10. Dezember 2007 von Helen Brügger

Der Gerügte wird bald selber rügen

Ein Entscheid mit Seltenheitswert: Wegen einer umstrittenen Rubrik in der „Tribune de Genève“ rügt der Presserat seinen künftigen Präsidenten, den früheren Chefredaktor der Genfer Zeitung.

Der Schweizer Presserat heisst eine Beschwerde gut gegen die „Tribune de Genève“ wegen ungenügender Unterscheidung zwischen redaktionellem Inhalt und Werbung. Verantwortlich für die Einführung der kritisierten Rubrik: der designierte Präsident des Schweizer Presserats. Dominique von Burg war damals Chefredaktor der Genfer Zeitung.
Beim Presserat beschwert hatte sich die Redaktion der „Tribune“. Sie kritisierte im Frühjahr 2006 die Einführung einer „Gratiswerberubrik“, wo ein Journalist Produkte aus dem Genfer Detailhandel vorstellte. Die Redaktion sah darin versteckte Werbung, worauf sich der damalige Chefredaktor Dominique von Burg bereit erklärte, die Rubrik durch den Titel „Echo des commerces“ vom redaktionellen Text abzugrenzen. Sie eindeutig als Werbung zu kennzeichnen, verweigerte er jedoch mit der Begründung, es handle sich schliesslich nicht um bezahlte Werbung.

Kritische Betrachtung fehlte
Der Schweizer Presserat stellt nun fest, dass die Produkte zwar nur vorgestellt, aber nicht einer kritischen Betrachtung unterzogen wurden. Zudem waren einige Texte nicht gezeichnet und näherten sich im Stil einem PR-Text an. Zwar war als Gegenleistung für die Publikation kein Geld geflossen, doch die vom Verleger gewünschte „Goodwill-Geste“ sollte den Genfer Einzelhandel dazu anspornen, weiterhin in der Zeitung zu inserieren. Der Presserat sieht keine Bezahlung im eigentlichen Sinn, weil der erwartete Effekt, nämlich die Bindung an die Zeitung, nicht garantiert gewesen sei. Trotzdem beanstandet er die Gratiswerbung: Das Abfassen der Texte sei nicht mit genügender redaktioneller Freiheit verbunden gewesen. Der Journalist, der die Rubrik betreute, hätte Weisung gehabt, nur mit den regelmässigen Werbekunden der „Tribune“ zu verhandeln. „Diese von kommerziellen Interessen diktierte Einschränkung ist inakzeptabel, wenn man von Texten spricht, die redaktionell sein sollen“, schliesst der Presserat.

Von Burgs verklausulierte Reaktion
So subtil wie der Presserat analysierte, so ausgeklügelt kommentierte Dominique von Burg die Rüge: „Ich sage nicht, die Stellungnahme sei nicht richtig. Sie ist sehr scharf, aber es ist die Aufgabe des Presserats, streng zu sein.“ Von Burg unterstreicht, dass die Rubrik auf Verlangen des Verlegers eingeführt worden sei, und zwar vor dem Hintergrund einer beispiellosen Offensive von zwei Gratiszeitungen auf den Genfer Detailhandel. Von Burgs Nachfolger Pierre Ruetschi hat das „Echo des commerces“ in der Zwischenzeit abgeschafft.

10. Dezember 2007 von Cyrill Pinto

Tagesansatz: 100 Franken

Die Südostschweizer Mediengruppe zahlt freien JournalistInnen miese Honorare und verletzt das Urheberrecht. Jetzt klagt eine Journalistin.

Stefan fuhr jeweils morgens um sechs Uhr mit dem Zug von der Ostschweiz nach Glarus. Mit der Redaktion der Glarner Ausgabe der „Südostschweiz“ hatte er ein Abkommen auf Abruf: Einen Tag vorher rief ihn jemand von der Redaktion an, ob er Zeit habe, über eine Medienkonferenz oder eine andere Veranstaltung zu berichten. Nach den zwei Stunden Zugfahrt nahm er also bis zum Mittag an den Anlässen teil und schrieb nachmittags, manchmal bis in den späten Abend hinein, die Geschichte, die dann am nächsten Tag gedruckt wurde. KLARTEXT liegen die Lohnabrechnungen der „Südostschweiz“ für diese Tageseinsätze vor: 100 Franken brutto. Gegen diesen Hungerlohn hat sich Stefan nie gewehrt. Anders reagierte die freie Journalistin Eveline Dudda, als sie die Abrechnung ihrer „Südostschweiz“-Artikel erhielt.

