10. Juli 2007 von Susann Sitzler

Das Leben ist bunt, hurra!

Illustriertenverlag Heinrich Bauer: Mit dem Frauensender tm3 ins TV-Geschäft. Von Susann Sitzler.

Das Leben ist noch immer hart, auch für eine weisse Frau der Mittelklasse: weniger Lohn, dafür sexuelle Belästigung, immer nett aussehen und moderat formulieren, damit die Männer nicht ins Angstbeissen verfallen. Doch seit diesem Sommer ist die Benachteiligung dieser Frauen gegenüber anderen special-interest-Gruppen zumindest teilweise und telegen aufgehoben. Wer in der Schweiz über Satellitenempfang verfügt, kann nun den Frauensender tm3 – “selbstbewusst, stark und souverän” – sehen. Die Absichtserklärung der Macher klingt korrekt: “Hier werden Frauen als echte Abbilder und Vorbilder und nicht – wie sonst so oft – als Abziehbilder gezeigt. tm3 zeigt Frauen, die so interessant sind wie im echten Leben.” Von denen versteht man etwas, schliesslich gehört der Sender zur Hälfte der TeleMünchen Fernsehen GmbH & Co, zur anderen Hälfte dem Heinrich Bauer Verlag, der die verschiedenen weiblichen Zielgruppen mit Publikationen wie “Neue Post”, “Tina” oder “YoYo” versorgt.
Oberste Frau in der Hierarchie des Senders ist Chefredaktorin Anna Doubek. Angesprochen auf das Programm, in dem sich nach ersten Befragungen die deutschen Zuschauerinnen kaum wiederfinden, zeigt sie sich nicht ganz glücklich: “Ich habe die meisten Programme schon vorgefunden, als ich kam.” Die Eigen- und Auftragsproduktionen – ein Drittel des Programms – strahlen allesamt den diskreten Charme des am Reissbrett Entworfenen aus. Man fange halt klein an bei dem Frauensender, und das bringe mit sich, dass nicht von Anfang an alle eigenen Ansprüche erfüllt werden könnten, meint Anna Doubek.
Altbekannt und hausbacken und auch durch bunte Bilder und MTV-Ästhetik nicht aufzupeppen kommt das Programm von tm3 – “hier passiert, was Frauen interessiert” – daher: “Kinderella” verwendet die Sendezeit für Reportagen wie “Die Kleinen ganz gross – Kinderstars”, “Ultima” bietet “Nachmittagstalk für Frauen jeden Alters”, das Magazin “Frieda” erläutert in Beiträgen von “Zündkerzen selber wechseln” über “Ultraschall bei Schmerzen” bis “Statt Hotel: Höhle und Heu” alles, was die eingekauften Serien im Spektrum zwischen Wie-finde-ich-einen-Mann und Oh-Gott-ich-habe-eine-Laufmasche-und-dasTaxi-wartet-schon auslassen.
Wer soll tm3 -“für Frauen und Frauen und Frauen” – eigentlich sehen wollen? “Frauen jeden Alters, aller Geschmacksrichtungen, aller Bevölkerungsschichten”, lautet die Antwort im Konzeptpapier. Faktisch sind es die Frauen, die vor allem tagsüber den Fernseher laufen haben, “und das sind natürlich Hausfrauen”, weiss die Chefredaktorin. Zunächst stehe die Massenwirksamkeit im Vordergrund. Mit der wachsenden Reichweite – gegenwärtig ist der Sender nur über Eutelsat und in drei deutschen Bundesländern über Kabel zu empfangen – erhofft sie sich die nötigen Werbeeinnahmen, um endlich der wahren Bestimmung von tm3 – “innovativ, kreativ und interaktiv” – nachzugehen: “Wir möchten ein gesellschaftskritisches, frauenförderndes Programm machen”, sagt Anna Doubek.
Das kann dauern, und bis dahin kümmert man sich um die Auswahl der gezeigten Spielfilme. “Ganz bewusst zeigt tm3 Filme, die Frauen ernstnehmen, Filme, die unter die Haut gehen, Filme, die von Frauen handeln”, heisst es im Konzeptpapier. Namentlich von Regisseuren wie Chabrol, Godard, Fellini und Saura. Denn wichtiger als der originär weibliche Blick einer Regisseurin sei eindeutig, dass gute Frauenrollen vorkommen, sagt die oberste Frau des Senders. Allein, da steht die Verleiherpraxis – es müssen ganze Filmpakete übernommen werden – vor. Anna Doubek würde “natürlich am liebsten nur Filme wie “Thelma und Louise”` zeigen.
Im Gegensatz zu den beiden Frauen im Film hat tm3 – “nicht männerfeindlich, sondern frauenfreundlich” – mit Männern kein Problem, sie sind als Zuschauer “herzlich willkommen”. Einmal davon abgesehen, dass es einiges über die eigene Vorstellung von Emanzipation sagt, wenn man sich beim Interesse für Frauenbelange umgehend gegen Männerfeindlichkeit abgrenzen muss, trägt auch die “Frauenfreundlichkeit” sehr bekannte Züge: In einem Music-Special etwa wird die nimmermüden Tina Turner als “statt altes Eisen simply the best” vorgestellt. Wer kommt heute auf die Idee, eine Frau, die mit gut 50 noch recht weit von der Grube entfernt steht, öffentlich als “altes Eisen” auch nur in der Negation zu bezeichnen?
Nun sind wir Frauen also richtig im Fernsehen und wissen, was wir schon lange wissen können, wenn wir es denn wissen wollen. Wir wissen, wie wir sind und langweilen uns dabei in Stücke: “unterhaltsam und gut gelaunt, offen und ehrlich, frech und grenzenlos neugierig, engagiert und selbstbewusst” und obendrein schlank, blond und gutfrisiert. Hurra.

