22. Oktober 2007 von Nick Lüthi

Der Titel bleibt, der Inhalt wird anders

Die Anzeichen verdichten sich, dass die einst „stärkste Zeitung der Schweiz“ ihre angestammten Gefilde verlassen soll: „Blick“ bald ohne „Sex and Crime“, mit mehr Hintergrund und längeren Reportagen. Das sei weiterhin Boulevard, behaupten die Ringier-Chefs.

Verleger Michael Ringier (58) begab sich jüngst auf eine ausgedehnte Werbetour durch den deutschsprachigen Blätterwald. In eigener Sache, für sein Unternehmen und nicht zuletzt für den neuen „Blick“. Allein im September stand der Ringier-Patron bei drei Gelegenheiten grossen Medien ausführlich Rede und Antwort: den ganzen Monat über in fünf Folgen beim „Magazin“, dann bei der „Tageszeitung“ taz in Berlin und schliesslich als krönender Abschluss in München bei der „Süddeutschen Zeitung“. Gesammelte Verlegerweisheiten, festgehalten mit 50’000 Zeichen. Ein Takt, bei dem die Konkurrenz nicht mithalten kann – oder will. Michael Ringier ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner, weil in seinem Verlagshaus etliche Veränderungen anstehen und bereits vollzogene der Erklärung bedürfen. Zweifellos die grösste Ringier-Baustelle im Inland ist der „Blick“.

Kluge, kultivierte Zeitung?
Viel wurde und wird weiterhin spekuliert, wie und ob die einst „stärkste Zeitung der Schweiz“ dank einem neuen Konzept wieder zurück zur alten Stärke findet. So viel ist heute klar: Boulevard ist passé. Während Michael Ringier zögerlich am Begriff festhält und gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ auf die Frage, ob „Blick“ ein Boulevardblatt bleibe, ausweichend mit einem „Ja, aber …“ antwortet, bringt es Daniel Pillard, Chef von Ringier Schweiz, im KLARTEXT-Interview (ab Seite 12) auf den Punkt: Heute sei in der Schweiz Boulevard nur noch minus „Sex and Crime“ möglich. Also ohne die beiden konstituierenden Elemente des Genres. Damit verkommt Boulevard definitiv zur Leerformel, an der die Ringier-Chefs aus Nostalgie oder Marketinggründen vorläufig noch festhalten.
Vom angedachten Neuauftritt ist heute freilich noch gar nichts zu spüren. Eben erst hat „Blick“ mit der Berichterstattung zum Fall Ylenia alle Crime-Register in guter alter Manier gezogen. Über den Fall Ylenia hätte sich auch weniger hektisch berichten lassen; „nah dran“ erfordert nicht zwingend die Mittel des Boulevard. Welche Linie eine Redaktion wählt, bestimmen die Verlagsoberen mit ihrer Einschätzung der Erfolgschancen auf dem Markt.
Mit dem neuen „Blick“, der spätestens im kommenden März das Licht der Welt erblicken soll, will Michael Ringier „mehr anbieten, aufwendigen Journalismus, anspruchsvollen Service und spektakuläre Inszenierung“. In journalistische Formen übersetzt heisst das für ihn „mehr Magazingeschichten (…), längere Reportagen und Hintergrundstücke“. Klingt alles irgendwie gar nicht nach dem, was Fachleute gemeinhin als Boulevard definieren. Gut möglich, dass Verleger Michael Ringier nach der Neulancierung des „Blick“ nie mehr die ihm lästige Frage beantworten muss – zuletzt so gestellt von Res Strehle im „Magazin“ –, warum es Ringier eigentlich nie geschafft habe, in der Schweiz eine kluge oder gar kultivierte Zeitung zu etablieren.

Das Personenkarussell dreht sich
Dass man es ernst meint mit einer grundlegenden Neuausrichtung der weiterhin unter Auflagenschwund leidenden Tageszeitung, zeigen wichtige Personalentscheide. Als neuen stellvertretenden „Blick“-Chefredaktor hat Ringier den langjährigen „Weltwoche“-Reporter Walter De Gregorio eingewechselt. Ebenfalls vom Köppel-Blatt an die Dufourstrasse zieht es den ehemaligen Jungliteraten und TV-Kritiker Gion Mathias Cavelty. Nicht ganz ins Bild passt hingegen die Entlassung von Klaus Zaugg. Den Entscheid, sich vom Ressortleiter Eishockey zu trennen, begründete Redaktionsdirektor Marc Walder im Branchendienst persoenlich.com damit, dass Zaugg sich in erster Linie als Autor sehe und sich den „langen journalistischen Strecken“ zuwenden möchte. Also genau das tun will, was Ringier und Pillard vom neuen „Blick“ erwarten. Doch halten wir fest: Bei aller Widersprüchlichkeit weisen die bekannten Indizien deutlich auf einen Kurswechsel hin. Die Puzzleteilchen passen alle erstaunlich gut zusammen. Nur eines tanzt, auf den ersten Blick zumindest, aus der Reihe: die kürzlich rundum erneuerte Webseite blick.ch.

