10. Juli 2007 von Bettina Büsser

“Dieses Haus lebt vom Journalismus, immer noch”

“Tages-Anzeiger”-Chefredaktor Philipp Löpfe zu Sparprogramm, Profil und Konzernjournalismus.

Klartext: “Heute arbeiten Journalisten mehrheitlich in Medienkonzernen, die in der Regel an der Börse kotiert sind. In modernen Medienkonzernen mit den unterschiedlichsten Produkten wird der Loyalitätskonflikt gleich doppelt zugespitzt: Journalisten haben einerseits Rücksicht zu nehmen auf andere Erzeugnisse ihres Hauses (Stichwort: Konzernjournalismus), andererseits ist ihr Lohn abhängig geworden vom Gesamterfolg ihres Unternehmens (Stichwort: Gewinnbeteiligung).” Was meinen Sie zu diesem Zitat*?
Philipp Löpfe: Das habe ich geschrieben, oder? Es ist eine These der amerikanischen Journalisten Kovach und Rosenstiel. Sie vertreten vehement, dass die erste Loyalität des Journalisten seinen Leserinnen und Lesern gelten muss. Und da Tamedia dieses Buch all ihren Journalistinnen und Journalisten gibt, gehe ich davon aus, dass das auch für Tamedia gilt.
Klartext: Die Journalistinnen und Journalisten des “Tages-Anzeigers” haben keine Probleme mit Konzernjournalismus und dem Börsengang von Tamedia, weil ihnen von ihrem Arbeitgeber bedeutet wird: Ihr arbeitet für die Leserinnen und Leser?
Löpfe: Ja, das könnte ich so unterschreiben.
Klartext: Im Zusammenhang mit der Fernseh-Kritik, die Kurt-Emil Merki zu “Big Brother” schrieb und die Sie dann kippten, ernteten Sie den Vorwurf des Konzernjournalismus.
Löpfe: Konzernjournalismus ist ein sehr schwieriges Problem. Meiner Ansicht nach ist es aber objektiv in der Regel gar nicht so bedeutend. Die Anzahl der Artikel im “Tages-Anzeiger”, die von anderen Tamedia-Produkten handeln, liegt sicher im Promillebereich. Wenn einmal etwas schief geht, ist jedoch eine unheimliche Sensibilität vorhanden. Am Beispiel von “Big Brother” habe ich inzwischen gelernt, dass es ein Gebiet ist, in dem man wirklich sehr vorsichtig sein muss.
Klartext: Die Medienredaktion des “Tages-Anzeigers” ist völlig frei und behandelt Tamedia wie ein anderes Medienunternehmen?
Löpfe: Wie in allen mir bekannten Medienhäusern gibt es bei uns interne Richtlinien, welche die Berichterstattung über hauseigene Medien regeln. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je Druck ausgeübt hätte.
Klartext: Aber beim Kommentar von Kurt-Emil Merki gab es diesen Druck.
Löpfe: Ich habe entschieden, diesen Kommentar nicht zu bringen. Heute glaube ich, dass es ein Fehlentscheid war. Das gebe ich gerne zu. Aber er war nicht von oben gesteuert; weder Michel Favre noch Hans Heinrich Coninx haben Druck auf mich ausgeübt. Nach unseren Richtlinien, die mir sinnvoll erscheinen, liegt die letzte Entscheidung über Artikel, die für das Haus geschäftsschädigend sein könnten, bei der Konzernleitung. Das hat vor allem in der Phase der Gerüchte rund um den Belcom-Kauf eine Rolle gespielt, als in einem Tamedia-Produkt interne Protokolle über diese Kaufverhandlungen veröffentlicht wurden. Das geht natürlich nicht. Aber es ist weniger eine journalistische denn eine kommerzielle Frage.

Klartext: Als Chefredaktor des “Tages-Anzeigers” und Mitglied der Tamedia-Geschäftsleitung sind Sie journalistisch und kommerziell involviert.
Löpfe: Ja, wobei ich als “Tages-Anzeiger”-Chefredaktor Mitglied der Geschäftsleitung bin. Man erwartet von mir nicht ein grosses Know-how als Finanzexperte, ich bin in meiner Eigenschaft als Journalist Geschäftsleitungs-Mitglied.
Klartext: Was tut man in der Eigenschaft als Journalist in einer Geschäftsleitung?
Löpfe: In einem Medienhaus ist es wichtig, dass auch die journalistische Seite in der Geschäftsleitung vertreten wird. Es kommt natürlich laufend vor, dass in der Tamedia-Geschäftsleitung journalistische Probleme diskutiert werden.
Klartext: Welches war denn die letzte wichtige journalistische Diskussion?
Löpfe: Wenn man erfährt, dass die NZZ eine Sonntagszeitung machen will, diskutiert man in der Geschäftsleitung darüber, wie sich nun die eigene “SonntagsZeitung” verhalten soll. Oder wenn man erfährt, dass die “Weltwoche” als Magazin herauskommt, dann überlegt man sich: Was machen wir mit “Facts”? Solche Diskussionen sind eigentlich unser Geschäft. Dieses Haus lebt vom Journalismus, immer noch.