Senderangaben: tm3 ist in der Schweiz über Eutelsat zu empfangen: Eutelsat Hotbird I,13° Ost, direktstrahlend.

10. Juli 2007 von Edzard Schade

Die öffentliche Frau

Auf der Suche nach Infotainment-Stoffen emotionalisieren die Medien am liebsten Frauen in prominenten Positionen. Fernseh-Moderatorinnen bieten sich ganz besonders an. Von Edzard Schade.

“Am Bildschirm habe ich mich nicht unsicher gefühlt”, erinnert sich die ehemalige “10 vor 10”-Moderatorin Stephanie Zimmermann und wehrt sich gegen das von der Presse verbreitete Bild, sie sei bei ihrer Fernseharbeit überfordert gewesen: “Die Arbeit hat mir Spass gemacht.” Dass sie bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern einen anderen Eindruck hinterliess, ist ihr bewusst: “Ich wirkte zu wenig selbstsicher.” Nun, der Erfolg einer Moderatorin wird vor allem daran gemessen, wie sie wirkt, normalerweise interessiert es doch kaum jemanden, wie sie sich dabei fühlt. Fall Zimmermann erledigt?
Wahrscheinlich, hätte es da nicht eine rüde “Blick”-Kampagne gegen Stephanie Zimmermann und ihre Vorgesetzte Jana Caniga gegeben. “Blick” machte Stephanie Zimmermanns Wirken am Bildschirm zum breiten Thema und lenkte damit die Aufmerksamkeit des Publikums auf das persönliche Befinden der arbeitenden Moderatorin. Die SJU-Frauensekretärin Dore Heim hat jene Tage nicht vergessen, als Stephanie Zimmermann jeden Morgen von neuem in den Schlagzeilen stand: “Das ganze war wie ein Show-down konzipiert: am Morgen die ,Blick’-Schlagzeilen, am Abend Stephanie am Bildschirm. Von diesem Druck haben alle gewusst, und wenn ich am Abend schaute, habe ich nur gedacht, hoffentlich schafft sie es. Ihre Moderation stand plötzlich so im Vordergrund, dass es kaum mehr um die Themen selbst ging.” Die Kampagne führte zu einer völlig unüblichen Anteilnahme und beeinflusste damit die Wahrnehmung von Stephanie Zimmermanns öffentlich exponierter Arbeit beträchtlich. Ihr sei die Moderation normalerweise völlig egal, meint Dore Heim: “Was soll’s, wenn sich ein Moderator einmal verspricht. Ich will Informationen vermittelt bekommen und brauche keinen emotionalen Bezug zur Vermittlerin.”

