10. Juli 2007 von Ursula Dubois

“Wir sind kein Marktregulator”

Verlegerpräsident Hans Heinrich Coninx über Pressevielfalt und freie Zeitungsmärkte

Klartext: Welche Zeitung lesen Sie morgens zuerst?
Coninx: Selbstverständlich den “Tages-Anzeiger” …
Klartext: … wann?
Coninx: Etwa um sechs Uhr.
Klartext: Sie bekommen ihn also in Küsnacht-Goldbach mit dem Frühzustelldienst.
Coninx: Zum Glück ja; ich gehöre zu der grossen Mehrheit der Leser des “Tages-Anzeigers” und der “Neuen Zürcher Zeitung”, die durch die Zuvo bedient werden.
Klartext: Sie sind also – im Gegensatz zu den PTT – überzeugt, dass die Frühzustellung der Tageszeitungen ein “must” ist.
Coninx: Natürlich. Die Post denkt da an den Marktbedürfnissen und Wünschen unserer Leser vorbei. Diese wollen heute die Zeitung nicht erst um sieben oder acht Uhr …
Klartext: … oder um zwölf Uhr mittags …
Coninx: … heute wollen die Menschen informiert sein, bevor sie zur Arbeit gehen oder ihr Tagesprogramm in Angriff nehmen. Tagsüber ist es dann in erster Linie das Radio und abends das Fernsehen, das die Informationen liefert. Natürlich hören morgens auch sehr viele Leute Nachrichten am Radio, und sei es nur als Begleitgeräusch zur Morgentoilette … aber um sich dann umfassend zu informieren, dafür ist die Tageszeitung immer noch das Erstmedium.
Klartext: Die Zeitungsverleger wehren sich gegen das sogenannte “Drittelsmodell”, wonach die PTT-Defizite aus der Zeitungszustellung zu je einem Drittel von den Verlegern, von der Post und vom Bund beglichen werden sollen. Ursprünglich standen Sie aber auch hinter diesem Modell; weshalb nun dieser Sinneswandel?
Coninx: Wir wehren uns nicht grundsätzlich dagegen, einen Teil der Kosten der Zeitungszustellung zu übernehmen, Wir haben die Rechnungslegung der PTT jedoch immer bestritten. Die Post ist nicht in der Lage, ihr angebliches Defizit von 270 Millionen Franken aus der Zeitungszustellung wirklich zu belegen. Wir verlangen eine Grenzkostenrechnung, bei der sauber aufgezeigt wird, was die Post für die Zustellung einer Zeitung oder Zeitschrift aufwenden muss. Daneben hat auch die Rezession von 1993 zu einem gewissen Umdenken geführt; deshalb haben wir damals die PTT aufgefordert, nochmals über diese Taxen zu verhandeln. Die Post hat selber gemerkt, dass sie nicht so schnell eine genaue Rechnung aufstellen kann; dennoch will sie schon jetzt neue Tarifmodelle einführen und Preisaufschläge durchsetzen, die für die Verleger nicht zu verkraften sind. Dies akzeptieren wir nicht.
Klartext: Seit 1993 hat sich die Lage aber für die Verleger wieder deutlich verbessert.
Coninx: Zum Glück; wir sind in einer Erholungsphase. Aber nicht alle haben letztes Jahr so gut abgeschlossen wie die TA-Media AG. Es gibt viele mittlere und kleinere Zeitungen, die immer noch gewaltig kämpfen. Die sind weit davon entfernt, der Post gegenüber grosszügige Gesten machen zu können.
Klartext: Die Post wirft Ihnen vor, auf Zeit zu spielen, weil Sie mit jedem gewonnenen Monat Hunderttausende von Franken einsparen.
Coninx: Dieses Argument würde ich dann akzeptieren, wenn wir bei den letzten Verhandlungen kein Übergangsmodell eingereicht hätten, mit dem die Verleger für die nächsten drei Jahre je 9 % Tarifaufschlag in Kauf nehmen. Wir verlangen, dass die PTT in dieser Zeit ihre Rechnungslegung auf Vordermann bringen. Dann können wir meinetwegen neue Tarifmodelle aushandeln.
Klartext: Sie argumentieren, dass Sie die höheren Taxen nicht den Abonnenten weitergeben können. Haben Sie Ihre Leser gefragt?
Coninx: Nein; wir sehen aber, wie die Leserschaft jedesmal reagiert, wenn wir die Tarife hinaufsetzen. Wir sind an der oberen Grenze angelangt. Heute holt sich ein Leser auch via Radio und Fernsehen Informationen, und dort ist er von Staates wegen gezwungen, vorgeschriebene Tarife zu bezahlen. Es gibt einfach eine gewisse Grenze dessen, was man bereit ist, für Medienkonsum insgesamt auszugeben.
Klartext: Aber im internationalen Vergleich ist ein Zeitungsabo in der Schweiz immer noch sehr günstig.
