11. November 2010 von Klartext

Verklemmtes Verhältnis zum Erzählen

Michael Haller, Bild: zVg Nur wer bereit ist zum Zuhören, Staunen und Entdecken, kann die ungeheure Gestaltungskraft der Sprache angemessen ausschöpfen. Für das journalistische Paradeformat der Reportage eine unverzichtbare Voraussetzung. Ein Essay von Michael Haller

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15. April 2009 von Helen Brügger

Niveau halten in schwieriger Zeit

Bei „Le Temps“ heisst es nach der Teilübernahme durch Tamedia: „Jetzt erst recht!“
In Genf wird auch in Zeiten schrumpfender Auflagen und Budgets in journalistische Qualität investiert.

Am Kleiderständer im Büro von Jean-Jacques Roth hängen mehrere Krawatten für den Fall, dass er eine unvorhergesehene Repräsentationsaufgabe übernehmen muss. Der Chefredaktor und Direktor von „Le Temps“ ist kein Krawattenträger, und Repräsentieren liegt ihm auch nicht besonders. Er mag es entspannt, und so geht es auch in seiner Redaktion am Genfer Bahnhof zu. Aus den Fenstern des Sitzungszimmers sieht man die Züge einfahren, doch dank guter Isolation ist nur ein leises Grollen zu vernehmen. Die Insel der Ruhe am hektischen Bahnhofplatz ist möglich, weil die Räume beim Umbau des Bahnhofs direkt für die Bedürfnisse der Zeitung konzipiert wurden: gross, hell, funktionell, Loft-Charakter mit dicken Teppichen. Seit zehn Jahren ist die 1998 durch Fusion von „Journal de Genève et Gazette de Lausanne“ und „Le Nouveau Quotidien“ entstandene Zeitung hier im Nervenzentrum Genfs, direkt über dem Bahnhofrestaurant von Cornavin zu Hause.

Respekt + Austausch = Qualität
„Dank Roth weht ein freier Wind durch die Redaktion“, sagt eine Journalistin anerkennend. Eine Kollegin stimmt zu: „Er macht grosse Anstrengungen, transparent und kollegial zu führen.“ Ein dritter Redaktor lobt den gegenseitigen Respekt, den spontanen Austausch unter den KollegInnen und die Tatsache, dass man nach Prinzipien arbeite, die von allen anerkannt seien. „Das braucht es, wenn man Qualität erzeugen will.“
Jean-Jacques Roth, Absolvent des Genfer Konservatoriums, diplomierter Klavierlehrer und studierter Wirtschaftswissenschaftler, träumte in seiner Jugend davon, Orchesterchef zu werden. Jetzt dirigiert der 52-Jährige eine Redaktion: „Das Orchester spielt allein, den Dirigenten braucht es nur, um den Takt anzugeben“, definiert er seine Chefrolle. Und offensichtlich überzeugt das Konzert: Trotz der kleinen Auflage von 46’000 Exemplaren und einer Leserschaft von 136’000 Personen hat sich die Zeitung in den elf Jahren ihrer Existenz als Referenzmedium der Westschweiz, als einzige überregionale Qualitätszeitung etabliert.
Nun kommen weitere Herausforderungen auf sie zu. Der Umbau zu einem Medium, das gleichermassen auf Papier und online erscheint, hat begonnen. „Le Temps“ will auf beiden Kanälen die gleiche Qualität bieten, hat ein Qualitätslabel von Presse Suisse unterschrieben und ist Mitglied der Online Publishers Association Europe, einer Organisation, die sich Qualität im Internet zum Ziel setzt. Was heisst Qualität für Roth? „Schreibkompetenz, Fachkompetenz, Kohärenz in der Argumentation, die Fähigkeit zur Analyse und zur Synthese, die Fähigkeit, Menschen mit andern Meinungen ernst zu nehmen, und vor allem: intellektuelle Integrität“, sagt er und zieht heftig an seiner Zigarette. Im redaktionellen Alltag heisst das: Ausführliche Diskussionen an den Sitzungen, die Bildung von Arbeitsgruppen, wenn in der Redaktion verschiedene Meinungen zu einem Thema herrschen, zwei- bis dreimaliges Gegenlesen jedes Artikels vor der Publikation. „Wir bemühen uns um eine kollektive Diskussionskultur.“
Das braucht Zeit, und die ist beim Medium Internet knapp. „Le Temps“ hat seit Ende Januar einen neue Website. Die gesamte Redaktion arbeitet bimedial, ist also sowohl für die Online- wie auch die Printausgabe zuständig. Nicht das Web prägt die Zeitung, sondern die Zeitung das Web: Die während des Tages recherchierten und geschriebenen Artikel sind ab 23 Uhr elektronisch verfügbar, die Website wird nach dem Erscheinen der Printausgabe den Tag durch weiter aktualisiert. Trotzdem treibt die Frage nach vergleichbaren Qualitätsstandards die Redaktion um: „Die Zeit zum Überlegen und Recherchieren wird knapp und das Gegenlesen fällt aus, wenn ein Text so schnell wie möglich ins Netz soll“, kritisiert ein Mitglied der Redaktion. „Das geht auf Kosten der Qualität.“ Ein Kollege fügt hinzu: „Oder auf Kosten der Freizeit.“ In der Regel erscheine zwar der gleiche Artikel in der Zeitung und im Web, doch falls von der Aktualität her ein zweites „papier“ notwendig sei, werde die Arbeitszeit verrechnet und könne zu einem andern Zeitpunkt kompensiert werden, relativiert er die Kritik.
Roth gibt zu: „Es gibt einen Interessenkonflikt zwischen der Schnelligkeit, mit der für das Web produziert wird, und dem Anspruch auf Qualität.“ Die Qualitätskontrolle, die man für Internetveröffentlichungen mache, sei weniger aufwendig, doch immerhin habe „Le Temps“ eine nur für die Website zuständige stellvertretende Chefredaktorin. Ausserdem habe man ein qualifiziertes Team, das brisante News in kurzer Zeit einschätzen und kommentieren könne, was oft für eine erste Webpublikation genüge. Auch für Roth ist die Frage nach der Qualität zentral fürs Überleben der Zeitung; er zeigt sich deshalb „sehr interessiert“ an einer allfälligen Qualitätszertifikation durch ein aussenstehendes Unternehmen wie etwa Certimedia. Man habe die Sache auch schon durchgesprochen und finde das Prinzip von Qualitätsprotokollen für die Arbeitsabläufe interessant.

Positive Entwicklung im Web
Roth ist zufrieden mit der Entwicklung der neuen Website, die zwar „kein Durchstarten“ bei den Leserzahlen bedeute, aber immerhin stetig zunehmende Beachtung verzeichne. Für Zahlen sei es noch zu früh, teilt er der Redaktion mit, und an diesem kühlen Montagmorgen im März führt die Mitteilung gleich zu einer hitzigen Debatte über Sinn und Unsinn der Interaktivität und den öffentlichen Dialog mit dem Publikum. Roth und sein Team haben bisher auf die Öffnung der Website für Publikumsreaktionen verzichtet, ausser bei Meinungsartikeln. Dort besteht die Möglichkeit, den AutorInnen einen persönlichen Kommentar zukommen zu lassen, was vom Publikum intensiv genutzt werde.
Wenige Tage nach der Bekanntgabe des Verkaufs von Edipresse an Tamedia wird bei „Le Temps“ viel gesprochen und gespottet. Ein Kollege frotzelt: „Jetzt müssen wir alle Schwizerdütsch lernen“, ein anderer berichtigt: „Oder Deutsch, damit uns Kall versteht.“ Wie ein roter Faden zieht sich die Sorge um die „spécificité romande“, die kulturelle Identität der Romandie, durch die Themen der Redaktionssitzung – ein Hauch von „Jetzt erst recht!“ wird spürbar. So wird etwa diskutiert, wie die Öffentlichkeit im Kanton Waadt auf den dreifachen Aderlass – Verkauf des Lausanner Verlags Edipresse, Krise bei Publigroupe und drohender Verlust der in Lausanne domizilierten Informationsabteilung von Radio Suisse Romande – reagieren dürfte. Und nach Ende der Redaktionssitzung gesteht eine Kollegin, dass sie nach dem Verkauf des grössten Westschweizer Verlags für das kulturelle Überleben der Romandie fürchte: „Wer verteidigt jetzt noch unsere Kultur?“