Klartext: Eine Zeit lang hatte man – zum Teil auch auf der “Tages-Anzeiger”-Redaktion – den Eindruck, es sei in der Tamedia-Geschäftsleitung ein bisschen vergessen gegangen, dass dieses Haus vom Journalismus lebt.
Löpfe: Es gibt natürlich immer einen Zwist zwischen Geschäftsleitung und Journalisten. Überspitzt gesagt, haben die Journalisten das Gefühl, sie seien für die Geschäftsleitung nur ein Kostenfaktor. Es ist ein Streit um die Verteilung der Ressourcen, ein Verteilkampf, wie er in jedem Verlags- und Medienhaus vorkommt: Die Geschäftsleitung hat das Gefühl, man könnte dasselbe Produkt auch mit zehn Prozent weniger Journalisten machen und die Journalisten sagen: Nein, wir brauchen zehn Prozent mehr.
Klartext: Müssen Sie dann als Chefredaktor nicht einen “Spagat” machen, wenn Sie in der Geschäftsleitung sitzen, einem Gremium, das findet, es gehe auch mit zehn Prozent weniger Journalisten?
Löpfe: Natürlich gibt es Interessenskonflikte, die gibt es aber in jedem Unternehmen. Ich würde nie dementieren, dass ich einen “Spagat” zwischen Geschäftsleitung und Redaktion machen muss. Aber es gibt ähnliche Diskussionen darüber, ob die Schweiz in der EU sein soll oder nicht. Sie vertreten quasi die Blocher-Position, wenn Sie sagen, ich soll nicht Mitglied der Geschäftsleitung sein.
Klartext: Aus der Optik der Redaktion ist dies ein heikler Punkt: Auf welcher Seite steht jetzt unser Chefredaktor?
Löpfe: Im Moment ist das aus meiner Sicht eine hypothetische Frage: Es ist meines Wissens auf der Redaktion kein Thema, ob ich in der Geschäftsleitung vertreten sein soll oder nicht.

Klartext: Tamedia will sparen. Da fragen sich RedaktorInnen: Kämpft der Chefredaktor dafür, dass wir nicht so viel sparen müssen, oder ist er der Bote der Geschäftsleitung?
Löpfe: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein Bote bin. Beim Thema Sparen habe ich gekämpft wie ein Löwe. Und ich habe bis jetzt in dieser Hinsicht keine Vorwürfe der Redaktion gehört. Es ist richtig, dass die Redaktoren und Redaktorinnen nicht gerne sparen. Ich würde es auch lieber nicht.
Klartext: Was hat Ihr Löwenkampf denn nun eingebracht? Auf der Redaktion ist man sich offenbar nicht ganz klar darüber, wie viel und wo nun gespart werden muss.
Löpfe: Das kann ich gut verstehen, denn es war aus verschiedenen Gründen etwas kompliziert. Aber wir haben erreicht, dass wir den “Tages-Anzeiger” nächstes Jahr so machen können, wie wir ihn dieses Jahr gemacht haben, in der gleichen Qualität. Wir werden vielleicht ein oder zwei frei werdende Stellen nicht ersetzen, aber wir werden sicher auf der “Tages-Anzeiger”- Redaktion keine Leute entlassen.
Klartext: Anfänglich hiess es ja, bei allen Tamedia-Produkten müssten fünf Prozent eingespart werden. Gilt das jetzt für den “Tages-Anzeiger” auch noch?
Löpfe: Ja, wobei sich immer die Frage stellt, fünf Prozent wovon. Deshalb ist auch eine gewisse Unsicherheit entstanden, weil es eine Zeitlang zwei verschiedene Logiken gab: Nach der einen hätte man fünf Prozent vom Produkteergebnis sparen müssen, nach der anderen fünf Prozent von der Kostenstelle. Aber wenn Sie jetzt nicht ein betriebswirtschaftliches Seminar mit mir führen wollen, glaube ich, wir lassen es dabei bewenden.
Klartext: Sie werden gewisse Stellen nicht mehr besetzen können. Werden Sie auch die Freienbudgets verkleinern?
Löpfe: Ja. Die Sparmassnahmen sind ein komplexes Bündel, das sich aus vielen kleinen Dingen zusammensetzt. Wir versuchen einfach, überall dort zu sparen, wo es geht, ohne dass ein qualitativer Schaden entsteht.

Klartext: Sparen Sie auch beim Umfang des “Tages-Anzeigers”?
Löpfe: Der Umfang richtet sich ja auch nach der Anzahl Inserate. Für nächstes Jahr haben wir aus guten Gründen weniger Inserate budgetiert, daher reduziert sich der Umfang ohnehin. Der “Tages-Anzeiger” wird jedoch nicht abgespeckt, der Umfang reduziert sich auf den Stand von vor zwei Jahren. Und, ehrlich gesagt: Haben Sie einen Unterschied zwischen jetzt und vor zwei Jahren bemerkt?
Klartext: Ich zähle die Seiten nicht, ich lese die Inhalte. Aber einen Abbau bemerkt man doch eher als einen allmählichen Ausbau.
Löpfe: Wir ziehen das ja nicht mechanisch durch, deshalb wird man es kaum merken. Wenn ein grosses Ereignis stattfindet, können wir selbstverständlich kurzfristig sagen: Wir brauchen zwei Seiten mehr. Aber vielleicht wird es eine Buchbesprechung weniger geben, vielleicht wird eine Sommerserie acht anstatt zehn Teile haben – Dinge, die Sie wahrscheinlich nicht bemerken werden. Wir sparen nur dort, wo es sinnvoll ist und wo es unbemerkt bleibt. Wir werden beispielsweise die Wetterseite etwas verkleinern, das TV-Programm von zweieinhalb auf zwei Seiten reduzieren. Über das ganze Jahr gerechnet, sind das schnell ein paar hundert Seiten weniger.
Klartext: Tamedia hat das Projekt “Focus” gestartet, das überall nach Einsparungsmöglichkeiten suchen soll, also auch beim “Tages-Anzeiger”. Was halten Sie davon?
Löpfe: Ich kann zu “Focus” erst dann etwas sagen, wenn ich konkrete Resultate sehe. Wenn man mir aufgrund der Resultate von “Focus” sagen kann, wie ich dasselbe Produkt kostengünstiger machen kann, habe ich keinen Grund, das nicht zu tun. Wenn mich jemand davon überzeugt, dass ich genau das gleiche Produkt mit der genau gleichen Qualität zum halben Preis machen kann, würde ich es tun. Ich kann mir zwar schlicht nicht vorstellen, dass man das kann, aber das ist eine andere Diskussion.

