22. Oktober 2007 von GastautorIn

Einheitsbrei und Jobprobleme

Gleich an beiden grossen Fusionen in Österreichs Medienlandschaft waren ausländische Investoren massgeblich beteiligt: Sie tragen Mitschuld an einem der höchstkonzentrierten Printmärkte der Welt. Von Harald Fidler. *

Zwei Jahrzehnte ist es her, dass die ewig zerstrittenen Hälfteeigentümer der „Kronen Zeitung“ auf einer Parkbank die geordnete Scheidung beschlossen: Kann Chefredakteur und Herausgeber Hans Dichand binnen sechs Monaten 160 Millionen Euro aufbringen, um die 50 Prozent seines Kompagnons Kurt Falk zu kaufen, steigt Falk aus. Wenn das nicht gelingt, hat Falk die Gelegenheit, Dichand auszukaufen. Österreichische Banken zieren sich, Dichand verhandelt bis zuletzt mit Ringier, mit dem deutschen Bauer-Verlag und mit der deutschen WAZ Mediengruppe, die schliesslich den Zuschlag für 50 Prozent an der „Krone“ bekommt.
Es wäre noch kein Beinbruch, wenn sich ein Konzern aus Essen am grössten anzunehmenden Kleinformat (44 Prozent aller ÖsterreicherInnen ab 14 greifen täglich zu) beteiligt. Wenn derselbe Medienkonzern kaum ein halbes Jahr danach bei der Nummer zwei des Landes, dem „Kurier“, mit fast 50 Prozent einsteigt, wird es gefährlich. Noch gefährlicher, wenn diese WAZ Mediengruppe nach ihrem Modell aus dem Ruhrpott Anzeigen, Druck, Vertrieb, Marketing und Verwaltung beider Blätter in einem gemeinsamen Verlagsriesen bündelt, der den Printmarkt des Landes beherrscht. Unbehelligt von österreichischer Medienpolitik und Kartellbehörden. Erstgenannte gibt es Ende der Achtzigerjahre in der Alpenrepublik nur in Spurenelementen. Zweitgenannte gar nicht.
Dass die Existenz von Kartellgerichten noch nicht reicht, zeigt sich zwölf Jahre später. Wer anno 2000 annahm, das Superkonzentrat aus „Krone“, „Kurier“ und ihrer Tochter Mediaprint (zwischendurch kam auch noch eine Regionalzeitung aus dem Besitz der Sozialdemokraten dazu) sei nicht mehr zu steigern, irrte gewaltig. Dem „Kurier“ gehört der einst grösste, damals immerhin noch zweitgrösste Zeitschriftenverlag des Landes mit dem Nachrichtenmagazin „Profil“ und dem Wirtschaftsmagazin „Trend“.
Den Zeitschriftenmarkt beherrschte Ende des vorigen Jahrtausends längst die Verlagsgruppe News – unter österreichischer Führung (der ihrer Gründer Wolfgang und Helmuth Fellner), aber zu 75 Prozent im Besitz der Hamburger Bertelsmanntochter Gruner + Jahr. Die News-Gruppe griff „Profil“ zunächst mit der breit angelegten Info-Illustrierten „News“, ab 1997 frontal mit dem Nachrichtenmagazin „Format“ an.

Marketingschlacht mit Millionenkosten
Die damals entfesselte Marketingschlacht mit Dumpingangeboten und Abozugaben kostet die Eigentümer Millionen um Millionen – auf beiden Seiten. Hüben die Hamburger, drüben die auch nicht gerade für Verschwendungssucht bekannten Essener. Sie führen im Hintergrund Friedensgespräche mit weit reichenden Folgen, die als „Formil“-Fusion in die österreichische Mediengeschichte eingingen – der Spitzname kombiniert „Format“ und „Profil“.
Soll heissen: Die ohnehin marktbeherrschende News-Gruppe schluckt die Nummer zwei im Markt, den Magazinverlag des „Kurier“. Und als wäre diese Zeitung nicht schon Teil jener Mediaprint, die den Zeitungsmarkt dominiert, darf sie sich auch noch mit 25,3 Prozent an der fusionierten, also den Zeitschriftenmarkt beherrschenden News-Gruppe beteiligen. Wie geht das? Taschenspielertricks beim Kleinrechnen von Marktanteilen und massiver Druck auf InteressenvertreterInnen, die im Kartellgericht damals als LaienrichterInnen die Mehrheit stellten, sowie auf PolitikerInnen.