Coninx: Nur nützt uns dies nichts. In der heutigen angespannten Wirtschaftslage, wo lange nicht mehr alle Löhne der Teuerung angepasst werden, kommt es nicht sehr gut an, wenn wir jetzt massive Preisaufschläge einführen. Nebst den steigenden PTT-Tarifen, ob das jetzt 9 oder 17 % sind, haben wir massive Aufschläge beim Papierpreis von 25 bis 30 % und andere Kostensteigerungen zu verkraften. Das können wir beim besten Willen nicht alles unseren Lesern überwälzen.
Klartext: Sie haben auch steigende Werbeeinnahmen. Die Werbewirtschaft hat ihre Budgets im Vergleich zum Vorjahr um über 10 erhöht.
Coninx: Hier gilt dasselbe wie für die Abonnemente – wir können nur dann höhere Tarife verlangen, wenn wir dafür mehr bieten, Sonst geht das Werbevolumen einfach entsprechend zurück, und wir haben trotz höherer Tarife keine Mehreinnahmen. Die meisten Zeitungen und Zeitschriften haben ihre Anzeigentarife für das kommende Jahr gar nicht oder nur wenig erhöht.*
Klartext: Der Schweizerische Verband der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger (SZV) tritt für freie Marktwirtschaft ein – warum nicht auch bei der Zeitungszustellung? Die PTT könnten dann als einer von mehreren Anbietern auftreten.
Coninx: Die PTT sind ein Regiebetrieb, der einen klaren Leistungsauftrag erfüllen muss. Auch wir Verleger stehen klar dazu. Es ist für unsere politische Kultur wichtig, dass das Bedürfnis der Bevölkerung, mit Zeitungen und Zeitschriften versorgt zu werden, um sich kulturell und politisch eine Meinung zu bilden, sichergestellt wird. Aber wenn die PTT auf ihren Tarifmodellen beharren – dann wird der Markt spielen: und wir werden unsere Möglichkeiten auszuschöpfen wissen.
Klartext: Noch mehr Selbstvertrieb also?
Coninx: Die grossen Zeitungen werden in den nächsten zwei Jahren ihre Vertriebssysteme nochmals ganz wesentlich ausbauen.
Klartext: Und den PTT nur noch die uninteressanten Gebiete überlassen?
Coninx: Genau. Deshalb verstehe ich die sture Haltung der Post nicht, die nicht bereit ist, über eine Flexibilisierung ihres Modells zu diskutieren.
Klartext: Sie picken die Rosinen heraus, betreiben in den grossen Agglomerationen und entlang der NI eigene Vertriebssysteme, und dort, wo es teuer wird, lassen Sie dann die PTT zum Zug kommen.
Coninx: Sehen Sie, vor 25 oder 30 Jahren haben wir zum Thema Frühzustellung bereits erste Gespräche mit der Post geführt. Sie war damals nicht willens und nicht in der Lage, in dieses Geschäft einzusteigen; so waren viele Verlage gezwungen, den Vertrieb in eigener Regie zu organisieren. Natürlich begann man dort, wo man eine grosse Abonnentenzahl auf kleinem Raum hatte, und nicht irgendwo im Calancatal. Dass uns jetzt vorgeworfen wird, wir pickten die Rosinen aus dem Kuchen, das stimmt aus historischer Sicht nicht.
Klartext: Die Post wird aber auch selber in der Frühzustellung aktiv, im Kanton Aargau zum Beispiel. Und dies offenbar zu konkurrenzlosen Tarifen …
Coninx: … das gehört ins Kapitel Dumping, genauso wie die Tatsache, dass die Post auch verschiedene Gratisanzeiger zu absoluten Tiefstpreisen befördert, billiger noch als gewöhnliche Tageszeitungen. Dies widerspricht klar einem Entscheid des Bundesgerichtes, welches diese Blätter ausdrücklich als nicht förderungswürdig bezeichnet.
Klartext: Der SZV hat eine Inseratekampagne geschaltet, um seine Sicht darzulegen. Was hat die bewirkt – abgesehen davon, dass die PTT daraufhin ebenfalls eine Kampagne gestartet haben?
Coninx: Die PTT haben mit ihren Inseraten die unsrigen finanziert! Unsere Kampagne, die Pressekonferenz und die Medienauftritte haben bewirkt, dass über die PTT-Tarife nun nicht mehr irgendwo hinter verschlossenen Türen verhandelt wird; die Öffentlichkeit ist auf dieses Thema aufmerksam geworden, und auch die Politiker sind nun sensibilisiert. Wir haben in unseren Gesprächen, auch mit einzelnen Bundesräten, klarmachen können, dass dies nicht bloss eine Kleinigkeit ist, ein Streit um 9 oder 17 %. Es geht um die Existenz einer Vielzahl von Titeln, die gefährdet sind, wenn die PTT ihre Tarifordnung durchsetzen.
Klartext: Der Bundesrat wird Ende November entscheiden.** Falls der Entscheid nicht in Ihrem Sinne ausfällt, werden Sie dann bis vors Bundesgericht gehen?
