10. Juli 2007 von Klaus Bonanomi

Fürstlich bewilligt

Zwei Tageszeitungen, einmal die Woche einen Gratisanzeiger, seit kurzem ein Lokalradio und, und … für 30’000 Einwohner. Eine Reportage aus der 160 Quadratmeter grossen fürstentümlichen Medienlandschaft. Von Klaus Bonanomi.

Gesucht: Das liechtensteinische Lokalradio. Gefunden: “Nirvana”. Im Postauto, kurz nach Sargans, wird mein Walkman auf der Radio-L-Frequenz 106,0 erstmals fündig; und tatsächlich dröhnt als erstes ein Song der GrungeRocker von “Nirvana” aus Seattle in den Kopfhörer, etwas später gefolgt von den “Doors” (ihren Titel “Light My Fire” widmet Moderatorin Petra Matt sämtlichen Feuerwehrleuten), Blues, “Pink Floyd” und “Simon & Garfunkel”. Also: Radio L bringt weder voralpine Schunkel-Musikanten für seine voralpine Hörerschaft noch mittelalterliche Tafelmusik zur Erbauung des fürstlichen Hofstaates – man setzt auf Pop, Rock und Evergreens. Und auf die Tatsache, dass Radio L das erste aktuelle, partei- und regierungsunabhängige Medium im Fürstentum Liechtenstein ist. Der 15. August 1995 – Staatsfeiertag und erster Sendetag von Radio L – markiert somit nichts Geringeres als den Beginn eines neuen Medienzeitalters im Fürstentum.

Radiosender in alter Weberei
Radio L sendet aus einem alten Fabrikgebäude in Triesen; der denkmalgeschützte Altbau stammt von 1863 und gehörte der Textilfirma Jenny & Spoerry; 160 Angestellte produzierten dort in den vergangenen Blütezeiten der Textilindustrie feinste Baumwoll-, Mousseline- und Batist-Stoffe sowie Windelgaze. “Doch heute trägt ja jedes Baby ,Paperback’-Windeln, und 1982 mussten wir den unrentabel gewordenen Betrieb einstellen”, so der ehemalige Firmeninhaber Rolf Spoerry zu KLARTEXT. Die Gemeinde Triesen übernahm den Bau, richtete Ateliers, Schulräume und Werkstätten ein und kam so zu einem florierenden Kultur- und Gewerbepark; und im letzten Sommer bezog auch die Crew von Radio L ihr Loft-Logis im Langhaus der alten Fabrik.
Nicht, dass die kleine Welt zwischen Balzers und Ruggell nun auf dem Kopf steht. “Journalistisch ist Radio L für uns noch keine Herausforderung”, stellt Günther Fritz, Chefredaktor des “Liechtensteiner Vaterlands”, nüchtern fest. “Bisher war kaum etwas zu spüren von echten Eigenleistungen, von Themen, die Radio L als erstes Medium aufgreift, von News, die nur der Sender hat. Und aus ihrem einzigen Vorteil, der Schnelligkeit, machen sie zuwenig. Wenn im Radio über eine abendliche Veranstaltung erst am nächsten Mittag berichtet wird, ist der ganze Vorsprung dahin”, so das Urteil des Zeitungsmannes. Ähnlich sieht es sein Kollege Günther Meier vom “Volksblatt”, der anderen Tageszeitung im Ländle: “Schneller als wir sind sie nicht, und so vollständig wie wir können sie gar nicht sein”, lautet seine Einschätzung.

Für lnfosendungen passiert schlicht zuwenig
“Auch die beiden Zeitungen reissen sich kein Bein aus – die berichten doch auch nur über die institutionelle Politik, über Veranstaltungen und recherchieren kaum eigene Themen”, spielt Radio-L-Programmleiter Wilfried Marxer den Ball zurück. Doch auch ihm ist klar, dass er und sein Team journalistisch aktiver und ambitiöser werden müssen, um wahr- und ernstgenommen zu werden. Grosse Sprünge liegen freilich (noch) nicht drin – die Info-Redaktion umfasst inklusive Chef gerade mal 4,2 volle Stellen, und die sind mit der alltäglichen Berichterstattung voll ausgelastet. “Hinzu kommt, dass in Liechtenstein schlicht auch zuwenig passiert, als dass man jeden Tag ein neues Thema aufgreifen könnte”, so Marxer.
Wer von Radio-L Ländlermusik oder volkstümliche Schlager erhofft hatte, wurde enttäuscht; und das waren viele. “Am Anfang waren grosse und sehr widersprüchliche Erwartungen da. Jeder erwartete etwas anderes – die einen viel Volkstümliches, die anderen vor allem Information, wiederum andere weniger Wort und mehr Musik … Radio-L hatte deshalb einen schweren Start”, räumt Marxer ein. “Aber nun bekommen wir positivere Reaktionen zu hören. Den Hörerinnen und Hörern ist nun klarer geworden, was wir mit unserem Programm wollen.”

