10. Juli 2007 von Klaus Bonanomi

Gesteigerte Unruhe

Es knirscht im Gebälk des Verbandes Schweizer Presse: Etliche der kleinen Verleger überlegen sich einen Austritt; andere setzen auf stärkeres Lobbying innerhalb des Verbandes. Von Klaus Bonanomi.

Die Zustimmung zum neuen GAV hing an einem dünnen Faden: Nur gerade mit einer Stimme Unterschied genehmigte der Verband Schweizer Presse am 5. April die zusätzliche Lohnstufe ab dem 9. Berufsjahr und lehnte damit einen Antrag von Hugo Triner (“Bote der Urschweiz”) ab. Und dies alles – so der grosse Ärger von Walter Fuchs von den “Toggenburger Nachrichten” – weil etliche Kleinverleger die entscheidende Abstimmung verpasst hatten.
In der Tat ist es für eine kleine Zeitung schwieriger als für einen “Tages-Anzeiger” oder eine NZZ, einem Redaktor oder einer Reporterin ab dem neunten Berufsjahr mindestens 6800 Franken im Monat zu bezahlen, wie dies die neue GAV-Lohnskala stipuliert*. “Ich kann keinen GAV unterschreiben, den ich nicht einhalten kann”, sagt dazu Hugo Triner im KLARTEXT-Gespräch (vgl. Seite 12). Mehrere Verleger, auch er selber, überlegen sich nun den Austritt aus dem Verband.

Spannungen bei mehreren Themen
Quer durch den Verband verlaufen die Fronten nicht nur beim GAV. So ist etwa die Frage der staatlichen Presseförderung ebenso umstritten wie die der Posttarife für die Zeitungszustellung. Und während sich etwa Albert P. Stäheli von der Berner BTM-Gruppe dafür stark macht, dass der Verleger- zu einem Medienverband wird, da ja immer mehr Verleger zu Content-Providern geworden sind, die ihre Inhalte auch über Lokalradio und -fernsehen und alle möglichen anderen Kanäle absetzen, wollen andere bei einem reinen Print-Verband bleiben. Auch ein “Röstigraben” ist im Verband latent vorhanden, angesichts des Übergewichts der Deutschschweizer Presse. Diese Spannung hat in den letzten zwölf Monaten laut Geschäftsführer Peter Hartmeier deutlich abgenommen.
Die Spannungen zwischen Gross und Klein widerspiegeln die Tatsache, dass im vergangenen Jahrzehnt die Pressekonzentration vorangeschritten ist und dass etliche kleine und mittlere Verleger ihre Unabhängigkeit verloren haben; der Einfluss der Grossen wurde damit grösser. Und, so sagt ein Verbands-Insider, der Schaffhauser Verleger Max Rapold habe seinerzeit als Verbandsboss eher noch ein Ohr für die Anliegen der Kleinen gehabt als der heutige Präsident Hans-Heinrich Coninx von der TA-Media-Gruppe.
Einige Kleine äussern sich aber auch selbstkritisch: “Ich bin der Meinung, dass die ‘Kleinen’ sich vermehrt um das Verbandsgeschehen kümmern und dort Einfluss durch eine hohe Präsenz geltend machen sollten”, schrieb der Toggenburger Verleger Walter Fuchs nach der GAV-Abstimmung in einem Offenen Brief im “Flash”, dem Newsletter des Verbands Schweizer Presse. Und Hans-Jürg Fehr, Verleger der “Schaffhauser AZ” (wie auch des KLARTEXT), setzt auf eine wirksamere Interessenvertretung der Kleinen innerhalb des Branchenverbandes. “Bisher setzte der Verband einseitig auf das freie Spiel der Marktkräfte und drückte sich davor, in der Frage der Pressekonzentration eine eigene Position einzunehmen. Doch nun haben wir die Diskussion um eine wirksamere Presseförderung auch im Verband selber lanciert”, so Fehr. Der Schaffhauser SP-Nationalrat ist das einzige Verbandsmitglied im Bundesparlament, auch wenn seine Position oftmals nicht mit dem Verband übereinstimmt. Er reichte Ende März im Nationalrat zwei Vorstösse ein. Er fordert, dass die bisher praktizierte Form der Presseförderung durch effizientere Methoden abzulösen sei, analog etwa dem Gebührensplitting für die Privatradios. Die Presseförderung durch verbilligte Transporttaxen und “Treueprämien” kostet heute den Staat bis zu 100 Millionen Franken und führt bloss zu Wettbewerbsverzerrungen. Und das in Revision befindliche Radio- und Fernsehgesetz solle, so Fehrs zweiter Vorstoss, ausgeweitet werden und zu einem eigentlichen Mediengesetz werden, mit dem gegen regionale Medienmonopole vorgegangen werden könnte. Diese Vorschläge werden im Verband nicht mehrheitsfähig sein, aber sie lancieren die Diskussion.