Coninx: Auf jeden Fall. Es ist die Aufgabe unseres Verbandes, sich zu wehren, wenn er sieht, dass die Post sich über gesetzliche Vorschriften hinwegsetzt. Der Gesetzgeber hat im neuen Postverkehrsgesetz vorgesehen, dass die kleinen Titel profitieren. Die Post muss laut Artikel 10 die Zeitungen zu Vorzugstarifen befördern, unter besonderer Berücksichtigung der regionalen und lokalen Presse – diesen Auftrag erfüllt das vorgeschlagene PTT-Modell nicht. Hinzu kommt, dass die vorgeschlagene Treueprämie eine komplette Marktverzerrung bedeutet, indem die Zeitungen bestraft werden, die einen Teil ihrer Auflage selbst vertreiben, weil die Post dazu nicht in der Lage ist: Das ist für mich keine Treueprämie, sondern eine Straftaxe. Auch dies ist vom Gesetz nicht so vorgesehen, auch diesen Punkt werden wir bekämpfen.
Klartext: Die Treueprämie ist aber ein geschickter Schachzug der PTT, zielt sie doch darauf ab, die Interessengegensätze der Verleger auszunützen. Ringier z.B., der kaum selbst vertreibt, hat ein Interesse an einer Treueprämie; Ringier war an der SZV-Pressekonferenz Ende Oktober daher auch nicht vertreten …
Coninx: Der Verband lehnt diese Treueprämie einmütig ab, inklusive Ringier. Ein kleiner Rabatt wäre allenfalls denkbar, aber die Treueprämie in der vorgeschlagenen Höhe kommt für uns nicht in Frage.
Klartext: Sie rufen nach Pressevielfalt. In der von Ihnen immer wieder beschworenen Marktwirtschaft ist Presseförderung via Posttarife aber ein alter Zopf. Wäre Ihr Verband auch für eine andere Art der Presseförderung zu haben?
Coninx: Wir müssen den freien Markt möglichst weit spielen lassen. Es ist wichtig, dass auch kleinere und ganz kleine Zeitungen sich den Marktbedürfnissen anpassen, Auch da gibt es einige Zeitungen, die rentieren und ihren Weg gehen. Übrigens ist es jetzt schon so, dass die grossen Zeitungen für die Zustellung pro Exemplar deutlich mehr bezahlen als die kleinen. Diese indirekte Presseförderung ist verbandsintern akzeptiert. Direkte staatliche Förderungsmassnahmen finde ich hingegen bedenklich, Weshalb sollen Politiker entscheiden können, welche Zeitung gefördert wird und welche nicht? Das könnte auch die Unabhängigkeit der Printmedien in Frage stellen. Und: nach welchen Regeln soll die Presseförderung erfolgen? Sehen Sie die Situation in Österreich, Das ist ein total absurdes System, das darauf basiert, welche Position ein Titel in einem bestimmten Markt hat, Im Raum Salzburg gibt es zwei Titel, die “Salzburger Nachrichten” und die “Kronen-Zeitung”. Die erstere dominiert zwar den lokalen Markt leicht, aber national gesehen ist die “Kronen-Zeitung” natürlich dominant, das ist ein wirklicher Moloch in Österreich! Und weil sie in Salzburg nur die zweitstärkste Zeitung ist, bekommt sie dort Presseförderung …
Klartext: Die Pressevielfalt könnte auch über eine Fusionskontrolle gefördert werden. Dann wäre ein Monopol, wie es nun in der ganzen Zentralschweiz droht, nicht mehr möglich.
Coninx: Ich bedaure es für die Innerschweizer Bevölkerung, dass es in Zukunft nur noch eine grosse Tageszeitung geben wird. Ich bedaure es sehr, denn es ist immer wertvoll, wenn ein Bürger sich vielseitig informieren kann. Auf der anderen Seite ist der Innerschweizer Wirtschaftsraum für die Existenz zweier gleich grosser Tageszeitungen auf die Zukunft hinaus gesehen zu klein …
Klartext: … es waren vor nicht allzu langer Zeit sogar noch deren vier!
Coninx: Ursprünglich ja. Aber die LNN war nun schon seit einigen Jahren in den roten Zahlen. Und die “Luzerner Zeitung” hat auch keine grossen Gewinne gemacht.
Klartext: Die “Luzerner Zeitung” verdankt ihr Überleben in erster Linie dem Swisspool, dem Inseratepool der grössten Schweizer Tageszeitungen,*** dem sie angeschlossen ist …
Coninx: … das ist ganz klar …
Klartext: … welcher wiederum ein Instrument ist, das die Starken stärkt und letztlich die Pressevielfalt gefährdet.
Coninx: Nun, für die “Luzerner Zeitung” war der Swisspool sicher eine Stärkung der Position; für den Swisspool andererseits hat die “Luzerner Zeitung” den Markt Zentralschweiz gut abgedeckt. Dass man Kooperationen sucht, das ist kein Verstoss gegen die freie Marktwirtschaft; im Gegenteil: Wenn man dem Fernsehen Paroli bieten will, oder wenn man im internationalen Vergleich konkurrenzfähig sein will, dann braucht es eine Kooperation der grössten Partner. Auch die regionalen Zeitungen bieten Inseratekombis an, im Berner Oberland oder in der Ostschweiz zum Beispiel. Es gibt – nicht nur wegen des Swisspools – eine Entwicklung in Richtung einiger starker Regionalzeitungen, wie in Basel oder nun auch in Luzern. Daneben wird es sicher auch weiterhin lokale Blätter geben, welche die lokale Information besorgen. Dies werden die Grossen auch in Zukunft mit vernünftigem Aufwand nie leisten können. Die mittleren Regionalblätter werden am ehesten in Schwierigkeiten kommen.