Partei- und Vereinsiournalismus
Eine Schwierigkeit bleibt allerdings bestehen: Das Fürstentum Liechtenstein mit seinen 30’000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist für sich allein ein viel zu kleines Einzugsgebiet; um überleben zu können, muss Radio L in der ganzen Region, also auch im benachbarten Vorarlberg und im St. Galler Rheintal, Publikum ansprechen und Werbegelder einfahren können. So kommt es denn, dass der Liechtensteiner Sender ausführlich über ein Europacupspiel von Österreichs Eishockey-Spitzenteam VEU Feldkirch berichtet, auf die Gefahr hin, damit das Publikum im Ländle zu langweilen …
Nicht zuviel und nicht zuwenig “echt Liechtensteinisches” – dies ist für die Macherinnen und Macher von Radio L eine tägliche Gratwanderung. “Die Gefahr besteht tatsächlich, dass wir niemanden optimal bedienen können, weder in Liechtenstein noch in der Nachbarschaft. Doch ich sehe diese Situation auch als Chance an – wir versuchen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und das Interesse für die Vorgänge jenseits der Grenzen zu wecken”, so Marxer. An seinem modernen, digitalen Schnittplatz bearbeitet der Chefredaktor gerade ein Gespräch mit Baudirektorin und Regierungsrätin Cornelia Gassner, welche über die Herausforderungen für die liechtensteinischen Baumeister spricht; das Ganze ergibt dann einen Bericht über eine Veranstaltung der liechtensteinischen Gewerbekammer. Hier trifft sich, was Rang und Namen hat; man kennt sich im Ländle, man ist verschwägert, geschäftlich und politisch miteinander verbandelt … auch dies eine Schwierigkeit für eine wirklich unabhängige Berichterstattung: “In dieser Nähe entsteht natürlich die Gefahr des Gefälligkeitsjournalismus”, weiss auch Marxer. “Im Zweifelsfall, wenn jemand bei einem Thema zu stark verhängt` ist, dann bearbeitet dies eben ein Kollege. Dennoch: Auch Themen, welche uns direkt betreffen, versuchen wir journalistisch aufzuarbeiten; so zum Beispiel den Umbau bei der Bank in Liechtenstein, die für uns als Sponsoringpartnerin und Werbekundin sehr wichtig ist.

Geld für Schweizer Radio und Fernsehen
Sechs Postautominuten später, in Vaduz, treffe ich Regierungsrätin und Medienministerin Cornelia Gassner persönlich in ihrem stattlichen Eckbüro im Regierungsgebäude; sie zieht ebenfalls eine kritische Bilanz über die ersten Monate mit Radio L. “Die Akzeptanz ist nun zweifellos besser. Aber Radio L wird es schwer haben, das am Anfang verspielte Vertrauen zurückzugewinnen”, meint die Regierungsrätin, die dem neuen Medium immerhin attestiert, eine grosse Entwicklung durchgemacht zu haben. “Für unsere eigene Identität sind eigene Medien sehr wichtig, und deshalb begrüssen wir es, dass es nun auch bei uns ein eigenes Radio gibt – und dass Radio L im Vergleich zu früher nun auch mehr Informationen aus Liechtenstein bringt.” Geld dafür gibt’s vom Staat derzeit allerdings nicht – man wahre so am besten die Unabhängigkeit des Mediums, meint Gassner.
Immerhin hat der Staat aus dem Füllhorn seines überquellenden Medienfonds dem neuen Radio die Sende- und Übertragungseinrichtungen vorfinanziert. Aus dem Medienfonds- er wird gespiesen aus den 180 Franken, die pro Haushalt und Jahr als Radio- und Fernsehgebühr erhoben werden – erhält die SRG jährlich eine Viertelmillion, als Entschädigung dafür, dass sie in ihren Programmen auch das Fürstentum abdeckt.
Regelmässig treffen sich die SRG-Spitzen mit der liechtensteinischen Regierung, um die leise Mahnung entgegenzunehmen, die SRG möge doch etwas ausführlicher aus dem Fürstentum berichten und nicht nur bei einer prinzlichen Hochzeit oder der EWR-Abstimmung mit dem Übertragungswagen anrücken; man mache sich in Liechtenstein übrigens generelle Überlegungen über die Verwendung der Gelder aus dem Medienfonds. Denn der ORF (der via sein Landesstudio Vorarlberg ebenfalls über Liechtenstein berichtet), erhält (noch) nichts aus dem Medienfonds; und auch für unabhängige Printmedien ist nichts vorgesehen. “Es gibt Begehrlichkeiten, das ist klar; wir werden deshalb noch im Frühling neu regeln, wer Geld aus dem Medienfonds erhält”, so Gassner. Aber: “Wir haben, nebst SRG und ORF, die zwei Tageszeitungen und das Radio L – damit ist doch die Meinungsvielfalt im Fürstentum gegeben!”

Zehn Zeilen für die Opposition
Unter Meinungsvielfalt stellt sich Paul Vogt etwas anderes vor. Vogt, einziger Landtagsabgeordneter der links-grünen Freien Liste und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Landesarchiv, empfängt mich in seinem Arbeitsraum in einem bunkerartigen Bau gleich hinter dem Regierungsgebäude, einem düsteren Verlies im Vergleich zu Gassners repräsentativem Eckbüro. “Die beiden bürgerlichen Blätter nehmen keine Wahlinserate von uns an, und Leserbriefe wurden des öftern zensiert oder mit redaktionellen Anmerkungen versehen”, so der einzige offizielle Oppositionelle im Lande. “Auch die Meldungen aus dem Landtag zeigen eine klare Tendenz zur Selbstdarstellung: Von den Reden und Vorstössen der eigenen Abgeordneten berichten die Zeitungen ausführlich und mit Bild; geht es hingegen um einen Vorstoss von meiner Seite, dann bringt man lieber ein Bild des zuständigen Regierungsrates.” Das zehnjährige Bestehen der Freie Liste im vergangenen Jahr war dem einen Blatt einige wenige Zeilen, dem anderen nicht eine einzige wert.
Auf der anderen Seite werden “Vaterland” und “Volksblatt” von Staates wegen reichlich alimentiert – je 300’000 Franken pro Jahr kassieren sie als amtliche Publikationsorgane für die mit allerlei Balken, Linien und dem Grossen Staatswappen fürstlich aufgemachten amtlichen Mitteilungen (die hier “Kundmachungen” heissen).
Ein Stelleninserat oder ein Neueintrag im Handelsregister kann durchaus eine Viertelseite umfassen; eine Achtelseite wert ist immerhin noch das Edikt des Landgerichtes, wonach in der Unterhaltsbevorschussungssache Negele Marion (minderjährig) ein Zustellkurator bestellt worden ist, der den zurzeit unauffindlichen Kindsvater vertritt. Diese indirekte Parteienfinanzierung über die amtlichen Publikationen ist für Vogt ein Beispiel dafür, wie die bürgerlichen Parteifreunde in Regierung, Landtag und Presse Hand in Hand arbeiten. Doch auch Radio L ist für Vogt kein Garant der Meinungsvielfalt: ,;Es ist zwar bekannt, dass etliche Leute dort mit der Freien Liste sympathisieren”, weiss Vogt; “doch in der Berichterstattung schlägt sich dies nicht nieder. Radio L ist, soweit ich dies beurteilen kann, zwar politisch korrekt, auch uns gegenüber, aber es ist noch lange kein Gegengewicht zu den bürgerlichen Zeitungen. Man will sich offenbar die Sympathien der Wirtschaft nicht verscherzen.”