Kleine suchen Kandidaten für Präsidium
“Bei uns herrscht permanent Unruhe im Verband”, kommentiert Geschäftsführer Peter Hartmeier das Treiben in seinem Verband gegenüber KLARTEXT gelassen. “Ich finde es gut, dass sich nun die Kleinen vermehrt bemerkbar machen. Wer sich engagiert, kann durchaus Einfluss ausüben.” Gegen aussen werde wohl der Eindruck erweckt, der Verband vertrete vor allem die Interessen von NZZ und TA-Media, von Edipresse und Ringier; doch das liege daran, dass gerade diese Verlage dominierende und sehr aktive Persönlichkeiten in den Verband delegiert hätten. “In Arbeitsgruppen wird aber auch sehr viel für die kleinen und mittleren Verleger getan”, so Hartmeier. Zurzeit werde an einer Strukturreform gearbeitet; hier sollten sich die Kleinen einbringen. An einer Aussprache mit den Kleinverlegern habe man die Probleme diskutiert. Dabei habe Einigkeit darüber bestanden, dass ein verstärktes Engagement im Verband mehr bringe als ein Austritt.
Freilich: “Wenn ich immer nur Angst davor haben müsste, dass jemand austreten könnte, dann könnte ich diesen Verband nicht führen. Einzelne Austritte sind denkbar; wir können uns nicht erpressen lassen und nicht immer nur auf Austrittsdrohungen reagieren”, so Hartmeier zu KLARTEXT. Konflikte müssten offen ausgetragen werden. Die Kleinen wollen nun beim Verbandskongress im Herbst einen eigenen Kandidaten für das Präsidium aufstellen. Dieser Kandidat, so steht es in dem im “Flash” veröffentlichten Anforderungsprofil, “muss selbständiger Unternehmer und kein angestellter Manager sein. Er muss selber aktiv die Unternehmensführung wahrnehmen. Er muss eine völlig eigenständige Zeitung in einer Auflage von maximal 20’000 Exemplaren repräsentieren.” Mit andern Worten: Gesucht ist eine hemdsärmlige, zupackende Unternehmerfigur anstelle der dominierenden Manager und Buchhalter.

* Ab dem neunten Berufsjahr gilt für angestellte JournalistInnen in den Städten Basel, Bern und Zürich ein Mindestlohn von 7200.- , in der übrigen Schweiz 6800.- und im Tessin 6200.-.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Goldfieber

Westschweizer Medienunternehmen befinden sich im Börsenrausch. Bei AGEFI dürfen auch die MitarbeiterInnen mitmachen. Edipresse gibt sich zugeknöpft. Von Helen Brügger.

“Wir schreiben jeden Tag über die Börse. Ich wollte das Spiel ernsthaft spielen und bin mit meinem Verlag an die Börse gegangen. 60 Prozent der Aktien sind heute in den Händen der Öffentlichkeit,” freut sich Alain Fabarez, Hauptaktionär der Société de l’Agence Economique et Financière (Agefi). Die Aktien der Agefi und der gleichnamigen Wirtschaftstageszeitung wurden am 5. Juli 1999 zu einem Kurs von Fr. 227.50 an die Börse gebracht. Mitte März 2000 waren sie bereits 665 Franken wert. Der Jahresgewinn der Gruppe verdoppelte sich zwischen 1998 und 1999 von 928’000 auf 1,8 Millionen Franken, der Umsatz stieg von 12,2 auf 15,4 Millionen. Für das laufende Jahr zielt Agefi auf ein Umsatzwachstum von 30 Prozent. Die Agefi-Aktien hätten in den ersten sechs Monaten nach dem Börsengang die beste Zuwachsrate des Swiss Performance Index erzielt, triumphiert Agefi-Direktor Fabarez. Mit gefüllter Kasse will er sich jetzt in die Lancierung von “Futur(e)s agefi” stürzen. Das neue Monatsmagazin soll sich nicht nur an die wirtschaftlichen Leader, sondern auch an ein breiteres Publikum von wirtschaftlich Interessierten richten (vgl. Klartext 1/2000); es soll im Mai oder spätestens nach den Sommerferien auf den Markt kommen.

