11. Juli 2007 von Nick Lüthi

„Ein nackter Busen kommt bei uns nie ins Blatt“

„20 Minuten“ ist nicht nur die meistgelesene Zeitung. Mit inzwischen fünf Lokalredaktionen ist sie auch die grösste Regionalzeitung der Schweiz. Ein Augenschein auf der Berner Redaktion.

Ein hellbrauner, etwas zerzauster Plüschbär mit dunkelblauer Krawatte und Mütze posiert vor dem Computerbildschirm. Philipp Probst, Leiter der Redaktion Bern von „20 Minuten“, schmückt seinen Arbeitsplatz mit dem Maskottchen der Kantonspolizei Solothurn. Nicht ohne Grund. Anders als die Berner KollegInnen betreiben die Solothurner PolizistInnen, getreu dem gesetzlich verankerten Öffentlichkeitsprinzip, eine offensive Informationspolitik. Für Boulevard-JournalistInnen ein Idealfall. Von Unfällen und Verbrechen stellen die SolothurnerInnen Bilder auf ihre Webseite – die ab und zu auch den Weg auf die Seiten der Berner Ausgabe von „20 Minuten“ finden.
An diesem Donnerstag im November sind die beiden anwesenden Journalisten und die Journalistin nicht auf die polizeilichen Zuträgerdienste angewiesen, anderer Stoff drängt auf die zwei lokalen Seiten: Graffiti, Weihnachtsbeleuchtung, jugendliche „Stadtnomaden“. Oder wie sich Probst ausdrückt: News, News, News. „Was ins Blatt kommt, entscheidet letztendlich Chefredaktor Marco Boselli in Zürich – auch für die lokalen Seiten.“ Es komme aber kaum vor, dass er zurückgepfiffen werde. Schliesslich kenne er die Bedürfnisse seines Vorgesetzten und biete entsprechende Themen an. Das heisst: Texte, die ein junges, urbanes Publikum ansprechen. „Das tun wir mit coolen und emotionalen Stoffen.“

Aufbruchstimmung
Die Redaktions- und Verlagsräumlichkeiten von „20 Minuten“ Bern liegen gut versteckt in einem der wenigen Industriegebiete der Stadt Bern. Direkt hinter der Kehrichtverbrennungsanlage, unweit des Bremgartenfriedhofs. Über eine Laderampe gelangt man in den schmucklosen Zweckbau, der neben der Zeitungsredaktion Ateliers und Büros beherbergt. Von den Ausmassen her gleicht der Arbeitsort der „20 Minuten“-JournalistInnen einer Turnhalle. Gekachelter Boden, hohe Decke und viel ungenutzte Fläche. Neben dem Pult des Redaktionsleiters steht ein runder Tisch, wo sich die anwesenden RedaktorInnen jeweils um zehn Uhr zur Sitzung versammeln. Dahinter an der Wand prangt einsam ein Werbeanstecker der „Berner Zeitung“: „Ich kann mich länger als 20 Minuten konzentrieren“, wirbt die abonnierte Konkurrenz. Daneben ein halb leeres Errex-Regal. Das Ganze wirkt provisorisch und verströmt den spröden Charme eines eben gegründeten, aufstrebenden Jungunternehmens aus der Computerbranche.
Es ist kurz nach zehn. Zeit für die Blattkritik und die Planung der nächsten Nummer. An den Texten hat der Chef diesmal nichts zu mäkeln. Lediglich ein Bild beanstandet er, weil nicht ausreichend gut zu erkennen ist, was der Fotograf eigentlich zeigen wollte. Bei Kaffee und Zigaretten geht man nahtlos zur Planung über. Ein grösserer Text liegt bereits fertig geschrieben vor. Für die beiden Diensthabenden Alessandro Meocci und Raffaela Moresi bleibt dennoch einiges zu tun. Ein Nachzug zur Odyssee einer Gruppe Jugendlicher, die in der Stadt Bern mit ihren Wohnwagen auf Platzsuche sind, drängt sich auf. „Da müssen wir dran bleiben“, mahnt Probst. Schliesslich habe „20 Minuten“ hier die Themenführerschaft übernommen. Alessandro Meocci schlägt einen Bildstoff vor. Passend zur Vorweihnachtszeit soll ein Mann gezeigt werden, der sein Haus mit 8000 Lämpchen schmückt. Und schliesslich ist Redaktionsleiter Probst auf der Zugfahrt nach Zürich aufgefallen, dass die Betonwände entlang der Neubaustrecke Bern-Olten mit Graffiti nur so übersät sind. Er regt an, das Thema aufzugreifen. „Da könnte man mal bei den SBB nachfragen.“ Raffaela Moresi übernimmt die Geschichte spontan.