MagazinjournalistInnen ohne Alternative
Auch für den journalistischen Arbeitsmarkt in Österreich ist das Doppelmonopol kein Spass. MagazinjournalistInnen etwa, die ihrem Metier treu bleiben wollen, haben seit der Fusion im Inland keine Wahl mehr: Alle drei aktuellen Nachrichten- und Infomagazine des Landes erscheinen im selben Konzern. Dieser Tage wieder musste ein Kollege bei einem Wechsel innerhalb des Mediaprint/News-Komplexes entdecken, dass sein Noch- und sein künftiger Chefredakteur eine zunächst angebotene Gehaltsverbesserung durch die Übersiedelung auf dem kurzen Dienstweg merklich verkleinerten.
Ausländische Investoren brachten nicht nur Unheil und Jobprobleme über die österreichische Medienszene: Springer finanzierte 1988 etwa die Gründung der Qualitätszeitung „Der Standard“, als dessen Medienredakteur ich solche Entwicklungen hinterfragen kann. Zugegeben, ein eher schwacher Trost. Springer sprang ein, weil auch beim „Standard“ Banken Kreditzusagen im letzten Moment zurückgezogen hatten. Inzwischen hält statt Springer der Süddeutsche Verlag 49 Prozent.
Springer finanzierte 1992 auch den Start der Verlagsgruppe News (Gruner + Jahr übernahm 1997), die damals den Marktbeherrscher herausforderte – die „Kurier“-Magazine. Das brachte mehr Medienvielfalt – bis zum Gau von 2000. Nebenwirkung: Mit „News“ & Co. erlangte dank deutscher Unterstützung die für die Fellners typische, besonders grelle Spielart von Magazinjournalismus und Medienmarketing volle Breitenwirkung – und veränderte so den Markt nachhaltig, aber nicht zu seinem Besseren.
Keine ausländischen Investoren fanden die Fellners 2006 für ihre Tageszeitung „Österreich“, in der sie ihre eigenen Benchmarks im Marketing über- und im Journalismus unterbieten. Hier sprangen ausnahmsweise eine Reihe von Banken ein. Die Partnersuche im Ausland geht – dementiert von Wolfgang Fellner – munter weiter.

Auch in der TV-Branche deutsche Multis
Deutsche Multis prägen (neben der privaten Radioszene) auch Österreichs Fernsehbranche nachhaltig: RTL und ProSiebenSat.1 sichern sich mit ihren Werbefenstern rund ein Drittel der TV-Werbeumsätze im Land. Mit vergleichsweise günstigen Preisen und einer dank Digitalsatellit ernst zu nehmenden Verbreitung bedrängen sie den öffentlich-rechtlichen ORF, der sich zu gut 40 Prozent aus Werbung finanziert. ProSiebenSat.1 versucht gerade, zusätzlich ein eigenes, österreichweites Privatprogramm aufzuziehen, und macht damit dem ATV, dem bisher einzigen landesweiten Kommerzsender, zusätzlich Konkurrenz. ATV tut sich beim Publikum ohnehin schwer, eingeklemmt zwischen übermächtigem ORF und teuer produzierten deutschen Privatprogrammen.
Die Mehrheit an ATV gehört derzeit Herbert Kloiber. Der ist zwar in Wien geboren, sein Medien- und Programmrechtekonzern Tele München operiert allerdings auch aus Bayern.

*) Harald Fidler ist Medienredaktor bei der Tageszeitung “Der Standard”

22. Oktober 2007 von GastautorIn

Markt ohne Grenzen

Der Eintritt ausländischer Konzerne in Schweizer Medienunternehmen entspricht kapitalistischer Logik. Medienkonzentration ist aber irreversibel und verringert die Meinungsvielfalt. Damit Medien weiterhin ein demokratieverträgliches Ausmass an Vielfalt aufweisen, sollen sich Medienkonzerne „Media-Governance“-Verfahren unterziehen müssen. Von Josef Trappel und Werner A. Meier.*

Vorgestern Basel, gestern Luzern, heute Bern: Die regionale Medienkonzentration in der Schweiz hat einen neuen Wellenkamm aufgebaut. Zum ersten Mal überhaupt kontrolliert ein auswärtiger Medienkonzern einen regionalen Medienmarkt monopolartig. Tamedia schrieb in Bern Geschichte.
Und in Zürich schrieb die Axel Springer AG Geschichte: Noch nie hat ein ausländischer Medienkonzern in der Schweiz einen nennenswerten Anteil der Meinungspublizistik kontrolliert. Seit dem Einstieg der Axel Springer AG bei der Jean-Frey-Gruppe und ihrem Flaggschiff „Beobachter“ im Dezember 2006 fallen dort die wesentlichen unternehmerischen Entscheide in Berlin.

