5. März 2002 von Ursula Dubois

Lohndrückerei

Die GAV-Verhandlungen mit der SRG sind vorläufig gescheitert. Die Radio- und TV-Leute wollen das Schiedsgericht anrufen.

ud. Das Syndikat Schweizer Medienschaffender (SSM) bereitet sich auf einen heissen Sommer vor. Die Verhandlungen um den von der Schweizerischen Rundfunkgesellschaft (SRG) vorzeitig gekündigten Gesamtarbeitsvertrag scheinen endgültig festgefahren. Anlass zu harten Auseinandersetzungen gibt gegenwärtig die Finanzierung der Lohnangleichungen. “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit”, fordert die Schweizer Rechtssprechung. Unter diesen Vorzeichen verlangte das SSM in den Verhandlungsrunden für den bis Ende Jahr gültigen GAV eine Anpassung der Gehaltsstruktur an das Prinzip der Lohngleichheit.

Ausstieg aus der Lohnangleichung geplant
Nach mehr als zweijährigen Verhandlungen einigten sich die Sozialpartner damals auf ein neues Lohnsystem. Zu tiefe Löhne sollten dabei im Verlaufe der nächsten fünfeinhalb Jahre sukzessive angehoben werden. Für MitarbeiterInnen mit zu hohen Löhnen galt Besitzstandswahrung. Vertraglich wurde auch festgelegt, dass die sogenannten “Aufholkosten” nicht aus dem Portemonnaie der MitarbeiterInnen bezahlt werden dürften, dass der Ausgleich nicht mit Lohneinsparungen auf Kosten des Personals gehen sollte. Und dies während der gesamten Anpassungsperiode.
Mit der vorzeitigen GAV-Kündigung versucht die SRG, nun auch aus dem Aufholprogramm auszusteigen. In einer ersten Phase der GAV-Neuverhandlungen weigerte sich die SRG-Spitze vorerst, das noch mindestens zwei Jahre dauernde Programm ins neue Vertragswerk zu übernehmen. Angesichts der juristisch eindeutigen Vertragslage blieb dem Zentralratsausschuss am 22. März jedoch nichts anderes übrig, als für eine Weiterführung der Lohnanpassungen zu optieren. Gleichzeitig beschloss das Gremium aber, dass die Mehrkosten aus den “wiederkehrenden Personalkosten” finanziert werden müssten. Damit sind Personaleinsparungen und mehr oder minder verdeckte Lohnkürzungen vorprogrammiert.

SSM droht mit Schiedsgericht
Das will sich das SSM nicht gefallen lassen und gibt sich kämpferisch. “Aus unserer Sicht bricht die SRG den gültigen GAV. In allen Verhandlungen zum geltenden GAV war immer klar, dass die Aufholkosten durch die Mittel der SRG und nicht über Einsparungen bei den Personalkosten zu finanzieren sind”, schreibt das Zentralsekretariat der Hausgewerkschaft des Schweizer Radios und Fernsehens. Und: “Wir gehen vor Gericht!” Die SSM-Verantwortlichen wissen, dass die Frage der Lohngleichheit der Knackpunkt der kommenden Verhandlungen wird. Die SRG hat sich nämlich für das Jahr 2000 die grosse Flexibilisierung des Lohnsystems auf das Banner geschrieben. Das Ziel der SRG-Führung ist klar: Die einzelnen Unternehmenseinheiten sollen künftig ihre Lohnpolitik selber betreiben können. Sie sollen die Freiheit erhalten, nach Landesteilen und Regionen, Medienart und Sparten, kurz: nach Angebot und Nachfrage eigene Verträge auszuhandeln.
Wie die Verleger will die SRG für ihre Radio- und Fernsehsender nur noch einen nationalen Rahmenvertrag (RAV) aushandeln, der von den einzelnen Sendern und Studios nach Gutdünken ausgefüllt werden kann. Wie der Verlegerverband argumentiert die SRG mit dem Lohngefälle innerhalb der Schweiz, mit den unterschiedlichen Einnahmequellen und Finanzen zwischen Deutsch- und Westschweiz, zwischen Radio und Fernsehen. Ob die Rechnung der SRG – d.h. eine Senkung der Gesamtlohnkosten – auf die Art aufgeht, bleibt angesichts der Konkurrenz der neuen TV-Sender auch auf dem Arbeitsmarkt mehr als fraglich. Die möglicherweise sinkenden Löhne in der Westschweiz oder dem Tessin, beim Radio allgemein, werden von den ebenfalls liberalisierten Gehältern auf dem Platz Zürich, lies bei SF DRS, mehr als nur ausgeglichen. Gesamtarbeitsverträge schützen bekanntlich nicht nur die unteren Löhne, mit ihrer Klassierung der Löhne dämpfen sie klar die Inflation der oberen Gehälter.

16. Februar 2002 von Nick Lüthi

Jeder ein Journi

Bertolt Brecht forderte bereits vor siebzig Jahren, dass „der Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat“ umgewandelt werde. Mit Weblogs kann jeder mit wenigen technischen Kenntnissen sein eigener Chefredaktor, Herausgeber und Verleger sein.

Auf der Internet-Seite www.sunflyer.ch jammert der Betreiber – offensichtlich ein Journalist – dass er nicht wisse, wie er die fehlenden 700 Zeichen für einen Artikel aus den Fingern saugen solle. „Sunflyer“ fordert die Site-BesucherInnen auch auf, ihm beim Handykauf behilflich zu sein, indem man ihm in seinem Online-Forum das eine oder andere Modell empfehle. Wer eher „idyllische Nachrichten aus der Fremde“ bevorzugt, findet sein Glück unter www. der-zirbel.de. Am 23. November verwies die Betreiberin auf einen Vortrag von Julia Onken zum Thema „Kommunikation zwischen den Geschlechtern“, der in der österreichischen Zeitung „Der Standard“ abgedruckt ist; selbstverständlich ist man mit einem Mausklick bereits auf der persönlichen Homepage der Psychologin Onken oder der Zeitung aus dem Nachbarland. Am Morgen desselben Tages hatte „Zirbel“ offenbar Flausen im Kopf und fragt den geneigten Leser, ob es denn feministische Bildschirmschoner gebe, und setzt gleich einen Link mit dieser absurden Wortkombination auf eine Internet-Suchmaschine.

Einfache Internet-Seiten
Sunflyer und Zirbel sind so genannte Weblogs. Der Begriff ist eine Wortschöpfung aus „Web“ für Netz und „Log“ für Logfile, die Bezeichnung für sämtliche Kommunikation auf einem Internet-Server. Oberflächlich gesehen, handelt es sich bei den Weblogs um einfache Internet-Seiten; sie verfügen formal über die gleichen Merkmale, wie etwa einer www-Adresse als Zugangsmöglichkeit und einer grafisch gestalteten Oberfläche.
Was die Weblogs gegenüber anderen Medienangeboten im Internet auszeichnet, ist ihr Inhalt. Sie bewegen sich zwischen Tagebuch, Notizbuch, Forum und unabhängiger freier Presse. Aus verschiedensten Motiven und mit den unterschiedlichsten Interessen dokumentieren Menschen ihr Surfverhalten, verweisen auf andere Seiten, denen sie begegnet sind und kommentieren die gefundenen Links. Im riesigen Datennetz sind die Weblogs neben Suchmaschinen und hierarchischen Verzeichnissen eine weitere praktische Orientierungshilfe. Hat man einmal ein Weblog gefunden, mit dessen Betreiber man eine Vorliebe für gewisse Themen teilt, so lässt sich Zeit (und damit mitunter auch Geld) sparen. Für die Qualität der Beiträge und Links garantiert nicht eine Redaktion, sondern der Blogger (so die Fachbezeichnung für jemanden, der ein Weblog betreibt) mit seinem (Site-)Namen. Die Fachzeitschrift „De:Bug“ vergleicht diese Qualitätsmessung mit dem Ruf von Diskjockeys und bezeichnet die Weblog-Aktivitäten in Analogie zur Musik-Szene als „News-Jocking“. Honoriert wird ein guter News-Jockey, indem man sein Weblog mit dem eigenen verlinkt und so einem weiteren Personenkreis zugänglich macht.
Möglich wurden die Weblogs erst durch die technische Entwicklung. In den letzten Jahren haben Software-Entwickler verschiedene Instrumente erfunden, dank derer in Minutenschnelle ein Weblog erstellt und ebenso schnell aktualisiert werden kann; Kenntnisse einer Programmsprache sind nicht erforderlich. Jene technischen Fertigkeiten, die man sich beim Surfen im Internet intuitiv aneignet, reichen aus, um sein eigener Chefredaktor, Webmaster und Art Director zu sein.

Häufig uniforme Gestaltung
Kehrseite der technischen Simplizität ist die Uniformität. Oft bestehen die Instant-Internetseiten aus einer chronologischen Liste, die aktuellsten Einträge zuoberst, so wie sie der entsprechende Anbieter des Dienstes vorgibt. Dass Blogger oft viel Unsinniges zu verbreiten versuchen, liegt auf der Hand. (Weshalb auch sollten sich Weblogs von den übrigen Bereichen des Internets unterscheiden?) Weblogs waren allerdings nach dem 11. September für das journalistische Arbeiten durchaus nützlich und informativ. Während viele US-amerikanische Medien sich in an Selbstzensur grenzender Berichterstattung und Patriotismus übten, waren in Weblogs Kommentare zu finden, die sonst wohl unveröffentlicht geblieben wären.

Auch umfassendere Angebote
Das Genre der Weblogs besteht nicht nur aus den privaten Surf-Tagebüchern und kommentierten Link-Sammlungen, auch umfassendere Informationsangebote bedienen sich der einfachen Publikationsform. Mit dem Unterschied, dass auf Seiten wie etwa slashdot.org in einem kollektiven Prozess die News zusammengetragen werden. Im Gegensatz zu einem Online-Forum, wo jede und jeder irgendwo eine Ecke findet, um über Kraut und Rüben zu berichten, werden diese „grossen“ Weblogs redaktionell betreut. Die Aufgabe der Redaktion besteht allerdings einzig im Moderieren, Filtern und Publizieren der eingesandten Beiträge. Eine Entwicklung, die Gabriele Hoofacker, Leiterin der Journalistenakademie in München, thesenhaft formuliert und für den gesamten Online-Bereich verallgemeinert: „Die Journalisten als ‚Gatekeeper‘ entfallen online in den kommunikativen Bereichen – sie sind bestenfalls noch als Moderatoren tätig. (…) Jeder muss jetzt selbst Informationen auswählen, bewerten, filtern, also die Aufgaben erledigen, die in der Massenmedien-Demokratie die Medien erledigen hätten sollen.“ *

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