Klartext: Wie der “Bund” in Bern?
Coninx: In Bern ist nun ein harter Kampf im Gange, weil die “Berner Zeitung” ihre Position in den letzten Jahren sehr stark hat ausbauen können, Es wird sich zeigen, ob diese Region genügend hergibt für die Existenz zweier Zeitungen. Da ist der Platz Zürich natürlich besser dran, dessen wirtschaftliche Potenz es ermöglicht, dass mindestens zwei Tageszeitungen gut existieren können. Ich möchte mir Zürich nicht ohne die NZZ vorstellen!
Klartext: In Luzern wird es bald keine LNN mehr geben – in Bern wird mit harten Bandagen um den “Stadtanzeiger” und damit um die endgültige Vorherrschaft gekämpft – kann hier der Verband nicht eingreifen und zum Schutz des Schwächeren die Rote Karte ziehen?
Coninx: Wir können höchstens verbandsintern das Marktverhalten eines Kollegen kritisieren. Aber wir sind kein Marktregulator. Wir können uns nicht auf der einen Seite zur freien Marktwirtschaft bekennen, wo man halt untereinander kämpfen muss, und dann doch irgendwo eingreifen. Da würden wir mit dem Kartellrecht in Konflikt geraten.
Klartext: Was ist dann Ihr Bekenntnis zur Pressevielfalt wert?
Coninx: Da liegt ein gewisser Widerspruch, das muss ich zugeben. Aber es hat keinen Sinn, Titel mitzuziehen, die nicht mehr überlebensfähig sind. Wir setzen uns für eine Pressevielfalt ein, die sich auf Titel mit gesunder Lebensbasis abstützt.
Klartext: Gehört dazu – zum Beispiel – auch der “Bund”?
Coninx: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe dort nicht in die Bücher gesehen; und unser Verlag, die TA-Media, ist zwar an der “Berner Zeitung BZ” beteiligt, aber nicht an der BTM, der Muttergesellschaft der BZ. Der Anzeigerstreit in Bern wickelt sich aber zwischen der BTM und dem “Bund” ab, wir haben also direkt nichts damit zu tun. In der BTM hat die TA Medien kein Wort zu sagen. Wir sind auch von der BTM nie konsultiert worden, höchstens – zum Teil eher etwas spät – informiert worden.
Klartext: Hätten Sie, falls man Sie gefragt hätte, zur Vorsicht geraten?
Coninx: Diese Frage möchte ich nicht beantworten.
Klartext: Hans Heinrich Coninx, Ihr Verband lehnt den neuen Gesamtarbeitsvertrag mit den Journalistenverbänden ab – und dies, obwohl das SZV-Präsidium das Verhandlungsresultat einstimmig angenommen hat. Wieso kam es zu dieser Desavouierung des Präsidiums?
Coninx: Es ist aus verschiedenen Gründen keine Desavouierung. Erstens: wir haben dem GAV ganz klar unter dem Vorbehalt zugestimmt, dass er noch von der Generalversammlung des Verbandes genehmigt werden muss. Zweitens sind gewisse Punkte wie Arbeitszeit und Teuerungsausgleich schon vor längerer Zeit vereinbart worden, und die Situation hat sich in der Zwischenzeit sehr stark verändert. Unter dem Eindruck der Rezession wollten wir dann einen krisensicheren GAV erzielen, das heisst, dass man nun den automatischen Teuerungsausgleich weghaben und durch eine Verhandlungslösung ersetzen wollte. Und drittens ist ja nicht der gesamte GAV abgelehnt worden, sondern nur drei Punkte: der Teuerungsausgleich, die Arbeitszeit und der Geltungsbereich des GAV für die Freien.
Klartext: Dies sind doch sehr zentrale Punkte, die Sie ablehnen – wollen die Verleger überhaupt einen GAV?
Coninx: Unsere Generalversammlung hat einstimmig ja gesagt, dass wir einen GAV haben wollen. Wenn wir in diesen drei umstrittenen Punkten zu einer neuen Lösung kommen, dann stimmen wir dem GAV zu.
Klartext: Aber es war ja Ihre Delegation, die den automatischen Teuerungsausgleich vorgeschlagen hat. Wieso kommen Sie jetzt darauf zurück?
Coninx: Wir wollen als Verband wirklich die ganze Verlegerschaft hinter diesen Vertrag bringen; wir möchten nicht, dass einzelne Verleger, kleine oder grosse, ihr Sonderzüglein fahren. Deshalb haben wir auch in urdemokratischer Weise das Verhandlungsergebnis in die interne Vernehmlassung gegeben und dann an einer ausserordentlichen Generalversammlung diskutiert; und es hat sich gezeigt, dass diese drei strittigen Punkte so nicht angenommen werden. Die Erfahrungen der letzten Jahre sitzen einzelnen Verlegern noch in den Knochen; deshalb die Vorsicht beim Teuerungsausgleich. In einer wirtschaftlichen Krise kann ein automatischer Teuerungsausgleich für gewisse Verlage ruinös sein.