Zehn Millionen Werbefranken
Dies ist auch nötig, hat doch die (Werbe)wirtschaft bei Radio L bisher nicht im erhofften Ausmass “angebissen”. Zwar haben viele Werbekunden von “Vaterland” und “Volksblatt” wie auch vom benachbarten Lokalsender Radio Gonzen probeweise Spots bei Radio L geschaltet oder treten als Sponsoren auf; und auch das “Volksblatt” hat laut Verlagsleiter Wilfried Büchel selber schon auf Radio L geworben. Doch weder die beiden Blätter noch Radio Gonzen verzeichneten bisher nennenswerte Abgänge von Werbekunden oder sinkende Einnahmen, wie sie gegenüber KLARTEXT angaben.
Auf Dauer aber dürfte die Wirtschaft ihre Werbegelder (schätzungsweise zehn Millionen Franken pro Jahr in Liechtenstein und dem benachbarten Rheintal) wieder an dem Ort konzentrieren, wo sie sich die grösste Wirkung erhofft – und das muss nicht unbedingt das neue Radio sein, welches noch nicht mit guten Hörerzahlen brillieren kann.
Auch das ORF-Landesstudio Vorarlberg muss sich keine Sorgen machen: Bis Ende Jahr ist die gesamte Werbezeit ausgebucht, so Chefredaktor Wolfgang Burtscher. Andererseits ortet Erich Niederer, DRS-Regionalstudioleiter in St. Gallen, in dessen “Hoheitsgebiet” das Fürstentum liegt, schon jetzt bei Radio L eine enge Verquickung von Information, Werbung und Sponsoring. “Hier liegt für uns die grosse Chance – dass wir nämlich auch weiterhin als unabhängig wahrgenommen werden”, so Niederer zu KLARTEXT, der im weiteren die leise Kritik aus Vaduz am Umfang der SRG-Berichterstattung über Liechtenstein zurückweist: “Für uns hat Liechtenstein wegen seiner Eigenstaatlichkeit eher noch mehr Gewicht als ein vergleichbarer Kanton in unserem Sendegebiet. Aber das DRS-Redaktionsbüro in Vaduz ist auch aufgrund der neuen lokalen Konkurrenz gefordert, eher etwas mehr als bisher zu liefern.”
Radio L ist also einem harten Wind ausgesetzt. Doch in Liechtenstein ist man an stürmisches Wetter gewöhnt; bei meinem Besuch in Vaduz las ich in der Zeitung, der Föhnsturm habe am Vortag auf der Rheinbrücke ein Auto mit Anhänger umgeworfen. Und der Föhn hat auch sein Gutes – während in der Schweiz unter dem zähen Hochnebel Temperaturen um Null gemessen wurden, durfte Radio L Sonnenschein und sommerliche 17 Grad Wärme vermelden.

Medien auf einen Blick

● Seit dem 15. August 1995 ist Radio L auf Sendung. Jahresbudget: 1,5 Millionen Franken. Tagsüber von 6 bis 19 Uhr gibt’s viel Musik und stündliche Nachrichten, um 7, um 12 und um 17 Uhr ein Info-Magazin. Abends und nachts läuft ein computergesteuertes Musikprogramm ab; zweimal monatlich gestaltet ein Senioren-Stammtisch das Abendprogramm, donnerstags machen Jugendliche eine Abendsendung. Das Sendegebiet umfasst nebst Liechtenstein das St. Galler Rheintal und Teile Vorarlbergs; insgesamt leben in dem Gebiet gut 250’000 Personen. “Radio L ist parteipolitisch nicht eingefärbt”, sagt Programmleiter Wilfried Marxer. Das will etwas heissen in einem Staat, in welchem seit Menschengedenken nur der Fürst und zwei bürgerliche Parteien das Sagen haben, die sich bloss durch ihre Farbe unterscheiden: Die “Schwarzen” von der Fortschrittlichen Bürgerpartei FBP und die “rote” Vaterländische Union VU dominieren nicht nur in der Politik (sie stellen die fünfköpfige Regierung und besetzen 24 der 25 Landtagssitze), sondern auch in der Medienlandschaft.
● Die beiden einzigen Tageszeitungen im Fürstentum sind reine Parteiblätter – das “Liechtensteiner Vaterland” ist seit 1913 das Organ der VU, das “Liechtensteiner Volksblatt” steht gar schon seit 1878 im Dienste der FBP. Mit ihrer Auflage von je 9000 erzielen die beiden Blättchen im Fürstentum mit seinen 30’000 Untertanen eine Reichweite, von der keine noch so gut gemachte Schweizer Zeitung auch nur zu träumen wagt: Die Werte der beiden Liechtensteiner Zeitungen entsprechen, hochgerechnet auf die Deutschschweiz, einer Auflage von jeweils gut anderthalb Millionen!
● Einmal wöchentlich flattert ferner der Gratisanzeiger “Liechtensteiner Woche” in sämtliche Briefkästen,
● Viermal jährlich erscheint die Info-Zeitung der oppositionellen Freien Liste; das rund 20seitige Blatt wird ebenfalls in sämtliche Haushalte des Landes verteilt. Es informiert aus der Sicht der FL über die Landespolitik (beliebtes Angriffsziel: Regierungschef “Spario”-Mario Frick) und über Initiativen der kleinen, aber aktiven Opposition in Land und Gemeinden.
● Ein weiteres liechtensteinisches Informationsmedium ist der Landeskanal, über, den das staatliche Presseamt offizielle Informationen via Teletext und Fernseh-Schrifttafeln verbreitet.
● Auf dem Tisch liegt auch das Konzessionsgesuch für ein privates Lokalfernsehen, doch gibt es vorläufig weder zum Programm noch zur Finanzierung genauere Angaben. Gegenüber KLARTEXT gab der Journalist und Lokalfernseh-Promotor Reinhard Walser nur zu Protokoll, man denke an Nachrichten mit Standbildern und nur bei Grossanlässen auch an bewegte Bilder.
● Unabhängige Informationen über ihr Land müssen sich Liechtensteins Bürgerinnen und Bürger somit bei ausländischen Medien holen: In erster Linie sind dies die SRG-Medien (“Schweiz aktuell” des Schweizer Fernsehens und das Regional-journal Ostschweiz von Radio DRS) sowie der ORF-Landessender Vorarlberg:

