorrespondentInnen für die anderen Sprachregionen, die eine wichtige Brückenbauer-Funktion erfüllen, aber nur wenige Deutschschweizer Medien verfügen über eine Aussenstelle in Lausanne, Genf oder Lugano, die wenigsten Westschweizer Medien haben jemanden in Zürich sitzen, und wenn, dann erhalten diese KorrespondentInnen nicht täglich Raum, um den anderen Landesteil hinreichend darzustellen und zu erklären. Es fehlt eine Zeitung, die konsequent Texte aus dem anderen Landesteil übersetzt, es fehlt ein TV-Kanal, der über die Sprachgrenzen hinweg sendet im Stil eines Arte. Das gleiche Problem stellt sich gegenüber den ImmigrantInnen: Die Medien nehmen sie in ihren guten und schlechten Seiten zu wenig wahr, spiegeln sie zu wenig als Teil eines multikulturellen Landes und leisten sich teilweise sogar noch die Dreistigkeit, selbst Nachrichten an Radio und Fernsehen in Dialekt zu vermitteln.

4. Systematische Medienkritik fehlt
Neben den Banken, der Exportwirtschaft, dem Staat samt Polizei, der Armee und den Gerichten gehören die Medien zu den Institutionen mit der meisten Macht. Es ist daher unverständlich, dass die Medien sich selber so wenig problematisieren. In den Redaktionen wird oft argumentiert, man überschätze sich selbst, wenn man glaube, die Medien interessierten das Volk. Diese Schlussfolgerung ist falsch: Das Volk interessiert sich sehr wohl für Institutionen, die die Macht haben, Themen zu setzen, Ängste zu schüren, Angeschuldigte fertigzumachen, PolitikerInnen in Zugzwang zu bringen. Das Volk will durchaus mehr wissen über die Mechanismen der Nachrichtenselektion, des Rudeljournalismus und der Medienwirkung. Darüber erfährt man aber in Schweizer Medien wenig. Das Schweizer Fernsehen hatte früher einen „Medien-Club“. Es gibt ihn nicht mehr. Zeitungen wie der „Tages-Anzeiger“, der „Bund“, „Le Temps“, die „Neue Luzerner Zeitung“ oder das „St. Galler Tagblatt“ haben ihre festen Medienseiten abgeschafft. Die aktuellen Medien, die sich noch dem Medienjournalismus widmen, darunter die NZZ, die „Mittelland Zeitung“ oder das Radio der italienischen Schweiz, sind nur zum Teil kritisch. Gäbe es keine Medienmagazine wie „Klartext“ oder die nun mit Impressum zusammenspannende ehemalige SSM-„Gazette“, aber auch medienkritische Weblogs wie medienspiegel.ch, man müsste von einer grossen Einöde sprechen. Einen wirklich kritischen Ansatz verfolgt Kurt W. Zimmermann in der „Weltwoche“, der in der Regel sehr gut dokumentiert ist. Er schloss aber zu sehr von sich auf andere, als er die fast 12’000 Artikel, die in einem Jahr über das Schweizer Fernsehen erschienen (darunter viele nette Sende-Vorschauen), zum Beweis nahm, es gebe genügend Medienkritik. Wenn die Medien sich nicht gegenseitig beobachten und kritisch beschreiben, dann erfüllen sie ihre gesellschaftlichen Funktionen nicht.