Klartext: Sie sagen “mit der gleichen Qualität” – jemand aus dem Verlag könnte sagen: Die Zeitung ist ja voll, also ist alles gut.
Löpfe: Man muss die Verlagsleute nicht als Dummköpfe hinstellen. So würde niemand aus dem Verlag argumentieren. Journalistische Qualität ist nicht genau mathematisch messbar, aber ich glaube, man hat in diesem Haus schon das Gefühl dafür, was Qualität beim “Tages-Anzeiger” bedeutet, und kann das auch beurteilen.
Klartext: Wie definieren Sie als Chefredaktor journalistische Qualität?
Löpfe: Wichtig für den “Tages-Anzeiger” sind kompetente Fachjournalisten, Verständlichkeit in der Darstellung, auch eine optisch schöne Zeitung, das heisst, gute Bildsprache, Grafiken. Dazu kommt ein globales Korrespondentennetz, dann ein sehr guter Inlandteil mit Korrespondenten im Bundeshaus und einem guten Korrespondentennetz in der Schweiz, dann je eine adäquate Wirtschafts-, Sport- und Kulturredaktion sowie ein Lifestyle-Bund, der unterhaltend, aber nicht seicht ist.
Klartext: Das wäre in etwa, was Sie jetzt haben.
Löpfe: Ja.
Klartext: Und Sie nehmen keine neuen Gewichtungen vor?
Löpfe: Nein.

Klartext: Kurz eine Frage zur Konzernleitung: Michel Favre wird Tamedia verlassen. Sein Nachfolger Martin Kall, bisher bei Ringier für die Bereiche “Verlagsleitung Europa” und “Zeitschriften Schweiz” zuständig, ist offenbar mehr ein Print-Mensch, als es Favre war. Was erwarten Sie von diesem Wechsel?
Löpfe: Ich kenne Martin Kall bis jetzt nicht, ich habe ihn zweimal gesehen. Was mich sicher sehr positiv stimmt, ist, dass ich bisher von meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Haus Ringier nur Gutes über ihn gehört habe. So gesehen habe ich eigentlich keinen Grund zur Panik bei diesem CEO-Wechsel. Wobei ich betonen möchte, dass ich Ihre Einschätzung bezüglich Michel Favre überhaupt nicht teile. Er hat in diesem Haus alles in allem einen eindrücklichen Leistungsausweis, und ich habe zu ihm ein sehr gutes Verhältnis.

Klartext: Zu Tamedia gehören Print-Produkte und elektronische Produkte – die letzteren wurden in letzter Zeit stark gepusht, bis hin zum Belcom-Kauf. Zumindest bei den Print-Redaktionen gab es da ein gewisses Murren: “Warum nicht TV3 abstellen? Dann müssten wir nicht sparen.”
Löpfe: Bei TV3 ist Tamedia ja jetzt ausgestiegen. Trotzdem: Diese These ist falsch. Es besteht, glaube ich, eine falsche Wahrnehmung in der Öffentlichkeit in dieser Frage, und das muss ich jetzt grundsätzlich erklären: Tamedia ist seit einem Jahr an der Börse kotiert, als einziges Medienhaus der Deutschschweiz. Wenn man an der Börse kotiert ist, hat man eine viel höhere Informationspflicht als ein privates Haus. Tamedia muss alles, was sich irgendwie als kursrelevant erweisen könnte, sofort kommunizieren. Deshalb erfahren Sie von Tamedia sehr viel mehr als beispielsweise von Ringier, der “Berner Zeitung”, der NZZ oder der “Basler Zeitung”. Das erweckt den Eindruck, als ob bei Tamedia viel mehr gespart werde als anderswo. Dieser Eindruck ist komplett falsch. Aktuelles Beispiel: Im Medienbund der NZZ steht heute ein Artikel über Sparen in der Medienbranche. Da wird ausführlich über Tamedia berichtet, mit keinem Wort aber wird die NZZ erwähnt. Ich weiss aber, dass auch bei der NZZ ein Sparprogramm läuft.
Klartext: Auf der Medienseite des “Tages-Anzeigers” gab es ebenfalls einen grossen Artikel über Sparen in der Medienbranche, in dem Tamedia nicht erwähnt wurde.
Löpfe: Das war vor einem halben Jahr und kurz bevor diese Sparmassnahmen bekannt wurden. Das hängt auch wieder mit der Börse zusammen: Wir dürfen nichts publizieren, bevor es nicht der Börse publiziert wurde. Inzwischen ist meines Wissens in Tamedia-Produkten sehr viel über die Sparanstrengungen des Hauses geschrieben worden. Es geht mir aber um etwas anderes: Nicht nur das neue Tamedia-Haus ist gläsern, sondern auch die Tamedia ist, weil sie börsenkotiert ist, viel durchsichtiger geworden. Für mein Empfinden ist dieses Haus in letzter Zeit viel schlechter geschwatzt worden, als es tatsächlich ist.
Klartext: Dieses Haus ist ja auch mit einer grossen Geste in den Internetbereich eingestiegen.
Löpfe: Internet ist ein schlechtes Beispiel, denn hier sind alle eingestiegen. Alle etwa gleich gross. Und alle haben mehr oder weniger dieselben Erfahrungen gemacht. Man kann wirklich sagen: Wenn man sich da gegenseitig beschimpft, dann schimpft ein Esel den anderen Langohr.
Klartext: Wenn einige Gesellschaften eines Konzerns viel einbringen und andere viel kosten, dann ist es normal, dass innerhalb des Konzerns darüber diskutiert wird. Vor allem, wenn Sparen angesagt ist.
Löpfe: Das ist eine irrtümliche Ansicht. Es ist nicht so, dass der “Tages-Anzeiger” sparen muss, damit es TV3 – heute muss man leider sagen – gab. Der “Tages-Anzeiger” hat einen Businessplan, TV3 hatte einen Businessplan. Die beiden haben primär nichts miteinander zu tun, bei beiden richtet er sich nach den Erwartungen, nach den Budgets, nach dem Erfolg auf dem Markt. – Der “Tages-Anzeiger”, das ist richtig, ist die wichtigste Cash-Cow der Tamedia. Ich plädiere dafür, und das wird eigentlich nicht schlecht eingehalten, dass der “Tages-Anzeiger” wie jede Tierart eine artgerechte Haltung geniesst. Das reicht mir. Wenn man mit den Überschüssen aus dem “Tages-Anzeiger” andere Geschäftsfelder entwickelt, ist das völlig normal.