Alte Männer und das Netz
Anfang Oktober hat die Internet-Präsenz von „Blick“ ein neues Kleid erhalten. Und das entspricht überhaupt nicht den Vorgaben, wie sie Ringier und Pillard zum bevorstehenden Zeitungsrelaunch formulieren. Wenn Pillard im KLARTEXT-Interview postuliert, im gedruckten „Blick“ die Rubriken zu reduzieren, dann besteht im Netz hierzu Nachholbedarf. Weit über 20 Anrisselemente präsentiert die Startseite unter blick.ch. Auch was die Inhalte angeht, wandelt die Online-Redaktion auf dem traditionellen Boulevard. Viel „Sex and Crime“, People und Promis. Hintergründiges bleibt rar. Daneben ein paar neue Multimedia-Elemente wie eine tägliche Web-TV-Show. Will blick.ch Form und Inhalt des neuen „Blick“ im Internet angemessen abbilden, können die Verantwortlichen kaum umhin, die Webseite noch einmal anzupassen.
Womit die Internetstrategen von „Blick“ sicher nicht rechnen dürfen, ist mit dem übermässigen Engagement der Unternehmensspitze: Papier geniesst bei Ringier immer noch die höchste Priorität. Sowohl Verleger Michael Ringier, als auch Frank A. Meyer, der publizistische Vordenker des Hauses, sind bekannt als Internetskeptiker. Im Gleichklang sagen Ringier und Meyer: „Im Internet finden Sie nur, was Sie suchen.“ Was natürlich völliger Humbug ist. Wenn es heute ein Medium gibt, das Zufallsfunde begünstigt, dann das Internet. Was sich hinter einem Link genau verbirgt, erfährt man erst nach dem Anklicken.
Mit ihren öffentlich mehrfach geäusserten Vorbehalten dem Internet gegenüber fährt die Ringier-Spitze einen anderen Kurs als die Konkurrenz. Bei Tamedia erfolgt der massive Ausbau des Engagements im Internet auf Anregung der Chefetage (vgl. Seite 30).

20. August 2007 von Nick Lüthi

Dann halt auf die Treppe

Die Verteilung der neuen Gratiszeitung „.ch“ ist noch nicht gelöst. Die für den Vertrieb zuständige Direct Mail Company hält sich verschiedene Möglichkeiten offen.

Am 19. September wird in fünf Deutschschweizer Städten erstmals die neue Gratiszeitung „.ch“ verteilt: frühmorgens direkt in die Hausflure. Dazu wollen die Herausgeber um den Zürcher Kommunikationsberater Sacha Wigdorovits kleine Metallständer mit einer Ablagefläche aufstellen lassen, wo die VerträgerInnen die Zeitungen ablegen können. Wie in den letzten Monaten verschiedentlich berichtet wurde, gibt es Liegenschaftsverwaltungen und HauseigentümerInnen, welche die Montage solcher Ständer ablehnen. Das heisst aber noch lange nicht, dass „.ch“ nicht trotzdem in ihre Häuser kommt.

Ständer sind nur eine der Möglichkeiten
Die für den Vertrieb zuständige Direct Mail Company DMC bestätigt, dass die Ständer nur eine von mehreren Möglichkeiten sei, die Gratiszeitung zu verteilen. „Infrage kommen auch Ablagefächer für Zeitungen, wie sie bereits in vielen Mehrfamilienhäusern vorhanden sind“, sagt DMC-Chef Markus Hof. Selbst ein Verteilen in die Briefkästen sei nicht ausgeschlossen, sondern „absolut möglich“, allerdings gingen die Leute nur dann zum Briefkasten, wenn sie eine Tageszeitung im Abo hätten, relativiert Hof diese Option. Oberstes Ziel sei eine saubere und litteringfreundliche Lösung. „Mit den Ständern ist diesem Anliegen am besten Rechnung getragen.“ Dort, wo die EigentümerInnen Ständer ablehnen und auch keine Ablagefächer vorhanden sind, werden die Zeitungen auf die Treppen oder geeignete Orte gelegt. Über den Stand der Dinge bei den Verhandlungen mit den HauseigentümerInnen will sich Hof nicht äussern, Mitte August werde darüber ausführlich informiert.
Heute schon bekannt ist hingegen die Strategie von DMC beim Verteilen in den einzelnen Häusern. Zu Beginn will das Unternehmen zurückhaltend vorgehen und weniger Exemplare auflegen, als sich Parteien in einem Haus befinden. „So wollen wir die Akzeptanz der neuen Zeitung bei den Bewohnern testen“, erklärt Hof. Aufkleber mit der klaren Botschaft „Bitte keine Gratiszeitungen!“, wie sie der Konsumentenschutz verkauft, würden „selbstverständlich respektiert“. Die Wirkung solcher Kleber ist im Fall von „.ch“ allerdings begrenzt, falls die Zeitungen nicht in die Briefkästen gelegt werden. Das bedeutet dann einfach, dass auf dem Ständer, im Ablagefach oder auf der Treppe nur so viele Zeitungen abgelegt werden, wie sich aufkleberfreie Briefkästen im Haus befinden. Bei der Stiftung für Konsumentenschutz hat man bisher noch kein gestiegenes Interesse an den Stopp-Gratiszeitungsklebern festgestellt.

Viele Teilzeitstellen
Nach Angaben von Markus Hof wird DMC in einer ersten Phase 1200 Personen für die Verteilung von „.ch“ beschäftigen, später ist geplant, bis auf 2000 aufzustocken. „Die Mitarbeiter werden alle nach OR angestellt, das gibt Teilzeitstellen mit einem durchschnittlichen Pensum zwischen 25 und 35 Prozent.“ ?

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