10. Dezember 2007 von Helen Brügger

Viel Feind, viel Ehr

Peter Rothenbühler hat das Vertrauen der Redaktion verloren, bleibt aber trotzdem im Amt als Chefredaktor.

„Le Matin bleu“, die Gratiszeitung von Edipresse, liegt gemessen an den LeserInnenzahlen vor der Konkurrenz, Tamedias „20 minutes“. Beim kostenpflichtigen orangen „Le Matin“ gibt es dagegen keinen Grund zum Jubeln: Die hauseigene Gratiskonkurrenz führte zu einem Auflagenverlust von gegen 6000 Exemplaren. Die Folge: sechs Entlassungen. Daraufhin führte das Redaktionspersonal eine Vertrauensabstimmung über Chefredaktor Peter Rothenbühler durch. Das Resultat: 43 Stimmen sprachen sich gegen, 15 Stimmen für ihn aus, 11 Personen enthielten sich der Stimme.
„Ich wäre kein guter Chef, wenn die Mehrheit der Redaktion für mich stimmen würde“, kommentiert Rothenbühler. Die Abstimmung sei im September im Umfeld der Entlassungen und Umbesetzungen durchgeführt worden: „Es ist unmöglich, gleich nach Entlassungen eine positive Abstimmung zu erhalten.“ Unterdessen sei die Ambiance deutlich besser geworden. Das bestätigen „Le Matin“-RedaktorInnen. Sofern noch Spannungen vorhanden sind, scheinen sie sich vor allem gegen die Verlagsverantwortlichen zu richten, die den orangen „Le Matin“ mit der Lancierung einer Gratiszeitung gefährdet haben.
Derweil plant Chefredaktor Peter Rothenbühler eine Umgestaltung seiner Zeitung, mit dem Ziel, die bezahlte Ausgabe deutlich von der Gratiszeitung abzugrenzen. „Das geht über eine intensivere Illustration, ein tägliches Magazin, mehr Hintergrund und eine stärkere Hierarchie der Geschichten“, sagt Rothenbühler. Er will alle grösseren politischen Vorgänge „über die entscheidenden Personen ins Blatt bringen“, sprich: die Politberichterstattung stärker personalisieren. „Le Matin“ soll ausserdem auch im politischen Bereich Themen- und Trendsetter werden und sich mit Editorials und persönlichen Kommentaren profilieren.
Darüber hinaus kündigt Rothenbühler einen „Ausbau der Achse ‚Le Matin‘ – ‚Blick‘“ an, etwa beim Sport oder im Bereich Medienpartnerschaften. „Die Überlegungen bei uns und beim ‚Blick‘, wie man sich als bezahlte Boulevardzeitung behaupten kann, gehen in die gleiche Richtung.“ Wie der „Blick“ soll auch „Le Matin“ im kommenden Frühjahr mit neuer Struktur und im neuen Kleid erscheinen.

10. Dezember 2007 von Nick Lüthi

Ausgebrannte Chefs

Den Abgang von Balz Hosang als Chefredaktor nutzt Axel Springer Schweiz beim „Beobachter“ für einen Um- und Ausbau der Chefetage. Die Redaktion bleibt vorerst skeptisch, vor allem gegenüber
möglichen Hosang-Nachfolgern.

Balz Hosang war drauf und dran, den Bettel hinzuschmeissen. Davon steht in der offiziellen Medienmitteilung von Anfang November zu seinem Abgang als Chefredaktor nichts zu lesen. Tatsache ist aber: Hosang stellte, wie er heute sagt, seine Gesamtfunktion zur Diskussion: „Die Belastung wurde mir auf Dauer zu hoch.“ Nach fünfeinhalb Jahren als Chefredaktor wollte der frühere Fernsehjournalist den „Beobachter“ verlassen. So weit ist es dann doch nicht gekommen. Der 60-jährige Hosang bleibt dem Traditionstitel erhalten und übernimmt in einer neu geschaffenen Funktion die publizistische Gesamtverantwortung. Dank dieser 60-Prozent-Teilzeitstelle hoffe er, wieder vermehrt das eine oder andere Hobby pflegen oder Reisen unternehmen zu können, und vor allem: seine Wohnung nicht mehr nur im Dunkeln betreten zu müssen.

„Ich wollte eine Bereinigung“
Es habe nicht viel gebraucht, Hosang zum Bleiben zu bewegen, sagt Ralph Büchi, Chef von Axel Springer Schweiz. „Wir haben ihm ein massgeschneidertes Profil angeboten.“ Dass der scheidende Chefredaktor mit seinen vielfältigen Aufgaben überlastet war, blieb auch der Redaktion nicht verborgen. Hosang sei im Tagesgeschäft kaum mehr präsent gewesen, seine Aufgabe hätten die Stellvertreter übernommen. Diese wiederum hielten dem Druck auch nicht stand und mussten wegen Burn-out krankgeschrieben werden. Kurz: Die gesamte Chefetage war überfordert vom Job. Was – zumindest im Fall von Hosang – überhaupt nicht erstaunt. Schliesslich trug er nicht nur die Verantwortung für den Inhalt des zweiwöchentlich erscheinenden Magazins. Er war auch zuständig für die Stiftung SOS Beobachter, den Prix Courage und weitere Aktivitäten, die unter der Marke „Beobachter“ stattfinden.
„Ich wollte eine Bereinigung“, sagt Hosang. Ein Anliegen, dem auch Ralph Büchi und die Axel Springer Schweiz AG als Herausgeberin des „Beobachters“ Rechnung tragen wollen. Die Leitungsorganisation der vielfältigen „Beobachter“-Aktivitäten wird komplett neu gegliedert. Hosangs Aufgabe wird es sein, dem neuen Chefredaktor „den Rücken freizuhalten“. Was dies genau beinhalten wird, ist noch nicht bekannt. Bisher hat Hosang keinen neuen Arbeitsvertrag unterzeichnet. Dessen künftige Aufgabe umreisst Büchi als jene eines „Elder Statesman“ und sicher nicht als jene eines „Big Brothers, der dem neuen Chefredaktor die ganze Zeit über die Schulter schaut“.
Wer der Neue sein könnte, wollen weder Büchi noch Hosang verraten, die zusammen mit „Beobachter“-Verlagschef Roland Wahrenberger den künftigen Chefredaktor bestimmen werden.

Wird es bald Dunkel sein?
In der Branche als möglicher Hosang-Nachfolger herumgeboten wird derzeit vor allem eine Person: Daniel Dunkel, Chefredaktor der „Schweizer Familie“. Ein Name, den man auf der „Beobachter“-Redaktion nicht gerne hört. In schlechter Erinnerung sind Dunkels Aussagen Ende September in der „Werbewoche“. Dort äusserte er sich zum neuen Rechtsberatungsdienst, den die „Schweizer Familie“ anbietet, die sich damit in eine Domäne des „Beobachters“ begibt. Weniger der von Dunkel geäusserte Wunsch, dem „Beobachter“ „ein paar Zehntausend Leser“ abzunehmen, ist sauer aufgestossen, als vielmehr die – wenn auch indirekt adressierte, so doch unmissverständliche – Qualifizierung des „Beobachters“ als „Kampfblatt für betrogene Konsumenten“.
Für eine Wahl Dunkels spricht seine gute Bekanntschaft mit Verlagschef Wahrenberger, der schon länger findet, der „Beobachter“ berichte immer so negativ, und sich deshalb vermehrt heitere und lockere Geschichten im Heft wünscht. Dunkel, dessen „Schweizer Familie“ niemandem wehtut, wäre dafür der richtige Mann. Gegen Dunkels Wahl spricht die Haltung Hosangs, der ja auch ein gewichtiges Wort bei der Wahl seines Nachfolgers mitzureden hat. Hosang sei kritisch eingestellt gegenüber Dunkel, weiss ein Redaktionsmitglied, während ein anderer Insider sogar gehört haben will, dass Dunkel bereits aus dem Rennen gefallen sei.

Büchi reagiert ausweichend
Um weitere KandidatInnen ist es schlecht bestellt. Als Namen kursieren nur noch Jürg Wildberger und Peter Rothenbühler. Vielleicht tauchen dann mehr AnwärterInnen auf, wenn klarer wird, was genau von ihnen erwartet wird.
Auf die Frage nach dem publizistischen Profil des künftigen Chefredaktors reagiert Büchi erst einmal ausweichend. „Ich will da nicht in die Details gehen“, sagt er und beginnt dann doch noch aufzuzählen, welcher blattmacherischen Linie der oder die Neue zu folgen hätte. Neben der Wahrung journalistischer Unabhängigkeit müsse die künftige Leitung der Redaktion ein attraktives Magazin machen, „mit der Entwicklung Schritt halten, wenn wir keine Leser verlieren wollen“. Es solle zudem Freude bereiten, den „Beobachter“ zu lesen. Das wolle er nicht als Kritik am bisherigen Kurs verstanden wissen, präzisiert Büchi. Nur so viel: „Nicht alles, was gestern richtig war, muss auch heute zwingend richtig sein.“ Bei manchen Redaktionsmitgliedern sorgen solche eher diffusen Äusserungen nicht eben für Begeisterung, ja sie nähren die Skepsis, die man der Axel Springer AG als neuer Eigentümerin gegenüber weiterhin hegt. Eine Verwässerung der Marke, ein Verlust der Glaubwürdigkeit wird befürchtet, wenn vermehrt Wohlfühl- und Schmunzelgeschichten ins Blatt kommen sollen. Dass dem nicht so wird, dafür will Balz Hosang in seiner neuen Funktion als publizistischer Gesamtleiter sorgen: „Unsere Glaubwürdigkeit muss weiterhin oberstes Ziel bleiben. Wir lassen uns auf keine Abenteuer ein.“
Auch bei der Gestaltung des Abopreises geht man behutsam vor: Heute kostet ein Jahresabonnement 76 Franken, demnächst wird es drei Franken teurer. Sowohl Noch-Chefredaktor Hosang als auch Axel-Springer-CEO Büchi finden diese Erhöhung gerechtfertigt. Allein der zu erwartende Anstieg der Papierkosten im kommenden Jahr um fünf bis acht Prozent werde den Grossteil der zusätzlichen Einnahmen verschlingen, rechnet Büchi vor. „Wir sind keine Abzocker“, sagt Hosang. Die zusätzlichen drei Franken bezahlten die AbonnentInnen für zusätzliche Leistungen, die der „Beobachter“ seit dem Relaunch im Frühjahr und mit ausgebauten Beratungsleistungen erbringe.
Bis im Frühjahr bleibt der „Beobachter“ eine Grossbaustelle. Mit der Wahl des neuen Chefredaktors will sich Axel Springer Schweiz Zeit lassen, schliesslich wird die gesamte Chefetage umgebaut. So erhalten auch die Zusatzpublikationen ein eigenes Leitungsteam. All diese Massnahmen erfolgen laut Ralph Büchi mit dem Ziel: weiteres Wachstum in allen Bereichen.

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Ausgabe: 5 | 2018

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