Anteilscheine für glückliche JournalistInnen
Bei Fabarez scheinen auch lauter glückliche JournalistInnen zu arbeiten. Denn das Enfant terrible der Westschweizer Wirtschaftspresse hat einen Trick gefunden, der seinen Angestellten Geld bringt, sie an den Verlag bindet und ihn nichts kostet. Ende letzten Jahres erhielt das Agefi-Personal erstmals sogenannte “Stock Options”, Anteilscheine auf Aktien, zu äusserst günstigen Preisen angeboten. Die Aktion soll fünf Jahre dauern, fünf Prozent des Kapitals sind für die Angestellten reserviert. Wer über ein Jahr im Betrieb arbeitete, erhielt laut Aussagen der Beglückten 12 Stock Options, wer über fünf Jahre treu war, erhielt gar 22 Stück. Wer seine Stock Options gleich verkaufte, konnte Gewinne von 8100 respektive 14’800 Franken erzielen. Die Angestellten seien alle restlos “begeistert” gewesen. Einige hätten die Dinger behalten, andere hätten sie abgestossen; der Verkauf soll umso einfacher gewesen sein, als der Patron selbst einen interessierten Aktionär gefunden habe, der die Aktien übernahm. Keine Gefahr also, dass bei Agefi eine Art Selbstverwaltungs-Kapitalismus einzieht – da stehe Fabarez vor! Er hat im Übrigen sorgsam darauf geachtet, die Kontrolle über den Verlag zu behalten. Die Statuten schreiben vor, dass kein Aktionär mehr als zehn Prozent der Stimmen halten kann. Fabarez selbst hält vierzig Prozent der Aktien. Und um ganz sicher zu gehen, habe er mindestens zehn weitere Prozent treuen Freunden anvertraut, wissen Eingeweihte.
Auf die Löhne hatte die kapitale Aktion keinen Einfluss. Die Stock Options stellten auch keine Belohnung für besondere Leistungen dar, die üblichen Anpassungen und der 13. Monatslohn wurden gewährt. Doch ansonsten zeigt sich Fabarez eher knausrig: Eine gesamtarbeitsvertragliche Regelung gibts beim Wirtschafts- und Finanzblatt natürlich nicht, es gelten Einzelverträge, die Löhne dürften unter den GAV-Ansätzen liegen. Das börsenbedingte Klingeln im Geldbeutel ist deshalb willkommen. Umso mehr, als das Going public die Finanzverhältnisse ihres Arbeitgebers bedeutend transparenter gemacht habe, freuen sich die JournalistInnen.
Bei Edipresse ist der Börsengang für die Schweizer Aktivitäten bereits über die Bühne gegangen. Das Familienunternehmen verzeichnete im letzten Jahr einen geradezu unverschämt guten Geschäftsgang: Der Umsatz betrug 700 Millionen Franken, der Anstieg des Aktienkurses von Edipresse Schweiz betrug 270 Prozent. “Vor zwei Jahren glaubte man noch, dass die herkömmlichen Verlagshäuser durch das Internet-Informationsangebot verdrängt würden. Unterdessen hat sich die Markteinschätzung geändert. Man berücksichtigt, dass Verlagsunternehmen vorteilhaft positioniert sind, um im Internet-Geschäft eine bedeutende Rolle zu spielen”, erklärt Edipresse-Chef Pierre Lamunière im Gespräch mit der Zeitung “Finanz und Wirtschaft” die Höhenflüge seiner Aktien.
Scharf beobachtet Agefi den Rivalen an der Börse; Alain Fabarez wusste denn auch als Erster von einem ganz pikanten Gerücht zu berichten: Niemand anders als der US-Gigant Time Warner interessiere sich für Edipresse-Aktien. Die Familie Lamunière kontrolliere 78 Prozent der Stimmen des Unternehmens, eine unfreundliche Übernahme sei deshalb ausgeschlossen, schrieb er jedoch in seiner Zeitung zuhanden allfälliger interessierter Börsenknacker. “Wir mussten über den Artikel herzlich lachen”, kommentiert Theo Bouchat von Edipresse Schweiz. Er habe bisher kein Anzeichen entdecken können, dass sich die Familie Lamunière ihres Unternehmens entledigen wolle. Doch längst ist das Edipresse-Kapital zu über 60 Prozent in fremden Händen, Lamunière herrscht nur noch via Stimmrechtsaktien. Da reicht es, dass ein Ebner kommt und die Einheitsaktie fordert.

