10. Juli 2007 von Reiner Wandler

Ein Blatt des Übergangs

“Diario 16”, einst eine renommierte spanische Tageszeitung, stellt das Erscheinen ein.
Von Reiner Wandler.

Es wird immer enger auf dem spanischen Tageszeitungsmarkt. Diese Erfahrung musste auch “Diario 16”, die kleinste der überregionalen Tageszeitungen, machen; sie stellte ihr Erscheinen ein. Zum Schluss verkaufte das Blatt noch knapp 25’000 Exemplare. Das Aus kam nach monatelanger Suche nach einem neuen Investor. Allein in den letzten vier Jahren erwirtschaftete das 1976 gegründete Blatt 30 Millionen Euro Schulden (45 Millionen Franken). “La Voz de Galicia” – eine der grössten Regionalzeitungen Spaniens – die “Diario 16” 1998 für drei Millionen Euro auf einer Versteigerung erstanden hatte, kam dadurch selbst in die roten Zahlen.
“Diario 16” war neben dem spanischen Marktführer “El País” die zweite überregionale Neugründung nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im Jahr 1975. Herausgeber Juan Tomas de Salas hatte sich bereits in den letzten Jahren des Franquismus an unabhängigem Journalismus versucht. Zusammen mit 15 weiteren Intellektuellen hatte er 1971 die Zeitschrift “Cambio 16” gegründet. Alles, was bei den Linken Rang und Namen hatte, veröffentlichte damals in dem Magazin für Wirtschaft und Politik. Dieser Ausrichtung blieb de Salas auch treu, als er “Diario 16” ins Leben rief. Vor allem mit der Aufdeckung verschiedener Putschpläne gegen die junge Demokratie machte sich die Zeitung einen Namen. Doch je weiter sich das neue politische System festigte, um so weniger LeserInnen fand die kritische Stimme des Umbruchs.
1989 trennte sich de Salas – angeblich auf Druck der regierenden Sozialisten – vom jungen Chefredaktor Pedro J. Ramírez. Dieser nahm einen grossen Teil der Belegschaft mit und gründete sein eigenes Blatt, “El Mundo”. Ramírez machte das, womit er “Diario 16” für kurze Zeit aus den roten Zahlen geführt hatte: Enthüllungsjournalismus. Er deckte einen Skandal der Sozialisten nach dem anderen auf und hatte damit Erfolg. Ob Korruption oder schmutziger Krieg gegen ETA, die Arbeit der Rechercheabteilung liess “El Mundo” schnell in die Spitzengruppe des spanischen Zeitungsmarktes aufschliessen. Das neue Blatt machte zeitweise gar der knapp 100 Jahre alten konservativen Traditionszeitung ABC den zweiten Platz streitig.
Ramírez, der sich gerne in der Tradition des US-amerikanischen Journalismus à la “Washington Post” sieht, legte sein Blatt nie ideologisch fest. Einerseits lässt er sich mit dem konservativen Regierungschef Jose María Aznar ablichten, andererseits leistete er sich im Golfkrieg eine pazifistische Linie. Auch nach dem US-Angriff auf Afghanistan kamen in “El Mundo” wieder KriegsgegnerInnen zu Wort. Ramírez erreicht mit dieser unentschlossenen Haltung all diejenigen LeserInnen, die sich weder bei ABC noch bei der den Sozialisten nahe stehenden “El País” aufgehoben fühlen.

Versuch als Lokalzeitung missglückt
Der neue Besitzer von “Diario 16”, “La Voz de Galicia”, begriff bald nach dem Kauf, dass auf dem nationalen Markt kein Platz mehr für “Diario 16” war. Er suchte sein Glück bei dem, was er in Galicien gelernt hatte: beim Lokaljournalismus. Mit speziellen Regionalteilen sollten LeserInnen in den Dörfern und Vorstädten rund um Madrid gewonnen werden. Doch auch hier musste “Diario 16” mit anderen Blättern in Konkurrenz treten – ohne Erfolg.
Seit zwei Jahren ist im Raum Madrid “La Razón” auf dem Markt, nachdem eine Studie des ehemaligen ABC-Chefredaktors Luis María Ansón behauptet hatte, dass in und rund um die Hauptstadt Platz für eine weitere Publikation sei. Doch trotz eines Verkaufspreises, der einen Viertel unter dem der restlichen Tageszeitungen liegt, und trotz gross angelegter Werbekampagnen – kostenlose Dreingabe von prestigereichen Mode- und Lifestyle-Magazinen oder ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht mit Comicfiguren – steckt “La Razón” in den roten Zahlen. Keiner weiss, wie lange die Geldgeber noch mitspielen.

