22. Oktober 2007 von Helen Brügger

Verlust des Stallgeruches

„Es bleibt nicht mehr viel von unserem Radio in Genf“, seufzt ein Mitarbeiter von Radio Lac. Entgegen den Versprechungen des neuen Besitzers, des französischen Geschäftsmannes Hugues de Montfalcon, verliere Radio Lac seinen genferischen Charakter.

Vor einem Jahr kaufte das in Rouge FM umbenannte Lausanner Radio Framboise die Genfer Lokalradiostation Lac auf. Rouge FM gehört dem französischen Geschäftsmann Hugues de Montfalcon, von dem seine Konkurrenz spöttisch sagt, er verwechsle Radio mit Supermarkt. Am Deal beteiligt war auch der Verlag Edipresse, der seinen Aktienanteil an Radio Lac auf 25 Prozent aufgestockt hat und nicht ausschliesst, in einem weiteren Schritt auch ins Aktienkapital von Rouge FM einzutreten. Diesen Sommer nun sind die beiden Radios fusioniert worden. Das heisst, es gibt eine gemeinsame Redaktion für das Lausanner Rouge FM und das Genfer Radio Lac. Die technischen Infrastrukturen wurden in Lausanne konzentriert, ein Teil der Sendungen von Radio Lac wird aus Lausanne ausgestrahlt.

Intervention der Genfer Regierung
In Genf sprach man von Verlagerung, ja gar Zerschlagung von Radio Lac; der neue Besitzer wurde für eine Stellungnahme vor die Genfer Regierung zitiert. Doch Frédéric Piancastelli, Direktor der beiden Radios, beruhigt: Radio Lac behalte seinen „stark genferischen Charakter“, auch würden beide Standorte beibehalten. Je nach Bedarf werde entweder von Lausanne oder von Genf aus gesendet, was sowohl für Radio Lac wie auch für Rouge FM gelte. Je ein Team von kaufmännischen Angestellten verkaufe in Lausanne und Genf sämtliche Produkte der Gruppe. Und das Genf-spezifische Informationsangebot von Radio Lac sei sogar noch vergrössert worden. Entlassungen seien keine ausgesprochen worden, wohl aber hätten einige Angestellte gekündigt.

Besitzer kritisiert „Protektionismus“
Radio Lac hat eine besondere Geschichte. Unter der Führung von Radiogründer Gérard Schoch herrschte im Radio eine familiäre Atmosphäre, der Ehemalige bis heute nachtrauern. Das Radio war auch Partner von Radio Suisse Romande RSR. Eine gemeinsame Redaktion produzierte Genfer Lokalinfos, die parallel auf Radio Lac und auf dem vierten RSR-Sender Option Musique ausgestrahlt wurden. Das redaktionelle Angebot, das RSR anstelle eines Regionaljournals ausstrahlte, sollte die französische Konkurrenz der von Frankreich aus sendenden Kommerzkette von NRJ/Nostalgie in Schach halten. Damit ist es inzwischen vorbei: Nach dem Aufkauf von Radio Lac hatte RSR die Zusammenarbeit auf Ende 2006 gekündigt. Denn der Service public kann es sich nicht leisten, mit einer Gruppe zusammenzuarbeiten, deren Besitzer gegen den „Protektionismus“ der Schweizer Medienlandschaft wettert und ankündigt, Rouge FM werde zur direkten Konkurrenz des ersten Programms von Radio Suisse Romande ausgebaut.
„Für einen Radiomacher aus Frankreich sind die 60 Kilometer zwischen Lausanne und Genf nicht dasselbe wie für uns“, sagt ein Ehemaliger von Radio Lac. Er spielt auf die kulturellen und soziologischen Unterschiede zwischen dem urbanen, internationalen Kanton Genf und dem noch immer stark bäuerlich geprägten Kanton Waadt an. Und er zweifelt angesichts dieser Mentalitätsunterschiede zwischen dem Waadtländer und dem Genfer Publikum, ob das Business-Modell des neuen Besitzers aufgehen könne.

Kein Problem für BAKOM
Und was sagt Mitbesitzerin Edipresse dazu? „No comment, wir sind Minderheitsaktionäre“, erklärt der zuständige Philippe Jendret. Auch das Bundesamt für Kommunikation Bakom sieht kein Problem: Das Programm habe vielleicht eine etwas „andere Farbe“ erhalten, entspreche aber weiterhin der Konzession, sagt Bakom-Mitarbeiter Yan Lehmans. Die Herausbildung von drei grossen privaten Radiogruppen am Genfersee (vgl. Übersicht Seite 40) entspreche einer „ausgewogenen Konkurrenzsituation“. ?

22. Oktober 2007 von Bettina Büsser

„Blocher? Damit kann kein Deutscher etwas anfangen“

Auch in der Medienbranche arbeiten vermehrt Zugewanderte aus Deutschland. Die neu angekommenen JournalistInnen haben – logischerweise – nicht denselben Hintergrund wie ihre Schweizer KollegInnen, und sie schreiben eine andere Sprache. Was zu empfindlichen Reaktionen führen kann.

Nein, einen „Blick“-Chefredaktor, der neu aus Deutschland kommt, kann sich Ringier-Schweiz-Geschäftsführer Daniel Pillard nicht vorstellen (siehe Gespräch Seite 12) – für Boulevard braucht es Leute, die Kultur und Promis der Schweiz kennen. Wie heikel es ist, die „Promis“ nicht zu kennen, hat der designierte SF-Kulturchef Rainer M. Schaper, bisher Leiter des 3sat-Magazins „Kulturzeit“, bereits erfahren: In einem „SonntagsZeitungs“-Interview im Juni diesen Jahres gefragt, ob ihm der Name Polo Hofer etwas sage, antwortete der gebürtige Niedersachse Schaper: „Kenn ich nicht.“ Was, wie Swiss Music News berichtet, in der „CH-Szene“ für „Irritation“ gesorgt habe.

Kaum Problembewusstsein
Die Beziehung der DeutschschweizerInnen zu den Deutschen ist ja nicht ganz einfach. Kommt nun der neue SF-Kulturchef aus Deutschland und kennt „unseren Polo National“ und damit „unsere“ Kultur nicht, ist die Reaktion entsprechend. Gerne hätte Klartext erfahren, wie sich Schaper nun auf seinen Job, den er Anfang 2008 antritt, vorbereitet und sich in die Schweizer Kulturszene bis und mit Polo Hofer einarbeitet. Leider, so Schapers Antwort, habe er keine Zeit für ein Interview, da er Urlaub habe.
Überhaupt kein Interesse an einem Gespräch zum Thema hatte Marcel Maerz, Redaktionsleiter des „SonntagsBlick-Magazins“. Maerz war auch Redaktionsleiter von „Sie + Er“, der ambitiösen „SonntagsBlick“-Beilage, die nach zwei Jahren wieder durch das „SonntagsBlick-Magazin“ ersetzt wurde, weil sie bei Werbern und Leserschaft nicht gut genug ankam. Gründe dafür gibt es viele, etwa die Differenz zwischen „Sie + Er“ und dem „normalen“ „SonntagsBlick“. Nicht ganz auszuschliessen ist, dass ein Teil des hiesigen Publikums mit „Sie + Er“ nicht ganz warm wurde. „Zu deutsch“ fanden nämlich einige KollegInnen „Sie + Er“ – was natürlich übertrieben ist. Tatsache ist, dass auf der „Sie + Er“-Redaktion und unter den freien MitarbeiterInnen eine ganze Reihe von Deutschen zu finden waren. Und, so zeigt eine Durchsicht von „Sie + Er“-Nummern, das kann im Heft spürbar werden.

Auch Details sind wichtig
So fragte sich beispielsweise die durchschnittliche Schweizer „SonntagsBlick“-Leserin sicher, weshalb im Magazin zum „SonntagsBlick“ auf zwei Seiten Peter Glotz, „ehemals Bundesgeschäftsführer und bis heute prominenter Vordenker der SPD aus Sicht des Insiders, die inneren Gründe des Niedergangs von Rot-Grün“ in Deutschland analysiert. Dass der kurze Zeit darauf verstorbene Glotz als Professor an der Hochschule St. Gallen einen engen Bezug zur Schweiz hatte, wird im Artikel erstaunlicherweise nicht erwähnt. Ein Detail, mag sein, aber eines, das den hiesigen LeserInnen eine Brücke bauen würde.
Details auch in der Sprache: Schweizerisches Hochdeutsch ist nicht gleich deutsches Hochdeutsch – und es sind manchmal einzelne Ausdrücke, die einen Text für Schweizer LeserInnen „deutsch“ erscheinen lassen. Beginnt etwa eine „Sie + Er“-Reportage aus Afrika mit dem Satz „Ich mach mich doch nicht zum Idioten“ oder ist in einem Artikel zum Thema Aldi die Rede vom „Verbraucher“ (und nicht vom „Konsumenten“), ist klar, dass die Autorin nicht mit Buuretütsch aufgewachsen ist. Muss sie auch nicht. Aber Schweizer LeserInnen fallen diese „Fremdwörter“ eben auf.

Helvetismen sind „nicht ihr Ding“
Spannenderweise hat genau „Sie + Er“, angeregt durch Medienberichte über Einwanderung aus Deutschland, das Thema aufgenommen. In einem sogenannten „Länderspiel“ beschrieb Reporterin Nina Hermann ihre Situation: Sie war ein Jahr vorher aus Berlin – „wo man nicht viel von der Schweiz hört. (…) Blocher? Mit diesem Namen kann kaum ein Deutscher etwas anfangen“ – nach Zürich gekommen. Michael März, langjähriger Redaktor, erzählte in der gleichen Ausgabe, wie sich ein Schweizer „eingekesselt von deutschen Kollegen“ fühlt. Fazit auf beiden Seiten: Man mag sich, trotz der Verschiedenheit. Doch März benennt einige Punkte, die die Arbeitsbeziehung mit den deutschen KollegInnen erschweren – und damit auch deren Zugang zum Schweizer Publikum: Helvetismen seien „nicht ihr Ding“, schreibt er, ihre Ideen über die Schweiz seien, vereinfachend gesagt, oft „folkloristisch“. Punkte, über die sich diskutieren liesse. Gerne hätte KLARTEXT dies mit Redaktionsleiter Marcel Maerz getan, aber mehr als der Satz „Ich werde dazu nichts sagen“ liess sich ihm nicht entlocken.

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