11. August 2009 von Nick Lüthi

Ende der Eiszeit zwischen „Basler Zeitung“ und „Aargauer Zeitung“

Meldungen wie diese gehören längst zur Tagesordnung: Zeitung X übernimmt Artikel von Zeitung Y – und umgekehrt. In der Not treiben es bekanntlich alle mit allen. Heissen die beiden Titel, die da zusammenspannen, aber BaZ und „Aargauer Zeitung“, dann lässt das aufhorchen.

Bis vor Kurzem herrschte zwischen den Verlegern der beiden Zeitungen, Matthias Hagemann und Peter Wanner, offiziell Funkstille; Beobachter sprachen gar von „Eiszeit“. Vor allem Hagemann war es, der schmollte und mit seinem Verlegerkollegen im Aargau nicht mehr sprechen wollte, seit dieser vor drei Jahren die „Basellandschaftliche Zeitung“ übernommen hatte und damit bis tief in die Stammlande der BaZ vorgedrungen war. Nun hat sich am Rheinknie ein gewisser Pragmatismus breitgemacht und eine – vorerst partielle – Kooperation mit dem bisherigen Erzfeind scheint wieder möglich zu sein. Beat Meyer, CEO der Basler Zeitung Medien, bestätigt gegenüber KLARTEXT, dass sich das Klima zwischen den beiden Verlagen in letzter Zeit entspannt habe und auch deshalb dieser Kooperationsschritt möglich gewesen sei. Ab 1. September stellt die BaZ der AZ ihre Texte aus dem Kulturteil zur Verfügung, im Gegenzug können die Basler Inland-Artikel der Aargauer übernehmen. „Das Ziel dieser losen Zusammenarbeit liegt darin, die Folgen des Stellenabbaus zu lindern, den beide Zeitungen hinter sich haben“, informierte AZ-Chefredaktor Christian Dorer Ende Juli seine Redaktion. Bei der BaZ wird es nicht anders geklungen haben.
Überhaupt spart Verleger Matthias Hagemann derzeit, wo er nur kann: Birkhäuser Rotationsdruck weg, Radio Basel 1 weg, „Baslerstab“ abgespeckt, BaZ-Online gestutzt. Schritt um Schritt verschlankt Hagemann seine Basler Zeitung Medien AG. Seit Neuestem steht nun auch die Beteiligung an der Pendlerzeitung „News“ auf dem Prüfstand, wie sowohl Hagemann als auch sein CEO Meyer mehrfach öffentlich erklärten. Verlustreiche Geschäfte müssen weg, sagt Hagemann und handelt auch entsprechend. Die Not scheint gross zu sein in Basel. Das freilich bestreitet der einsame Verleger, dessen Territorium im Norden von der Landesgrenze und im Süden von Peter Wanners „Mittelland Zeitung“ begrenzt wird. Zusammen mit der Werbevermarkterin Publigroupe muss der Basler Verleger nach einem Nachfolger suchen für deren Aktienpaket im Umfang von 37 Prozent. Interesse angemeldet haben sowohl die NZZ als auch Tamedia. Zum „natürlichen Verbündeten“ Tamedia, mit dem die Basler bisher Website, Pendlerzeitung, „Das Magazin“ und Werbekombi Metropool teilen, hält Hagemann öffentlich Distanz und behandelt die Zürcher als lediglich einen von mehreren möglichen Partnern. Auch im Ausland sei er am Verhandeln, sagt der Basler Verleger. Mit wem bleibt selbstverständlich sein Geheimnis.
Oberstes Ziel Hagemanns ist es, mit seinem Medienhaus weiterhin unabhängig zu bleiben und nicht von einem Grösseren geschluckt zu werden. Ob ihm das gelingt, gilt heute als ungewiss. Denn Tamedia, mit der die Basler Zeitung die engsten Bande hat, wird sich nicht einfach so gegen die Konkurrenz von AZ (und auch NZZ) ausspielen lassen, zumal die Zürcher gewisse Druckmittel in der Hand haben. Etwa das Werbekombi Metropool, das der BaZ erst den Zugang zu den überlebensnotwendigen nationalen Inseratekampagnen ermöglicht. Oder die mit dem Newsnetz von Tamedia kurzgeschlossene Website bazonline.ch, für die das Basler Unternehmen nach einer Stellenreduktion nun praktisch sämtliche Inhalte von der Zentralredaktion aus Zürich bezieht. Wenn nun Hagemann auch noch bei der Pendlerzeitung „News“ aussteigen will, dann dürfte Tamedia die Basler nicht einfach so ziehen lassen. Laut CEO Beat Meyer verhandeln die beiden Unternehmen derzeit darüber, wie die Basler Zeitung Medien den Zusammenarbeitsvertrag mit Tamedia für die Pendlerzeitung „News“ auflösen können. „Das geht nur mit einem Geben und Nehmen“, ist für Meyer klar. Wieweit man in Basel bereit ist, den Forderungen aus Zürich entgegenzukommen, sagt er aber nicht. Von Tamedia dagegen ist schon lange bekannt, dass sie das Basler Medienhaus gerne ihrem Konzern einverleiben würden.