Edipresse Griechenland neu an der Börse
Zutreffen dürfte das Gerücht, das da heisst: Edipresse bereite den Börsengang der internationalen Aktivitäten vor. So richtig bestätigen will die Sache niemand, so richtig dementieren aber auch nicht. “Finanz und Wirtschaft” stellte am 16. Februar die Frage geradeheraus an Edipresse-Chef Pierre Lamunière; der hatte eben sein griechisches Töchterchen Liberis an der Börse feilgeboten. “Wir können uns sehr gut vorstellen, unsere Gesellschaften auch in anderen Ländern an die Börse zu bringen”, war die Antwort des Konzernchefs. Auch Bouchat will nicht präziser werden: Ein Börsengang für die internationalen Aktivitäten stehe nicht auf der Tagesordnung, vertraute er Klartext an; die Aussage ist ebenso viel oder nichts sagend wie jene seines Chefs. Mehr Transparenz und eine weniger restriktive Informationspraxis würden auch Edipresse nicht schaden.
Dafür kündigte Edipresse am 24. Februar die Gründung einer neuen Abteilung an. Edipresse On Line (EOL) soll sämtliche Aktivitäten der Gruppe im Bereich der neuen Technologien koordinieren. Kaum zu glauben: “Unser Ehrgeiz ist die Erringung einer führenden Position in diesem neuen Markt, sowohl in der Schweiz wie auch international”, verrät die Mediennachricht von Edipresse. Wer mehr erfahren möchte, wird auf den Herbst vertröstet, erst dann will Edipresse ihre Internet-Strategie enthüllen. EOL ist die dritte Abteilung neben Edipresse Schweiz und den internationalen Aktivitäten. Im Gerangel um die neuen Technologien verliert Edipresse Schweiz aber weiter an Bedeutung, eine börsenfinanzierte On-Line-Gruppe könnte hier den nötigen Auftrieb bieten. Doch obwohl Pierre Lamunière den Wert allein der heutigen Edipresse-Internet-Aktivitäten auf 60 bis 70 Millionen Franken schätzt, wiegelt Bouchat ab. Ein Börsengang von EOL sei “ferne Zukunftsmusik”.

Ringier: Börsenpläne

bbü. Hartnäckig hält sich in der Schweizer Medienszene das Gerücht, das Zürcher Medienhaus Ringier liebäugle mit einem Börsengang. Zumindest Teile seines Auslandgeschäfts könnte Ringier an die Börse bringen, wird gemunkelt. “Im Moment”, so Ringier-Sprecher Fridolin Luchsinger, “ist das für uns kein Thema.” Bei den asiatischen Ringier-Geschäften “sehen wir es gar nicht, denn entweder sind unsere Produkte noch in einem Entwicklungsstadium oder es handelt sich um Joint-Ventures, die bereits an der Börse sind”. Eher denkbar wäre ein solcher Schritt im Osteuropa-Geschäft (Ungarn, Tschechien, Slowakei, Rumänien). Doch auch hier müsste man, so Luchsinger, jedes Land einzeln anschauen: “Die wirtschaftliche Situation in diesen Ländern müsste sich zuerst erheblich verbessern, bevor ein Börsengang Sinn macht.” Am wahrscheinlichsten sei dies in Tschechien und Ungarn, “dort könnte es vielleicht ein Thema werden”.
Gar kein Thema sei ein Börsengang im Inland; Ringier bleibe ein Familienunternehmen. Einzig im Druckbereich, bei Ringier Print, sei eine Partnerschaft oder eine “Öffnung” denkbar.

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