5. Die Medien vertuschen das Eigene
Die Hauptaufgabe der Medien ist es, zu publizieren, nicht zu verschweigen. Die Medien stellen Öffentlichkeit her. Sie haben wenig Mühe, vertrauliche Dokumente zu publizieren, aus nicht-öffentlichen Sitzungen zu berichten oder Vorfälle aus dem Privatbereich Prominenter an die Öffentlichkeit zu zerren. Bei all dem ist die Hemmschwelle gering, selbst wenn Anwälte mit Prozessen drohen. Die Medien sind aber seltsam intransparent, wenn es um die eigenen Angelegenheiten geht. Sie machen zum Beispiel Redaktionsdiskussionen über heikle Themen nicht öffentlich. Sie erläutern nicht, warum die Redaktion in einem schwierigen Fall nicht weiter recherchiert oder eben trotzdem. Sie entschuldigen sich nicht öffentlich, wenn sie jemanden zu Unrecht skandalisiert haben. Die „New York Times“ machte es vor: Als sie gewahr wurde, dass ihre Unterstützung des Irak-Krieges falsch war und dass sie sich gegenüber der Administration von George W. Bush allzu unkritisch verhalten hatte, entschuldigte sie sich auf einer ganzen Zeitungsseite. Auch die Selbstverständlichkeiten sind zu wenig publik: Bei den meisten Radios und Fernsehsendern in der Schweiz sucht man auf den Websites vergeblich nach der Adresse des Ombudsmanns; die meisten Zeitungen geben nicht an, wie und wo man sich beschweren kann. Oft ist das Impressum kaum auffindbar, nicht vollständig. Es wird nicht klar, wer wofür zuständig ist. Und kein Medium publiziert bis jetzt die Interessenbindungen der Redaktionsmitglieder und der KorrespondentInnen. All das aber gehört zur Transparenz, die die Medien bei anderen Institutionen unentwegt einfordern.

6. Die Medien treiben Skandalisierungen voran
Die Gratiszeitungen und die Sonntagszeitungen haben die Boulevardisierung des Journalismus verstärkt: Auf dem Boulevard erregen nur Sensationen Aufmerksamkeit, die marktschreierisch angepriesen werden können. Auch in der Schweiz scheinen daher Redaktionen immer mehr zwischen den beiden Polen „Kein Thema“ oder „Skandal“ zu entscheiden. Skandalisiert werden vor allem Personen, erinnern wir uns bloss an die Kopp-Affäre, den Fall Regli, die Affäre Nyffenegger, die Affäre Bellasi, die Affäre Jagmetti, die Affäre Aliesch, die Borer-Affäre, die Affäre Matter/Swiss First Bank, die Affäre Holenweger, den Fall Nef. Die Skandalisierung besteht darin, dass ein Verhalten im Konflikt steht mit den gesellschaftlichen Normvorstellungen und deshalb moralisch angeprangert werden kann. Bei einer Skandalisierung lassen die Medien die Berichterstattung eskalieren, indem sie ihre Enthüllungen und ihre moralischen Bezichtigungen von Tag zu Tag steigern und damit die öffentliche Empörung anheizen. Nun gibt es in der Tat Skandale, die diese Behandlung verdienen und bei denen die Empörung gerechtfertigt ist. Es gibt andere, bei denen zwar ein erheblicher Verdacht besteht, wo sich aber hinterher zeigt, dass die Verfehlungen nicht derart gravierend waren. In solchen Fällen neigen die Medien dazu, zu schweigen und den Fall nicht neu aufzugreifen, um der geschädigten Person zumindest vor den Augen der Öffentlichkeit Genugtuung widerfahren zu lassen. Und: Es wäre besser, die Medien würden die Themen primär problematisieren statt skandalisieren.

7. Die Geschichtslosigkeit wächst
Am 13. Mai 1958 putschte sich General Charles de Gaulle mit Hilfe französischer Truppen in Algerien erneut an die Macht. Dieser Tag begrub die 4. Republik; er bedeutete den Übergang zur 5. Republik und stellte somit eine wichtige Zäsur dar. Am 13. Mai 2008, 50 Jahre danach, war darüber jedoch in keiner einzigen Zeitung nur eine Zeile zu lesen. Die Medienschaffenden verlieren zunehmend das Bewusstsein für Geschichte. Sie denken nicht mehr in historischen Dimensionen, sondern nur noch in tagesaktuellen, etwa nach dem Motto: „Welche Sau treiben wir denn heute durchs Dorf?“ Die grossen Linien der Entwicklungen, die wichtigen Brüche und Umbrüche verlieren an Bedeutung zugunsten von saftigen Geschichten, die sich gut „verkaufen“. Nur wer die grossen historischen Linien kennt, kann vergleichen. Und wer vergleichen kann, kann analysieren. Die Analyse aber ist eine der Hauptaufgaben eines kontextbewussten Journalismus. Wenn sie verloren geht, erhalten die Menschen nur noch Fast Food. Und dann sind sie zwar „overnewsed, but underinformed“. ≠

* Prof. Dr. Roger Blum leitet das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bern und ist seit 2008 Präsident der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI).

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