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11. August 2009 von Nick Lüthi

Ungleiche Partner

Die Schicksalsgemeinschaft zwischen Verlagen und „ihrer“ Nachrichtenagentur SDA wird in unsicheren Zeiten vermehrt auf die Probe gestellt.

Es gibt sie noch, die Erfolgsmeldungen aus der Medienbranche. Eine davon lautet: Die Schweizerische Depeschenagentur SDA blickt auf ihr bisher erfolgreichstes Geschäftsjahr zurück. Trotz Investitionskosten für die Beteiligung an der Bildagentur Keystone blieb bei der SDA am Ende des Finanzjahrs 2008 so viel Geld in der Kasse zurück, wie noch nie zuvor in ihrer 115-jährigen Geschichte. Um satte dreissig Prozent konnte der Informationsdienstleister sein Konzernergebnis gegenüber dem Vorjahr verbessern.
SDA-Chefredaktor und Geschäftsleitungsmitglied Bernard Maissen nennt zwei Faktoren, die wesentlich zum positiven Ergebnis beigetragen hätten: der Verkauf einer Liegenschaft sowie das gute Geschäft mit den Pendlerzeitungen; im Ergebnis 2008 erscheint die inzwischen eingestellte Gratiszeitung „.ch“ noch als zahlende Kundin. „Für das laufende Jahr rechnen wir aber mit deutlich schlechteren Zahlen“, sagt Maissen. Als sogenannter „Spätzykler“ kriege eine Nachrichtenagentur die Folgen einer wirtschaftlichen Baisse erst zeitverzögert zu spüren. Der Kelch der Krise wird also auch an der SDA nicht vorübergehen. Neben Medien, die den Laden dichtmachen und so der Agentur als Kunden verloren gehen, spürt die SDA den Druck im Nachrichtengeschäft vor allem von Verlagen, die günstigere Konditionen verlangen. Mit der „Mittelland Zeitung“ und der „Neuen Luzerner Zeitung“ glauben bereits heute zwei ehemalige Grosskunden, ohne die Meldungen aus Bern auszukommen.

Neue Fertigprodukte von der Agentur
„Wir überlegen uns natürlich immer, wie wir die Bedürfnisse der Redaktionen am besten befriedigen können“, sagt Chefredaktor Maissen. Konkret will die SDA vermehrt redaktionelle Fertigprodukte anbieten. Zum Beispiel komplette Kurznachrichtenspalten, bereits in ein Vorlayout gegossen. Ein Angebot, das die Agentur derzeit in enger Zusammenarbeit mit den Zeitungsverlegern entwickelt. Der Schaffhauser Verleger Norbert Neininger hält das neue Produkt für eine sinnvolle Sparmöglichkeit: „Es macht doch keinen Sinn, wenn in zehn Redaktionen jeden Abend zehn Abschlussredaktoren dasselbe tun. Wenn sich die Zeitungen an einem entsprechenden Angebot der SDA beteiligen, kriegen sie den gleichen Inhalt ins Blatt für einen Zehntel der bisherigen Kosten.“ Komplett gestaltete Zeitungsseiten bereitzustellen, ist für die SDA nichts Neues. In früheren Jahren bot die Agentur auf diese Weise das Radio- und TV-Programm sowie Wetterprognosen an.
Die Depeschenagentur ist in doppelter Hinsicht daran interessiert, dass es den Zeitungen gut geht: Die Verlage treten nicht nur als Kunden auf, sondern sind gleichzeitig als Aktionäre auch die Besitzer der SDA. Geht es den einen schlecht, leiden beide. Als Schicksalsgemeinschaft müssen sie gemeinsam für die Zukunft planen. Wobei die Agentur nicht vollständig von ihren Besitzern abhängt. Denn das Geschäft mit den Zeitungen macht nur einen Teil der Aktivitäten der SDA-Gruppe aus. Immerhin einen Drittel des Gesamtertrags generiert das Medienunternehmen mit Einnahmen von „Nicht-Medien“ und aus Erlösen für „Spezialdienste“. Unter den „Nicht-Medien“ befinden sich neben der Bundesverwaltung auch Industrieunternehmen wie etwa Nestlé, die bei der SDA einen Nachrichtendienst abonniert haben.