Klartext: Spielt da auch die Angst vor den höheren PTT-Tarifen mit?
Coninx: Nein, das hängt nicht direkt zusammen; es geht ja nicht nur um finanzielle Fragen. Auch die Journalistenverbände müssten interessiert daran sein, dass der Geltungsbereich des GAV für die freien Journalisten nicht allzu breit ist. Ich bitte Sie im übrigen auch zu beachten, dass die Verleger im sozialen Bereich und bei der Ausbildung den Wünschen der Journalistenverbände ganz gewaltig entgegengekommen sind, Ich erinnere nur daran, dass die Verleger in Zukunft ein Prozent der gesamten Lohnsumme der Redaktion in die journalistische Weiterbildung fliessen lassen. Das fördert die Qualität und die Überlebenschance einer Zeitung ganz direkt; dies müssen wir freilich noch vermehrt einzelnen Verlegern klarmachen.
Klartext: Dennoch: wie kommt es, dass die SZV-Delegation, der der TA-Finanzchef angehört, ein Verhandlungsresultat erarbeitet, das Sie als TA-Chef und SZV-Präsident unterstützen – und dann stimmt nicht einmal Ihr eigener Verlag zu?
Coninx: Das dokumentiert doch meine Unabhängigkeit: als Verbandspräsident bin ich nicht einfach ein TA-Media-Vertreter! Ich muss gelegentlich von den Partikular-Interessen meines Verlages abstrahieren und mich für die kleinen und mittleren Zeitungen einsetzen …
Klartext: Die Journalistenverbände haben klar dokumentiert, dass sie nicht zu Nachverhandlungen bereit sind. Demnach setzen Sie mit Ihrer Ablehnung den GAV aufs Spiel.
Coninx: Ich hoffe immer noch, dass eine neue Verhandlungsrunde über die strittigen Punkte möglich sein wird: wir werden nochmals auf die Journalistenverbände zugehen.
Klartext: Haben Sie denn auch etwas anzubieten?
Coninx: Ich weiss noch nicht, wie die Vorschläge genau aussehen werden. Ursprünglich hatten wir einmal die Idee, im neuen GAV – im Sinne eines Mantelvertrages – nur ein ganz grobes Sicherheitsnetz aufzuspannen und einfach gewisse Minimalstandards festzusetzen, den Rest aber den einzelnen Unternehmen zu überlassen. Dann wurde der GAV aber mit der Zeit doch wieder komplizierter und detaillierter, vor allem wegen des starken Sicherheitsdenkens der Journalisten …
Klartext: … was nur allzu verständlich ist, wenn man sieht, was sich heute auf dem Arbeitsmarkt abspielt!
Coninx: Dies ist nur eine Feststellung, keine Kritik an den Journalistenverbänden. Aber es gibt ja in Sachen Lohnentwicklung neue Tendenzen: Nicht nur bei den Verlegern, sondern bei den Arbeitgebern überhaupt versucht man wegzukommen vom automatischen Teuerungsausgleich und dafür die Löhne leistungsbezogen anzuheben, also gute Leistungen honorieren zu können.
Klartext: Den Leistungslohn versucht die SRG im Moment gerade einzuführen – mit grossen Schwierigkeiten: Wie soll eine journalistische Leistung gemessen und bewertet werden?
Coninx: Genauso schwierig ist es doch auch die Arbeitszeit eines Journalisten genau festzulegen! Wenn er unterwegs im Zug die Zeitung liest oder sich zuhause gedanklich vorbereitet – wieviel davon ist Arbeitszeit, was soll alles genau zu diesen 42 Wochenstunden gezählt werden? Das liegt in der Führungsaufgabe eines Chefredaktors, dass er Arbeitszeit und Leistung eines Journalisten zu beurteilen hat. Solche Sachen kann man kaum genau in einem Gesamtarbeitsvertrag regeln.
Klartext: Wann, hoffen Sie, wird der neue GAV in Kraft treten können?
Coninx: Ich bin der Meinung, dass wir möglichst rasch zu einem GAV kommen müssen. Wie gesagt: Wir sind an einem GAV interessiert; dies zeigt sich auch daran, dass wir uns in der ganzen vertragslosen Zeit weitgehend an den alten, nicht mehr in Kraft stehenden GAV gehalten haben; da haben wir Verleger ein gutes Gewissen, Wir möchten dieses Dossier möglichst rasch zu einem guten Ende bringen …
Klartext: … damit Sie ‘sich dem nächsten Streitpunkt zuwenden können: den Beziehungen zur Werbewirtschaft. Sie haben auf Ihrer Jahrestagung im September neue “Spielregeln” für den Werbemarkt verabschiedet, an denen die Werber nicht nur Freude haben.