„Im Prinzip machen alle alles“
„Ein Eldorado für Graffiti-Sprayer“, wird am nächsten Tag im Blatt zu lesen sein. Innerhalb knappen 920 Anschlägen wird die Journalistin einen SBB-Sprecher erklären lassen, dass die Bundesbahnen nichts gegen den bunten Beton zu unternehmen vorhätten, und: Sprayer riskierten ihr Leben, wenn sie direkt neben den Gleisen sprühten. Bebildern wird den Artikel Redaktionskollege Alessandro Meocci. „Im Prinzip machen bei uns alle alles“, erklärt Philipp Probst. Ansätze zu Arbeitsteilung gibt es dennoch. „Ich gehe am wenigsten raus und bin hier auf der Redaktion der Antreiber und Gute-Laune-Bär“, sagt Probst. Alessandro Meocci hingegen ist nach Möglichkeit und Verfügbarkeit für die Bilder besorgt. Neben seiner Teilzeitanstellung bei „20 Minuten“ arbeitet er seit TV3-Zeiten als Kameramann im Bundeshaus. Der Vorwurf (und vermutete Beleg für mangelhafte Qualität), wonach bei der Gratiszeitung die JournalistInnen eine Digitalkamera in die Hand gedrückt erhalten und kostensparend in Personalunion als SchreiberIn und FotografIn auf die Piste geschickt werden, trifft die Berner „20-Minuten“-MacherInnen nur bedingt.
Hier sind Profis am Werk, die mehr können und wollen als nur Agenturmeldungen kürzen und ins Layout abfüllen. „90 Prozent der Beiträge auf unseren beiden Seiten sind Eigenleistungen“, weiss Philipp Probst. „Nur weil die Zeitung nichts kostet, heisst das noch lange nicht, dass wir journalistisch ambitionslos sind.“ Primeure, Themenführerschaft, die Konkurrenz zum „Nachziehen“ zwingen – wie auf jeder anderen Redaktion sei das auch bei ihnen die Motivation für die Arbeit als Journalist. „Unseren Erfolg bei den Lesern sehe ich als Bestätigung dafür, dass wir unsere Arbeit gut machen. Gleichzeitig spüre ich auch eine gewisse Verantwortung“, sagt der Redaktionsleiter. Der 40-jährige Basler arbeitet schon die Hälfte seines Lebens als Journalist. Nach der Ausbildung an der Ringier Journalistenschule und bei der „Basler Zeitung“ und einem Abstecher zur kurzlebigen Basler Regionalausgabe des „Blick“ lernte Probst die Regeln des Boulevard während zwölf Jahren bei der „Schweizer Illustrierten“ von der Pike auf kennen, zuletzt als Nachrichtenchef, bevor er vor zwei Jahren zu „20 Minuten“ nach Bern wechselte.
Wie ihr Chef absolvierte auch Raffaela Moresi eine JournalistInnen-Ausbildung; sie tat es an der Zürcher Hochschule Winterthur. Moresis Studienarbeit, eine Reportage über die Grande Dame des deutschen Nachkriegsjournalismus, Marion Gräfin Dönhoff, wurde als „Beste Arbeit im Bereich journalistische Praxis“ ausgezeichnet. Die Praxis bei „20 Minuten“ indes sieht anders aus. Für Reportagen gibt es hier keinen Platz, die längsten Artikel gleichen dem Kurzfutter in abonnierten Zeitungen. „Wir schreiben für die marktrelevante Zielgruppe“, gesteht Chefredaktor Marco Boselli. Das sind in erster Linie neue und junge LeserInnen, die vorher keine Tageszeitung gelesen haben, wie die Zahlen einer aktuellen empirischen Studie zeigen (Marcus Haas, „Die geschenkte Zeitung. Bestandesaufnahme und Studien zu einem neuen Pressetyp in Europa“. Münster 2005).

Ergänzung, nicht Konkurrenz
Der Rückgang von LeserInnen-Zahlen und von Anzeigenvolumen in den traditionellen Tageszeitungen hätte möglicherweise auch ohne das Aufkommen der Gratisblätter stattgefunden, hält Medienwissenschaftler Haas fest. Das lässt sich freilich nicht überprüfen. Für die „20-Minuten“-MacherInnen indes dient diese These als Beleg, wonach ihre Zeitung zu den bezahlten Titeln nur bedingt in Konkurrenz stehe, sondern vielmehr eine Ergänzung darstelle. „Ich staune immer wieder“, stellt „20 Minuten“-Chefredaktor Boselli fest, „wie wir an den grossen Redaktionen vorbei eigene Themen setzen können. Da gibt es genügend Spielraum für alle.“ Aus der Position des Stärkeren lässt sich das leicht sagen. „Auch wenn wir bei den leichten Stoffen sicher ein ernst zu nehmender Konkurrent sind, so überlassen wir doch vieles den anderen“, unterstreicht Redaktionsleiter Probst. Meinungsartikel zum Beispiel werde man in „20 Minuten“ nie lesen, sagt Chefredaktor Boselli. „Mehrtägige Kampagnen à la ‚Blick‘ sind uns ebenso fremd.“ Auch anderweitig grenzt sich die grösste von der „stärksten“ Zeitung der Schweiz ab. Unter anderem aus Rücksicht auf die jüngsten LeserInnen. Bei der Wortwahl achte er auf eine jugendfreundliche Sprache, sagt Philipp Probst. Auch bei den Bildern gebe es klare Grenzen. „Ein nackter Busen käme bei uns nie ins Blatt.“ Im Alltag erlebe man das nicht als Einschränkung. So sei nun mal das redaktionelle Konzept.

Lokal zum Erfolg
Bei aller vornehmen Zurückhaltung: Aus der Sicht der traditionellen abonnierten Titel stellt „20 Minuten“ weiterhin eine Bedrohung dar. Weniger in publizistischer, denn in ökonomischer Hinsicht. Parallel zum Aufbau der Lokalredaktionen hat die Gratiszeitung jeweils auch AnzeigenverkäuferInnen in die Regionen geschickt. An der Anzahl Inserateseiten gemessen, konnten die Lokalausgaben von „20 Minuten“ im ersten Semester 2005 im Vergleich mit dem Vorjahr klar zulegen. Während die abonnierten Konkurrenten („Tages-Anzeiger“, „Basler Zeitung“, „Berner Zeitung“, „St. Galler Tagblatt“, „Neue Luzerner Zeitung“) allesamt einen Rückgang der Inserateseiten hinnehmen mussten, konnte die Gratiszeitung mit ihren Regionalausgaben deutlich zulegen. Allein in der Berner Ausgabe registrierte die Anzeigenstatistik des Verbandes Schweizerischer Werbegesellschaften VSW ein Plus von 87 Seiten. Dieser Wert konnte nicht zuletzt deshalb erzielt werden, weil „20 Minuten“ von Werbekunden und LeserInnen als Lokalzeitung wahrgenommen wird. „Wir kriegen das regelmässig mit“, sagt Philipp Probst. „Viele, die mit uns Kontakt aufnehmen, gehen davon aus, dass die ganze Zeitung in Bern gemacht wird.“ Probst vergleicht „20 Minuten“ mit den Lokalradios, die vor zwanzig Jahren frischen Wind in die Radiolandschaft gebracht hätten. Der Vergleich hinkt insofern, als dass Gratiszeitungen und abonnierte Titel um die Gunst derselben Inserenten buhlen und die traditionellen Tageszeitungen nicht wie die SRG-Radios von Gebühren finanziert werden.

Ein Journalist ist immer im Dienst
Zurück auf der Berner Redaktion. Nach der Mittagspause macht sich Alessandro Meocci mit der Kamera auf die Piste. Zwei Fotoaufträge muss er an diesem Nachmittag erledigen. Den fanatischen Weihnachtsbeleuchter und die SBB-Graffiti. Der Redaktionsleiter hält unterdessen die Stellung und wartet auf das endgültige OK zu seinen Vorschlägen aus Zürich, das nach 14 Uhr denn auch eintrifft. Die letzten Recherche-Telefonate, in die Tasten greifen und die Artikel fertig schreiben. Irgendwann nach sieben Uhr ist jeweils Feierabend. Doch auch danach heisst es: Augen und Ohren offen halten. „Wenn ich eine Geschichte verpasse“, sagt Philipp Probst, „dann ist es für mich gelaufen.“

11. Juli 2007 von Hans Stutz

Gepolter im Nobelhotel

JournalistInnen begingen ihren Aktionstag auf der Strasse, die Verleger tagten wie immer im Nobelhotel. Überall sorgte Hanspeter Lebrument für Irritationen. Ein Augenschein.

Mit der Veranstaltungsanzeige sei er gar nicht einverstanden, dies will Hanspeter Lebrument gleich zu Beginn klargestellt haben. „Buh-Mann Lebrument wagt sich in die Höhle der Löwen“, mit diesen unzimperlichen Worten hatte die Berner Sektion des JournalistInnenverbandes Impressum am 14. September zum „JourniTalk“ geladen. Die „Höhle“ nennt sich offiziell Hotel Bellevue-Palace, trägt fünf Sterne und hat von ihrem Standort in der Bundesstadt aus eine beeindruckende Sicht auf die Berner Alpen. Radiomoderator und Glückskette-Chef Roland Jeanneret führt den Talk „nicht kontradiktorisch, aber auch nicht unkritisch“. So wie es den helvetischen Konkordanzgewohnheiten entspricht, selbst wenn ein diskreter Hauch von Arbeitskampf aufkommt.
Schnoddrig wie Blocher setzt der „oberste Führer der Verleger“ (Jeanneret über Lebrument) gelegentlich zu seinen Voten an und diskreditiert Gegner mit Häme. So höhnt er über die JournalistInnenorganisationen und die von ihnen durchgeführten Aktionstage: „Aber das ist doch eine ganz kleine Gruppe.“ Und fügt an: „Die Drucker bringen immerhin noch 800, 900 Leute auf die Strasse. Aber die Journalisten? Null Mobilisation – null.“ „Herr Lebrument, Sie rufen nach Eskalation“, hält ihm Jeanneret vor.
„Südostschweiz“-Verleger Lebrument hätte den Medienschaffenden bereits genug gute Gründe für eine Eskalation geliefert. Vor zwei Jahren wurde er zum Präsidenten des Verbands Schweizer Presse gewählt. Unter seiner Regie hat der Verband einen konfrontativen Kurs gegen die JournalistInnenorganisationen gefahren, den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für JournalistInnen und das technische Redaktionspersonal zuerst gekündigt, dann die Verhandlungen provokativ in eine Sackgasse münden lassen, indem die Verlegerdelegation einseitig dekretierte, dass über Mindestlöhne unter keinen Umständen verhandelt werde. So dass seit über einem Jahr in der Branche ein GAV-loser Zustand herrscht und die Verhandlungen sistiert sind. Das ist der Status quo, Mitte September, einen Tag vor Beginn des Kongresses der Schweizer Verleger in Interlaken.

Friedlich, fast gemächlich verläuft am Tag von Lebruments Berner Auftritt der „Aktionstag“ der JournalistInnenorganisationen. Vormittags. Im Park beim Bahnhof Zürich-Stadelhofen. Die ersten Punks sitzen schon vor zehn Uhr morgens auf einer Bank, sie kümmern sich kaum um die Herumstehenden. Auch nicht um das Transparent, das zwischen zwei Bäumen hängt: „Qualität sichern … Zukunft gestalten. Mit einem neuen Presse-GAV!“. Die PassantInnen laufen meist vorbei, wenige lassen sich ein Flugblatt in die Hand drücken. Angesprochen werden sie als „Liebe Zeitungsleserin, lieber Zeitungsleser“. JournalistInnen würden meist im Stillen arbeiten, „doch jetzt begehren wir auf“. Doch noch ist auf dem Stadelhoferplatz alles ruhig, ausser der Lautsprecheranlage. Ein paar Comedia-Leute, ein paar Leute von Impressum, ein paar JournalistInnen und ein paar BerichterstatterInnen, die die Medienkonferenz besuchen. Anderntags schreibt Rainer Stadler in der NZZ: „Die Verbandsvertreter blieben grossenteils unter sich, was sie selber nicht wirklich überraschte. Sie wissen, dass die meisten Journalisten die Debatte um einen neuen Gesamtarbeitsvertrag ignorieren.“ Hat Lebrument doch Recht?
Man habe für den September-Aktionstag bewusst die Öffentlichkeit ansprechen wollen, auch nach den Erfahrungen der Aktionen in den Vormonaten. Und dies sei auch gelungen, vor allem wegen der breiten Medienbeachtung, erklärt Stephanie Vonarburg, Comedia-Zentralsekretärin. Sie bestreitet, dass die JournalistInnen die Auseinandersetzungen um den GAV ignorieren würden. Im Gegenteil, ein neuer Prozess sei im Gange, „es hat Klick gemacht“. Unter anderem, weil JournalistInnen eigene schlechte Erfahrungen gemacht oder zumindest in ihrem näheren Umfeld solche mitbekommen hätten. Sie glaube auf jeden Fall, dass sie „nicht in Zweckoptimismus“ mache. Sie verweist auf die „Liste der GAV-Drücker“, auf der unter anderem Tamedia, Ringier, Neue Luzerner Zeitung, aber auch der Birsfelder Anzeiger und die Zuger Presse aufgeführt seien.
Nur: Wie wird es weitergehen? Bis anhin haben Comedia und Impressum gemäss Vonarburg ausschliesslich „kleine, nette Aktionen“ durchgeführt, nun gelte es aber „einen Gang höher zu schalten“. Wie dies genau aussehen wird, werden sich die beiden JournalistInnenorganisationen noch überlegen müssen. Klar ist für Vonarburg: „Konzilianz – das ist ausgereizt.“ Klar ist aber auch: „Wir werden nur weitermachen, wenn die Leute bereit sind, sich mehr zu engagieren.“ Sie räumt ein, dass zumindest in der Deutschschweiz für weitergehende JournalistInnen-Mobilisierungen die „Tradition noch fehlt“, im Gegensatz zur Romandie, wo Medienschaffende immer wieder Aktionen durchgezogen hätten, gerade letzthin einen zweistündigen Warnstreik bei „24 heures“.
Lebrument wirft den Gewerkschaften gerne vor, die Medien würden „kaum mehr Kenntnis von einer Unzahl von Aktionen und Communiqués“ nehmen. Hier irrt er. Der Aktionstag der JournalistInnen erreicht eine respektable mediale Präsenz, nicht nur in den Tageszeitungen. Um ein Uhr mittags beispielsweise das Tagesgespräch im „Rendez-vous am Mittag“ auf Schweizer Radio DRS 1 vor Zehntausenden von ZuhörerInnen: Lebrument versus Roland Kreuzer, Co-Präsident der Mediengewerkschaft Comedia. Kreuzer gibt sich kämpferisch: „Ohne Lohnregelung ist ein GAV kein GAV.“ Er hält dem Verlegerpräsidenten die Auswirkungen des GAV-losen Zustands vor: Kündigungsfristen seien verkürzt und Krankentaggeldregelungen verschlechtert worden, dazu seien die Einstiegslöhne gesunken. Lebrument kündigt an, die Verleger wollten anderntags „Mindeststandards“ verabschieden. Das sei dann auch das Verhandlungsangebot an die JournalistInnenorganisationen. Diese müssten, so Lebrument, „im grossen und ganzen Ja sagen zum dem, was die Verleger beschlossen haben“.

Nach seinem Auftritt im Berner Bellevue-Palace fährt Lebrument zum Verlegerkongress nach Interlaken. Hier ist die Sicht auf die Schneegipfel der Berner Alpen noch grandioser. Den Deutschschweizer Verlegern ist es ein jährliches Anliegen, in den luxuriösesten Hotelanlagen des Landes ihren Kongress durchzuführen. Dieses Jahr in einem „der besten und teuersten Fünf-Sterne-Hotels der Welt“, wie Michael Ringier seinen KollegInnen vorhält. Der Kongress beginnt anderntags mit der Mitgliederversammlung. Jahresbericht, Jahresrechnung, die Geschäfte werden schnell und diskussionslos abgehakt. Nur bei der Verabschiedung der „Mindeststandards“ im Verhältnis von Medienunternehmen und Redaktion erhebt sich die WOZ-Delegierte Susan Boos. Sie sei verwundert, dass die Sozialpartner nicht einbezogen worden seien, und beantrage Ablehnung. Auch Martin Brunner, Vorstandsmitglied von Impressum, verlangt das Mikrofon. Er darf reden, da Impressum assoziiertes Mitglied des Verlegerverbandes ist. Brunner ruft die Verleger zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf und auch er erntet Schweigen. Es macht den Anschein, als ob die beiden gegnerischen Voten den Verleger-Geschäftsfrieden missachtet hätten. Mit der Gegenstimme der WOZ und einigen wenigen Enthaltungen werden die Mindeststandards verabschiedet.
Die Mindeststandards seien wohl in erster Linie „ein Marketing-Instrument“, schätzt Stephanie Vonarburg. Sie bedeuten aber auch – im Vergleich zum einstigen GAV – eine Verschlechterung für die JournalistInnen und das technische Redaktionspersonal. Weniger Krankentaggeld, Abbau bei den Kündigungsfristen, auch die Verpflichtung zu einem „Sozialplan“ bei betriebsbedingten Entlassungen ist neu nur noch „deklamatorisch“, jedoch nicht mehr verpflichtend. Verschwunden ist auch die zusätzliche arbeitsfreie Woche für all jene, die regelmässig Sonntags- oder Nachtarbeit auf sich nehmen müssen.
Mit widerspenstigen Gewerkschaften will Unternehmer-Patriarch Lebrument nichts mehr zu tun haben, wie er auch am Verlegerkongress wieder einmal klarmacht. Er will jetzt die Verhandlungspartner auswechseln. Eine Standesorganisation soll es sein, wie einst. Eine Arbeitnehmervertretung von Verlegers und Chefredaktors Gnaden. Denn einst – so meint Lebrument – sei in die Standesorganisation der JournalistInnen aufgenommen worden, wer „die Zustimmung des Verlegers, des Chefredaktors und der Redaktoren erhielt“. Lebrument hofft nun auf die Konferenz der Chefredaktoren; mit dieser habe sich „eine Gruppe gebildet und institutionalisiert, die an die alte und bewährte Standesorganisation der Journalisten erinnert“.
Ob allerdings die CR-Konferenz die Rolle des Verhandlungspartners übernehmen will, ist zumindest fraglich. Ihr Präsident Res Strehle sagt: „Es gibt keinen Verhandlungstermin und keine grundsätzliche Absichtserklärung auf beiden Seiten, solche Verhandlungen zu führen.“ Das Ganze ist also noch kaum über Absichtserklärungen hinausgekommen. Strehle: „Hanspeter Lebrument hat mir bisher einzig ein Interesse an einer solchen Übereinkunft signalisiert.“ Er habe dies dann im Vorstand der CR-Konferenz zur Sprache gebracht und da sei man zum Schluss gekommen: „Wir prüfen es, wenn ein Vorschlag da ist, sind aber tendenziell eher skeptisch, ob wir der richtige Verhandlungspartner sind.“

Freitagnachmittag. Lebrument hält seine „Kongressrede“, als erstes nimmt er sich den Presserat vor. „Der Presserat ist für mich eine geschwätzige und beliebige Institution.“ Er lobt die Unabhängige Beschwerdeinstanz UBI und die Lauterkeitskommission der Schweizer Werbung; effizient und zurückhaltend sei deren Arbeit. „Nicht der Kommunikation gegen aussen, sondern der Unternehmung, die Fehler gemacht hat, gilt das Augenmerk.“ Selbstkontrolle hinter gezogenem Vorhang, für die Medienbranche doch eher ein anachronistischer Vorschlag. Lebrument nennt zwar den Namen nicht, zielt aber trotzdem deutlich auf die Person: „Im Fernsehen wird der Präsident des Presserates regelmässig zur Kommentierung von Beschwerden eingeladen. Er ist heute berühmter als jeder Gerichtspräsident in unserem Lande. Als Presseratspräsident, der ständig im Fernsehen Beschwerden erläutert, macht er deutlich, wie schlecht es um die Presse bestellt ist.“
„Absurd“ und „grotesk“ nennt der angegriffene Peter Studer diese Vorwürfe. Aber er trägt es mit Gelassenheit. Lebrument sei eben eine „spontane Persönlichkeit. Nun hat er wieder einmal schneller gesprochen als nachgedacht.“ Gerade drei Mal sei er in den vergangenen fünf Jahren als Presserats-Vertreter am Fernsehen aufgetreten, dazu kämen noch einige weitere Auftritte als Medienrechtler. „Absurd“ sei der Vorwurf, der Presserat mache die Presse schlecht, denn der grössere Teil der Beschwerden ende mit Ablehnungen, nur die Hälfte bis ein Drittel mit Rügen. „Grotesk“ sei der Vergleich mit der UBI und der Lauterkeitskommission der Schweizer Werbung. Die UBI habe einen gesetzlichen Auftrag, und die Lauterkeitskommission beschäftige sich oft mit Auseinandersetzungen zwischen Werbern oder zwischen Werbern und Konsumenten und mache dies wenn immer möglich im stillen Kämmerlein. Doch Medien, so Studer weiter, verlangten oft Transparenz und diese müssten sie – wie die NZZ richtig geschrieben habe – auch in eigenen Angelegenheiten durchsetzen. Studer: „Bei den erfolgreichen europäischen Presseräten ist immer ein grosser Teil Publizität dabei, um die Selbsterziehung der Journalistinnen und Journalisten zu fördern. Das ist so in England und in Schweden, wo der Presserat so erfolgreich ist, dass es fast keine Pressegesetzgebung gibt.“
Den Grund für Lebruments Presserats-(Präsidenten-)Attacke sieht Peter Studer an einem andern Ort: „Lebrument ist sauer, dass der Wunsch der Verleger, in den Presserat aufgenommen zu werden, abgelehnt wird.“ Da ist Studer allerdings der falsche Adressat. Der Presseratspräsident bemüht sich seit längerem, die Opposition von Comedia und Impressum gegen den Verlegerbeitritt aufzulockern. Um diesen Beitritt voranzutreiben, steht er, wie er berichtet, „sogar unter einem gewissen Druck der beiden anderen Journalistenverbänden (CR-Konferenz und SSM), insbesondere der Konferenz der Chefredaktoren“. Wie er meint „zu Recht. Für die Personenfreizügigkeit marschieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber auch gemeinsam, weil sie ein gemeinsames Ziel haben.“ Und er fragt rhetorisch: „Ist Medienqualität das etwa nicht?“
Am Verlegerkongress setzt Lebrument noch einen drauf: Die Verleger dürften „mit gutem Grund von dieser Selbstkontrolle, die auch schon durch Mitglieder von uns mitfinanziert worden ist, Abstand nehmen“. Sind die Tage des Presserates also gezählt? Studer hat mit Lebrument bereits ausgemacht, sich zum Gespräch zu treffen. „Ich habe ihm gesagt: Hanspeter, ich hoffe, ich kann dich von deinen Missverständnissen befreien.“
Am Tage von Lebruments Schelte hat der Presserat bereits angekündigt, er wolle seine Öffentlichkeitsarbeit verstärken und „wieder vermehrt“ von sich aus aktiv werden. Das kostet. Der Presserat will deshalb mehr Geld zusammenbringen. Die vier tragenden JournalistInnenorganisationen werden in den kommenden drei Jahren jährlich 30’000 Franken für eine Fundraising-Kampagne bereitstellen. Insgesamt drei Millionen Franken sollen dabei zusammenkommen. Der Presserat will dann die „etwas drögen Jahresbände“ (Studer) attraktiver machen, damit sie vermehrt in den Redaktionen zirkulieren und in den Ausbildungsstätten aufliegen. Konkret: Anstelle der Jahresbücher will der Presserat attraktive Hefte mit den wichtigen Entscheiden und kommentierenden Aufsätzen herausgeben. Weiter will er eine neue Auflage des Leitfadens „Vademecum“ publizieren. Und er will drittens vermehrt an die Schulen herantreten. Der Presserat überlegt sich, ob er im pädagogischen Bereich – wie dies in Deutschland getan wird – aktiv werden könne.

Am Verlegerkongress geht vorerst alles noch seinen üblichen Gang. Anschliessend an die Kongressrede des Präsidenten spricht wie gewohnt ein Bundesrat, diesmal Hans-Rudolf Merz. Nach den konzilianten Worten des Ministers verbreiten Lebruments Poltereien plötzlich den herben Duft kraftmeierischen Patriarchentums.

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