Selektive Problemwahrnehmung
Eine solche Marktmachtballung und ausländische Konzernpräsenz sind zwar ein Wesensmerkmal einer allgemein akzeptierten Marktwirtschaft. Andererseits aber stellen sich – nicht nur der Publizistikwissenschaft – die Fragen, welche Kräfte eine solche Marktmacht noch zu zügeln vermögen und mit welchen strukturellen Folgen des Einstiegs von Hersant (in der Westschweiz) und Axel Springer AG (in der Deutschschweiz) die Schweizer Publizistik rechnen muss.
Auf eine einfache Formel gebracht,
lässt sich die mit der nationalen und internationalen Medienkonzentration verbundene Problematik als systematische Unterschätzung der vorhersehbaren und vorhergesehenen Folgen beschreiben. Die Konzentrationsvorgänge sind gut dokumentiert, die Problemwahrnehmung der entscheidenden öffentlichen und privaten Akteure aber ist selektiv.
Der Stand der Medienkonzentration erreicht mit jeder weiteren Übernahme eines Mediums durch einen Medienkonzern und mit jeder weiteren Einstellung einer Zeitung ein neues Höchstmass. Die Neugründung von Zeitungen, Zeitschriften, Radio- oder Fernsehsendern, die den Konzentrationsdruck lindern könnte, findet gar nicht oder nur im Konzernverbund bestehender Medienhäuser statt. Die konzentrationsbedingten Markteintrittsbarrieren sind derart hoch, dass selbst die in den 1990er-Jahren neu in den Markt eingetretenen Online-Medien mit ihrer ausserordentlich kostengünstigen Verbreitungsstruktur ausschliesslich von bestehenden Medienhäusern kontrolliert werden. Selbst die neu gegründete Gratiszeitung „.ch“ wird von (österreichischen) Medienkonzernen gestützt.

Eine Monopolindustrie entsteht
In der gängigen Argumentation werden die wirtschaftlichen Konzentrationsvorgänge als logische und unabwendbare Folge einer Medienmarktdynamik gesehen, die den wirtschaftlichen Akteuren im Rahmen der herrschenden Wirtschaftsordnung keinen anderen Weg offen lässt, als durch Wachstum den Bestand des Unternehmens zu sichern. Die führenden Medienhäuser stossen in ihren Verbreitungsräumen an Wachstumsgrenzen, deren Überwindung nur durch Übernahme von Konkurrenzprodukten oder -unternehmen gelingt. Um die Medienindustrie insgesamt zu stärken, so lautet die Rechtfertigung, müssen diese führenden Medienkonzerne horizontal, vertikal und mediendiagonal wachsen. Die dabei auftretenden Konzentrationsvorgänge seien Ausdruck eines unternehmerisch notwendigen und volkswirtschaftlich sinnvollen Strukturwandels.
Doch bei genauerer Betrachtung erweist sich der Medienkonzentrationsprozess nicht als Resultat eines gewissermassen natürlichen Strukturwandels, sondern als zentrales Ziel und Ergebnis unternehmerischen Handelns. Treffend wäre nicht von einem Strukturwandel zu reden, sondern von einem Umbau der Medienstrukturen in eine Monopol- und Konzernindustrie.
Ein solcher Umbau befindet sich in der Schweiz in vollem Gange. Die Ballungsräume – mit Ausnahme von Zürich – sind bereits zu Einzeitungsregionen unter der Kontrolle von wenigen überregional tätigen Medienkonzernen geworden, oder drohen es zu werden.
Obwohl weitgehend Klarheit herrscht über die Ursachen und möglichen Folgen von Medienkonzentration, wird die Problematik nur selten öffentlich angesprochen. Die beteiligten Akteure verfolgen jeweils ihre eigenen Interessen und setzen diese je nach Einfluss mehr oder weniger effizient durch, ohne eine öffentliche Debatte zu führen. Die Haltungen und Positionen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