Coninx: Wir haben nichts Revolutionäres vorgeschlagen. Es ist klar, dass wir in einigen Punkten nicht mit der Werbewirtschaft einig sind. Wobei anzumerken ist, dass auch deren Verbände zum Teil unterschiedliche Ansichten vertreten. Ich habe den Eindruck, dass es bei den Verbänden der Werbewirtschaft auch Kämpfe um Mitglieder, um die Attraktivität des eigenen Verbandes gibt. Ich verstehe, dass der Bund Schweizer Werbeauftraggeber BSW sich dagegen wehrt, dass der einzelne Verleger in Zukunft selber entscheidet, welche Werbeagentur in den Genuss der sogenannten Beraterkommission kommen soll und wer nicht.
Klartext: Was versprechen Sie sich von dieser Deregulierung der Kommissionsberechtigung?
Coninx: Wir hoffen, dass wir weniger den Vorschriften eines Partnerverbandes ausgeliefert sein werden. Es kann sein, dass ein lokaler Verleger hervorragende Beziehungen zu einer örtlichen Werbeagentur hat, die ihm ein grosses Inseratevolumen einbringt; und wenn diese Agentur halt nun vom BSW nicht anerkannt ist, dann dürfte er heute einer solchen Agentur keine Kommission gewähren und sie für ihre Tätigkeit nicht honorieren. Das führt dann dazu, dass man halt irgendwelche Rabatte gewährt. Wir werden in Zukunft mehr Ordnung und mehr Transparenz haben, wenn der Verleger selber entscheidet, wem er die Kommission gewährt, und es dann auch dabei belässt.
Klartext: Glauben Sie denn, dass die gültigen Anzeigentarife in Zukunft nicht mehr unterlaufen werden, so wie es heute gang und gäbe ist?
Coninx: Unser Verband kann nur Empfehlungen abgeben und unsere Mitglieder moralisch ein bisschen unter Druck setzen, sich an die geltenden Tarife zu halten. Aber wir können nicht jeden einzelnen Verlag kontrollieren, schon aus kartellrechtlichen Gründen. Wichtig ist für uns einfach die Transparenz, Aber es muss auch möglich sein, dass ein einzelnes Unternehmen einem Inserenten gewisse Rabatte gewährt oder Dienstleistungen günstiger zugesteht oder ein Gesamt-Package vereinbart: Da muss der einzelne Unternehmer einfach seinen Spielraum haben.
Klartext: Der BSW schlägt vor, die Beraterkommission schrittweise auf den international gebräuchlichen Wert von 15 % zu erhöhen. Weshalb bleiben Sie bei den bisherigen 5 %?
Coninx: Wir sind – nach einem längeren Hin und Her – zum Schluss gekommen, bei der bisherigen Beraterkommission zu bleiben. Diese internationalen Vergleiche sind nicht immer ganz hieb- und stichfest. Die heutigen Marktstrukturen in der Schweiz sind eben zum Teil anders als im Ausland.
Klartext: Hans Heinrich Coninx, Ihr Verband liegt gegen aussen an drei Fronten im Clinch – mit den PTT, den Journalistenverbänden und der Werbewirtschaft. Und auch im Inneren gibt es durchaus Interessensgegensätze zwischen den verschiedenen Verlegern. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Lage des SZV ein?
Coninx: In den drei Fragen, die Sie hier angesprochen haben, haben wir eine sehr grosse Einigkeit im Verband. Natürlich gibt es immer wieder einzelne Mitglieder oder Gruppierungen, die sich der Meinung des Verbandes nicht vollumfänglich anschliessen können, Unser Verband ist sehr pluralistisch; es ist klar, dass nicht immer alle dieselben Interessen haben. Wir streben immer einen gemeinsamen Nenner an, wenn er auch manchmal recht klein sein kann. Bei den Konflikten mit unseren Partnerverbänden handelt es sich eher um Meinungsverschiedenheiten in einzelnen Punkten. In vielen anderen Punkten sind wir uns sehr einig; Sie können nicht sagen, wir hätten Krach mit der Werbebranche.

*Werbetarife Zeitungen 1996: Durchschnitt + 2,6 %. Ausnahme: TA + 4,6 %; Zeitschriften: – 0, I %, ausgenommen “Facts”, das seine (tiefen) Anfangs-Tarife um fast 40 % heraufsetzt. (Quelle: Media Trend Journal)

**Das Gespräch fand am 21, 11, statt, Hans Heinrich Coninx bestätigte seine Position nach dem negativen Entscheid des Bundesrats.

***Zum Swisspool 1 haben sich BaZ, BZ, “St. Galler Tagblatt”, “Tages-Anzeiger” und “Luzerner Zeitung” zusammengeschlossen. Das Werbeangebot wird von “Tribune de Genève” und “24 heures” zum Swisspool 2 erweitert.

Das Gespräch führten Klaus Bonanomi und Ursula Dubois am 21, 11, 95 in Zürich.

Der Gesprächspartner

Hans Heinrich Coninx, 50, studierte Geschichte, Publizistik, Betriebswirtschaft und Informatik in Zürich und St. Gallen. 1977/78 war der promovierte Historiker bei der SDA in Bern Finanz- und Personalchef und zeitweise technischer Leiter. 1978 trat er ins Familienunternehmen ein, wurde Mitglied der Konzernleitung und des Verwaltungsrates der Tages-Anzeiger-Gruppe. Seit 1987 ist er Präsident des Verwaltungsrates des inzwischen in TA-Media AG umbenannten Zürcher Verlagskonzerns. 1993 wird er ebenfalls Verwaltungsratspräsident der Taconia Holding AG. Seit 1992 amtiert er als Präsident des Schweizerischen Verbands der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger. 1994 wird er Mitglied des Verwaltungsrates der European Newspaper Publishers’ Association. Hans Heinrich Coninx versteuert 1995 für die Staatssteuer ein Reineinkommen von 731’500 Franken und 2’579’000 Franken Reinvermögen.

10. Juli 2007 von Klartext

Auf dem Reissbrett

Tagi, Ringier und SF DRS gründen demnächst eine gemeinsame Medien-Datenbank. Nur: Das technische Novum ist Schnee von gestern.

Noch in diesem Monat wollen die Verlagshäuser TA-Media AG, Ringier AG und das Schweizer Fernsehen DRS für eine gemeinsame Schweizerische Medien-Datenbank (SMD) grünes Licht geben. Bis Mitte 1996 soll eine riesige Datenbank entstehen, in der die bestehenden Print-Produkte der beiden Verlagshäuser in Volltext sowie ausgewählte Artikel weiterer 50 bis 60 Zeitungen und Zeitschriften abrufbar wären. Gemäss Projekt sollen bei der SMD acht Leute arbeiten und sich vollumfänglich um die Beschlagwortung und die Artikel-Auswahl kümmern, drei davon fest angestellt, fünf sollen im Turnus aus den Dokumentationen der drei Häuser kommen. Recherchiert werden soll jedoch weiterhin in den hauseigenen Dokumentationen, besonders, wenn die Suche in den Datenbanken kompliziert wird. Kleinere Recherchen werden die JournalistInnen direkt von ihren Computern aus durchführen können.
Die neu zu gründende Firma wird ihren Sitz voraussichtlich ausserhalb der drei Häuser haben, ihr Chef heisst wohl Jürg Mumprecht, und am Aktienkapital wären Tagi, Fernsehen und Ringier gleichermassen beteiligt. Die SMD würde vorläufig erst den Redaktionen der beteiligten Häuser dienen, nicht aber einem breiteren Publikum oder Werbern, Wie das heute – teils gegen Bezahlung – der Fall ist.
So sieht die Sache auf dem Reissbrett aus. Klingt gut. Und sie soll den Unternehmen trotz der geschätzten 1,5 bis 2 Millionen Anfangsinvestitionen langfristig beim Sparen helfen. Nur: Sparen sie da am richtigen Ort? Zweifel sind angebracht.
Schon die Entstehungsgeschichte der SMD macht stutzig: 1991 wurde im Hause Ringier entschieden, aus dem Verlustgeschäft der Text-Dokumentation (RTD) ein Profit-Center zu machen. Zu diesem Zweck wurde vor allem in die Technologie investiert und die kanadische Software-Firma “Open Text” mit der Sache betraut. Wie aus einem Ringier-internen Papier zu erfahren ist, überwiegen die Mängel dieses Systems dessen Vorteile, die millionenschweren Investitionen hätten die RTD noch tiefer in die roten Zahlen gebracht.
Nun versuche man, die “chaotische und benutzerunfreundliche RTD-Datenbank im jetzigen Zustand anzubieten”. Im Klartext: Ringier hat versucht, entstandene Defizite auf neue Partner abzuwälzen. Mit Erfolg.
Ringier ging im Herbst 1994 auf die TA-Media und SF DRS zu. Das war, kurz nachdem der Verlag an der Werdstrasse durch seine Beteiligung an TeleZüri mit Ringier ins Geschäft gekommen war. Und das war just dann, als Tagi und Fernsehen ein gemeinsames, 2,5-Millionen-schweres Projekt fallenliessen (Klartext 5/94). Das Ringier-Angebot durch den RTD-Leiter und Betriebswirtschafter Jürg Mumprecht musste auf Jürg Brauchli, Thomas Biland und Peter Weiss vom Hause “Tages-Anzeiger” sowie auf Hans-Ulrich Schmutz und Peter Studer vom Fernsehen wie Manna in der Wüste wirken – was die Datenbank aber noch nicht weniger “chaotisch und benutzerunfreundlich” machte.
Die gravierendsten Mängel der bestehenden RTD sind gemäss dem internen Papier von Anfang 1995 ein zunehmender Erfassungsrückstand, ein Schlagwortkatalog auf dem Stand vom November 1992, umständliche Abläufe von Erfassung und Recherche und ein unbefriedigender Benutzer-Modus. Die Autoren des Papiers zweifeln daran, dass die genannten Mängel tatsächlich behoben werden, obschon für die SMD eine neuere Version von “Open Text” gekauft werden soll. Dazu Mumprecht: “Das Papier ist ein Ausfluss von Agitation und nicht mehr aktuell. Die technischen Probleme sind inzwischen gelöst.”
Auf positivstes Echo stösst Mumprecht hingegen beim “Tages-Anzeiger”. Trotz anstehender Mehrkosten bezeichnet sich Vize-Chefredaktor Thomas Biland als “sehr, sehr glücklich”, denn gemessen am Quantensprung, den die TA-Dokumentation mache, sei das eine günstige Lösung.