„Eine Frechheit“
Als diplomierte Agraringenieurin bot Dudda im Sommer 2006 ihre Artikel der neuen Sonntagsausgabe der „Südostschweiz“ an. Die 48-jährige Journalistin hat sich auf Landwirtschaftsthemen spezialisiert. Die ersten zwei Hintergrundartikel wurden anstandslos und wenig redigiert abgedruckt. Ein weiterer Artikel war in der Pipeline. Doch als Dudda die Abrechnung für die ersten zwei Artikel erhielt, war sie sprachlos: 180 Franken pro Artikel, stand da. „Wir hatten zwar kein Honorar ausgemacht, aber dass es so wenig sein würde, hätte ich nicht gedacht. Es ist eine Frechheit, für einen Hintergrundartikel so wenig anzubieten“, so Dudda. Nach mehrmaliger Intervention bei der Redaktion krebste die „Südostschweiz“ zurück und bezahlte Dudda beinahe das Doppelte: „Ich habe in diesem Fall mit Pieder Caminada, dem stellvertretenden Chefredaktor, eine Tagespauschale von je CHF 350 abgemacht. Ich betone an dieser Stelle aber, dass diese Entschädigung in unserer Redaktion die Ausnahme ist“, liess Philipp Wyss von der Redaktion Dudda im August 2006 per Mail wissen. Weiter begründete Wyss das tiefe Honorar mit einer erstaunlichen Aussage: „Wir honorieren grundsätzlich nach dem BR-Mindestansatz von CHF 1.17 pro Zeile.“ Der Haken daran: Das ungerechte und nur Quantität honorierende Zeilenhonorar wurde bereits 1996 abgeschafft. „Und zwar sozialpartnerschaftlich“, wie Stephanie Vonarburg von der Mediengewerkschaft Comedia präzisiert.
Das Fass endgültig zum Überlaufen brachte die „Südostschweiz“, als sie zwei von Duddas Artikeln ohne ihr Einverständnis in der Glarner Regionalausgabe abdruckte. Inhaltlich waren sie krass verfremdet und eine Praktikantin zeichnete plötzlich als Mitautorin. Dudda schaltete daraufhin die Gewerkschaft und dann eine Anwältin ein. Die Juristin und frühere Journalistin Regula Bähler stellte in einer ersten Beurteilung eine klare Verletzung des Urheberrechtes fest: „Die ‚Südostschweiz‘ hat zu keinem Zeitpunkt das Recht erworben, die zwei Artikel zu bearbeiten. Diese Änderungen verletzen das Urheberpersönlichkeitsrecht – ebenso, dass jeweils ungefragt eine Miturheberin gezeichnet hat.“ Korrekterweise hätte die „Südostschweiz“ den Artikel allenfalls redaktionell kürzen können – aber nicht so sehr, dass er eine andere Charakteristik erhalten hätte, so Bähler, die nun mit einem Schreiben an die „Südostschweiz“ eine finanzielle Genugtuung verlangt. „Die ‚Südostschweiz‘ tritt das Urheberrecht mit Füssen,“ stellte Bähler fest. Darüber hinaus ist umstritten, ob die „Südostschweiz“ als Zeitungsverbund Duddas Artikel in der Glarner Regionalausgabe ohne zusätzliches Honorar abdrucken darf.

Ohne GAV kein Mindestansatz
In einer Stellungnahme zu den zwei Fällen entschuldigte sich „Südostschweiz“-Chefredaktor Andrea Masüger für die inhaltlichen Änderungen von Duddas Artikel: „Grundsätzlich gilt, dass Artikel von Freien inhaltlich nicht verändert werden sollten. Wenn dies im Falle von Frau Dudda passiert ist, so bedauern wir diesen Fehler.“ Weniger klar drückt sich Masüger zu den tiefen Honoraren aus. Grundsätzlich gelte, dass es mit Auslaufen des GAV keine Mindestansätze und Vorschriften im Gehaltsbereich gebe, so Masüger. Man vereinbare mit den Freien jeweils eine Regelung, die sich in der Regel am Comedia-Regulativ orientiere, doch, „ist die berufliche Erfahrung und die Qualität des Journalisten entscheidend“, so die schwammige Stellungnahme aus Chur. Zu den Tagesansätzen von 100 Franken in der Glarner Ausgabe schrieb Masüger: „Für Hobbyjournalisten kann eine Pauschale von 100 Franken ausbezahlt werden – in der Regel steht bei diesen Leuten auch nicht die Entlöhnung im Vordergrund.“ Dazu gibts von Masüger noch einen Seitenhieb an die Gewerkschaften: „Der laxe Umgang der Verbände mit der Vergabe des BR-Status führt dazu, dass manchmal blutige Anfänger Honorarvorstellungen haben, die absurd sind.“ Für „gelegentliche Mitarbeiter“ honoriere man immer noch nach dem System des Zeilenhonorars.

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