10. Juli 2007 von Bettina Büsser

Back to the Roots

Eine “Konzentration der Kräfte” sei bei Ringier im Gange – so schrieb der KLARTEXT im Herbst 1990. Nun, fünf Jahre später, werden die Kräfte offenbar schon wieder “konzentriert”. Wohin die gegenwärtige Konzentration führen soll, lässt sich auch für Kenner nur schwer abschätzen. Von Bettina Büsser.

Gerade glänzend scheint es dem Ringier-Konzern im Moment nicht zu gehen. In der letzten Zeit häufen sich Meldungen über Verkäufe, Rückzüge und nicht eben florierende Geschäfte: Ringier Deutschland verkaufte fünf Zeitschriften an Axel Springer und Natur Verlag, Papierpreiserhöhungen in Osteuropa reduzierten die mit Freude verbuchten Gewinne aus den osteuropäischen “Cash”- und “Blick”-Klonen, die US-Tochter von Ringier sucht Partner und will ihr Engagement reduzieren, Korrespondentenbüros in London, Paris und New York werden geschlossen. Ringier Europa – dazu wurden bisher die Geschäfte in der Schweiz, West- und Osteuropa sowie Asien gerechnet- hat in den letzten Jahren zwar den Umsatz gesteigert, die Gewinne aber wuchsen nicht entsprechend. 1994 betrugen sie rund 19 Millionen Franken, 1995 werden sie nach Schätzung von Michael Ringier etwa gleich hoch sein, und auch 1996 wird laut Ringier “kein Superjahr”.*

Sanierung durch Desinvestition
Absolut nicht “super” lief das Geschäft in der Schweiz, vor allem im Ringier-Traditionsbereich “Zeitungen”. Hier ist Ringier offensichtlich auf dem Rückzug: “Rückzug ins Kerngeschäft” heisst das in der konzerninternen Sprachregelung. Die Beteiligung am Berner “Bund” – einstmals mit Stolz getätigt – ist auf 45 Prozent zusammengeschmolzen; operative Leitung wie verlegerische Verantwortung für den “Bund” liegen nun bei Ringier-Partner NZZ. Vor allem aber hat Ringier seine Vorzeige-Zeitung LNN (mitsamt Kopfblättern) aufgegeben, beziehungsweise mit der “Luzerner Zeitung” (LZ) zur “Neuen Luzerner Zeitung” (NLZ) fusionieren lassen. Nur gerade noch 49 Prozent hält der Zürcher Medienkonzern an der neuen Herausgeberin NLZ AG, Verwaltungsratspräsident ist dort der frühere LZ-VR-Präsident Markus Kündig, die LZ stellt eine Mehrheit im Verwaltungsrat und den neuen Chefredaktor; auch die Personalchefs wurden von der LZ übernommen. Dafür druckt Ringier in Adligenswil ab 1997 die NLZ – allerdings auf einer Rotationspresse, die der NLZ AG gehört. Bis dahin wird hälftig bei LZ und Ringier gedruckt.
Die LNN ist untergegangen – zurück bleiben, neben Stellensuchenden, auch einige ungute Gefühle. Die Verhandlungen über Sozialplan und Abgangsentschädigungen verliefen harzig; die Abgangsentschädigungen werden nun für alle nach den Ansätzen des Druck-Gesamtarbeitsvertrags ausgerichtet: Die Summe richtet sich nach Dienst- und Lebensalter, wird aber nach Auskunft von SJU-Sekretär Thomas Bernhard mit den Geldern der Freizügigkeitsleistung verrechnet – nur wer mehr Abgangsentschädigung als Freizügigkeitsleistung zugute hat, erhält die Differenz ausbezahlt. Die Forderung nach einem Monatsgehalt für alle, die bis zum bitteren Ende bei der LNN ausgehalten hatten, erfüllte Ringier nicht: “Das wäre eine Summe von etwa einer halben Million gewesen”, sagt ein früherer LNN-Mitarbeiter. “Doch es hiess, Ringier habe dafür ein Kässeli mit etwa 35-70’000 Franken. Für einen Konzern wie Ringier ist das absolut lächerlich.”
Geärgert hat sich die LNN-Redaktion auch darüber, dass nach der Bekanntgabe der Fusion ein Monat verging, bis jemand von der Ringier-Unternehmensleitung nach Luzern kam und dort über die weiteren Pläne informierte, Gerechtfertigt wurde dies, so erzählen Ex-LNN-Leute, folgendermassen: Man habe bisher nichts gewusst, was man ihnen hätte mitteilen können. “Die beschliessen also eine Fusion und wissen nicht, was dann passieren soll”, empört sich einer von ihnen. “Das ist eine absolut unprofessionelle Haltung.”