Klartext: Die Cash-Cow “Tages-Anzeiger” erlebt im Moment einen Rückgang der Auflage …
Löpfe: Halt, Moment. Es ist richtig, dass wir von den Pendlerzeitungen sehr stark gebeutelt wurden. Aber wenn Sie das Millionen-Zürich betrachten, sind die Verluste des “Tages-Anzeigers” prozentual gesehen etwa identisch mit denen der NZZ: Beide haben ungefähr sechs Prozent ihrer Leserschaft verloren, nur sind es beim “Tages-Anzeiger” absolut betrachtet mehr, weil seine Auflage höher ist. Ausserdem ist seit August die Auflage des “Tages-Anzeigers” stabil, die Ereignisse seit dem 11. September haben zu einer massiven Erhöhung der Einzelverkäufe geführt. Überspitzt kann man sagen, die Auflage des “Tages-Anzeigers” ist in den letzten drei Monaten gestiegen und nicht gesunken. Wenn wir das ganze Jahr betrachten, wird der “Tages-Anzeiger” aber auch dieses Jahr bei der Auflage unter dem Vorjahr liegen, weil wir die Verluste des Frühlings nicht aufholen können. Die Auflage ist ja auch abhängig vom konjunkturellen Umfeld, und was die Konjunktur angeht, kann man mit ebenso guten Gründen ein Horror-Szenario wie ein positives Szenario für das nächste Jahr entwerfen. Ich habe aber die leise Hoffnung, dass wir jetzt den Tiefpunkt erreicht haben und uns eher nach oben als nach unten entwickeln. Es ist vielleicht eine gewagte Behauptung, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass nun tatsächlich eine Ära zu Ende gegangen ist und die Politik wieder eine viel wichtigere Rolle spielt. Und eine politisierte Gesellschaft ist für den “Tages-Anzeiger” eine gute Gesellschaft.
Klartext: Wie bei vielen anderen Print-Produkten wurden auch beim “Tages-Anzeiger” dieses Jahr deutlich weniger Inserate gebucht. Wie geht es weiter?
Löpfe: Anzeigen sind so konjunkturabhängig, dass ich keine Prognosen wagen kann. Aber im Budget für das nächste Jahr haben wir sehr pessimistisch gerechnet. Was derzeit leider realistisch ist.

Klartext: Eine harte Konkurrenz sind die Gratiszeitungen, vor allem im Kioskverkauf …
Löpfe: Die Gratiszeitungen haben uns nicht primär im Kioskverkauf getroffen, sie machen uns in erster Linie Probleme bei den Abonnentinnen und Abonnenten, die zum ersten Mal das “Tages-Anzeiger”-Abonnement erneuern mussten. Wenn jemand viermal das Tagi-Abonnement erneuert hat, dann haben wir ihn auf Lebenszeit, aber beim ersten Mal ist es noch kritisch.
Klartext: Wie haben Sie sich denn auf die Konkurrenz der Gratiszeitungen vorbereitet?
Löpfe: Wir sind nach Stockholm gereist, wo die ganze Sache angefangen hat. Wir haben uns auch in Deutschland und in Amsterdam umgehört. Aber letztlich kann man kein Konzept gegen etwas erarbeiten, das gratis verteilt wird. Es ist nicht schwierig, etwas zu verschenken.