“El País” expandiert nach Übersee
Nach dem Abschied von “Diario 16” bleibt nur noch “El País” als überregionale Neugründung aus den Jahren des Übergangs zur Demokratie. “Die Normalität ist nicht so aufregend wie das Leben am Rande des Abgrundes. Aber ein Land wie das unsere, mit einer so bewegten Geschichte, hat gelernt, dass diese Art von Langeweile ein Segen ist”, hiess es im “El País”-Editorial zum 25. Geburtstag (4. Mai 2001). Anders als Juan Tomas de Salas hatte es der Besitzer von “El País”, Jesús de Polanco, verstanden, seine Mannschaft genau auf diese Normalität – auf die Zeiten nach dem bewegten Übergang von der Diktatur zur Demokratie – einzustimmen. Erfolgreich nahm sich Polanco die grossen europäischen Tageszeitungen zum Vorbild. Heute verkauft “El País” täglich über 400’000 Exemplare. Die Zeitung geniesst internationales Ansehen und wirft hohe Gewinne ab.
Längst hat Polanco seine eigene Mediengruppe PRISA gegründet. Zu ihr gehören nicht nur weitere Tageszeitungen zu Wirtschaft und Sport, sondern auch eine Filmproduktionsgesellschaft, das grösste spanische Radio SER, das Pay-TV Canal+ sowie die digitale Plattform Canal Satelite Digital. Erst vor wenigen Wochen schloss PRISA ein Abkommen mit Televisa, dem grössten Unterhaltungskonzern in Südamerika. Zusammen wollen die beiden Mediengiganten den Radio- und TV-Markt in der hispanischsprachigen Welt erobern.
Denn bei PRISA weiss man: Der spanische Zeitungsmarkt ist ausgeschöpft. Unzählige Beilagen und Geschenke dienen längst nicht mehr dem Ausbau der Leserschaft, sondern ihrem Erhalt. Zum einen wird in Spanien weniger gelesen als in anderen Ländern, zum anderen gibt es Regionen, in denen die Hauptstadtpresse einfach nicht Fuss fassen kann. Zwar werden in Katalonien und im Baskenland überdurchschnittlich viele Presseerzeugnisse konsumiert, doch der hier vorherrschende Nationalismus und die politische Autonomie lassen die LeserInnen zu Regionalzeitungen greifen. In Katalonien führt das Traditionsblatt “La Vanguardia” und im Baskenland “El Correo”.

DER SPANISCHE ZEITUNGSMARKT IN ZAHLENÜberregional:Regional:El País436’300La Vanguardia191’700El Mundo379’600El Preiodico de Catalunya184’200ABC291’950El Correo Españnol/Diario 1624’100El pueblo Vasco132’100El Diario Vasco94’500Sportzeitungen:Marca403’000Durchschnittlich verkaufte Auflage 2000. Quelle: Oficina de Justificación de la Difusión (2000)As158’800

10. Juli 2007 von Heinz Roland

Knausrige Verleger

Zweimal trafen sich die Gewerkschaften mit den Zeitungsverlegern zu Verhandlungen. Doch die Patrons wollen eine “Nullrunde”. Von Heinz Roland.

Auch die zweite Verhandlungsrunde über eine Anpassung der Mindestlöhne im Presse-Gesamtarbeitsvertrag (GAV) 2000 für die deutsche Schweiz und das Tessin hat keine Ergebnisse gebracht. Aus “Angst vor einer Zerreissprobe”, so argwöhnen die beiden JournalistInnenverbände SVJ und Comedia, nehme der Verband Schweizer Presse (VSP) lieber eine Vertragsverletzung in Kauf, als über neue Lohn- und Honorar-Mindestansätze zu verhandeln.
Der geltende GAV vom Mai 2000 verlangt zwingend alle zwei Jahre eine Anpassung des “Regulativs über die Mindestlöhne und Mindestentgelte” (Honorare), wobei im Vertrag keine Angaben darüber gemacht werden, aufgrund welcher Bemessungsgrundlagen diese Anpassungen vorgenommen werden müssen. Der VSP fordert denn auch unnachgiebig eine “Nullrunde”; wobei selbst dies – wie der VSP betont – bereits als “Kompromiss” zu verstehen sei. Tatsächlich war der VSP anfänglich gar mit der Forderung nach einer Senkung der Mindestansätze in die Verhandlungen gestiegen. Dies mit dem Hinweis auf die Auswirkungen, die die Anschläge in den USA auf das Inserategeschäft haben würden.

Gewerkschaften sehen Nachholbedarf
In den beiden Jahren zuvor waren die Gewinne jedoch überdurchschnittlich angestiegen, die Werbeeinnahmen bewegten sich auf einem noch nie da gewesenen Niveau und auch in Bezug auf die Produktivität hatten die meisten deutlich zugelegt. Die Forderung nach einer “Nullrunde”, die sich allein auf spekulative Zukunftsprognosen abstütze, sei deshalb in keiner Weise angebracht, meinen die Personalverbände. Sie verweisen auf die “kumulierte und nicht ausgeglichene Teuerung der letzten drei Jahre” (3,5 Prozent), auf die Produktivitätsfortschritte innerhalb der grafischen Industrie und auf die gestiegenen “Transferkosten”, jene Kosten also, die nicht im Teuerungsindex enthalten sind, das Budget der ArbeitnehmerInnen aber von Jahr zu Jahr mehr belasten – allen voran die Krankenkassen- und Versicherungsprämien.
Die beiden Personalverbände SVJ und Comedia zitieren in ihrer Stellungnahme ein Delegationsmitglied des Verlegerverbandes mit den Worten: “Der VSP ist weder im Stande noch Willens, über eine Anpassung der Mindestlöhne zu verhandeln.” Jedes noch so kleine Eingeständnis gegenüber dem Personal werde zu neuen Auseinandersetzungen innerhalb des Verbandes führen. SVJ und Comedia vermuten daher, dass der VSP bei einer Erhöhung der Tarife nun eine erneute Zerreissprobe fürchte, nachdem bereits im vergangenen Jahr einige VSP-Mitglieder nach dem GAV-Abschluss unter Protest den Verband verlassen hatten.

“Verhandel heisst nicht erhöhen”
VSP-Geschäftsführerin Eva Keller weist diese Interpretation freilich von sich: “Im Gesamtarbeitsvertrag heisst es, dass alle zwei Jahre über die Ansätze verhandelt werden müsse – verhandeln heisst aber nicht automatisch erhöhen”, erklärt sie. Man habe in den zwei Verhandlungsrunden versucht, “die aktuelle und die künftige Lage” darzustellen: Das Jahr 2000 sei in der Tat für viele Verlage ausserordentlich erfolgreich verlaufen: “Das hat sich für viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Form höherer Boni oder Gratifikationen ebenfalls bezahlt gemacht”, erklärt Keller. Seit letztem Frühjahr mache sich allerdings ein deutlicher Inserateschwund bemerkbar, der sich seit den Ereignissen im September noch deutlich verschärft habe. VSP-Geschäftsführerin Eva Keller kommt deshalb zum Schluss: “Zum jetzigen Zeitpunkt wäre eine Erhöhung nicht verantwortbar.”
Wie im GAV für solche Fälle vorgesehen, wurde deshalb jetzt das Schiedsgericht eingeschaltet. Dieses will bis zum 15. Dezember seinen Entscheid vorlegen. Beim SVJ und der Comedia ist man optimistisch. Der Verlegerverband, so schreiben die beiden Personalverbände in ihrer gemeinsamen Erklärung, verkenne in seiner sturen Haltung ein wichtiges Faktum: “Die Mindestansätze sollen nicht ein Existenzminimum garantieren, sondern sind die sozialpartnerschaftlich vereinbarte Qualitätsbewertung journalistischer Arbeit.”

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