„Wir können von Tamedia profitieren“
„Le Temps“-Chefredaktor Roth sieht es weniger dramatisch. „Der Verkauf an Tamedia ist besser als ein Verkauf an einen Waffenindustriellen“, sagt er mit Anspielung auf das Schicksal französischer Zeitungen. Unter dem Gesichtspunkt möglicher Synergien und des Erreichens einer kritischen Masse für die Entwicklung des Internetgeschäfts verstehe er die Notwendigkeit des Zusammenschlusses. „Le Temps“ könne sicher davon profitieren, wenn die Betriebskosten gesenkt werden könnten. „Ausserdem haben wir es mit Profis zu tun, die wissen, dass die primäre Existenzberechtigung der Zeitung unsere Bedeutung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist und dass sie ihren Aktionären nie Milliarden einbringen wird“, hofft Roth.
Ob er sich noch erinnere, was Tamedia-CEO Martin Kall nach dem Entscheid von Edipresse, mit „Le Matin bleu“ eine eigene Gratiszeitung zu lancieren, gesagt habe? Dass sich Tamedia nun nicht mehr nur für den Gratismarkt, sondern für den ganzen Westschweizer Markt interessieren werde? „Ja, das wissen wir noch ganz genau“, sagt Roth. Dann wäre also „20 Minutes“ das Trojanische Pferd gewesen, mit dem Tamedia die Romandie erobert hat? „Sicher hat ‚20 Minutes‘ als Hebel gewirkt, der das Tempo und die Richtung der Annäherung hin zu Tamedia beeinflusst hat“, formuliert Roth diplomatisch. Doch er habe von Verwaltungsratspräsident Pietro Supino die Zusicherung erhalten, dass Tamedia „Le Temps“ sehr schätze – „unsere ersten Kontakte waren positiv“.
„Wir hoffen, dass Tamedia im Moment dringendere Dinge zu tun hat, als sich um uns zu kümmern“, sagt ein Mitglied der Redaktion. Eine Journalistin fügt hinzu: „Wir besitzen ja als Redaktionsmitglieder einen Aktienanteil von 2,4 Prozent, der uns das Recht verschafft, über Zahlen und Geschäftsgang informiert zu werden.“ Ein gewerkschaftlich organisierter Kollege sieht harte Zeiten auf die Personalvertretung zukommen, und ein vierter Redaktor sagt: „Mir ist letztlich egal, ob uns ein Westschweizer oder ein Deutschschweizer Verlag führt, Hauptsache, er führt gut und professionell.“ Und doch hat auch dieser Kollege Bedenken: „Wenn eine so grosse Zahl und so bedeutende Titel wie die von Edipresse und Tamedia zusammengeführt werden, besteht die Gefahr, dass die Realität nicht mehr in verschiedenen Spiegeln reflektiert wird, sondern dass eine einheitliche Interpretation der Realität entsteht. Und das kann zu falschen Einschätzungen führen.“
Doch vorderhand hat „Le Temps“ näher liegende Sorgen. Der krisenbedingte Einbruch der Werbung ist dramatisch. „Wir diskutieren über eine mögliche Seitenreduktion“, sagt Roth. Bedeutet das auch Personalreduktion? „Das wissen wir im Moment noch nicht“, weicht er aus. Sicher sei, dass man die Zeitung, so wie sie heute sei, nicht mit weniger Leuten machen könne. Was aber, wenn die Zeitung immer dünner wird? Im Hinblick auf eine mögliche Reduktion des Blattumfangs sei ein Denkprozess im Gang, gesteht Roth zu. „Wir überlegen, wie die Zeitung unter Nutzung der Publikationsmöglichkeiten im Internet mit weniger Papier auskommen kann.“ Die Antwort sei doppelt: „Wir müssen auf dem Papier kürzer werden, mehr Synthesen bringen, eine Kompassfunktion ausüben, andererseits müssen wir die Vertiefung, das ‚Storytelling‘ ausbauen.“
In die gleiche Richtung gehen Überlegungen, wie die Kompetenzen der Redaktion im Internet besser genutzt werden könnten, etwa mit Online-Fachpublikationen für ein Special-interest-Publikum. „Die Redaktion hat hohe Kompetenzen, beispielsweise in den Bereichen Wirtschaft, neue und Umwelttechnologien oder Lifestyle.“ Roth hofft, dass LeserInnen solcher Fachpublikationen bereit seien, im Internet dafür zu bezahlen. „Aber das ist Zukunftsmusik, der Markt ist noch nicht reif dafür.“
Ist das Geschäftsmodell der bezahlten Zeitungen am Ende? Er sehe keine Alternative zur Finanzierung durch den Verkauf von Werbung und Abonnementen, sagt Roth. Doch falls die Krise anhalten werde, schliesse er nicht aus, dass eine Diskussion um die öffentliche Finanzierung von Zeitungen aufs Tapet kommen könnte: „Wenn die Krise sich verschärft, ist möglicherweise das Überleben der Zeitungen in einem Mass gefährdet, dass es zu einem Problem für unser demokratisches System wird.“ ≠

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Ausgabe: 5 | 2018

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