Von den Anfangsinvestitionen in die Technologie erhoffen sich die drei Häuser langfristig grössere Einsparungen beim Personal. Von knapp 15 Dokumentationsstellen beim Fernsehen sollen fünf gestrichen werden – was Chefredaktor Peter Studer jedoch dementiert.
Beim “Tages-Anzeiger” und bei Ringier ist von je einer Stelle die Rede. Ringier hat bereits in den letzten vier Jahren massiv abgebaut. Beim Tagi wurde das Arbeitsvolumen in den letzten zwei Jahren bei gleichbleibender Stellenzahl enorm vergrössert: Neben “Tages-Anzeiger” und” SonntagsZeitung” erfüllen die Dokumentalisten nun auch Aufträge von “Annabelle”, “Bonus”, “Ernst” und “Schweizer Familie”. Seit einem Jahr werden an der Werdstrasse und in Leutschenbach neue Leute nur noch mit befristeten Verträgen eingestellt.
Nur: Was nützt die beste Technologie (und die SMD-Technologie ist nicht die beste), wenn nicht mehr genügend Leute da sind, die das Gesammelte gescheit erschliessen und die auch bei komplexeren Themen mit einem guten Assoziationsvermögen die besten Daten in kurzer Zeit zusammenstellen?
Vorteile der SMD sehen kritische Geister lediglich in der gemeinsamen Indexierung und Erfassung von Artikeln. Recherchenabläufe in Datenbanken mit Volltext dauern aber in der Regel wesentlich länger als dieselbe Recherche in einem Papierarchiv. Die Grenzen der elektronischen Informationssuche sind schnell erreicht, besonders, wenn es um abstraktere Themen für Magazinbeiträge oder um Personenporträts geht. Für Hans Hildbrand von der “Arena”-Redaktion ist das System in dieser Hinsicht “schlicht nicht brauchbar”.
Unterm Strich, so schätzen Dokumentalisten aus den drei Häusern, bleiben Aufwand und Ertrag für Erfassung und Recherche etwa gleich. Mit dem Unterschied: Für einfache Recherchen werden dann besser bezahlte Journalisten direkt auf dem Computer eine Viertelstunde lang herumsurfen, um das herauszufinden, was ihnen die schlechter entlöhnte Dokumentalisten innert fünf Minuten hätten liefern können. Für Hildbrand ein “Unsinn”. Seit vom Stellenabbau die Rede ist, herrscht in den Dokumentationen gedrückte Stimmung. Vor allem aber finden auch langjährige Mitarbeiter mit Projekterfahrung kein Gehör bei der Spitze. Dabei wären – zumindest bei Ringier und SF DRS – konkrete Vorschläge für eine moderne Dokumentation vorhanden. Beim jetzigen Modell befürchten gewerkschaftliche Kreise eine Aufspaltung des Berufszweigs in Erfasser und Rechercheure. Zusammen mit der Angst um Stellenabbau ergebe sich da ein guter Boden für Lohndumping.
Bei anderen Verlagshäusern hatte die SMD-Projektgruppe bisher zuwenig Erfolg, um sich wirklich Schweizerische Medien-Datenbank zu nennen. Nach gründlicher Oberprüfung winkte beispielsweise die Edipresse ab: Laut Dokumentationschef Stephan Holländer ist die vorgesehene SMD “zu Zürich-lastig”. Seine Blätter bräuchten vor allem Informationen zur Romandie, und die finde er kaum in Zürich. Sehr gut leben könnte er mit der Idee, dass alle Verlagshäuser ihre Artikel nach Vereinbarung eines gemeinsamen Schlagwortkatalogs auf eine zentrale Datenbank einspeisen würden, und alle hätten Zugriff auf dieselbe. Doch eine ausschliessliche Auswertung von Edipresse-Artikeln bei einer Datenfirma in Zürich lehnt er ab: “Das ist mir zu zentralistisch.”
Bei soviel interner und externer Kritik verwundert wenig, dass in allen drei Häusern Informationssperre verhängt wurde, und dass sich Finanzchef Schmutz und Chefredaktor Studer von SF DRS geweigert haben, an einem von der Fernseh- und Radio-Gewerkschaft SSM gewünschten Podium teilzunehmen. Trotz der gravierenden Mängel am SMD-Projekt haben die Leiter der drei Dokumentationen eine “Machbarkeitsstudie” zusammengestellt und das Projekt für gut befunden. Kritische Stimmen schätzen die Studie jedoch als “Dienst gegenüber der Obrigkeit” ein. Aufgrund dieses Papiers sollen nun noch im Oktober die letzten Instanzen der drei Häuser grünes Licht für das Projekt geben. Eine eigentliche Konsultation der Dokumentalisten hat nicht stattgefunden. So ist und bleibt die SMD eine Kopfgeburt von sparwütigen Finanzchefs und datenbankgläubigen Verlags- und Redaktionschefs ohne Kenntnis der Dokumentationsarbeit. Es bestehen reelle Chancen, dass die SMD nächstes Jahr zu dem wird, was ein erfahrener Dokumentalist von ihr hält: zur SonderMüllDeponie.

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