„Verlegerfeind“ Google als SDA-Kunde
Doch in der Schicksalsgemeinschaft herrscht nicht immer eitel Sonnenschein. „Gar nicht so begeistert“, weiss Maissen, seien die Verleger gewesen, als die SDA ausgerechnet Google als neuen Kunden gewinnen konnte. Während Zeitungsverleger immer aufgeregter auf Google als mitverantwortlich an der Krise zeigen, verhandelten zahlreiche Nachrichtenagenturen erfolgreich mit dem Such- und Informationsriesen aus Kalifornien. Letztlich erhalten die Agenturen nun genau das, wofür die Zeitungen – mit schlechten Erfolgsaussichten – lobbyieren: Geld von Google für Nachrichten. SDA-Mann Maissen betrachtet den prominenten Kunden wie jeden anderen auch: „Wer unsere Konditionen einhält und den vereinbarten Tarif bezahlt, kann unsere Nachrichten übernehmen.“ Für den Schaffhauser Verleger Neininger, Kämpfer an vorderster Front gegen das grosse Google, ist weniger der Deal zwischen SDA und dem Internetgiganten ein Problem als die fehlende Bereitschaft von Google, auch mit Zeitungen ins Geschäft zu kommen. „Wir wollen dafür entschädigt werden, dass Google unsere News und andere urheberrechtlich geschützte Informationen verwendet, um Milliarden zu verdienen und danach wiederum zu unserem grössten Konkurrenten auf dem Werbemarkt zu werden.“

Abtrünnige unter Beobachtung
Auch anderweitig steht es um das Verhältnis zwischen Zeitungen und Agentur nicht zum Besten. Immer wieder wurde in den letzten Jahren beidseitig Kritik laut. Dann etwa, wenn Redaktionen, unzufrieden mit der Leistung der Agentur, ihr Abonnement kündigen, wie dies vor eineinhalb Jahren „Mittelland Zeitung“ und „Neue Luzerner Zeitung“ getan haben. Das SDA-Modell entspreche nicht mehr den „heutigen Realitäten der Medienwelt“, begründete damals MZ-Chefredaktor Peter Buri seinen Entscheid, auf die Agenturdienste zu verzichten. Stattdessen wolle sein Blatt vermehrt „eigene Geschichten“ bringen.
Bei der SDA beobachtet man das Experiment der beiden Zeitungen, ohne nationale Agentur auszukommen, mit grosser Skepsis. „Die grössten Rechteverletzer sind jene Verlage, die nicht mehr unsere Kunden sind,“ meint Bernard Maissen. Will heissen: Die Redaktionen haben zwar keine Agentur mehr, lesen aber online bei der Konkurrenz mit, was die SDA schreibt und übernehmen so indirekt Agenturstoff. Im konkreten Fall ist das freilich kaum nachzuweisen, denn häufig existiert zum betreffenden Ereignis eine Medienmitteilung, auf die sich die agenturfreie Redaktion dann als Quelle berufen kann. ≠

Erdbeben bei den Franzosen

hb./ Agence France-Presse, neben Reuters und AP die kleinste der drei Weltagenturen, zählt 2900 MitarbeiterInnen, fünf grosse redaktionelle Zentren auf allen Kontinenten und Büros in 165 Ländern. Nun steht sie an einem Wendepunkt ihrer Geschichte.
Im Juni kündigte „La Provence“, eine Tageszeitung, die zur Gruppe von Philippe Hersant gehört, ihr Abonnement bei der Agentur und löste damit ein „Mini-Erdbeben“ in der französischen Regionalpresse aus, wie „Le Monde“ schreibt: Andere Regionalzeitungen könnten folgen und versuchen, ihre News direkt aus dem Internet zu beziehen, warnt sie. Um die drohenden Abonnementskündigungen zu verhindern, verhandelt AFP unterdessen mit den Regionalzeitungen über neue Tarife und Dienstleistungen.
Ein möglicher Absprung der Regionalzeitungen ist nicht das einzige Problem der renommierten Agentur. Ehemalige AFP-JournalistInnen packen in der Presse aus: Seit der Wahl Sarkozys zum Präsidenten werde die Agentur systematisch nicht berücksichtigt, wenn die Regierung kommuniziere, dafür kämen handzahme Zeitungen wie „Le Figaro“ zum Zug. Gleichzeitig laufen ParlamentarierInnen der Regierungspartei Sturm gegen die „Staatsagentur“.
Noch definiert sich AFP als „öffentlicher Dienst“, rund 40 Prozent der Einnahmen stammen von Abonnementen der öffentlichen Verwaltung. Der spezielle Status geht auf das Jahr 1944 zurück, als eine Gruppe von Résistance-JournalistInnen das Vichy-Organ „Office Français d’Information“ übernahm. Die Statuten aus dem Jahr 1957 verbieten, dass AFP unter die Kontrolle „einer ideologischen, politischen oder wirtschaftlichen Gruppierung“ kommt. Doch jetzt sollen diese Statuten reformiert werden. Die Agentur könnte in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, was der Regierung Sarkozy erlauben würde, ihr Engagement bei AFP zu reduzieren. Die französische JournalistInnen-Gewerkschaft SNJ-CGT spricht von einer drohenden Privatisierung, die sie mit einem Streik verhindern will. ≠

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Ausgabe: 5 | 2018

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