Klartext: Sie waren als Referent an der “Herzberg-Tagung”, wo es dieses Jahr vor allem um LeserInnen- und Marktforschung ging. Sie wirkten nicht besonders begeistert von Marktforschung. Haben Sie im Vorfeld der Lancierung der Pendlerzeitungen dennoch mit der Marktforschung zusammengearbeitet?
Löpfe: Wir haben eine intensive Marktforschung betrieben. Aber das Problem war: Die Leserinnen und Leser des “Tages-Anzeigers” sind, generell gesehen, sehr zufrieden mit dem Produkt. Der meistgehörte Vorwurf gegen den “Tages-Anzeiger” ist, er sei zu dick. Unzufriedenheit mit der redaktionellen Leistung spielt sozusagen keine Rolle. Die Leserforschung hat nichts ergeben, das wir konkret umsetzen könnten.
Klartext: In Ihrem “Herzberg”-Referat sagten Sie auch, es gebe eine natürliche Feindschaft zwischen Marktforschung und Journalismus und Sie wüssten auch ohne Marktforschung, wie Sie Ihre Zeitung zu machen hätten.
Löpfe: Das ist falsch zusammengefasst. Erstens war es ein polemisches Referat, ganz bewusst. Zweitens ist es tatsächlich so, dass die Marktforschung in den letzten dreissig, vierzig Jahren immer wichtiger geworden ist. Ich erkläre es damit, dass sich die Gesellschaft in dieser Zeit zunehmend von einer Schicksalsgemeinschaft zu einem losen Verbund von Interessensgemeinschaften entwickelt hat. In dieser Gesellschaft hat die Marktforschung die Aufgabe festzustellen, welche Interessen wie gewichtet werden müssen. In einer Schicksalsgemeinschaft hingegen gilt die Losung der “New York Times”: “All the news that’s fit to print.” Dann brauchen die Journalisten keine Marktforschung, um zu entscheiden, wie sie die Zeitung machen wollen – deshalb spricht man ja von General-Interest-Titeln.

Klartext: In Ihrem Kommentar zum Bundesgerichtsentscheid gegen einen “Blick”-Journalisten haben Sie unter anderem geschrieben: “Der politische Kurs der Zeitung interessiert kaum noch jemanden.” Wir haben da unsere Zweifel.
Löpfe: Die Situation hat sich seit dem 11. September verändert. Für die letzten fünf bis zehn Jahre trifft die Aussage jedoch sicher zu. In den achtziger Jahren war ja die Unterscheidung zwischen links und rechts, zwischen Tagi und NZZ enorm wichtig. In den letzten fünf Jahren war das sehr viel weniger wichtig. Aber ich glaube, wir gehen nun wieder in eine politischere Zeit. In den neunziger Jahren fand eine deutliche Ent-Ideologisierung der Gesellschaft statt. In diesem Herbst jedoch hat es einen politischen Schock gegeben, der, so vermute ich, eine lange Wirkung haben wird. Nicht nur unbedingt eine segensreiche Wirkung. Ich sage nicht, dass eine politisierte Gesellschaft nur gute Seiten hat. Wenn es zu einer schwierigen wirtschaftlichen Situation kommt, könnte sich, wie ja die Geschichte zeigt, eine sehr gefährliche Mixtur entwickeln.
Klartext: Eine nationalistische Gefahr?
Löpfe: Das ist durchaus denkbar. Ich bin manchmal erstaunt und nicht gerade erfreut darüber, wie gerade die jüngere Generation in manchen Fragen sehr viel weniger Beisshemmungen hat als wir.

Klartext: Erstaunt hat uns, aber auch eine Reihe von “Tages-Anzeiger”-JournalistInnen, dass Philipp Löpfe, der als gläubiger Anhänger der freien Marktwirtschaft gehandelt wurde, einen Kommentar unter dem Titel “Rettet die Swissair” schreibt.
Löpfe: Es ist manchmal etwas zufällig, welche Etiketten man in der Öffentlichkeit hat. Ich bin ein überzeugter Vertreter der Marktwirtschaft, das ist richtig. Aber ich bin in meinem wirtschaftlichen Denken sehr stark beeinflusst von angelsächsischen Ökonomen wie etwa Paul Krugman, die in den USA als “Liberals”, also eher als Linke, gelten. Weshalb ich ein Anti-Globalisierer geworden sein soll, wenn ich mich für einen internationalen Hub einsetze, habe ich eigentlich bis heute nicht begriffen. Es ist doch ein idiotischer Glaubenskrieg. George W. Bush hat in seinem Wahlkampf wirklich sehr neo-liberal argumentiert und hat einen Tag nach dem 11. September diskussionslos 15 Milliarden für die Fluglines gesprochen. – Aber die Diskussion um die Swissair ist eine interessante und wichtige Debatte, denn das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft ist immer ein Spannungsfeld. Wenn Sie die Geschichte der Marktwirtschaft anschauen, dann sehen Sie, dass es immer wieder Pendelbewegungen in die eine oder andere Richtung gegeben hat. Aber es gibt keine Strategie, die immer Bestand haben wird: In den neunziger Jahren hat die so genannte neo-liberale Seite aus verschiedenen Gründen bessere Argumente gehabt. Nun ist es zumindest denkbar, dass es wieder zurückpendelt.
Klartext: Und Sie pendeln als Kommentator mit?
Löpfe: Wie John Maynard Keynes gesagt hat: “Wenn die Fakten sich ändern, dann ändere ich meine Meinung. Was tun Sie?” Ich habe noch nie ein verbindliches Reglement für meine Weltanschauung abgegeben und ich denke auch nicht daran, es in Zukunft zu tun. Sicher bekenne ich mich grundsätzlich zur Marktwirtschaft und zur Demokratie, aber wer tut das nicht? Man kann seine Meinung immer ändern. Wenn es dafür triftige Gründe gibt, halte ich es für legitim. Ich selber hatte beispielsweise bis dreissig keine Ahnung von Ökonomie. Ich hatte ein Phil-1-Studium hinter mir. Erst später, als ich einen HSG-Nachdiplomkurs absolvierte, aber auch bei “Cash”, habe ich im Bereich Ökonomie viel gelernt. Da habe ich einen Lernprozess durchgemacht, aber ich habe mir noch kein letztlich gültiges Weltbild zusammengezimmert. Ich lasse mir die Freiheit, meine Meinung zu korrigieren, dies hat aber nichts mit Opportunismus zu tun.
Klartext: Wenn man Ihre Editorials und Kommentare liest, wirken Sie nicht gerade wie ein scharfer Kommentator – oft läuft es auf ein Sowohl-als-auch hinaus.
Löpfe: Das ist vielleicht eine Frage der Wahrnehmung. In der Regel höre ich das Gegenteil. Man spricht mir meistens zu, dass ich sehr klar meine Meinung sage.