Gezielter Hebeleinsatz
Die emotionalisierende “Blick”-Kampagne erschütterte also in perfider Weise Zimmermanns öffentliche Rolle als Moderatorin. Dabei hatte sich Stephanie Zimmermann den Umgang mit der Presse genau überlegt, hatte sich wiederholt gegen eine übermässig personalisierende Berichterstattung gewehrt, da dies Abhängigkeiten schaffe und für den Job selber schlecht sei. Ein vergeblicher Versuch. Die Macker vom “Blick” liessen sich von offenkundigen Instinkten leiten, als sie die beiden “10 vor 10”-Macherinnen zur Zielscheibe wählten, um wieder einmal gegen das Fernsehen DRS zu schiessen. “Es ging einerseits um mich”, vermutet Stephanie Zimmermann, “ich war aber sicher auch das Mittel, um meine Chefin Jana Caniga anzugreifen; ich war das schwächste Glied, bei mir konnte am besten der Hebel angesetzt werden.” Die “Blick”-Kampagne war also zugleich eine Zerreissprobe der Solidarität zwischen den beiden Frauen, versprach das nicht eine besonders delikate Dramaturgie? Jedenfalls in der Öffentlichkeit sind die beiden “10 vor 10”-Frauen anständig miteinander umgegangen.
Dass sich ein Mann an Stephanie Zimmermanns Stelle einiges mehr hätte erlauben können, ist für die SSM-Frauensekretärin Claudine Traber ziemlich offensichtlich: “Dass ihre Chefin eine Frau ist, die den Frauenanteil im Team erhöhte, war schliesslich einfach zuviel.” News-Sendungen seien eben besonders prestigeträchtig, gibt Dore Heim zu bedenken: “Man hat ja bei den Voten im Blick` gegen Frauen in News-Sendungen sehen können, was für heftige Abwehr Frauen auslösen, wenn sie in diesen Bereich vorstossen.” Da gebe es einen eigenartigen Schulterschluss von Männern in der Presse und in den elektronischen Medien. Barbara Bürer, die 1989 als “Max”-Moderatorin selber zur Zielscheibe einer “Blick”-Hetzkampagne geworden war, wird noch deutlicher: “Gab es das schon bei Männern, dass über ihr Äusseres ihre fachliche Kompetenz in Frage gestellt wurde?” Sie wisse von keinem Mann beim Fernsehen, der vom “Blick” ähnlich verfolgt wurde.
Frauenspezifische Klischees werden leider nicht nur von der Boulevardpresse reproduziert. So schrieb doch kürzlich der “Tages-Anzeiger”, die Zürcher Regierungsratskandidatin Vreni Müller-Hemmi habe keine Ausstrahlung. Aber stand je zur Diskussion, ob Herr Homberger Ausstrahlung besitze? Die Toleranz gegenüber Frauen, die für sich eine exponierte öffentliche Rolle beanspruchen, sei häufig geringer als gegenüber ihren männlichen Kollegen, klagt Dore Heim, man kenne das aus der Forschung., Speziell zum Fall Zimmermann sagt sie, Zuschauer würden einen Mann eher als selbstsicher und eine Frau eher als unsicher betrachten.

Verhängnisvolle Verquickung der Medien
Stephanie Zimmermann reduziert ihr Scheitern keineswegs auf eine reine “Frauenfrage”. So sei für sie die gravierendste Erfahrung “die Verquickung zwischen dem Fernsehen und der Regenbogenpresse”. Für eine Informationssendung wie “10 vor 10” sei es eine heikle Gratwanderung, wenn sie die Werbekraft der Presse für hohe Einschaltquoten nutzen wolle. In guten Zeiten gebe das Publizität und Schmeicheleien, und in schlechten werde man halt zum auflagesteigernden “Fall Zimmermann”, mit dem zugleich Personalpolitik von aussen betrieben werden könne. Es sei für ” 10 vor 10″, das selber Infotainment mache, besonders schwierig, sich von Methoden der Boulevardpresse abzugrenzen. Information als reine Unterhaltung findet sie daneben, jedoch dürfe Information spannend, unterhaltend und attraktiv aufgemacht sein: “Aber die Grenzen zwischen einem spannend gemachten Beitrag und reiner Unterhaltung sind schwierig zu ziehen.” Nein, sie habe es nicht unterschätzt, was Infotainment machen für die präsentierende Person bedeute, es sei ein klares Risiko gewesen. Sie habe bei “10 vor 10” ein Arbeitsfeld für sich gesehen.

Krisenmanagement
Werde jemandem ein negatives Image zugeschrieben, dann sei es für diese Person praktisch unmöglich, sich aus der Umklammerung zu lösen, glaubt Dore Heim: “In einer solchen Situation müsste eine ungeheure Professionalität und Berufserfahrung vorhanden sein, um die Sache einfach weiter durchziehen zu können.” Gegen eine Kampagne habe man relativ wenig Handhabe, klagt Stephanie Zimmermann: “Entweder ignorierst du alles, das geht aber nur, wenn du die entsprechende Rückendeckung hast, oder du reagierst darauf, womit du aber deine Abhängigkeit zeigst.” Wie reagierte sie? Der Reflex sei klar gewesen, erinnert sie sich: “Jetzt zeigst du es ihnen. Ich habe daran geglaubt, dass ich den Job machen kann. Das Urteil vom ,Blick` hat sich ja nicht einfach mit den Meinungen des Publikums gedeckt.”
Barbara Bürer reagierte auf die Infragestellung ihrer Rolle als “Max”-Moderatorin anders: “Ich habe gesagt, ich halte das nicht aus.” Sie moderierte zwar noch eine Zeitlang weiter, gab aber nach wenigen Sendungen ihre Kündigung intern bekannt: “Ich war nicht genehm als Frau, ich war für diese Sendung wohl nicht die richtige Moderatorin.” Vielleicht hätte es im Fall von Stephanie Zimmermann etwas gebracht, wenn sie früher und schrittweise vom Bildschirm weggenommen und noch einmal intensiv ausgebildet worden wäre, überlegt Barbara Bürer: “So hätte man Stephanie Zimmermann besser schützen und der ,Blick’-Kampagne den Wind aus den Segeln nehmen können. Das hätte aber sehr früh geschehen müssen, als man merkte, dass der Eindruck von Unsicherheit nicht weggeht.” Stephanie Zimmermann ist sich ihrer Mitverantwortung bewusst: “Im Rückblick hätte ich früher eine klare Stellungnahme innerhalb des Betriebes einfordern sollen.”
In einer Krisensituation sei das Verhalten der Vorgesetzten sehr wichtig, meint Dore Heim: “Intern kann man knallhart offen sein; aber Moderatoren und Moderatorinnen sind wegen ihrer exponierten Rolle stark auf einen sie nach aussen stützenden Hintergrund angewiesen.” Genau deswegen wurde verbreitet Kritik an Jana Caniga geübt, als sie in einem Interview im “Facts” ihre Unzufriedenheit mit Stephanie Zimmermann öffentlich machte. Dore Heim vertritt keineswegs alleine den Standpunkt, dass Vorgesetzte ihre Personalpolitik nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten dürften, denn die Situation der Untergebenen könne sich dadurch massiv verschlechtern: “Das fand ich unprofessionell von Jana Caniga.” Andere bezeichnen Canigas Verhalten als löbliche Transparenz.

Risikoverminderung
Sicher, ein professionelles Krisenmanagement kann die schlimmsten Folgen eines Absturzes verhindern, aber könnten nicht schon vorher bei der Auswahl und Ausbildung bessere Sicherungen eingebaut werden? Die SSM-Frauenkommission habe diesbezüglich einen Grundsatz formuliert, berichtet Claudine Traber: “Wenn jemand ohne Bildschirmerfahrung die Moderation einer so wichtigen Informationssendung übernehmen soll, dann braucht es eine sehr gute Schulung und breite Unterstützung. So kann das Absturzrisiko vermindert werden.” Claudine Traber kritisiert, die Redaktion sei sich etwas im Unklaren gewesen, was sie von der neuen Person erwartete: “Sie wollte ein neues Gesicht und hat dann zu schnell und zu viel verlangt. Jemand ohne Bildschirmerfahrung muss aufgebaut werden.” Das sei ihrer Meinung nach zu wenig passiert.
Ein Risiko bleibt es immer: ob jemand für eine bestimmte öffentliche Rolle geeignet ist oder nicht, zeigt sich erst in der Praxis, und die kann nie vorweggenommen werden. Das Fernsehen selektioniert oft brutal. Wer sich hier exponiert, muss bei noch so optimaler Betreuung letztendlich immer selbst die Verantwortung für sich wahrnehmen. Man müsse selbstkritisch entscheiden können, was das Beste für einen selber sei, wirft Barbara Bürer ein, aber das sei häufig gerade die “Schwierigkeit jener Menschen, die nach aussen gehen.”
Aus Selbstschutz möchte sich Stephanie Zimmermann zu vielen Fragen nicht äussern. Besonders wichtig sei es ihr, dass klar werde, warum sie zur Zeit der “Blick”-Kampagne geschwiegen habe: “Vielleicht hätte ich meinen Kopf besser retten können, wenn ich irgendwelche Sachen ausgepackt oder sogar erfunden hätte, aber ich wollte auf keinen Fall dieses Spiel, das ich kritisiere, mitmachen.” Sicher ein kluger Entscheid.

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