Bleibt Ringier in Luzern?
Ob sich Ringier längerfristig überhaupt noch in Luzern engagieren will, wird allgemein bezweifelt. Markus Kündig, Ringier-Partner bei der NLZ, sieht im Moment allerdings “absolut keine Anzeichen” dafür, dass Ringier aussteigen könnte: “Das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Schliesslich ist die NLZ von der wahrscheinlichen wirtschaftlichen Entwicklung her eine Anlage, die sich rentiert.”
Mehr über Ringiers längerfristige Luzerner Pläne wüsste sicher Heinz Karrer zu berichten; er ist, seit Anfang dieses Jahres eine neue Ringier-Führungsstruktur in Kraft ist, Direktionspräsident von Ringier Schweiz und damit Chef aller hiesigen Ringier-Produkte sowie Mitglied der Konzernleitung. Doch ein KLARTEXT-Gespräch mit Karrer kam nicht zustande (siehe Kasten),
Zweifellos hätte Karrer das gegenwärtig in Luzern kursierende Gerücht, bei der NLZ seien, um die Fusion schneller über die Bühne zu bringen, mehr Leute eingestellt worden als benötigt, Leute, die später wieder entlassen werden sollen, richtig einordnen können. Zwar dementiert NLZ-Chefredaktor Thomas Bornhauser solche Entlassungsgerüchte energisch – im Vergleich mit gleich grossen Zeitungen sei die NLZ-Redaktion keineswegs zu gross, und die 102 Stellen sollten auch in Zukunft beibehalten werden, falls sich die NLZ wirtschaftlich wie geplant entwickle -, doch bekanntlich werden im Hause Ringier die Redaktionen meist zuletzt über anstehende Veränderungen informiert.
Auch Karrers Darstellung der letzten LNN-Monate hätte interessiert; ebenso seine Stellungnahme zu dem, was unter ehemaligen LNN-MitarbeiterInnen als Luzerner Computer-Geschichte gehandelt wird. 1995, als bereits seit Jahren Fusionsgespräche zwischen LNN und LZ liefen, wurde bei der LNN auf Mac-Computer umgestellt – Kostenpunkt: 1,3 Millionen Franken, dazu Schulungskosten von 300-400’000 Franken. “Das ist insofern positiv, als alle LNN-MitarbeiterInnen noch umgeschult wurden”, sagt der frühere LNN-Produktionsleiter Thomas Demuth, “denn vorher haben wir mit Harris gearbeitet, einem System, das in der ganzen Schweiz keiner mehr braucht. Mit der Umschulung auf X-Press wurde für die Leute die Stellensuche einfacher.” Weshalb aber Ringier nicht früher ein zeitgemässes System einrichtete und vor allem, weshalb ausgerechnet dann in die LNN investiert wurde, als schon klar war, dass das Blatt nicht überlebt – darüber wird gerätselt. War die Investition Teil des Pokerspiels um die Fusionsbedingungen, bei dem LZ-Verwaltungsratspräsident Markus Kündig mit der Drohung, er werde für 27 Millionen Franken ein neues Druckzentrum bauen, die besseren Nerven hatte? Ging es darum, den Marktwert der zu veräussernden Zeitung zu steigern?

Ist Bern doch gleich Luzern?
“Wenn Ringier irgendwo gross in die Anlagen investiert”, meint zynisch ein ehemaliger LNN-Redaktor, “dann heisst es aufpassen.” Und wirklich: Auch beim 1992 von Ringier übernommenen “Bund” sind vor dem Verkauf einer 45-Prozent-Beteiligung an die NZZ Ende 1994 noch Tausende von Franken für neue Computer ausgegeben worden. Ob die Zukunft des “Bund” mit dem Einsteigen der NZZ jedoch definitiv gesichert ist, bleibt fraglich. “Publizistisch ist die NZZ-Beteiligung sicher eine gute Sache. Ob sie aber auf die Länge wirklich Sinn macht, bezweifle ich. Die Region Bern unterscheidet sich kaum von der Region Luzern. Und hier hat sich, das zeigt die NLZ-Fusion, klar erwiesen, dass der Markt für zwei gleichartige Presseprodukte zu klein ist”, kommentiert ein ehemaliger Ringiermann mit Einblick in die Geschäfte. Wenn sich zudem noch vier Gratisanzeiger um den Werbekuchen schlügen, einer davon gar vom “Bund” erst in mühseliger Kleinarbeit aufgebaut werde, dann sehe er definitiv schwarz. Er hätte auch für Bern – selbst wenn dies nicht dem publizistischen Credo von Frank A. Meyer entspreche – für eine Zusammenarbeit mit der lokalen Konkurrenz, lies die “Berner Zeitung”, optiert. Das sei immer noch besser als eine Fusion. Noch vor ein paar Jahren hätte auch in Luzern durch ein Zusammengehen von LNN und LZ in bestimmten Bereichen die Chance bestanden, beide Zeitungen auf gesunde Füsse zu stellen. Nur hätte man dies damals bei Ringier weit von sich gewiesen, ohne aber für die LNN eine klare Überlebensstrategie zu entwickeln.
Dass ausgerechnet das “Bund”-Abenteuer von Ringier zum Untergang der LNN beigetragen hat, ist ein Beispiel für die schwer durchschaubaren Ringier-Strategien: “Bund”-Konkurrentin BZ und BZ-Aktionär “Tages-Anzeiger” (TA) liessen nämlich wegen Ringiers “Bund”-Einstieg den Anzeigenverbund Swisscombi platzen, zu dem neben BZ, TA und “La Suisse” auch die LNN gehört hatte. Ins neue Anzeigenkombi Swisspool (BZ, TA, BaZ, “St. Galler Zeitung”, “24 heures” und “Tribune de Genève”) wurde ausgerechnet die LNN-Konkurrentin “Luzerner Zeitung” aufgenommen – ein wirtschaftlicher Tiefschlag für die LNN. Dabei hatte die Zeitung schon vorher in finanziellen Problemen gesteckt. Einen Grund dafür nennt der schon zitierte Ringierkenner: “Man hat die LNN gekauft, um sich den Anstrich eines seriösen Verlags zu geben. Es war aber niemandem klar, was damit geschehen sollte. Der Kauf wurde nicht in eine langfristige Strategie eingebaut, eine Marktanalyse hat man, fast möchte ich sagen, bewusst versäumt – dabei war abzusehen, dass es im Raum Luzern nicht genügend Platz für mehrere Tageszeitungen gibt.”
Käufe und Projekte ohne gezielte Strategie, das scheint bei Ringier schon beinahe Strategie. So wurde die gegen Ende 1994 mit einigem Getöse angekündigte Zeitschrift “Reflex” im Januar 1995, drei Monate vor dem geplanten Erscheinen, begraben, obwohl bereits eine Redaktion angestellt worden war. Geschätzte Kosten dieser Totgeburt: zwei Millionen Franken. Etwa 25 Millionen kostete Ringier zudem das “Bund”-Abenteuer, dazu kommen Verluste in zweistelliger Millionenhöhe, welche die LNN in den letzten Jahren eingefahren hat – vor dem “Rückzug ins Kerngeschäft” wurde also viel Geld ausgegeben.

Stellenabbau in der Ringierdokumentation
Angesichts so verlorener Millionen ist es verständlich, dass sich die Ringier-Dok-MitarbeiterInnen über “kleine Sparbemühungen” im Haus ärgern: Neu weisen nämlich Ringier-Chefredaktoren ihre JournalistInnen an, ihre Dokumentationsrecherchen selber via Computer durchzuführen. Denn macht einE Dokumentalistln diese Recherchen, wird die Arbeit den einzelnen Redaktionen verrechnet. Dass in näherer Zukunft auch Stellen auf der Dokumentation eingespart werden, scheint den 21 Text-Dok-MitarbeiterInnen wahrscheinlich: Seit Anfang Jahr läuft das Projekt Schweizerische Medien-Datenbank (SMD), eine gemeinsame elektronische Textdokumentation von Ringier, TA-Media AG und dem Schweizer Fernsehen DRS. Ob sich das SMD-Angebot auch an andere Medienunternehmen verkaufen lässt und somit so rentabel wird wie erhofft, steht noch in den Sternen. Fest steht aber, dass die SMD weniger MitarbeiterInnen brauchen wird als die drei Dokumentationen.

Das Wohnmagazin “Privé” wird eingestellt
Auch über die Zukunft der Ringier-Dok hätten wir gerne mit Heinz Karrer gesprochen – schliesslich bangen dort einige Leute um ihre Stelle. Ebenfalls interessiert hätte Karrers zukünftige Zeitschriften-Strategie. Denn auch im Zeitschriftenbereich ist Ringier sehr unterschiedlich erfolgreich: Einige kleine Zeitschriften sollten nach dem Urteil von Fachleuten besser eingestellt werden – wie soeben das Wohnmagazin “Privé” -, und der Erfolg der neurenovierten “Woche” ist ebensowenig garantiert wie der künftige Erfolg von “Tele”, das diesen Frühling mit neuem Konzept erscheinen soll. Nicht zuletzt hätten wir von Heinz Karrer, soweit er dafür zuständig ist, auch gerne mehr über die TV-Pläne von Ringier Schweiz gehört: Vorläufig kostet Ringiers Ausflug in die Welt des privaten Schweizer Fernsehens – Beteiligung bei TeleZüri, Engagement bei Presse-TV auf Schweiz 4, “CashTV” – in erster Linie einige Millionen.
Millionen, die andernorts wieder hereinkommen müssen – zum Beispiel bei “Blick” und “SonntagsBlick”, den beiden wichtigsten Produkten des Ringier-Konzerns. Doch Ringiers “Rückzug ins Kerngeschäft” lenkt den Blick darauf, dass auch hier die Situation alles andere als rosig ist. Die LeserInnen-Zahlen von “Blick” und “SonntagsBlick” haben sich zwar wieder erholt, die Auflagen aber sind gesunken. Vor allem aber litten die beiden Ringier-Milchkühe auch im vergangenen Jahr erneut unter massivem Inserateschwund – insbe-sondere beim “SonntagsBlick” ist die Situation, wie aus dem Haus Ringier, zu hören ist, “dramatisch”.
Dass Ringier darauf reagieren muss, ist klar. Es bieten sich zwei Strategien dafür: Entweder wird der “SonntagsBlick” wieder näher an den “Blick” herangeführt, wird den LeserInnen wieder mit blutten Busen und Blut “schmackhaft” gemacht, oder er wird höher positioniert. Auf die zweite Karte setzte letztes Jahr der inzwischen ausgebootete SoBli-Chefredaktor Christoph Grenacher: Laut Insidern war das von ihm ausgearbeitete neue SoBli-Konzept “um zwei Etagen höher im Niveau” als die jetzige Zeitung, mit geordnetem, ruhigem Layout, sprachlich anspruchsvolleren Texten (“weg vom 6-Worte-Satz”), klarer Gliederung. Die Themenschwerpunkte sollten mehr im Bereich Soziales, Politik, Kultur und Wirtschaft und weniger im Bereich Sex & Crime liegen. Im Hinblick auf diese Neuerungen wurden auf der SoBli-Redaktion neue Leute angestellt – sie kamen etwa von der “SonntagsZeitung”, von BZ und LNN.
Grenachers Ideen fanden im Hause Ringier nicht den nötigen Anklang – vor allem habe sich, so ist zu hören, “die alte Ringier-Garde” mit diesem anderen Boulevard-Stil nicht anfreunden können. Vor die Wahl gestellt, entweder Grenachers Konzept zu akzeptieren oder ihn zu ersetzen, entschied man sich bei Ringier für letzteres: Im November wurde Grenacher nach elf-monatigem Wirken durch den ehemaligen “Blick”-Journalisten und damaligen Chefredaktor der “Zuger Nachrichten” Dieter Mittler ersetzt. Dass Frank A. Meyer, moralisch-intellektuelles – und sehr einflussreiches – Aushängeschild des Hauses Ringier, das Grenacher-Konzept nicht durchsetzte, erstaunt; weniger erstaunlich ist, dass Ringier-Schweiz-Chef Heinz Karrer kein Machtwort sprach: Karrer, so werten Insider, ist kein Zeitungsmann – ihn dürften vor allem die nötigen Investitionen in einen ganz neuen SoBli geschreckt haben. Dennoch soll die Zeitung nun rasant renoviert, in drei handlichen Bünden übersichtlich gegliedert werden (siehe KLARTEXT-Interview mit SoBli-Chef Mittler auf Seite 10).

Nach neuem SoBli auch ein neuer “Blick”
Renoviert werden soll auch der “Blick”: “Im April gibt es beim ,Blick` sichtbare Veränderungen”, kündigte “Blick”-Chefredaktor Fridolin Luchsinger gegenüber .dem KLARTEXT an. Ihm ist offenbar bewusst, dass Gerüchte zirkulieren, wonach der “Blick” mit einem noch “blickigeren”, billigen Boulevard-Stil Auflage und Inserate zurückholen will, denn er betont: “Wir werden auf der konzeptionellen Schiene weiterfahren, auf der wir seit 1993 gefahren sind: thematische und politische Öffnung.” Ein Rückzug auf die “Uebersax-Formel” sei nicht geplant, ganz im Gegenteil: “Wir sind der Meinung, dass wir diese Öffnung 1993 vielleicht noch zu wenig konsequent vollzogen haben. Das möchten wir jetzt nachholen: Die Zeitung wird ausgebaut, das Themenspektrum eher erweitert.”
Die Umsetzung des neuen Konzepts wird kaum mehr bei Luchsinger, sondern bei seinem Nachfolger liegen – und der heisst sehr wahrscheinlich Sacha Wigdorovits. Laut Luchsinger ist der neue “Blick”-Chef noch nicht bestimmt, doch der Entscheid wird in nächster Zeit fallen: “Unsere Idee ist es, dass im Februar entschieden wird. Von mir aus gesehen ist Sacha Wigdorovits der Kandidat.” Wigdorovits aber steht nach Einschätzung von Insidern nicht unbedingt für politische Öffnung und nicht-“boulevardige” Themen.
Wie das neue “Blick”-Konzept aussieht, und wie es beim Publikum ankommt, wird sich weisen. Sicher ist: Der “Blick” sucht momentan nach seinem Platz in der Medienlandschaft, nicht zuletzt auf den Druck der Werber hin – denn ein zu billiges Blatt, so schätzen das Werber, wird auch nicht von kaufkräftigen KundInnen gelesen. Einiges wird auch davon abhängen, ob für “Blick” die Frühzustellung eingeführt wird. Luchsinger: “Man prüft das, wie beim ,SonntagsBlick`, sehr ernsthaft. Der ,Blick` ist jetzt mit 145’000 Abonnenten die drittgrösste abonnierte Zeitung – und sie wird noch immer via Post zugestellt und kommt erst im Verlauf des Vormittags in die Haushalte.”

Sechs Chefs in fünf Jahren
Auch beim “SonntagsBlick” ist das Problem der Frühzustellung ein Beweis für mangelnde Langzeitstrategien und verpasste Chancen: Laut Luchsinger hat bereits 1987 der damalige Leiter des Blick-Gruppe-Vertriebs darauf hingewiesen, wie wichtig die SoBli-Frühzustellung angesichts der Konkurrenz “SonntagsZeitung” sei. Seine Oberen haben diese Warnung mit den inzwischen sattsam bekannten Folgen in den Wind geschlagen. Der Mangel an Langzeitstrategien hängt sicher auch mit den vielen Wechseln im Ringier-Management zusammen: “Ich habe mit Heinz Karrer nun den fünften Vorgesetzten in sechs Jahren”, rechnet Luchsinger.
Dass solche Wechsel selbst stabilen Milchkühen wie dem “Blick” nicht guttun, ist klar – doch sie hängen offenbar auch mit der Ringier-Spitze zusammen. Dort, so ist zu hören, blockieren sich oft verschiedene Meinungen gegenseitig. Als publizistischer Leiter ist Frank A. Meyer nach wie vor eine der einflussreichsten Figuren; er gilt als “Nostalgiker”, der alles gerne so beibehalten möchte, wie es schon immer war – und der mit Oscar Frei, seit dem 1. Januar Ringier-Konzernchef, häufig nicht gleicher Meinung ist. Verwaltungsratspräsident Michael Ringier schliesslich wird von Ringier-Leuten nicht gerade als Medienvisionär eingeschätzt. Seine Entscheide, so behaupten böse Zungen, seien davon abhängig, wer als letzter in seinem Büro vorgesprochen habe.

* Wir zitieren hier Michael Ringier aus einem “Facts”-Interview.

Seltsamer Umgang

In der zweiten Januarwoche bat KLARTEXT-Redaktorin Ursula Dubois Ringier-Schweiz-Chef Heinz Karrer um einen Interviewtermin. Der neuernannte Bereichsleiter sollte Gelegenheit erhalten, seine künftigen Führungsstrategien darzustellen und auf einige sich seit Monaten aufdrängende Fragen zur Zukunft der Ringier-Zeitungen und -Zeitschriften, des Fernsehengagements des Konzerns, der Dokumentation usw. zu antworten. Heinz Karrer, dessen offener Führungsstil von Ringier-MitarbeiterInnen allgemein gelobt wird, ging spontan auf die KLARTEXT-Anfrage ein. Trotz voller Agenda fand er einen Gesprächstermin: Am 18. l. 1996 um 10.30 Uhr in seinem Büro im Zürcher Pressehaus. Seine Bedingung: Jacqueline Moeri, die Pressesprecherin des Konzerns, sollte beim Gespräch dabei sein, und die Fragenkomplexe sollten ein oder zwei Tage vor dem Treffen auf Karrers Schreibtisch liegen. 36 Stunden vor dem vereinbarten Treffen liess Karrer das Interview durch seine Pressesprecherin absagen. Die Begründung: Heinz Karrer habe sich auf die Ringier-“Tradition” besonnen, die da heisst: “Ab Geschäftsleitungsstufe redet im Hause Ringier keiner mehr mit KLARTEXT.”

Wer ist Heinz Karrer?

ud. “Er war vorher bei Interdiscount oder Interrail oder so was”, meint ein als Medienkenner bekannter Journalist. “Er war Handballer”, erinnert sich ein anderer Medienprofi. “Er ist der positivste Mensch, den ich kenne”, sagt ein Freund von ihm. “Er mischt sich nicht ein. Er hört zu, baut einen auf, motiviert”, meinen Ringier-MitarbeiterInnen. Aber auch: “Es ist mühsam, wenn man mit dem Chef nicht über die Arbeit reden kann, weil er davon nichts versteht.” Seit anfangs Jahr ist der 37jährige Heinz Karrer nach einem blitzartigen Aufstieg Chef von Ringier Schweiz. Auf l. Mai 1995 holte Willi Koch, damals für die Ringier-Zeitungen zuständig, den “jungen Mann”, den er nach eigener Aussage schon länger kannte und schätzte, von der Intersport Holding in Ostermundigen zu Ringier nach Zürich: Hier sollte der oberste Sportartikel-Verkäufer der Nation den Zeitungsbereich zu neuer Blüte führen. Der wirblige Karrer habe sich unverzüglich in die Arbeit gestürzt, berichten Ringier-Leute, habe Dutzende von Unterlagen durchgesehen, Buchhaltungen und Bilanzen analysiert- “Der Mann hat einen phänomenalen Blick für Zahlen” – und dann als erstes die LNN mit der LZ fusioniert. Erleichtert, das Millionen verschlingende Blatt los zu sein, habe Ringier Karrer mit dem Titel Bereichsleiter Schweiz honoriert, meinen Ringier-Insider.
Wer aber ist Heinz Karrer, der einstige Bank-Stift, der sich zum Devisenhändler ausbilden liess, die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nachholte, an der Hochschule St. Gallen studierte, zehn Jahre lang als Handballer Hochleistungs-Sport trieb? “Ein Ogi-Zögling”, antwortet ein ehemaliger Intersport-Mann lakonisch. Von 1985 bis 87 ist Karrer Direktor des Verbandes Schweizerischer Fabrikanten, Lieferanten und Agenten von Sportartikeln. In dieser Funktion begegnet er Adolf Ogi, der bis zu seiner Wahl zum Bundesrat 1988 Generaldirektor der Intersport Holding ist. Ogi, von dem dynamischen Nachwuchs-Verbandsmanager begeistert, holt Karrer 1987 als Direktor zu Intersport Schweiz. Hier schafft es dieser in fünf Jahren an die Spitze, wird erst Vorsitzender der Geschäftsleitung der Gesamtholding, dann Delegierter des Verwaltungsrates und erwirbt sich – angesichts der Intersport-Verluste jener Jahre ganz erstaunlich – das Image eines geschickten Sanierers.
Mitte der 80er Jahre boomt Intersport im Zeichen der Fun-Generation. Die Rekordgewinne werden in Ankäufe investiert: 1989 übernimmt die Firma “stolz und glücklich” Airtour Suisse, ein Jahr darauf die E+H Einkauf und Lager AG im solothurnischen Däniken. Bloss, die Einkäufe erweisen sich bald als Fehlinvestitionen. Statt der erwarteten Gewinne fahren sie der Intersport Holding Millionenverluste ein. Aber auch bei Karrers Intersport Schweiz herrscht zu Beginn der 90er Jähre nicht mehr eitel Sonnenschein. Ab 1991 schreibt die AG massive Verluste, die sich erst nach der Wintersaison 1995 mit einem kleinen Gewinn von 665’000 Franken wieder: ausgleichen. An den alljährlichen Pressekonferenzen spricht Karrer viel von schlechtem Wetter und mangelndem Schnee, selten aber von neuen Ansätzen der Sportartikel-Vermarktung.
1992, zum Vorsitzenden der Gesamtgeschäftsleitung ernannt, macht sich Heinz Karrer daran, die inzwischen marode Firma zu sanieren. Dabei geht es ihm nicht darum, den einzelnen Holdingbereichen eine neue Dynamik zu geben, neue Marktstrategien zu entwickeln. Unter dem Motto “Zurück ins Kerngeschäft” verhökert er die unrentablen Tochterfirmen als Ganzes oder in Häppchen an die Meistbietenden. Intersport holt durch solche Desinvestition Millionen zur Bilanzverschönerung herein. Die MitarbeiterInnen haben das Nachsehen. Mit einem “Rückzug ins Stammgeschäft” und massiver Desinvestition will Karren offensichtlich auch bei Ringier die Bilanzen ins reine bringen. Erst die LNN, dann die Wohnrevue “Privé” … und dann? Auch hier scheint es dem Finanzspezialisten weniger um innovative Marktstrategien im Medienbusiness denn um eine “Rentabilisierung” der Bilanzen zu gehen.

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