Klartext: Sie haben vorhin gesagt, heute – und vielleicht auch in Zukunft – spiele die Politik wieder eine wichtigere Rolle. Welche Konsequenzen hat das für den “Tages-Anzeiger”? Wird er politischer? Erhält er ein neues Profil?
Löpfe: Der Tagi hat sich in den letzten zwei Jahren nicht schlecht entwickelt. Seit September haben wir sehr viel mehr Reaktionen, sehr viel positive Kommentare zur Zeitung erhalten. Die Welt hat sich verändert und deshalb wird die Leistung des “Tages-Anzeigers” anders wahrgenommen als vorher, in der Regel positiv.
Klartext: Der Zürcher Regierungsrat Markus Notter war kürzlich als Gastkritiker beim “Tages-Anzeiger” und hat dabei unter anderem gesagt, der Tagi habe nicht immer ein klares Profil.
Löpfe: Der Tagi ist natürlich – ich meine das in einem sehr positiven Sinn – eine Mainstream-Zeitung. Wir haben den Anspruch, kompetent über die Welt zu berichten, auch für Leute ohne Hochschulbildung. Der “Tages-Anzeiger” ist keine Parteizeitung und fühlt sich keiner Ideologie verpflichtet. Das hat die positive Folge, dass der Tagi eine weltoffene und moderne Zeitung ist. Und es hat den Nachteil, dass wir nicht so sehr wie eine NZZ die Welt aus einer ganz bestimmten Perspektive betrachten. Deshalb wirft man dem Tagi immer wieder vor, er sei opportunistisch und habe keine Linie. Aber man kann nicht beides haben, nicht gleichzeitig NZZ und Tagi sein. Und wir sind nun mal der Tagi.
Klartext: Und wenn die politische Entwicklung zu einer grösseren Polarisierung führt – bleibt dann der “Tages-Anzeiger” immer ein bisschen dazwischen?
Löpfe: In einzelnen Fragen, wie jetzt beispielsweise bei der Swissair, wird der “Tages-Anzeiger” immer klar Stellung beziehen. In Sachfragen bemühen wir uns darum, eine Linie zu haben und diese auch durchzuziehen. Das bedeutet aber nicht, dass wir in der Zeitung nicht auch Leute mit anderer Meinung zu Wort kommen lassen, wie etwa gestern Christoph Blocher zur Swissair. Es ist ja klar, dass ich, was die Swissair betrifft, eine völlig andere Haltung einnehme als Herr Blocher. Aber er soll das Recht haben, zu Wort zu kommen. Dies ist mein Verständnis von Liberalismus. Es wird leider gerade bei den Linken nicht immer verstanden. Sie meinen, man müsste verbieten, dass Blocher im Tagi zu Wort kommt. Dies finde ich absurd.
Klartext: Entscheidet die Chefredaktion über die “Linien” in Sachfragen oder wie kommen sie zustande?
Löpfe: Wenn es um Volksabstimmungen geht, stimmen die zuständigen Ressorts intern über ihre Linie ab und ich kann dagegen mein Veto einlegen. Bei anderen Fragen läuft es anders. Bei der Swissair beispielsweise habe ich an der Redaktionskonferenz gesagt: Wir müssen uns jetzt festlegen, wofür wir sind. Wir haben diskutiert und diese Linie hat sich durchgesetzt. Es ist also kein Vollversammlungsverfahren, aber es ist auch nicht diktatorisch. Ein eigentlich gültiges Verfahren gibt es aber nicht, es funktioniert eher informell.

Klartext: “Tages-Anzeiger”-MitarbeiterInnen loben Sie einerseits dafür, dass Sie auf der Redaktion im Vergleich zu früher ein ruhiges und intrigenfreies Klima geschaffen haben. Andererseits empfinden sie die Stimmung schon fast als zu ruhig, zu wenig fordernd. “Das Feedback auf die Zeitung lautet jeweils: ‘Ist eine gute und interessante Nummer’, aber wir können das doch noch besser”, hat uns beispielsweise jemand gesagt.
Löpfe: Man kann es nie allen recht machen. Aber es ist richtig, dass ich vom Temperament her eher dazu neige, die Stimmung herunterzuholen. Journalisten sind in der Regel weder faul noch besonders dumm, sondern mehrheitlich motiviert, ehrgeizig und in der Regel auch fleissig. Entsprechend ist mein Führungsstil. Wer beim “Tages-Anzeiger” arbeitet, weiss, dass für uns dasselbe gilt wie für Bayern-München: Wir müssen jedes Jahr Meister werden. Das ist völlig klar, darüber diskutieren wir gar nicht. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass man, wenn man einen Artikel geschrieben hat, in der Regel sehr verletzlich ist, sich schlecht verteidigen kann und eher Unterstützung als Kritik braucht. Deshalb sollte eine Blattkritik nach meiner Auffassung aus 70 Prozent Lob und 30 Prozent Kritik bestehen. Und nicht umgekehrt. – Ich habe selbst Chefs erlebt, die sicher temperamentvoller waren als ich. Aber sie haben auch eine grosse Verunsicherung ausgelöst. Wenn ich die Zeitung anschaue, finde ich mein Rezept nicht unbedingt erfolglos. Wir machen zurzeit einen guten Tagi.

Klartext: Wie beurteilen Sie dabei den “blauen Bund”, also den Lokal- und Regional-Bund?
Löpfe: Ich bin sehr froh, dass der blaue Bund nicht mehr im Ruf steht, gewissermassen die Juniorenabteilung zu sein. Heute arbeiten die Stars im blauen Bund.
Klartext: Wenn ich als Zürcherin den blauen Bund lese, entdecke ich recht viel Pflichtstoff und weniger Eigenleistung.
Löpfe: Wenn Sie den blauen Bund von heute mit demjenigen von vor fünf Jahren vergleichen, werden Sie sehen, dass Politik heute wieder eine sehr viel grössere Rolle spielt. Wir – damit hat bereits Esther Girsberger angefangen – haben den blauen Bund wieder politisiert. Das ist sogar messbar: Der Zürcher Soziologie-Professor Kurt Imhof führt solche Messungen durch und er hat eindeutig eine Politisierung des blauen Bundes festgestellt. Ich höre auch immer morgens um sieben die Nachrichten von Radio 24, um zu schauen, wie oft wir zitiert werden. Wir werden praktisch täglich zitiert – und das war auch vor einem Jahr so, als wir die Belcom noch nicht gekauft hatten. Der blaue Bund ist heute politischer, ist sehr News-orientiert und bringt sehr viele Primeurs. Natürlich gibt es Pflichtstoffe, wir berichten über Pressekonferenzen des Stadtrats, über den Kantonsrat, den Gemeinderat. Aber der blaue Bund hat heute newsmässig die Luftherrschaft über Zürich, und ich hoffe, dass es weiterhin so sein wird.

Klartext: Sie sind also rundum zufrieden mit dem “Tages-Anzeiger”?
Löpfe: Man kann jede Zeitung besser machen. Aber ich bin mit der Entwicklung in der letzten Zeit sehr zufrieden. Gerade in dieser extremen Situation seit September haben wir alles in allem einen sehr guten Job gemacht. Selbstverständlich gibt es bei einer grossen Redaktion wie derjenigen des “Tages-Anzeigers” immer einen Bereich, in dem es nicht ganz stimmt. Wir hatten beispielsweise lange ein Problem in der Wirtschaft, dann im Ressort “Wissen”. Zurzeit haben wir jedoch keine grosse Baustelle. Kleinere Baustellen gibt es immer und das Bestreben, die Zeitung noch besser zu machen, ist auch immer da.
Klartext: Bei den Baustellen, die Sie erwähnt haben, spielte ja die Personalpolitik eine Rolle, sie ist ja ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit als Chefredaktor. Können Sie überhaupt eine Personalpolitik betreiben, jetzt, da ein Einstellungsstopp verfügt wurde?
Löpfe: Zuerst eine Korrektur: Der “Tages-Anzeiger” hat neu Richard Aschinger für das Inland und Richard Diethelm für das Ausland verpflichtet, beides Journalisten, die wirklich zur ersten Garnitur in diesem Land gehören. Personalstopp bedeutet nicht, dass man grundsätzlich niemanden mehr einstellen kann, es ist einfach so, dass man sich bei jeder vakanten Stelle zuerst fragen muss: Muss man sie überhaupt besetzen, muss man sie sofort besetzen oder erst nach einer gewissen Zeit? Derzeit haben wir fünf Abgänge von der Redaktion und diese Abgänge werden wir teilweise durch interne Umpositionierungen auffangen, aber wir werden auch neue Leute anstellen. Es ist übrigens eine völlig irrige Annahme, dem “Tages-Anzeiger” liefen die Leute in Scharen davon. Die Fluktuation beim “Tages-Anzeiger” ist sehr tief, denn die Loyalität zum “Tages-Anzeiger” ist riesig, auch bei den jüngeren Mitarbeitern. Es gibt Leute, die von der “NZZ am Sonntag” umworben wurden und auf sehr viel Lohn verzichtet haben, um beim “Tages-Anzeiger” zu bleiben.

* Das Zitat stammt aus einer Buchrezension von Philipp Löpfe (TA, 26. 7. 2001): Bill Kovach, Tom Rosenstiel: “The Elements of Journalism.”

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Hans Stutz am 16. November in Zürich. Aufgrund aktueller Ereignisse wurden die Antworten, die sich auf TV3 beziehen, am 21. November kurz überarbeitet.