• Für den Verband Schweizer Presse steht fest, dass die Schweiz über eine reichhaltige und lebendige Medienlandschaft verfügt. Anzeichen einer ernsthaften Gefährdung der Medien- und Meinungsvielfalt sind für ihn offenbar nicht vorhanden. Die zu beobachtenden Konzentrationsbewegungen sind für den Verlegerverband Ausdruck eines strukturellen Wandels im kleinräumigen Schweizer Medienmarkt (vgl. Position der Verlegerverbände zur Parlamentarischen Initiative „Medien und Demokratie“ **).
• Die Werbewirtschaft macht sich für einen schrankenlosen Werbemarkt bzw. Werbeträgermarkt stark. Die Werbegelder fliessen dorthin, wo die Werbeauftraggeber die besten Bedingungen für ihre Werbebotschaft erhalten, unabhängig von der publizistischen Qualität des Trägermediums. Die Werbewirtschaft fühlt sich weder zuständig noch verantwortlich für die Leistung der Medien im Hinblick auf Politik und Demokratie.
• In der Debatte zum neuen Radio- und Fernsehgesetz kam der Bundesrat zum Schluss, dass Medienkonzentration Ausdruck eines strukturellen Wandels sei, der letztlich das wirtschaftliche Überleben der Medien ermöglicht und sicherstellt, und dass die einzelnen Medienunternehmen über die kritische Grösse und die Wirtschaftskraft verfügen, welche für einen professionellen und qualitativ hoch stehenden Journalismus notwendig sind. Damit übernahm der Bundesrat wörtlich das Argument des Verbandes Schweizer Presse.
• Die ParlamentarierInnen tun sich generell schwer, gegen die Interessen der führenden Medienkonzerne zu handeln, weil sie als „Verhinderer“ von Unternehmenswachstum leicht in die öffentliche Kritik und unter Legitimationsdruck geraten können.
• Und die Wettbewerbskommission (Weko) beschränkt sich auf die Prüfung wettbewerblicher Kriterien und lässt medienpolitische Überlegungen beiseite. Sie klärt gemäss Kartellgesetz lediglich ab, ob eine marktbeherrschende Stellung vorliegt und wenn ja, ob diese missbraucht wird.

Fehlende Debatte fördert Konzentration
Die stillschweigende oder auch artikulierte Sorglosigkeit der zentralen Akteure gegenüber der jetzt auch die Schweizer Grenzen überschreitenden Medienkonzentration erscheint aus publizistikwissenschaftlicher Sicht völlig unangemessen. Medienkonzentration ist aus dieser Perspektive ein irreversibler Vorgang, der die Chance auf Meinungs- und Angebotsvielfalt systematisch verkleinert und eliminiert.
Die Verschleppung der medienpolitischen Debatte kommt einer Konzentrationsförderung gleich, die Fakten schafft. Das vormals stark national ausgerichtete Mediengeschäft wird immer stärker transnational und mediendiagonal hoch integriert. Im Vergleich zum Heimmarkt werden für die grossen Medienkonzerne die ausländischen Märkte immer wichtiger. Grosse Konzerne gehen in der Regel auch auf die grossen Märkte, während mittelständische Unternehmen sich vorzugsweise in kleineren Märkten niederlassen (müssen).
Steigen ausländische Konzerne in nationale und regionale Märkte ein, scheint sich die Situation kurzfristig zu entspannen, weil die neuen Anbieter aus dem Ausland die jeweils national oder sprachregional vermachteten Märkte durchmischen. So ist der Einstieg der Axel Springer AG in der Schweiz für die inländische Medienkonzentration als neutral zu beurteilen. Mittelfristig hingegen tritt eine Verschärfung ein. National konzentrierte Medienkonzerne in Staaten wie der Schweiz werden für die bereits transnational operierenden Konzerne zu attraktiven Übernahmekandidaten. Ironie des Schicksals: Das national geförderte Wachstum entpuppt sich als Steigbügel für die „europäisierten“ oder sogar globalisierten Medienkonzerne.

Demokratieverträglichkeit sichern
Eine Umkehr der monopolistischen oder oligopolistischen Markt- und Machtkonstellation ist nicht zu erwarten. Daher stellt sich die Frage nach der Absicherung eines demokratieverträglichen Ausmasses an publizistischer Vielfalt unter derartigen Marktbedingungen.
Da Medienunternehmen und Medien durch den Konzentrationsprozess immer weniger mit der Zivilgesellschaft – dafür aber mit der Wirtschaft – gekoppelt sind und entsprechend Markt- und Meinungsmacht ausüben, müssen die Privilegien der Medien (u. a. exklusiver Zugang zu Quellen, Begünstigung bei Mehrwertsteuer, indirekte Presseförderung, Gebührenfinanzierung für öffentliche und private Radio- und TV-Veranstalter usw.) an Leistungsverpflichtungen gegenüber der Bevölkerung geknüpft werden. Im Rahmen von „Media Governance“-Verfahren müssen Plattformen entwickelt werden, die die Handlungsfähigkeit der Zivilgesellschaft und die Rechtfertigung von themen- und meinungsführender Medienmacht ins Zentrum stellen. Die Qualität der Medien ist ein zu kostbares öffentliches Gut, als dass die Demokratien in Europa darauf verzichten könnten.

*) Josef Trappel und Werner A. Meier sind Medienwissenschaftler am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung IPMZ der Universität Zürich. Der vorliegende Text ist die aktualisierte Fassung eines Aufsatzes, der in der Pro-Litteris-Zeitschrift „Gazzetta“ (1/2007) erschienen ist.
**) * www.parlament.ch/ed-pa-spk-03-048-d.pdf

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr