24. Februar 2003 von Hans Stutz

Geköppeltes Weltbild

Aus welchem politischen Garn wird das Magazin “Die Weltwoche” gestrickt? Hans Stutz liest sich durch die bisher erschienenen Nummern.

Wer schreibt denn da von der “Schweizer Volksseele”, von einer “mit den Genen eingeprägten Bergler-, Bauern- und Hirtenkultur”? Ist es Philipp Etter oder Gonzaque de Reynold, einst Etters Freund und Vordenker der “Geistigen Landesverteidigung”? Wer fabuliert vom “Schweizer”, der “ein pragmatisches Tier” sei? Ist es Konrad Lorenz oder sein Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeld, der immer wieder gerne von nationalistischen Fremdenfeinden zitiert wird? Oder ist es Roger Köppel, der seinen Frühlingsbonus 2000 in New York für “Kleider, kalifornischen Rotwein und Smith-&-Wollensky-Prime-Ribs zu verpulvern” versuchte und diesen Ausflug als Einstieg nimmt, um über die Spiegelungen der “Schweizer Volksseele in den Aktienmärkten” zu sinnieren? In der Tat, solch angestaubten Biologismus verbreitet der auf jugendlich und Markenartikel getrimmte “Weltwoche”-Chefredaktor. Zwar beteuert er gegenüber KLARTEXT, den “Volksseele”-Text mit einem Augenzwinkern geschrieben zu haben. Schade nur, dass der Leser nichts davon bemerkt und Köppel auch in einem weiteren “Weltwoche”-Artikel ganz ernsthaft vom “Menschen, schollengebunden wie er ist” schreibt.
Eigentlich wollte KLARTEXT für diesen Artikel einen profilierten Medienjournalisten, eine versierte Medienbeobachterin engagieren. Die Aufgabe: Das “Weltwoche”-Magazin pointiert beschreiben und einordnen, inhaltlich keine Vorgaben. Eine angefragte Person findet die Idee gut, sie arbeite aber nun bei der Konkurrenz. Eine andere winkt ab, sie sei Köppel-geschädigt, ein allfälliger Verriss würde als Rachefeldzug hingestellt und dies wolle sie nicht. Eine dritte hält sogar einen Abend Zwiesprache mit der Agenda, aber anderntags sagt sie ab, keine Zeit, unmöglich, schade. Auch eine vierte Person “hätte da einiges zu sagen”, aber ein grösseres Projekt muss bald fertig sein. Die Deutschschweizer Medienszene ist eng, die Abhängigkeiten vielfältig. Was aber weder Indiz noch Beweis für das ist, was sowohl Roger Köppel wie auch Jean-Frey-CEO Filippo Leutenegger behaupten, dass nämlich die JournalistInnen “Lemminge” seien (Leutenegger), bzw. die “selbst gesetzte Agenda” fortschrieben und unreflektiert “Wertungen und Haltungen von Kollegen” übernähmen. Die “Weltwoche” sei stets ausserhalb der Medienszene gestanden und habe sich immer gegen normiertes Denken gewandt (siehe Gespräch mit Roger Köppel, Seite 10). KLARTEXT aber fragt sich: Ist der von Köppel und Leutenegger beschworene Kampf gegen angebliche “Denkverbote” nicht eher eine Vernebelungsaktion, um die eigene politische Haltung zu kaschieren?

Fehlende optische LeserInnen-Führung
Zur Überprüfung der Frage setzt sich der Schreibende in einen Bibliotheks-Lesesaal, vor sich alle “Weltwoche”-Nummern, die in Magazin-Form erschienen sind. “Ihre Weltwoche” hatte in der ersten Magazin-Ausgabe den Anspruch verkündet, inhaltlich “einen sachlichen und inspirierenden Journalismus” betreiben zu wollen, der eigene Akzente setze. Bei der Gestaltung habe man alle Massnahmen vermieden, “die unser Blatt in den Verdacht einer hyperventilierenden Zeitgeist-Ästhetik rücken”. Der Leser in der Bibliothek merkt bald, die Titelblätter rauschen an ihm vorbei wie Wasserwellen. Es ist jedes Mal eine andere, aber sie sieht gleich aus wie die vorherige. Bei der Lektüre verliert er schnell die Übersicht (wo bin ich gerade im Heft?), eine Folge des optisch kaum strukturierten Heftes. Dazu kommt, dass der Inhalt des Kulturteils im hinteren Viertel des Magazins meist beliebig ist und den Charme eines Wurmfortsatzes verströmt.
Über Monate hinweg war das Wort “Provokation” Köppels Lieblingsvokabel, wenn er zu seinem angestrebten Kurs befragt wurde. Ist es Provokation oder einfach nur Knallfroschwerfen, wenn einige Wochen vor der Abstimmung über die Initiative für Mutter und Kind ein Artikel “Warum ich nicht abgetrieben habe” von Antje Potthoff erscheint? Der Text beginnt mit der Diskreditierung des feministischen Milieus: “Die Liste der Vorschriften für emanzipiert sein wollende Frauen, herausgegeben von emanzipiert zu sein glaubenden Frauen, ist mittlerweile um Ellen länger und doofer als die Vorschriften, von der sich die Frauen einst zu emanzipieren suchten.” Aber auch Potthoff meint, jede Frau solle “mit ihrer Leibesfrucht verfahren, wie es ihr beliebt und sie es verknusen kann”. Die AbtreibungsgegnerInnen konnten diese Geschichte nicht vereinnahmen und zur Diskussion um die Abstimmung trug sie wenig bei, ausser den Punkt, dass es auch einige Frauen gibt, die viele Kinder gebären wollen und sich dies leisten können. Ein Artikel also, der auf kurzfristigen Effekt angelegt ist, mehr nicht.
Beim Blättern in den Heften fällt dem Leser bald einmal auf: Es hat auch Geschichten, die alle anderen Deutschschweizer Wochenblätter – auch die “WochenZeitung” – wohl gerne im Blatt gehabt hätten: Daniel Ammanns Enthüllung der dilettantischen Fragen aus Samuel Schmids Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport an den südafrikanischen Geheimdienstler Wouter Basson. Ein differenziertes Interview mit dem Friedensforscher Johan Galtung über die Schwierigkeiten, Friedens- oder Versöhnungsverhandlungen zu führen. Oder auch die Erinnerungen eines Freundes an Gabriel Garcia Marques anlässlich des Erscheinens des ersten Bandes von Marques‘ Autobiografie. Der langjährige “Weltwoche”-Autor Martin Kilian beobachtet weiterhin ebenso differenziert wie sorgfältig die Vereinigten Staaten von Amerika, Martin Beglinger schreibt weiterhin virtuos und präzis. Auch Peter Bodenmann überrascht immer wieder mit gekonnten Einwürfen.

Anthropologische Konstanten
Aber diese Highlights können nicht kaschieren, was die Essenz von Köppels “Weltwoche” ausmacht, jener “Weltwoche”, in der Gene angeblich gesellschaftliches Leben vorbestimmen. Allen Ernstes behauptet Köppel in einem Kommentar, überschrieben mit “Fluten und Dämme” (Klaus Theweleit, übernehmen Sie?): Fremdenhass und Gruppenegoismus seien “uralte anthropologische Konstanten. Unausrottbar, jedem Menschen vielleicht sogar genetisch eingepflanzt”. Solches Zeug fabuliert sonst der Verhaltensforscher und Anthropologe Irenäus Eibl-Eibesfeld, als ob es weder Vernunft noch zivilisatorische Sublimierung noch Aufklärung gäbe. Von der Betonung der Gene ist es nicht weit bis zur Behauptung von Nationaleigenschaften. Auch in der “Weltwoche”: “Die Amerikaner sind unfähig, die Reichen zu hassen; sie werden sie immer den Armen vorziehen”, behauptet Michael Lewis, den die “Weltwoche” als “einer der brillantesten Wirtschaftsjournalisten der USA” ankündigt. (Haben die dort drüben wirklich keine differenzierter denkenden JournalistInnen?) Und der bekannte Historiker und Terrorismus-Forscher Walter Laqueur qualifiziert Maxim Gorkis Empörung über soziales Elend in den Vereinigten Staaten flugs als “Antiamerikanismus”. Der Begriff taucht erstmals im Frühling in Laqueurs Aufsatz auf, um dann im Herbst wiederholt hervorgeholt zu werden. Er dient – insbesondere in einem Aufsatz von Henryk Broder – zur Diskreditierung der Kritik an den Angriffsplänen der USA. Wird dies die “Weltwoche”-Generallinie für den sich abzeichnenden Krieg USA vs. Irak werden? Immerhin hat Hanspeter Born, der altgediente Bewunderer aggressiver US-Politik, bereits andere US-Attacken journalistisch wohlwollend begleitet. Nein, so US-nahe wie Born ist das Köppel-Blatt nicht. Im Gegenteil, es hat diese Auseinandersetzung über Monate hinweg ernsthaft, vielfältig und kontrovers geführt.
In der Tat, auf die Schnelle kann der Leser die neue “Weltwoche” ideologisch nicht festlegen. Auch in seinem “Fluten und Dämme”-Text zeigt der Chefredaktor einerseits – durch den Verweis auf die angebliche genetische Vorbestimmung – viel Verständnis für Fremdenfeinde, doch kritisiert er auch eine “Angst- und Abschottungsoffensive von rechts”, die “nicht wirklich weiterhelfen” würde. Er plädiert für eine Migrationspolitik, die er “urliberal” nennt und postuliert den “Zustrom energischer Arbeitskräfte”: “Erstens werden die Immigranten dereinst unsere AHV bezahlen. Zweitens sind sie attraktiv, weil sie auch tiefere Löhne für gleiche Arbeit zu akzeptieren bereit sind.” Zumindest als LohndrückerInnen sollen AusländerInnen also willkommen sein. Was aber sind “energische Arbeitskräfte”? Es sind – so Autor Johannes von Dohnanyi zum Thema “Welche Ausländer wollen wir?” – die “vorwärts strebenden, ehrgeizigen und vor allem gut ausgebildeten Immigranten”. Dohnanyi wie Köppel verweisen lobend auf die “liberale Einwanderungspolitik” der USA. Kein Wort über die rund zweitausend Kilometer lange, technisch hoch gerüstete USA-Grenzmauer gegen Mexiko. Liberal? Sogar urliberal? Und allenfalls für wen?

Nichts am Hut mit Solidarität
In der “Optimismus-Nummer” schreibt “Weltwoche”-Autor Ernst Kindhauser enthusiastisch über Chile, lobt den dort praktizierten Neoliberalismus, erwähnt zwar Pinochets einstigen politischen Terror, aber der ist ja nun vorbei. Dann der Satz: Chile gehöre heute “zu den Ländern mit den grössten sozialen Unterschieden”. Für Arme ist dies kein Grund für Optimismus. Im Gegenteil. Nur: Was kümmert die Armani-Anzug-Träger die Billiglöhne, die allenfalls bei der Herstellung des Stoffes gezahlt wurden? Solidarität? Who cares? Dazu passt eine Geschichte, die aus der “Weltwoche”-Redaktion berichtet wird: Kurz vor der Abstimmung über die Solidaritätsstiftung verändert Köppel persönlich im Satz “Weshalb ein guter Mensch gegen die Solidaritätsstiftung sein kann”, das “kann” zu “muss”. Diesen Entscheid will er KLARTEXT gegenüber allerdings nicht begründen.
Köppels “Weltwoche” lässt sich auch politisch orten, wenn der Leser sich vergegenwärtigt, wer wie beschimpft wird. In der Auseinandersetzung um den Schauspielhaus-Direktor Christoph Marthaler beklagt Köppel vor allem, dass “das Schauspielhaus zur moralischen Bastion gegen den Neoliberalismus” geworden sei und dass dort “simpelste Gesellschaftskritik aus der Mottenkiste der Frankfurter Schule” betrieben worden sei. Der Journalist Urs Paul Engeler befürwortet zwar die SVP-Anti-Asylinitiative nicht explizit, höhnt jedoch über die “Moralisten wider die Asyl-Initiative”, wie er überhaupt jede Gelegenheit wahrnimmt, die Gegner der Neoliberalen und Nationalkonservativen vorzuführen. Die Autoren Dirk Maxeiner und Michael Miersch dürfen immer wieder Umweltbewusste oder -besorgte als “Öko-Romantiker” mit “statischem Naturbild” bezeichnen, auch nachdem ihnen Fachkompetente das Ausblenden missliebiger Sachverhalte nachweisen. Wer den räuberischen Kapitalismus kritisiert, ja gar nur – wie der wirtschaftsfreisinnige Bundesrat Pascal Couchepin – ein paar Worte gegen die “Abzocker”-Mentalität sagt, singe – so “Ihre Weltwoche” – “im vielfältig besetzten Chor der Neider”.
Lob ernten andere. Zum Beispiel Christoph Blocher und Martin Ebner. Diese seien “Revolutionäre von rechts” behauptet zumindest “Weltwoche”-Autor Markus Schneider. Und diese hätten es “in bester 68er-Manier geschafft (…), dass die Machthaber sich andauernd herausgefordert fühlen”. Nicht jeder, der im Salon wie ein Stammtisch-Bruder pöbelt, ist bereits ein Revolutionär oder auch nur ein Rebell.
Der Leser in der Bibliothek sehnt sich allmählich nach frischer Luft. Er meint auch den Kern von Köppels “Weltwoche” gefunden zu haben. Sie plädiert für eine wenig begrenzte Dominanz der Schwachen durch Starke und der Natur durch den Menschen. Oder in Anlehnung an einen Buchtitel von Richard Sennett: Sie plädiert für wenig Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. So gelingt es – um nur noch ein kleines, quasi anekdotisches, Beispiel zu nennen – der Autorin Franziska K. Müller, in einem Porträt von Emine Yakin – der Mutter von Murat und Hakan Yakin – diese fast ausschliesslich beim Vornamen zu nennen. Einige Seiten weiter vorn erlaubt man sich dies mit Micheline Calmy-Rey – inzwischen Bundesrätin – selbstverständlich nicht.
Zum Schluss will der Leser sich noch einige Seiten kopieren. Aber “Ihre Weltwoche” hat A4-Überformat. Zuerst also den Zoom feinjustieren (rund 90 Prozent sind nicht schlecht). Die “Weltwoche” im neuen Format ist gelegentlich aufregend (welchen Stuss schreiben die wieder!), seltener anregend, immer jedoch ist sie unpraktisch, zumindest beim Fotokopieren. Gelegentlich gibt es auch etwas zu lachen. “Kräht die Potthoff wieder, schmerzen alle Glieder”, dichtet ein Leserbriefschreiber. Zugegeben, ein bisschen derb, aber dem Niveau von Köppels “Weltwoche” entsprechend.

17. April 2002 von Klartext

Das sind Worte, das sind Werte

Von Margrit Sprecher*

So ist das also, wenn man selbst in der Zeitung steht, Aus jedem Blatt springen einem die fetten Doppel-Weh der “Weltwoche” ins Gesicht und noch häufiger die Curti-Schnörkel. Am unerbittlichsten zugeschlagen hat die “SonntagsZeitung”: sieben volle Seiten an zwei Wochenenden. Atemlos verfolgten wir die Recherchen der Kollegen, die weder Mühe noch Wege scheuten. Sogar in unserer Cafeteria haben wir sie gesichtet auf der Suche nach den zweifellos verängstigten, orientierungslos und tränenblind durch die Korridore taumelnden Redaktoren und Redaktorinnen. Und oh, wie deutlich verspürten wir ihre tiefe, uneigennützige Sorge um Pressefreiheit, Zeitungsethik und das Schicksal unserer “Weltwoche”, die aus jeder Zeile rieselte … Danke! Danke!
Doch, trotz eigener Nöte: Auch wir machen uns Sorgen um die “SonntagsZeitung”. Auf wieviele Zeilen wohl muss ihr Empörungspotential steigen, wenn eine Katastrophe ansteht, die die Nation noch nachhaltiger erschüttert als der Zürcher Korruptionsfall? Werden die Seiten reichen? Und die Kräfte? Und warum, doch das ist eine andere Geschichte, hält sich Ringier – abgesehen von “Cash” – in der Sache so vornehm zurück? Sollte dort womöglich auch …?
Weiter, bloss weiter. Aber wohin? Selbst die NZZ, von der man bislang auch in turbulenten Zeiten Ruhe und Halt erwarten durfte, ist nicht mehr, was sie war, Nach dem “Züri-Fest” misshandelte sie ihre an die stumpfe Bleiwüste gewöhnten Leserinnen und Leser mit einer Orgie an Buntjournalismus.
Orgien auch in der Frauenpresse. Die bisher so brave “Marie-Claire” startet eine Serie “Fit für love”, die noch biederere “Petra” lockt mit Astrosex, und “Cosmopolitan” zeigt die Kamasutra-Stellung schon gleich auf dem Titelblatt. Vom Thema erschöpfte Mitarbeiterinnen berichten von Chefredaktoren, die sie, auf der Suche nach dem ultimativen Kick, erbarmungslos in die entlegensten sexuellen Reviere treiben. Und so manche findet ihr Textlein, weil zu harmlos, seltsam verändert im Blatt. So hatte eine “Cosmo”-Autorin geschrieben, ihr Mann wünsche sich zum Geburtstag “ein freundliches Gesicht”. Gedruckt zu lesen war dann: “eine Fellatio”.
Da lob’ ich mir doch einheimisches Schaffen, In der “Annabelle” schaukeln keine Leiber, da schaukelt höchstens das Boot, wenn sich ihre Leserinnen, von der Redaktion dazu aufgefordert, daran machen, Liebesgeschichten zu schreiben. Denn: “Ach, die Liebe! Dieses Gefühl von existentieller Bedeutung … Dieses Rauschmittel, das die Menschen beflügelt …” Das sind Worte, das sind Werte. Überhaupt bleibt “Annabelle” nie an der Oberfläche kleben (“Schweissgeruch muss nicht sein”). Sie blickt tiefer, unter Rouge und Kompaktpuder, auf die nackten Gesichtszüge. Vorspringendes Kinn? Neigt zu unüberlegtem Handeln, Angewachsene Ohrläppchen? Achtung Jähzorn. Der Gemeinde der Huterschen Physiognomik bleibt kein Wesenszug ihres Gegenübers verborgen. Selbst kriminelle Neigungen lesen sie aus fremden Gesichtern. Oder Untermenschentum. Denn natürlich kann nur eine Rasse dem Huterschen Schönheitsideal genügen: die weisse und, vor allem, die germanische.
Zum Glück gibt’s noch die Tiere. Was wäre der Pressemonat Juli ohne sie … Der “Stern” wagt sich ans letzte grosse Tabu und schreibt einen Katzen-Hassartikel – just jetzt, wo sich jeder Prominente, der etwas auf sich hält, mit seiner Katze abbilden lässt. Gemeinde wechseln, liebe Katzenfreunde! Krokodil Sammy, Zirkusrobben Otto und Cäsar auf der Flucht und wieder in die eigene Wanne befördert. Kaninchen freigelassen, Wechselkröte neu entdeckt, Katze reist 40’000 Kilometer um die Welt, Salamander und Molche kreisen gar im Weltall. Und in Sachen Rinderwahnsinn hält die Schweiz nach England den Weltrekord. Der “Tages-Anzeiger” weiss, wie immer, auch warum: weil wir immer grössere Eier zu immer kleinerem Preis wollen und Koteletten, die nicht teurer sind als Fleischkäse. Geknickt nehmen wir’s zur Kenntnis. Bloss: Sind denn die Konsumenten in Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien, wo die Krankheit kaum vorkommt, bessere Menschen? Viel eher, so unser Verdacht, haben wir die ordnungssüchtigsten Beamten (“Aufräumen mit den Schlachtabfällen!”) und habgierigere Bauern. Das Verfüttern von billigem Tierkadaver vergrössert den Profit.
Trost bietet die “Schweizer Illustrierte” (SI). Da ist alles heimelig-vertraut. Da leuchtet der Himmel Seite für Seite enzianblau, es lächeln die Seen und alle Menschen. Selbst die, denen’s nicht so gut geht. Silvia Affolter beispielsweise steht vor einer ungewissen Zukunft. Doch, versichert das Blatt: “Silvia bleibt optimistisch.” Auch Udo Jürgens, mittlerweile 60, und Mäni Weber, 62, haben keinen Grund, kürzer zu treten. Vor allem aber lebt das Blatt, wie die gesamte Ringierpresse, von Rosmarie Buris Tod. Die SI bringt das letzte Interview. Zwar sieht man vom Reporter nur seinen Hinterkopf, dafür erfährt man seine Seelenregungen: “Ich fühle mich geehrt, dass mich Rosmarie Buri zu ihren Freunden zählt. Sie hat die Schwestern angewiesen, mich zu ihr zu lassen.”
Ja, so ergreifend kann unser Beruf sein. Und so spannend: Ein paar Seiten weiter sitzt der SI-Reporter in Raphael Hubers toskanischer Villa, den Blick aufmerksam auf den weissgekleideten Hausherrn gerichtet, den Block einsatzbereit auf den Knien, notierend: Raphi trägt einen goldenen Kugelschreiber in der Brusttasche, am Handgelenk eine IWC, an den nackten Füssen elegante, sandfarbene Cowboystiefel. Wie immer findet das Blatt goldene Worte und titelt die Story: “Wir müssen uns eines Tages alle verantworten.” Also – alles wieder in Ordnung? Leider nicht. Denn der Ausflug in die Toskana hat bei den Reportern tiefe, allzu tiefe Spuren hinterlassen. “Nach dem Gespräch”, teilt das Blatt mit, “beschäftigte das SI-Team eine Frage: ,Wie kann ein charmanter Gastgeber und interessanter Typ wie Huber in den millionenschweren Schmiergeldskandal verwickelt sein?””
Ja, warum, warum, grübelt auch der Leser, die Leserin. So bleibt uns denn nur eine Hoffnung: dass die Kollegen ganz bald ihre Sinnkrise überwinden mögen, um uns noch viele, viele schöne Geschichten aus der grossen, weiten “Ringier”-Promi-Welt zu servieren.

*Margrit Sprecher ist Redaktorin der “Weltwoche”.

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