Der Gesprächspartner

Philipp Löpfe, 48, ist seit April 2000 Chefredaktor des “Tages-Anzeigers”. 1998 war er als stellvertretender Chefredaktor unter Esther Girsberger zum “Tages-Anzeiger” gekommen und hatte die Redaktion nach Girsbergers Abgang ab November 1999 als interimistischer Chefredaktor geleitet. Zuvor war Löpfe u.a. stellvertretender “Cash”-Chefredaktor und “SonntagsBlick”-Chefredaktor. Ursprünglich studierte Löpfe Anglistik, Ethnologie und Publizistik, später absolvierte er ein Nachdiplomstudium in Unternehmensführung an der HSG. Er ist mit Christa Löpfe, Chefredaktorin der “Annabelle”, verheiratet und lebt in Zürich.

10. Juli 2007 von Fredi Lerch

Karrierestart

Die meisten alternativen Alpen-Blätter aus den 70er Jahren sind eingegangen, aus ihren Machern ist jedoch etwas geworden.
Von Fredi Lerch.

Zwischen 1972 und 1974 entstanden in verschiedenen Schweizer Bergregionen kritische Alternativzeitungen, die untereinander in losem Kontakt standen. Die Projekte hatten ein gemeinsames Ziel: Sie suchten links von der örtlichen SP Öffentlichkeit und Einfluss zu erreichen. Es gab gemeinsame Treffen, an denen eine “Alpenzeitung” mit variablen Regionalteilen diskutiert wurde. Zu einer solchen Zeitung kam es zwar nie, aber, so Reto Gamma im Rückblick, die Treffen seien wichtig gewesen für die Vernetzung der ökologischen Bewegung im Alpenraum, die schliesslich der Alpeninitiative zum Durchbruch verholfen habe.
Gamma, heute Generalsekretär der SP Schweiz, gehörte zu jenen Leuten, die zwischen 1973 und 2000 in Altdorf bei zehn Ausgaben pro Jahr knapp 250 Ausgaben der “Anderen Urner Zeitung” “Alternative” herausbrachten. Das “Kritische Forum Uri”, das sich um die “Alternative” bildete, wuchs um 1990 mit der SP zusammen, als eine neue Generation in die wichtigen Funktionen nachrückte. Und wie im Oberwallis die “Rote Anneliese”, wurde die “Alternative” zu diesem Zeitpunkt von einem Verein übernommen, was zu einer journalistischen Professionalisierung führte. Zwei Hauptgründe führten vor einem guten Jahr zur Einstellung der Zeitung: Einerseits, so Gamma, habe der harte Konkurrenzkampf der Tageszeitungen die Nischen für einen alternativen Enthüllungsjournalismus immer kleiner werden lassen, andererseits habe zwar nicht der Generationenwechsel, dafür die Abwanderung in die Städte die Personalknappheit zum unüberwindlichen Problem gemacht.
Bereits 1988 stellte das “Viva-Kollektiv” in Chur seine Zeitschrift “Viva. Politica und Cultura” ein. Seit 1972 hatte es 71 Ausgaben mit durchschnittlich 12 Seiten im A3-Format herausgebracht. Die Entwicklung ist im Vergleich zum Oberwallis oder zum Kanton Uri gegenläufig: Bei der Heftgründung wirken vor allem SozialdemokratInnen mit. Bald aber kommt es zum Bruch und um das “Viva” entwickelt sich die “Linke Alternative”, die den “Viva”-Redaktor, Rechtsanwalt Andrea Bianchi, ab 1980 in die Churer Legislative und ab 1989 in den Bündner Grossen Rat bringt. 1984 macht die “Linke Alternative” in der Stadt Chur einen zweiten Sitz, 1988 erreicht sie sogar einen Stimmenanteil von 10 Prozent. Trotzdem geht damals das Projekt “Viva” unter, weil der Generationenwechsel misslingt. Zwar habe sich ein Nachfolger für die Redaktionsarbeit gefunden. Dieser habe das Heft aber nach zwei Ausgaben eingehen lassen. Heute arbeitet Bianchi in der Geschäftsleitung der kantonalen SP mit.
Ein bewusster Einstellungsentscheid bedeutete 1987 das Ende des “Bockshorns” im Kanton Nidwalden. Gegründet worden war die Zeitung 1974 unter dem Namen “Steinbock” als Organ der kantonalen SP. Das “Steinbock”-Team, in dem neben Parteileuten auch Zugewandte mitarbeiteten, geriet Ende der 70er Jahre unter anderem wegen Geschichten über die Stanser Pilatus-Werke in Konflikt mit dem konservativen Gewerkschaftsflügel der Partei. Der Streit eskalierte, die “Steinbock”-Redaktion setzte sich von der SP ab, die Partei prozessierte um den Hefttitel, die Redaktion änderte den Titel in “Bockshorn” und veröffentlichte weiterhin zweimonatlich 28 bis 36 Seiten im Magazinformat, während der SP-“Steinbock” sang- und klanglos einging. Die spätere Einstellung des “Bockshorns” hatte, so der ehemalige Redaktor Peter Steiner, zwei Gründe: Einerseits ging es darum, die Kräfte für die politische Arbeit im “Demokratischen Nidwalden” zu konzentrieren, das 1982 gegründet worden war. Andererseits gab es auch ein pragmatisches politisches Argument: Mit jedem Heft sei man im Kanton angeeckt, man sei publizistisch nicht darum herumgekommen, mit Leuten in Streit zu geraten, die man bei nächster Gelegenheit in der politischen Arbeit als Koalitionspartner wieder gebraucht habe. Heute ist Steiner Mitglied des kantonalen Parlamentes und des fünfköpfigen Landrats-Büros. Weiter engagiert er sich führend beim Widerstand gegen das Endlager für radioaktiven Müll am Wellenberg.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr